Rede zum Politischen Aschermittwoch (Chemnitz, 13.02.2013)

Liebe Aschermittwochgäste,

der Fasching ist aus!
Carne valé – dem Fleisch adé!
Bedenkt, dass Ihr aus Staub seid und wieder zu Staub werdet. Regt Euch also nicht übermäßig auf! Wirbelt nicht auch noch unnötig Staub auf. Die Welt ist doch wieder in Ordnung! Die Närrinnen und Narren sind verschwunden. Die Fastenzeit hat angefangen

Dem Gysi hauen sie die Stasi wieder an die Backe – das heißt nach einer alten Bauernregel, dass Wahlen auf uns zukommen: „Hast Du im Februar Namenstag und trifft Dich voll der Stasi-Schlag, wählen wir im Herbst den Bundestag.“

Ihr werdet es nicht glauben, aber es stimmt, ich habe nachgeschaut. Nach dem Namenstagskalender der katholischen Heiligen ist der 13. Februar einer der möglichen Namenstage für Gregor. Wünschen wir ihm von hier vor allem gute Besserung.

Nun ja, CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNE und der Justiz fällt nichts Neues mehr ein, weil Stasi die einzige Sache ist, von der sie annehmen können, dass sie, so weit sie Wessis sind, selbst davon nicht getroffen werden können. Es sind eben auch einfach nur feige, hinterhältige Borstentiere. Hinter dem Popanz „Stasi“ bauen sie aber selbst ein Überwachungs- und Repressionssystem auf, das so ziemlich alles bisher da Gewesene übertrifft. Da werden auch Akten angelegt, noch mehr aber wird geschreddert, zumindest wenn es um die Verbindungen in die rechte Szene und deren Finanzierung geht. Glaubt nicht, dass diese Akten noch einmal zusammengeklebt werden!

Die Welt ist jedoch wieder in Ordnung: Guttenbergs Schmach ist gerächt. Wie Du mir, so ich Dir! Frau Dr. Schavan ist wieder die einfache Frau Schavan. Ehrlich gesagt, so sieht sie doch mit dieser Brille auch aus.

Der Brüderle hinwiederum hält sich bei den Weibern zurück. Bringt ja auch nichts, so wie er aussieht.

Die Nazis wollten in Dresden marschieren. Die sächsische Staatsregierung findet das gar nicht gut, hat aber dem „Netzwerk für Demokratie und Courage“ die Mittel gekürzt. Wäre ja noch schöner, man fände die Nazis nicht nur blöd, sondern würde auch noch zulassen, etwas gegen sie zu tun. Dem sei schon die sächsische Staatsanwaltschaft davor. Die wird heute sicher wieder Futter für ihren Arbeitshunger gefunden haben und vielleicht noch finden.

Wer weiß, wie viele Telefone wieder abgehört werden. Da kennt man kaum noch Genzen. Wenn es aber um wirklich gefährliche Nazis geht, zieht man den Schwanz ein. Der Stellvertretende Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz in Sachsen erklärte unlängst, den Hinweisen aus Thüringen zum Aufenthalt des Mördertrios des nationalsozialistischen Untergrundes im Raum Dresden sei nicht nachgegangen worden, weil es sich um ein zu großes Gebiet handele.

Na dann soll doch dieser tapfere Herr Varenhold Polizeipräsident im Vatikan werden. Der hat nur 0,5 Quadratkilometer.

So! – und jetzt wird es mystisch: Als ich mir das am Montag aufgeschrieben hatte, trat 5 Minuten später der Papst zurück. Ich fasse es nicht! Da läuft irgend etwas hinter meinem Rücken.

Egal – jedenfalls kennen wir auch schon den Nachfolger. Oskar Lafontaine hat ja am Sonntag bei Jauchs Sendung „Wer wird Papst?“ gewonnen.

Und die Sahra?, werden jetzt manche erschreckt aufschreien. Für die beten wir die Lauretanische Litanei!
Heilige Jungfrau der Jungfrauen – bitte für uns!
Du weiseste Jungfrau – bitte für uns!
Du Spiegel der Gerechtigkeit – bitte für uns!
Du Sitz der Weisheit – bitte für uns!
Du Ursache unserer Freude – bitte für uns!
Du geheimnisvolle Rose – bitte für uns!
usw. usw. usw.

Der Feind jedoch – ja es ist wieder so weit – der Feind steht auch wieder in unseren eigenen – linken – Reihen. Das sah ja seit dem Göttinger Parteitag schon richtig traurig aus. Aber jetzt ist er zum Glück wieder da, paktiert mit der CDU bis zum Einknicken, ergötzt sich am Mitmachen bei neoliberalen Machtspielchen, verrät alle Opposition und deren Wählerinnen und Wähler dazu, wird zum Kapitalistenknecht, versaut uns die linke Lust am Schuldenmachen und versteckt sich feige hinter einem sozialen Ausgleich im Landeshaushalt und finanzieller Besserstellung der Kommunen. Eine produktive Diskussion zu einem komplizierten Problem kommt dabei eher unter die Räder. Es freuen sich die Reine Lehre und ihre Mullahs.

LINKS sein heißt eben für manche, Dinge ihrer selbst willen abzulehnen. Da fragt man nicht nach anderem Sonnenschein.

Umso mehr muss ich mich allerdings wundern, dass im nd vom vorigen Sonnabend, in dem die ganze Seite 2 zur Problematik und zum neoliberalen Charakter einer „Schuldenbremse“ vollgeschrieben ist, auf Seite 8 plötzlich ein äußerst kritischer Kommentar zur EU als „Schuldengemeinschaft“ auftaucht. Und unser langmonatiger Ex-Parteivorsitzender Klaus Ernst haut am Abend im Fernsehen in die gleiche Kerbe und verurteilt das Schuldenmachen als Basis des neuen EU-Haushaltes auf das Schärfste.

Ich selbst rege mich eigentlich mehr über 25 Milliarden verschleuderter Steuergelder auf, was der Bundesrechnungshof erst jüngst festgestellt hat. Und ich rege mich auf über Elbphilharmonie, Berliner Flughafen, Leipziger City-Tunnel, Stuttgart 21 usw. Da hätte man sparen können und Wohltaten verteilen!!!

Die Welt ist also in Ordnung! Und ich halte wieder einmal eine Aschermittwochrede! Deftig, kräftig!!!

Diesmal muss ich aber vorneweg Grundsätzliches klären: Ich mache Euch nicht den neuen Steinbrück. Der schweigt ja jetzt und das auch noch gratis. Ist auch besser so. Denn wenn der auch nur noch ein Wort sagt, glaubt dem Gabriel niemand mehr, wenn er in BILD am Sonntag tönt, dass die SPD mit Steinbrück die soziale Marktwirtschaft neu begründen will.

Aber wenn ich rede, dann rede ich Klartext und möchte das bitte nach dem Tarif vom alten Steinbrück machen, diesem Klartexter von Hartz IV und Aufsichtsratsmitglied von Thyssen-Krupp.

– naja, oder doch zumindest annähernd – also wenigstens im Prinzip.

Ich gebe ja zu, verglichen mit dem alten Steinbrück bin ich ja nur ein „Leih- und Zeitarbeiter“, also „Randbelegschaft“, wie die Unternehmerinnen und Unternehmer sagen. Ich habe mich deshalb für heute auf Freibier geeinigt. Ein ehrliches Geschäft.

„Randbelegschaft“?

Klingt auch nicht gut! Aber die Sprache hat immer Recht. Und wenn sie Unrecht hat, muss man sie verändern. Und wenn sie weder Recht noch Unrecht haben soll – oder sagen wir es doch deutlich – wenn die Sprache was verbergen soll, dann muss man sie nur richtig verwenden.

„Randbelegschaft“ ist ja schon so ein Wort. Wenn Du da dazu gehörst, traust Du Dich doch schon gar nicht mehr den Lohn abzuholen.

Deshalb gebe ich mich ja hier auch mit einem oder zwei Bier als Honorar zufrieden. Die armen Veranstalter können ja für mich nicht einmal Fördergelder einwerben. Sie würden keine bekommen, weil ich die so genannte „Extremismusklausel“ nicht unterschreiben würde.

„Extremismusklausel“, wiederum so ein böses Wort. Nein Leute, das geht auch anders!

Unsere jungen Leute wollen nämlich „Extremismus“ als Begriff politischer Verortung überhaupt abschaffen. Damit natürlich auch „Links- und Rechtsextremismus“. Recht haben sie, denn dann verschwindet auch die selbst ernannte Mitte – zumindest aus der Sprache. Die Leute und ihre Ideen und Ziele bleiben natürlich. Aber die Mitte sind sie nicht mehr!!!

Ich hatte ja kurz den Gedanken, gar nicht mehr von „rechts“ und „links“ zu sprechen, sondern von „vorn“ und „hinten“. Dann wären die Faschos die Zurückgebliebenen, wir jetzigen Linken wären jedoch allen ganz weit voraus. Eben die „Progressiven“, die „Vorangeschrittenen“. Und dann gäbe es noch welche, die keinen Horizont haben, im „hier und heute“ verfangen sind und wie die Kaninchen auf die Schlange auf die angeblichen Sachzwänge starren. Stolz wollte ich den Gedanken in facebook und damit in die Welt tragen. Leider fiel mir vorher ein, „vorwärts immer, rückwärts nimmer“, hatten wir auch schon. Fanden viele albern.

Vielleicht sollten wir doch die Welt verändern, anstatt sie nur verschieden – mit Hilfe von Sprache – zu interpretieren?!

In den Chefetagen des Handels beherrscht man natürlich die richtige Sprache, die angemessen interpretiert. Also verkündet man, die Entlohnung „an die heutigen Bedingungen anpassen zu wollen“. Freilich heißt das für die Frauen und Männer an den Supermarktkassen, Lohneinbußen hinnehmen zu müssen. Aber die sehen das zu verbissen und dann wieder so ein böses Wort: „Lohneinbußen“?

So etwas sagt man einfach nicht: Es geht doch nur um „in sich stimmige Vergütungszusammenhänge für die Zukunft“, um „ausgewogene Vergütungsstrukturen“ und darum, „Bewertungswidersprüche bei unterschiedlichen Tätigkeiten zu beseitigen“. So habe ich das erst unlängst bei mdr-info gehört. Weshalb dann aber auch noch einer von der Gewerkschaft dazwischen brabbelt, dass das eben im Klartext hieße, „die Kassiererinnen verdienen zu viel“, und dass damit „die Verschiebung der Arbeitszeiten zu ungünstigen Tageszeiten ohne Zuschläge bleiben sollten“, das verstehe ich nicht. Hat der sich doch so viel Mühe gegeben, der Herr vom Handelsverband, um uns ungeschminkt und verständlich die Wahrheit zu sagen.

Bei Thyssen-Krupp kann man das selbstverständlich auch: „… geplant sind Personalanpassungen in der Höhe von 2800 Stellen …“. Das hörte ich am 08.02. in der tagesschau. Gut so! Wer wird denn auch einfach „entlassen“.

So sprechen kann eben nicht jeder und jede und die LINKE schon gleich gar nicht. Herr de Maiziere ist da aber ein Vorbild. Ihr kennt den Herren? Der war schon viel: Chef der Staatskanzlei in Dresden, Justizminister, Finanzminister, Innenminister in Sachsen, Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes und jetzt „Verteidigungsminister“ in der Bundesregierung.— Ein richtiger Tausendsassa! Ich denke nur manchmal, die Voraussetzung dafür ist, dass man gar nichts kann.

Der will ja auch wieder neue Heldendenkmäler für unsere gefallenen Soldaten. Das hat natürlich nichts mit Krieg zu tun. Da müsste er ja auch „Kriegsminister“ heißen. Um Himmels Willen! Nein, das hat was mit Verteidigung zu tun, mit Verteidigung unserer Freiheit z.B. am Hindukusch.

So ganz war es ja damit nichts, deshalb wollen wir uns jetzt auch zurückziehen. Aber neue Aufgaben warten. Z.B. in Mali. Und Herr Thomas de Maiziere spricht das auch umwunden aus. Am 30.01. z.B. im Fernsehen: Es ginge um die „Vorbereitung eines kleinen nachsorgenden Einsatzes“.

Na bitte! Und da haben schon wieder einige von einem neuen Kriegsabenteuer gesprochen.

Der Herr Mackenroth, seines Zeichens CDU-Landtagsabgeordneter, ehemaliger sächsischer Justizminister und jetzt Vorsitzender des Untersuchungsauschusses zum so genannten „Müllskandal“ kann auch schön umschreiben, wenn es um die Müllbranche geht und ihre Neigung einschlägige kriminelle Machenschaften zu vertuschen. Ganz klar sagte er am 28.01 bei mdr-info: „Die Aussagebereitschaft der Branche ist nicht extrem ausgeprägt – man möchte vielleicht nicht alles aufgeklärt sehen, was den Untersuchungsausschuss interessiert.“

Der hat wohl die Glaceehandschuhe im Müll gefunden. Aber dort landen sie auch wieder, denn jetzt wird er ganz, ganz deutlich, ohne Rücksicht auf Verluste, wie sich das für einen gestandenen Politiker gehört: „Da werden wir dann vielleicht gelegentlich ungeduldig…“ – „dann vielleicht gelegentlich“? Nein, aber jetzt kommt‘s wirklich: „… und bestehen darauf, dass uns auch die Wahrheit gesagt wird.“ Punktum! Ein Mann ein Wort!

Es gibt aber doch auch immer wieder Missverständnisse. Ich bin da selbst nicht frei davon. Das gebe ich ehrlich zu. Unlängst dünkte mir wirklich, Frau Merkel streckte die deutschen Finger nach dem chilenischen Kupfer aus, als sie bei der Konferenz zur südamerikanisch-europäischen Zusammenarbeit so beiläufig bemerkte, Chile hätte doch so große Kupfervorräte, da könne Deutschland ja mit seiner Technik beim Abbau „helfen“. Ja, „helfen“ hat sie gesagt, und ein Schelm, der Böses dabei denkt. Wir brauchen doch gar kein Kupfer. Das liegt in Deutschland neben den Bahnschienen nur so herum.

Übrigens „Schelm“? Wir müssen doch gendern bei der LINKE. Wie heißt denn davon die weibliche Form? Oh! Tatsächlich, „Schelmin“. Das steht so im DUDEN-Universalwörterbuch, 11. Auflage, 2011.

Dieses Wörterbuch – ich habe es mitgebracht – dieses Wörterbuch ist sehr nützlich und hilft in vielen Lebenslagen.

Dem Brüderle zum Beispiel: der war doch sicher auf so eine reingefallen, die die Männer alle spitz macht und sie dann nicht ranlässt. Das wäre jedenfalls eine gute Ausrede und steht auch so in diesem Wörterbuch. Man/Mann findet da tatsächlich unter „spitz“, „vom Sexualtrieb beherrscht; geil; sinnlich: die Frau ist so was von s.; sie macht die Typen s. und lässt sie dann nicht ran.“ Also, Herr Brüderle, fein raus!!!
DUDEN kaufen, weiter saufen!

Ja, es gibt eben immer noch solche Frauen, die es nur auf Männer abgesehen haben und auf ihre Karriere. Das Wörterbuch sagt es uns. Stichwort „absehen“: „auf jmdn., etw. begierig sein; jmdn., etw. gerne für sich haben wollen: die Frau hat es auf ihn, [nur] auf sein Geld abgesehen“. Da ist es kein Wunder mehr, was man unter anderem bei „schlafen“ erfährt: „um ein bestimmtes Ziel zu erreichen] nacheinander mit verschiedenen Partnern koitieren: sie hat sich schon durch die ganze Abteilung geschlafen“.

Die DUDEN-Redaktion kennt eben die Frauen – und die Männer auch. Es arbeiten ja auch – natürlich außer dem Chef – fast nur Frauen in der Redaktion. Da spricht es von viel Lebenserfahrung, wenn man unter „auflesen“ erfährt, „jmdn. irgendwo auffinden u. mit sich nehmen:“ und als Beispiel dafür: „wo hast du den Kerl bloß aufgelesen?“

Und der Brüderle kann froh sein, dass er nicht im Ortsteil „Allzunah“ der Gemeinde „Frauenwald“ im Ilmkreis in Thüringen wohnt.

Es ist ein wirklich tolles, sehr realistisches Frauenbild in diesem Wörterbuch zu finden. Aber es entwickelt sich und manche Beispiele waren in früheren Auflagen noch krasser. Zum Beispiel noch 2003 unter „Anatomie“, „die A. des Menschen, der Frau, der Hauskatze; die weibliche A.“ Man und wiederum Mann wird also gleich zwei Mal darauf aufmerksam gemacht, dass die weibliche Anatomie, die Anatomie der Frau eine andere ist, als die des Menschen. Das hat sie mit der Hauskatze gemeinsam.

Wie gesagt, die Sache entwickelt sich aber. Darum findet man in der vorläufig letzten Auflage auch schon als Beispiele für die Anrede mit „Frau“, „F. Bundeskanzlerin, F. Direktorin, F. Rechtsanwältin, F. Studienrätin;“ neben dem einfachen „sehr geehrte F. Müller;“ Das war ebenfalls nicht immer so. Noch bis zur vorletzten Auflage, waren solche Ehrentitel und noch einige mehr, wie Doktor, Professor, Minister und Abgeordneter nur der Anrede mit „Herr“, vorbehalten. Bei Frauen reichte es nebst der „sehr geehrten Frau Müller“ nur noch zur „Frau Meier“ und „Frau Oberin“.

Da ist die Frau Schavan eben wörterbuchmäßig um eine Auflage zurückgestuft worden.

Wichtig ist freilich, das lese ich jetzt immer wieder, dass man Sexismus durch angemessene, höfliche Versuche der Annäherung ersetzt. Da kann man nicht so plump wie einst Prinz Charles mit der Tür ins Haus fallen, als er seiner Camilla am Telefon flüsterte, „Ich wäre so gern Dein Tampon“. Korrekt und Erfolg versprechend wäre hingegen „Lass‘ mich Dein Labello sein!“ – ein altbekannter Sponti-Spruch.

Es geht also irgendwie vorwärts mit der Gleichstellung der Geschlechter. Manchmal stimmt nur die Richtung nicht. Wenn den Frauen in der US-Army neuerdings erlaubt ist, sich auch an Kampfeinsätzen zu beteiligen, so hätte ich es, ehrlich gesagt, für fortschrittlicher gehalten, man würde Kampfeinsätze endlich auch den Männern verbieten.

Mit der Sprache ist es ähnlich; es geht vorwärts; vor allem seit wir die „political correctness“ haben. Diese gilt nicht nur für die Gegenwart bzw. muss alte Unkorrektheit der neuen correctness angeglichen werden. Pipi Langstrumpfs „Negerkönig“ musste schon daran glauben. Ich bin gespannt, wann Karl May dran ist. Der ist bestimmt ein dankbares Objekt für solche Bemühungen – Rothaut, Bleichgesicht? Geht das noch? Und gegen das „Greenhorn“ werden die Grünen protestieren.

Wir müssen wirklich an unsere Kinder denken. Die sind ja doof. Viel döfer, jedenfalls als wir je waren. Die gehen bestimmt in die vielen Sprachfallen. Ich meine, wir haben von den Negerkönigen, Menschenfressern, bösen Hexen usw. gelesen und sind linke, korrekte Antirassistinnen und Antirassisten geworden. Aber unsere Kinder? Nein! Nein! Da muss Kontrolle schon sein.

In meiner Geburtsstadt Wien gibt es übrigens ein ganz besonders böses Wort für Menschen, die im Sommer statt sonnengebräunt, blass und weißhäutig herumlaufen. Solche Menschen nennt man „Topfenneger“. Der Topfen, hierzulande Quark genannt, steht für das Weiße, der das Schwarze, also das lateinische „niger“ eben auch in weiß umkehrt. Darf ich jetzt zu jemandem „Neger“ sagen, wenn ich doch genau das Gegenteil meine? Sehr schwer zu entscheiden. Da sollte mal jemand eine Dissertation darüber schreiben. Bei der gäbe es mit Sicherheit kein Plagiat, weil sich noch niemand an dieses komplizierte Problem mit dem „Topfenneger“ herangetraut hat.

Vielleicht ist das was für Frau Schavan: Anstatt „Person und Gewissen“ den Titel „Neger und Topfen“ – und dann wird die Arbeit wegen dem „Neger“ nicht angenommen. Das Leben kann tragisch sein!

Der Goethe hat das übrigens alles schon geahnt. Der war ja für Tragödien zuständig. Der hat gleich selbst die Korrektur für alle Zeiten in seinen Faust eingearbeitet: „Schönes Fräulein, darf ich‘s wagen, Arm und Geleit Ihr anzutragen“, fragt ja Faust bekanntlich das Gretchen. Und die antwortet politisch korrekt: „Bin nicht Fräulein, bin nicht schön, kann ungeleit‘ nach Hause geh‘n.“ Richtig! Man darf Frauen nicht über Schönheit definieren und ob sie Fräulein sind oder nicht, geht keinen und keine was an. Womit natürlich auch „das schöne Geschlecht“ abgeschafft ist.

Gleiches gilt für das „starke“ und „schwache Geschlecht“. Ich bin allerdings jetzt neugierig auf die neuen Übersetzungen von Shakespeares Hamlet, wo ja noch steht: „Schwachheit Dein Name ist Weib“.

Ich will mich nicht lustig machen über die Menschheitsprobleme, ich will nur zeigen, wie kompliziert das alles ist und welche Probleme noch auf uns zukommen.

Und immer funktioniert das mit der Sprache ja auch nicht so, wie vom guten Willen gewollt. Da haben wir z.B. in der DDR den „Schraubenzieher“ korrekter Weise in „Schraubendreher“ umbenannt und den „Zollstock“ in „Gliedermaßstab“. Trotzdem blieb der „antifaschistische Schutzwall“ eine „Mauer“, die ärgerlich im Wege stand.

Wir müssen aber auch neue Wörter lernen. Das bringt die von uns veränderte Welt mit sich. Wir sind tolerant und achten alle Lebensweisen und sexuellen Orientierungen. Dennoch, Kinder können da schon manchmal komische Fragen stellen. Die dürfen uns aber nicht in Verlegenheit bringen. Fragt doch unlängst ein Kind seinen Vater, „Papa, was ist ein Transvestit?“ So was bringt einen modernen Vater nicht in Verlegenheit. Der antwortet cool: „Frag‘ die Mama, der weiß das.“

Jetzt ist aber Schluss! — Obwohl über neue Bedeutungen von Wörtern kann man ja auch noch stolpern: Die linkste Frau, die ich kenne, die antisexistischste, die konsequenteste Genderin beim Sprechen, die sagte mir unlängst, als wir wegen meiner kaputten Finger über Physiotherapie redeten, „Ich kenne da eine Physiotherapeutin. Die ist wirklich geil.“ Fast wäre ich erregt hingegangen. Nur der Gedanke an meine katholische Großmutter hat mich davon wieder Abstand nehmen lassen. Die linke Frau aber hätte mir mein Verständnis von geil sehr übel genommen.

Eines muss freilich, bevor ich endgültig das Thema wechsle, auch noch gesagt werden. Wir Männer werden manchmal ebenfalls gehörig sexuell belästigt. Also wenn unser aller Angie immer so da steht und mit ihren Daumen und Zeigefingern dieses Rhomboid vor ihrem Unterleib formt – Ich weiß ja nicht?! Ich werde in diesem Fall nur deshalb nicht sauer, weil ich dann auch noch ihr Ehemann wäre, der Joachim Sauer.

Und dass es keine weiblichen Äquivalente für „Schlappschwanz“, „Weichei“ und „Frauenversteher“ gibt, macht schon nachdenklich.

Aber jetzt wechseln wir wirklich das Thema. Weil das mit dem Sexismus war vielleicht schon einmal anders. Carla Thiele, die Autorin des Buches „Guter Sex ohne Stress“, antwortete auf die Frage, ob Sexismus überhaupt ein gesamtdeutsches Thema sei, so: „Die Frau in der DDR war anpackend, für sich selbst sorgend und erlebte sich trotzdem in ihrer Weiblichkeit. Das gab ihr Sicherheit im Rollenbild. Möglich, dass das ein wenig verloren gegangen ist.“

Mag sein?! Und schaut mal in DDR-Wörterbücher. Dort steht wirklich oft anderes als im DUDEN-Universalwörterbuch. Z.B. steht im DUDEN bei „träumen“, „sie träumte von einer großen Karriere“, im Handwörterbuch der deutsche Gegenwartssprache der DDR steht bei „träumen“ hingegen, „er träumte von einer großen Reise“. Wir wissen: Für eine Karriere konnte man sich – im Westen – durch die ganze Abteilung schlafen. Wie war das jedoch mit der großen Reise im Osten?

Nun gut! Ich komme jetzt nochmal auf diese „Schuldenbremse“ zurück: Das ist doch ohnehin alles Schnulli! Von Österreich lernen, heißt siegen lernen. Die haben nämlich eine genialen Einfall. Seit Jahren versuchen sie dort der Korruption Herr zu werden.

He? Herr zu werden? Warum nicht Frau zu werden? Na gut, ich wollte mit dem Thema aufhören.

Also seit Jahren versucht man in Österreich die Korruption zu bekämpfen. Eigentlich schade um das schöne Land, das zuvor so gut funktionierte. Der Erfolg im Kampf ist ohnehin wechselhafter Natur. Und wo man einen korrupten Kopf abschlägt, wachsen oft drei neue nach. Deshalb die wirklich gute Idee, die auch jegliche Schuldenbremse überflüssig macht. Im Steuerjahrbuch 2013 des österreichischen Finanzministeriums findet sich auf Seite 98 der Hinweis, dass Schmiergelder zu versteuern sind.

Aber was sage ich „Schmiergelder“? Auf gut Amtsdeutsch heißt das „Incentives“ Alles ist auch genau geregelt: Es gibt neben dem Formular L 1 für die Lohnsteuer noch das Formular L 1i. Dieses dient der Deklaration von „Einkommen aus nichtselbstständiger Arbeit ohne Lohnsteuerabzug“. Das sind „bestimmte Provisionen“, z.B. halt Incentives oder Schmiergelder.

Bisher Ungeahntes tut sich auf: Korruption nicht bekämpfen, sondern befördern, und die Steuerquelle sprudelt! Und wenn man doch jemanden erwischt, so ist er das Schmiergeld los und muss die Steuer überdies bezahlen. Einen Dieb hat man gerade verurteilt, weil er das Diebsgut nicht versteuert hat. Korrupte Politikerinnen und Politiker, Banker und anderes Gesindel werden jedoch ehrenwerte Steuerbürger. Kriminalität wird staatstragend und bleibt trotz Steuerpflicht einträglich, vor allem aber weitgehend ungefährlich. Nur die Russen werden sich vielleicht ärgern.

Aber das ist ja auch noch etwas anders. Der Depardieu musste doch Russe werden, weil er sein hart erarbeitetes Geld in Frankreich versteuern sollte. Den hat keiner geschmiert. Der musste uns den Obelix machen und solche schweren Sachen. Da hat der Österreicher Felix Baumgartner recht. „Wir wollen doch alle Geld sparen“, sagte er, bevor er sein Geld in die Schweiz brachte. Und wenn man die Reichen in Frankreich mit 75% besteuern will, drängt sich wahrscheinlich nicht nur dem Baumgartner die Frage auf, „Wo bleibt denn da die Solidarität?“ Der Baumgartner sagt es aber wenigstens – denn der ist mutig. Das ist nämlich der, der da in 36 km Höhe aus der Kapsel gesprungen ist und im Fall Schallgeschwindigkeit erreicht hat.

Hier kann man wieder sehen, dass es die Höhe macht. Springst Du aus großer Höhe, bekommst Du viel Geld und bist ein Held und kannst Dein Geld in der Schweiz anlegen. Springst Du aus dem dritten oder vierten Stock, hast Du kein Geld, sollst aus der Wohnung geschmissen werden und wirst auch in Spanien begraben, wo Du bis dahin gelebt hast. Da verleiht kein Red Bull Flügel. Schuld daran ist aber auch niemand, schon gar nicht Deutschland.

Mit Recht hat man sich deshalb im Bundestag von Grün bis Blau schwarz geärgert, ohne auch nur einen Moment blass-rot zu werden, als da ein tiefroter Lügenbold behauptete, die deutsche Wirtschaft zöge mittlerweile eine Blutspur durch die Welt. Wer verhungert blutet ohnehin nicht, auch nicht, wer im Mittelmeer ersäuft. Nur die toten Fensterspringer hinterlassen unappetitliche Flecken auf den Straßen, deshalb geht man mit denen jetzt und für einige Zeit etwas vorsichtiger um.

Deutschland hat aber damit nichts zu tun. Das kann man nicht oft genug wiederholen. Nein, unser reiches Land bietet jetzt sogar Arbeitsplätze und Lehrstellen für Menschen aus Südeuropa an. Natürlich müssen sie zur EU gehören. Wer aus dem Fenster springen will, wird doch wohl auch das bisschen Mobilität für einen Umzug nach Deutschland aufbringen. Die sollten sich ein Beispiel nehmen, an den vielen, die zu uns kommen, obwohl wir sie gar nicht hier haben wollen.

Die brauchen auch nicht zu uns zu kommen, denn wir brauchen sie nicht. Sie sind meist bloß „Wirtschaftsflüchtlinge“, die man übrigens sehr genau von „Steuerflüchtlingen“ unterscheiden muss. Wirtschaftsflüchtlinge wollen Teilhabe an Wohlstand, der der Welt durch ungerechte Verteilung von Wirtschaftsmacht entzogen wird. Das nennt man hierzulande „schmarotzen“ und hält es für illegal. Steuerflüchtlinge wollen das Ihre behalten und nichts jenen zurückgeben, die ihre Kassen erst gefüllt haben. Solche nennt man hierzulande „Leistungsträger“ und findet ihr Verhalten ganz legal.

Die Zigeuner könnten dann ja nach Spanien ziehen und nach Griechenland, wenn dort unsere europäische Solidarität Platz schafft. Die brauchen ja nicht viel, sind ja eigentlich eher Tiere als Menschen, wie uns erst vor ein paar Tagen ein ungarischer Philosoph belehrte.

Brrrr, es droht mir über solchen Dingen der Sexismus zu einem Randproblem zu werden. Soll er aber nicht.

Bleiben wir jedoch noch ein wenig bei der Kriminalität.

Unlängst haben in Berlin Bankräuber eine Meisterleistung abgeliefert. Sie haben in knapp drei Wochen unbemerkt einen 50 Meter langen Tunnel gegraben, bis in den Raum mit den Schließfächern einer Bank. Diese wurden dann ausgeraubt.

Ich sage „Meisterleistung“, jawohl! Denn ich vergleiche es mit dem City-Tunnel in Leipzig. Ein paar gut ausgebildete Bankräuber hätten den schon längst fertiggestellt. Über eine Milliarde hätte das wahrscheinlich auch nicht gekostet, weil sie sich vielleicht mit den Schließfächern einiger Banken und Sparkassen, die auf der Route liegen, begnügt hätten. Es stellt sich dabei allerdings eine Frage: Wer ist eigentlich wirklich gemeingefährlich kriminell? Solche Bankräuber oder jene, die die Steuerzahler ungeniert ausnehmen für ein Projekt, für das sie zu dumm sind, es zu realisieren, wo aber immer mehr Geld fließen muss? Schmiergeld natürlich ganz ausgeschlossen!

Um den Schließfachraub in Berlin ist es mittlerweile ziemlich ruhig geworden. Wer weiß, was in den Schließfächern alles so drin war? Vielleicht Beweise für die alltägliche Kriminalität angeblich honoriger Mitbürgerinnen und Mitbürger. Solche Beweise zu besitzen kann sich ja deutlich mehr lohnen als Bargeld. Die einschlägigen Geschäfte werden in aller Stille abgewickelt.

Liebe Leute,
sei es, wie es sei! Alles spricht dafür, dass die Welt überhaupt nicht in Ordnung ist. Für 99% ist immer Fastenzeit und der Rest macht Fasching. Verkleidet und verstellt bis zur Unkenntlichkeit versuchen sie uns zum Narren zu halten. Brecht hat deshalb bis heute Recht behalten: Was ist schon der Einbruch in eine Bank im Vergleich zur Eröffnung einer Bank?

Schönen Dank für die Aufmerksamkeit!

Gestern, heute, morgen …

Wenn diese Zeilen ihre Leserinnen und Leser erreichen, sind die Feiertage schon wieder vorbei – die „stillste Zeit im Jahr“, in der die Kassen nie süßer und lauter klingeln. Der Weihnachtsbraten und all die Süßigkeiten haben sich vielleicht schon in Bauchspeck verwandelt, und wir sinnieren, wie wir ihn wieder los werden können. Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich aber noch in Adventsstimmung; in Erwartung, wenn man das Wort angemessen übersetzt. Stört da nicht die Nachricht, die ich gerade in einer Zeitung lese, dass „Überernährung weltweit gefährlicher als Hunger“ ist (Krone, 16.12., S. 16)?Fettleibigkeit tötet seit 2010 mehr Menschen auf der Welt als Nahrungsmangel. Das ist so, obwohl der Hunger und die Hungernden nicht weniger geworden sind. Immer noch verhungern jährlich tausende und abertausende Kinder in der Welt. Der Überfluss aber hat den Hunger überholt und wird zur Todesursache für jene, die ihn gedankenlos genießen. Daran ändert auch das Evangelium nichts, das sich katholische Christen just an jenem 3. Adventssonntag vorlesen, an dem ich diesen Text schreibe: Es fragten die Leute Johannes den Täufer: „Was sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ (Lukas 3, 11) Was ficht es mich an, dachte wohl der christkatholische Bürgermeister eines kleinen Kurortes in Oberösterreich und wandte sich gegen die Unterbringung von Asylbewerberinnen und -bewerbern in seinem Städtchen. „Diese Flüchtlinge kommen zu unserem Wohlstand, den wir uns mit hartem Schweiß über Jahrzehnte erarbeitet haben“ (www.nachrichten.at), war seine Begründung. Da ist eben kein Platz in der Herberge.
Man verbietet eher das Betteln und setzt das durch, als dass man die Armut verbietet und wirkungsvoll etwas gegen sie macht. Nach der oben zitierten Meldung wäre Reichtum teilen sogar eine gesundheitspolitische Maßnahme. Aber wer will die Reichen dazu bringen? Meine Stammleserinnen und -leser wissen um meine Begeisterung für die Weisheiten des Volkes, gesammelt in Sprichwörtern, in Sagen und Märchen. Im vergangenen Dezember war es gerade 200 Jahre her, dass die Gebrüder Grimm mit der Herausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen begannen. Die hatten sie nicht erfunden. Sie ließen sie sich vielmehr erzählen, von einfachen Menschen aus dem Volk, meist älteren und weisen. Diese Menschen waren nicht zuletzt deshalb weise, weil sie die Märchen verstanden hatten. Denn wenn es auch Märchen sind, in denen die Tiere reden, Frösche zu Prinzen werden und die Aschenputtel zu Königinnen, es steckt viel Erfahrung in den Geschichten. Sage niemand die Geschichte von Hänsel und Gretel sei nur erfunden. Es war im September, als eine Flüchtlingsfamilie eines von vier Kindern auf einem Bahnhof zurückließ, weil sie nicht mehr wussten, wie sie es ernähren sollten. Das Kind hatte Glück, weil es keiner Hexe in die Hände fiel, sondern Menschen fand, die sich um es kümmerten. Das Glück haben nicht alle. Eltern überlassen auch heute, an ihrem Elend verzweifelnd, Kinder ihrem Schicksal, setzen sie einfach aus oder verkaufen sie an Verbrecher. Aber es sind nicht immer nur gute Feen oder manchmal auch der Teufel, die Rettung bringen. Man kann sich selber helfen. Das lehren uns die Märchen. Es helfen eigene List und Courage, wie z.B. der Gretel und dem Hänsel. Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn, dem sicheren Tod geweiht, machen sich auf, um in Bremen Stadtmusikanten zu werden und dort doch etwas Besseres zu finden als den Tod. Sie machen uns aber auch vor, wie man mit Räubern fertig wird und ein Haus gewinnt: Übermächtig groß erscheinen, weil die Kleineren jeweils auf den Schultern der Größeren stehen. Schließlich Erfolg haben, weil ein jedes das für alle einsetzt, was es am besten kann. Zusammenhalten, seine Kräfte bündeln – man könnte das auch Solidarität nennen. Grimms Märchen sind kaum weniger wert, als alle unsere Theorien, als unsere Klassiker. Man muss sie nur lesen können. Sie sind keine Kunde aus einer vergangenen und erdachten Welt. Sie sind genau so Geschichten aus einer zukünftigen, möglichen Welt.

geschrieben für Links Januar/Februar 2013 (16.12.2012)

„Im Wald und auf der Heide …“

… da sucht er seine Freude – der Jägersmann. Man mag zu der „Freude“ unterschiedlich stehen. „Die Forsten treu zu hegen“, kann man nur loben. „Das Wildbret zu erlegen“, mag bei manchen Widerspruch provozieren. Dennoch, das Weidwerk ist eine der ältesten „Künste“, die der Mensch beherrscht. Als einst die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ihre Zeitschrift „Altdeutsche Wälder“ aus der Taufe hoben, dachten sie daran, dass unsere Vorfahren diese Wälder belebten, mit den Tieren teilten und Gefahr wie Lebensquell gleichermaßen von dort kamen. In den Märchen war der Jäger immer dabei. Er schnitt das Rotkäppchen samt Großmutter dem Wolf aus dem Bauch, genauso wie die Geißlein. Der Wolf plumpste dafür in den Brunnen usw. usw. Nicht zuletzt Wälder wie der Hambacher Forst waren den Gebrüdern dafür Vorbild.
Neuerdings geht es dort aber anders zu. Da wird plötzlich auf Menschen zur Jagd geblasen. Die Ursache liegt tief unter dem Wald und in zerstörerischer Gier nach Profit. Über Millionen von Jahren, vom Menschen unberührt, immer wieder abgestorben, untergegangen und von neuem Baumbestand überwuchert, schlummert der alte Wald als Braunkohle unter der Oberfläche des neuen. Die Kohle ist das Objekt der Begierde, mit überdimensionierten Baggern erreichbar. Der Wald ist deshalb schon auf ein Fünftel seiner einstigen Größe geschrumpft. Die Menschen, die dort wohnen, wollen darüber nicht mehr schweigen und es wollen andere nicht mehr zusehen, weil sie erkannt haben, dass damit weit über Hambach hinaus Schaden angerichtet wird, den kein Nutzen je aufwiegen könnte. Braunkohlegewinnung zerstört Landschaft und verbrennt Heimat im Kraftwerk. Energiekonzernen wie RWE ist das egal. Willfährige Politiker unterstützen sie. Mutige Menschen versuchen es zu verhindern. Sie haben sich deshalb Häuschen in den Bäumen gebaut, fünfzehn Meter hoch oben und höher. Sie haben sich in die Erde eingegraben, sechs, sieben, acht Meter und tiefer. Und sie haben sich eingerichtet im Wald. Wie im Lied: „Kein´n Heller in der Tasche, ein Schlückchen in der Flasche, ein Stückchen schwarzes Brot.“ Die Unterstützung der Anwohnerinnen und Anwohner des Forstes kam dazu. Man lebte ein einfaches, aber schönes Leben – beispielhaft. Es geht auch ohne Braunkohle. RWE jedoch schickt die Polizei. Die hat die lebendige Alternative von den Bäumen geholt und aus der Erde gegraben. Die Zerstörer von Natur sind im Recht und die, die sie erhalten wollen und auf den Frevel aufmerksam machen, haben angeblich 200 Straftaten begangen. Der Mensch wurde des Menschen Wolf, und gerade ist kein guter Jägersmann in Sicht, der die direkt aus ihren Betten vom Kapitalismus Gefressenen schnell wieder aus dessen Bauch befreit.
Verlassen wir also den Wald. Wir haben ja noch die Heide – z.B. die Colbitz-Letzlinger Heide. Dort werden doch tatsächlich keine Häuser eingerissen und keine Bewohner von den Bäumen geholt. Nein, dort wird gebaut. Es wird gebaut um 100 Millionen Euro. Aber was und wozu wird gebaut? Es wird „Schnöggersburg“ gebaut. Das soll ein Ballungsgebiet werden, sagt ein Sprecher der Wehrbereichsverwaltung Ost der Bundeswehr. Richtig gelesen: ein Sprecher der Bundeswehr, denn die Bundeswehr ist Bauherr. Unter ihrer Hoheit entstehen eine Altstadt, eine Vorstadt, eine Neustadt. Es entstehen Industrieanlagen, ein Flugplatz, ein Stück Autobahn, eine U-Bahn, ein Fluss. Von einer Kirche habe ich nichts gehört. Ausdrücklich wurde jedoch noch auf ein Elendsviertel hingewiesen, wo Menschen „hausen“, wie der Sprecher am 2.11. im MDR vermeldete. Wozu das Ganze? Bleiben wir bei dem Wort „hausen“. Mit dem Wort bezeichnet man nicht nur die ärmlichste Art zu wohnen, sondern auch die schlimmste Art, selbst dieses Wohnen unmöglich zu machen. „Sie hausten wie die Vandalen“, findet man dafür als Beleg im Wörterbuch. Wie die Vandalen zu hausen in beliebigen Städten der Welt und selbst die Ärmsten noch aus ihren Wohnstätten zu jagen, das soll dort geübt werden.
Wem zum Nutzen? Es kann nur zum Nutzen derer sein, denen alles und auch Wald und Heide zur Ware geworden ist, und die zerstören wollen, wer und was sich ihnen in den Weg stellt. Sie behaupten, den Frieden zu sichern, indem sie den Krieg vorbereiten. Das Dümmste, was ich jemals gehört habe, auch wenn es über Jahrtausende überliefert ist!

Geschrieben für Links (Dezember 2012) 17.11.2012