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Vom Reisen und anderer Mobilität

22. Juli 2020
von Peter Porsch

Fast könnte mein Text mit, „es war einmal …“ anfangen. Es wird August, bis Sie, liebe Leser*innen, diese Ausgabe von Links in der Hand halten werden oder auf einem Bildschirm finden; August, der letzte Monat der Hoch-Zeit des Urlaubens. Ja, es war einmal, aber dieses Jahr doch nicht so ganz. Urlaub war für viele anders gelaufen als sonst. Da war Corona mit im Spiel. Viele wollten deshalb gar nicht verreisen und erholten sich zu Hause – auf dem Balkon, im eigenen Garten (so man hat), im Park und auf Wiesen vor der Stadt, hinter dem Dorf, am nahen See. Andere blieben wenigstens im Lande, manche zog es doch wieder in die weitere Ferne.
Freilich bleibt wahr, was Matthias Claudius schon 1786 besungen hatte: „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Der Poet schildert in seinem Lied die Weltreise seines Helden Urian: Europa, Amerika, Asien, Afrika. Die Schlussfolgerung ist jedoch fast banal: „Und fand es überall wie hier, … die Menschen grade so wie wir und ebensolche Narren.“ Die Lehre des Liedes sollte uns belustigt und zugleich besorgt aufmerken lassen: Ja, der Narreteien finden sich viele in dieser Welt und sie gleichen sich trotz Vielfalt. Das Reisen selbst gehört oft genau so dazu wie die Stubenhockerei. In der österreichischen Tageszeitung KURIER – auch ich war verreist – lese ich am 4. Juli 2020 auf Seite 2 von einem „Sommer voll Ungewissheit“, der uns an diesem Tag noch bevorstand. Mir wird erklärt, warum: „So ist der Mensch eben. So sehr er im Kopf nach Abenteuer, Abwechslung, Aufbruch strebt, so sehr will er doch im Herzen ‚Normalität‘: das Vertraute und Berechenbare.“ Aber Corona hat verändert. Auch das lese ich. Die erste Ferienwelle rollt ans Wasser, trübe schaut es jedoch für den Städtetourismus aus. Die Neugierigen aus dem Ausland bleiben aus. Das gilt für jedes Land in Wechselseitigkeit. Die Kreuzfahrtbranche ist unter Druck geraten, die Fliegerei ist auch nicht mehr der Goldesel, der sie doch bis vor Kurzem noch war.
Die Natur genießt es allerdings. Der Dreck des Massentourismus sammelt sich jetzt, geringer geworden, vor der Couch. Man sieht Natur- und Reisefilme im TV, „Verrückt nach Meer“ ersetzt die Kreuzfahrt. Die Welterfahrung verendet im Tourismus ohnehin zu oft in der närrischen Sehnsucht nach der heimischen „Normalität“, nach Sauerbraten, Schnitzel und deutschem Bier in aller Welt. Aber es gibt auch noch andere Sehnsüchte, oberflächlich betrachtet sogar die gleichen. Es gibt zu viele Menschen in dieser Welt, die sehnen sich auch nach der „Normalität“ eines Lebens in Sicherheit, in wenigstens bescheidenem Wohlstand, selbst erarbeitet und deshalb mit Stolz zu genießen. Diese Menschen leben in prekären, zu oft in elenden Umständen. Deshalb begeben sie sich auf „Reisen“. Sie alle folgen Träumen vom besseren Leben, kaum vom Paradies. Sie fahren hinter Verlockungen her; im Zug zur deutschen Fleischindustrie, um zu Hunderten tote Tiere zu zerlegen, in breiige Masse für Wurst zu verwandeln oder in appetitliche Stücke für den romantischen Grillabend in unseren Gärten. Sie kommen, um hier Wohnungen zu bauen, die andere teuer vermieten. Sie kommen, um bei der Ernte zu helfen, sauber zu machen, zu pflegen und manchmal auch ihre Körper für Sex zu verkaufen. Das Geld dafür wird vom Wenigen in Deutschland zu einer verlockenden Größe zu Hause. Da tauscht man das Zuhause auch für ein paar Monate gegen ein Massenquartier, das einen Teil des kargen Lohnes wieder auffrisst und andere reich macht. Der Rest für die wohlfeile Arbeitskraft bringt immer noch etwas, Corona nicht selten inbegriffen.
Aber vielleicht, nein, ganz sicher gibt es noch Schlimmeres! Am 20. Juni war Weltflüchtlingstag. Im Vorjahr waren fast 80 Millionen Menschen in dieser einen Welt auf der Flucht – zu Wasser und zu Land, weniger in der Luft, darunter viele Kinder und Jugendliche, ohne Eltern und Verwandte. Sie versuchen mit unsicheren Booten das Mittelmeer zu überqueren. Und wenn sie nicht ertrunken sind, dann retten sie manchmal selbstlose Helfer*innen. Die Reise ist damit aber nicht glücklich zu Ende. Europa versperrt sich immer wieder. Diese Art der Mobilität ist unerwünscht. Just solche „Reisende“, Menschen grade so wie wir, könnten aber viel über die Unterschiede in der Welt erzählen.
Wer will es hören? Wer will etwas verändern?

(Geschrieben für Links, August/September 2020, 10. Juli 2020)

Von den Wegen der Erkenntnis

27. Mai 2020
von Peter Porsch

Till Eulenspiegel wusste sich zu helfen und wusste zu helfen. Als er einmal auf eine Gruppe Männer traf, die jammernd im Sand saßen und nicht mehr aufstehen konnten, weil sich ihre Beine hoffnungslos ineinander verheddert hatten, bot er ihnen gegen Belohnung Hilfe an. Die Männer waren einverstanden. Eulenspiegel nahm eine Peitsche, schlug auf die Männer ein, diese sprangen sofort von Schmerz gepeinigt auf und jeder hatte seine beiden Beine wieder. Was der Schmerz macht, kann auch die Angst. Als einst ein Arzt Wege der Heilung für seine Patienten suchte, wusste niemand, wie die Schwerkranken in Bewegung zu setzen wären. Till bot wieder Hilfe an. Er sagte den siech Darniederliegenden, es gäbe eine Möglichkeit, alle zu heilen. Dazu müssten die Kranken ein Wettrennen veranstalten. Der Letzte würde dann verbrannt, um aus seiner Asche das Heilmittel für alle übrigen zu gewinnen. Da sausten aber alle los, denn keiner wollte das Opfer werden. Die Heilung hielt allerdings nicht lange vor. Jegliche Krankheit kam wieder.
Nun, bei Corona geht das derzeit ähnlich. Wer Schmerz verspürt wegen der Erkrankung oder gar des Todes Nahestehender, der oder die hält sich diszipliniert an Hygienevorschriften, die uns die Obrigkeit verordnet. Angst hat den gleichen Effekt. Das ist alles nicht freundlich und medizinisch fragwürdig. Aber es wirkt.
Freilich, es geht auch noch anders. Man muss sich eben nur zu helfen wissen. Ein Beispiel dafür können die allseits bekannten Schildbürger abgeben. Als sie ihre Kirchenglocke vor dem Feind retten und im See versenken wollten, fiel plötzlich einem ein, man müsste doch irgendwie den Ort markieren, wo man sie wieder finden könnte. Es ist nicht überliefert, ob sie dazu verschiedene Möglichkeiten diskutiert haben. Schließlich kam man aber – wahrscheinlich mehrheitlich oder auf besonders guten Rat hörend – überein, eine ganz einfache Lösung zu praktizieren. Man schnitzte ein Kerbe in den Bootsrand, genau an der Stelle, wo das Seil lief, an dem die Glocke in die Tiefe schwebte. Der Erfolg war nicht überwältigend. Die Glocke war verloren. Ähnlich muss es verlaufen sein, als man wegen der vergessenen Fenster das Sonnenlicht in Eimern in das neue Rathaus tragen wollte. In beiden Fällen misslang, was man sich als einfache Lösung ausgedacht hatte. Der Fehler war, dass die gedankliche Klugheit praktisch daran scheiterte, dass man nicht alle bei der Problemlösung wirkenden Faktoren in das Gedankengebäude einschloss. So endet scheinbar Einfaches nicht selten im Desaster. Akribische Analyse der Umstände ersetzt durch Halbwissen brachte die Misserfolge. Solches Vorgehen ist halt einfach und verlockend, wenn man nicht weiß, was man alles nicht weiß. So wurden schon immer 83 Millionen Deutsche oder wenigstens die männliche Hälfte zu unfehlbaren Fußballtrainern oder, wenn Fußball ausfällt, zu beachtlichen Virologen, Hygienikern, Statistikern oder wenigstens unfehlbaren Kritikern aller Wissenschaft und nicht zuletzt ihrer Vertreter*innen in der Professorenschaft. Das hat ebenfalls seine Gründe
Manchmal weiß man einfach nicht, welche Faktoren bei der Lösung eines Problems wirklich zusammengedacht werden müssen. Man hat zu wenig praktische Erfahrung mit der anstehenden Aufgabe. Man hat zu wenig einschlägiges Wissen, das eine belastbare Grundlage für erfolgreiche Überlegungen sein könnte. Guter Rat ist also teuer. Mit dieser Problemlage schlugen sich lange Zeit die Alchimisten herum. Sie suchten den „Stein der Weisen“, der einfache Materie zu Gold machen könnte. Man diskutierte und probierte. Was blieb einem denn sonst auch übrig? Den „Stein der Weisen“ fand man nicht, jedoch so manch Nützliches – Porzellan zum Beispiel oder Schießpulver oder Phosphor. Es geht der Wissenschaft nicht wirklich anders. Sie muss ein ungelöstes Problem der Lösung zuführen, weiß aber noch nicht, was dabei alles zu berücksichtigen ist. Also gehen Probieren und Diskutieren über Studieren. Die Hoffnung dabei ist, ausgehend von vorhandenem Wissen und Erfahrung im Experiment die Lösung zu finden. Natürlich ist das ein bisschen Stochern im Nebel . Attraktiv für ungeduldig Zuschauende ist es auch nicht. Und selbst wenn man einst die Lösung findet, der Weg wird oft mit Häme begleitet. Dennoch! Einen anderen gibt es wohl nicht.

(Geschrieben für Links, Juni 2020, 27.05.2020)

Vom Wenig und dem Vielen

24. März 2020
von Peter Porsch

Meine Mutter, 1910 geboren, besuchte in ihrer Jugendzeit in einer Wiener Volkshochschule einen Hauswirtschaftskurs. Dem verdanke ich ein von Hand geschriebenes Koch- und Backbuch, das in der Familie weitergereicht, schon vielen guten Dienst erwiesen hat. Auf der ersten Seite befindet sich eine Weisheit der Lehrerin, Fräulein Pichl: „Viele Wenig ergeben ein Viel.“. Alles akkurat in Sütterlinschrift überliefert, der Sinnspruch und die Rezepte. Es übt im Lesen dieser Schrift und im Kochen und Backen. Fräulein Pichl wusste, wovon sie sprach, davon zeugen die Rezepte. Sie sparen nicht mit Zutaten, sie beschränken jedoch überall die Fülle, insbesondere bei den Gewürzen. Ist man mit dem Buch durch, kennt man viele, weiß aber auch sich zu beschränken, um Geschmack zu schaffen, Überdruss jedoch zu vermeiden.
Mit ihrer Weisheit ist Fräulein Pichl sicher nicht alleine und war es wohl auch nie. Der Volksmund und gescheite Leute vermelden Ähnliches: „Kleinvieh macht auch Mist“, ist vielleicht die einfachste, volkstümlichste Variante. Ein Albert Schweitzer zugesprochener Satz – „Das Wenige, das Du tun kannst, ist viel“ – hebt alles auf eine Ebene menschlichen Handelns und klingt bildungsbürgerlich vornehm. Freilich weiß der Volksmund auch umgekehrt, dass ein Viel oft schädlich sei: „Etwas weniger, wäre mehr gewesen.“
Warum aber gerade fällt mir das jetzt ein? Es fällt mir ein, weil die Weisheit häufig in Vergessenheit geraten zu sein scheint und weil sie vielleicht auch nicht immer stimmt. Nehmen wir zum Beispiel die Europäische Union. Sie ist doch genau betrachtet aus vielen Wenigs zusammengesetzt. Bis auf ein paar Ausnahmen trifft das für die meisten Mitglieder zu. Viele kleine Staaten im Vergleich zu den paar großen Hauptzutaten, könnten die Würze im europäischen Menü sein. In ruhigen Zeiten waren sie es auch; feine, Abwechslung garantierende Geschmacksverstärker über der französisch-deutsch-spanisch-italienische Küche. Dann kamen aber schwere Herausforderungen und viele Köche verdarben mit vielen Zutaten den europäischen Geschmack. Flüchtlinge kamen. Sie kamen von woanders her; von wo der Pfeffer wächst, und man wünschte sie dorthin zurück. Viele Wenig an nationalen Egoismen brachten kein Viel an Gastfreundschaft und Vielfalt der Menschlichkeit. Nein, sie brachten davon leider nur ein noch Weniger. Jedes Wenig wollte nur mehr seine eigene Suppe auslöffeln. Die Vielen blieben außen vor. Die Suppe schmeckt nun schal, aber man weiß, was man hat. Und was der Bauer nicht kennt, frisst er eben nicht. Volksweisheit hilft immer. Darin lauert in Summe ihre Gefährlichkeit. Gleich und Gleich gesellt sich genau so gerne, wie Gegensätze einander anziehen
„Nicht kleckern, sondern klotzen“, denken jetzt viele von den Wenigen. Das Coronavirus steht vor der Tür. Machen wir unsere Türe zu. Mögen die anderen tun, was sie für richtig halten. Da zerstreut sich das aus vielen Wenig entstandene Viel Europas in ein Klein-Klein, statt gemeinsam die Lösung zu suchen, der man auch noch vielmehr Geschmack abgewinnen könnte. Das Kleinvieh macht Mist im wahrsten Sinn des Wortes. Was für Europa gilt, gilt übrigens auch für Deutschland. Jedes Land, jede Kommune achtet eifersüchtige darauf, den eigenen und möglichst nur den eigenen Senf dazugeben zu können. Fehlt es am unverwechselbaren Senf, muss man doch wenigsten Erster sein. Das macht stolz, und wer es verpasst, spricht plötzlich von Gemeinsamkeit, von Solidarität, verurteilt das „Vorpreschen“ des Wenig vor dem Vielen. Ein Weniger an Sonderberichterstattungen hätte allerdings ein Mehr an Gelassenheit gebracht.
Komme ich zurück zu Albert Schweitzer, den gerade die „Bildungsbürger“ vergessen haben, suche ich vergeblich das Wenige, das, tut man es denn, viel werden kann. Ich denke an die Flüchtlinge, die von der Türkei dahin gejagt vor Griechenland liegen. Nichts wird da mehr getan. Oder doch? Das notwendig Wenige wird zu wenig gewährt: ein dichtes Dach über dem Kopf, eine warme Decke, die Hose und das Kleid, die Blößen bedecken, ein Stück Brot und ein Schluck Wasser. Die das Viele hüten, retten kaum noch jemanden aus den Fluten des Mittelmeeres. Das ohnehin Wenige an Menschlichkeit löst sich im angeblich schützenden Wasser auf. Wir sind auf den Geschmack der Geschmacklosigkeit gekommen.

(Geschrieben für „Links“, April 2020, 23.03.2020)