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Religion – Politik – Gesellschaft

19. November 2020
von Peter Porsch

Im Sächsischen Landtag gab es zu meiner Zeit einen rheinländischen Katholiken in führender Mitarbeiterposition. Er wusste um meine katholische Kindheit und frühe Jugend und begrüßte mich mit eben rheinländischem Scherz und Lächeln bei Begegnungen auf den Fluren mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“. Mein promptes „In Ewigkeit Amen“ besiegelte Wohlwollen und freundliche Zuwendung im Spaß, wenn auch nicht mehr im Glauben. Ähnlich und doch auch deutlich anders verhielt es sich mit einem Abgeordneten der CDU, der „Christlich Demokratischen Union.“ Er war auch Katholik und er war antisozialistischer Eiferer. Seine Redebeiträge machten das sehr deutlich. Nichts von Feindesliebe (Lukas, 6-27ff). Es sei ihm zugestanden, auch wenn ich weiß, dass er in der DDR beruflich einige beneidenswerte Vorteile genoss. Diese waren aber nicht politisch erschlichen, sondern durch spezifisches Können begründet. Er wusste auch um meine katholische Prägung und wollte diese eines Tages endgültig überprüfen. Deshalb fragte er mich, ob ich denn das „Confiteor“ des sogenannten Stufengebets am Beginn der katholischen Messfeier wirklich beherrsche. Nun, wenigstens der Anfang war mir noch geläufig und die Prüfung deshalb ohne Schwierigkeiten zu bestehen. Es war ein langes lateinisch zu sprechendes Schuldbekenntnis vor dem allmächtigen Gott, der heiligen Jungfrau und allen Aposteln und Heiligen.

Und dann kam mir ein Gedanke: Was wäre denn, wenn sich zwei muslimische Abgeordnete – der Islam gehört zu Deutschland – auf den Fluren eines deutschen Parlaments mit „Allahu Akbar“ begegnet wären oder sich ebendort ganz öffentlich die Kenntnis von Suren des Korans oder islamischen Gebeten abgeprüft hätten? Diesen Zuruf unter Muslim*innen nennt man „Takbir“ und er ist dem „Gelobt sei Jesus Christus“ in seiner Identifikations- und Bekennerfunktion durchaus vergleichbar.

Bleiben wir noch in den späten 1990er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Muslim*inne in deutschen Parlamenten hätten auch schon damals nicht mehr allzu viel Aufsehen erregt, die Begrüßung mit „Allahu Akbar“ jedoch sehr wohl. Heute ginge das aber überhaupt nicht mehr. Leider haben Terroristen, Amokläufer, Mörder diesen muslimischen Zuruf missbräuchlich zu einem Schlachtruf bei ihren Taten gemacht. Zum Schaden für alle bekennenden Muslim*innen! „Allahu Akbar“ ist in Europa für sie praktisch unbrauchbar geworden, um sich in ihrem Glauben zu erkennen zu geben. Es ist hat sich in den Unheil verkündenden Ruf des sogenannten „politischen Islam“ verwandelt. Die gesellschaftlichen Folgen sind fatal: Was auch immer „politischer Islam“ wirklich sein mag, er ist irgendwie zum einzigen Topf geworden, in den man den Islam als Ganzes wirft. Die Muslima Fereshda Ludin schreibt am 18.11.2020 im digitalen „MIGAZIN“: „Aus persönlicher Erfahrung und Auseinandersetzung mit Politik, Medien und vielen Akteur:innen unserer Gesellschaft weiß ich, dass es ein Teufelskreis ist, aus dem vor allem ,Muslime‘, die sich zum Islam öffentlich bekennen, nicht herauskommen. Ich empfinde es vor allem für die junge Generation als sehr belastend, vor allem im Kontext mit Schule, Ausbildung und im Bildungssektor allgemein.“ Damit bekämpft man nicht Terrorismus und Missbrauch des Islam, sondern schließt sich dem Missbrauch schließlich selbst an und verunglimpft eine Religionsgemeinschaft total und undifferenziert. Das bereitet Distanz zur restlichen Gesellschaft Raum, verunsichert vor allem jene, die mit dem Islam in diese Gesellschaft hineinwachsen sollen und verschafft jenen Imamen Gehör, die das für eine Radikalisierung ihrer Glaubensbrüder und -schwestern ausnutzen wollen.

Die beunruhigten, aber doch so „friedfertigen“ Vertreter eines „politischen Christentums“ sind jedoch auf der sicheren Seite. Sie haben das „C“ im Parteinamen, können aber Flüchtlinge im Mittelmeer absaufen lassen. Milde darf ihnen fremd sein, weil doch sonst noch mehr kommen. Soziales Gewissen kann zu Gefahr werden, weil es in seiner Mildtätigkeit ausgenutzt werden könnte. Kriege sind notwendig, weil nur die damit zu verteidigenden „Menschenrechte“ weitere Herrschaft und Profite sichern.

Nun, ich will auch nicht ungerecht sein, aber sind wir doch wenigstens ein wenig gerechter! Wie sagte Jesus? „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“

Und – hoffen wir auf ein Weiterleben von „LINKS“ nach dem Tod.

(Geschrieben für die letzte Ausgabe ever von LINKS, 19. November 2020)

Deutschland einig Vaterland

1. Oktober 2020
von Peter Porsch

Deutschland hat am 3. Oktober 2020 viele Feierlichkeiten erlebt. Die Gemütslage der Deutschen an diesem Tag mag verschieden sein: Für Junge ist der Tag nur mehr Tradition. Manche werden immer noch den Verlust ihrer politischen, biographischen, sozialen, ökonomischen usw. Heimat bedauern. Dafür gibt es Gründe, die waren vor 30 Jahren vielleicht noch gar nicht so absehbar, weshalb sie jetzt auch vermehrt aufkommen und nicht selten mit Enttäuschungen verbunden sind. Andere feiern gewonnene Freiheit. War es Vereinigung oder Anschluss? Darüber wird gestritten. Sei es, wie es sei. Was darauf alles folgte ist heute Wirklichkeit, bedrückende und erfreuliche, für jede*n in unterschiedlichem Ausmaß.
Der Fall der Berliner Mauer hatte jedoch nicht nur das geeinte Deutschland zum Ergebnis, sondern noch sehr viel weiterreichende Konsequenzen: das Verschwinden des „Sozialistischen Weltsystems“ aus der Geschichte. Damit wurde die Deutsche Einheit zu einem Sonderfall. Trennung war vielmehr und vielfach angesagt. Die ganze Dialektik des Verhältnisses von Einheit und Trennung wird am Beispiel der Europäischen Union deutlich. Die damalige Union Westeuropas konnte nicht schnell genug ihr Angebot auf Aufnahme der ehemaligen sozialistischen Staaten in die Welt setzen. Diese wiederum zeigten beflissen ihre Bereitschaft dazu. Der Vollzug ließ nicht lange auf sich warten. Achtundzwanzig Staaten bildeten schließlich die Europäische Union – angeblich eine Gemeinschaft, verbunden durch gemeinsame Werte. War aber offensichtlich nicht ganz so. Es erlebten die Menschen der verschiedenen Regionen Europas einen Zusammenstoß der Kulturen, des gelebten Alltags und eines sozialen Gefälles in der vergrößerten Union. Die Illusion der Verbreitung westeuropäischen Wohlstandes in allen Mitgliedstaaten scheiterte schlicht am Profitstreben eines entwickelten Kapitalismus, der sich mit der europäischen Einigung seinen gewinnträchtigen Hinterhof mit den dort ansässigen Menschen schaffen konnte. Die Folge: Zu sehr werden zwei verschiedene Europa mit ihrer verschiedenen Leistungsfähigkeit, ihrem unterschiedlichen Leistungswillen und deutlich differenzierten Wert- und Demokratievorstellungen erlebt. Die politische Einigung ist am Zerbrechen. England ist schon gegangen. Die NATO hält nun alles zusammen und schuf und fand dafür vor allem mit Russland und China unwillige, aber überzeugende Gegner.
Was der Hegemonie der alten Länder der EU und NATO im Wege stehen konnte, wurde schnell zu eliminieren versucht. Ein großes Hindernis und eine Chance zugleich war das multiethnische und multinationale Jugoslawien. Hindernis, weil es die Idee der Blockfreiheit als Vermächtnis Titos politisch repräsentierte, Chance weil die ethnischen und nationalen Egoismen die Einheit des Staates nicht mehr wollten. Man feiert heute in Jugoslawien die durch den Zerfall jeweils gewonnene, weitgehend machtlose Selbstständigkeit. Man streitet um endgültige Grenzziehungen und wenn es auch nur um ein paar Schluck Meerwasser wie zwischen Slowenien und Kroatien geht. Die Trennung Tschechiens und der Slowakei ging noch weitgehend reibungslos vor sich. Der Rest sind Tragödien. Die Auflösung der Sowjetunion hat zum Beispiel Bergkarabach, Transnistrien, Abchasien und Südossetien als Beispiele des Zusammenstoßens von kleinräumig angelegten Unabhängigkeitsbestrebungen mit größer gedachten regionalstaatlichen Ansprüchen gebracht. Grenzziehungen und territoriale Zugehörigkeiten werden, wie zwischen der Ukraine und Russland, in Frage gestellt. Aber auch Spanien ist aufgewühlt von neu erwachten Unabhängigkeitsbewegungen in Katalonien und im Baskenland. Kurden wollen sich endlich von türkischer Unterdrückung befreien. Das könnte das Ende Syriens bedeuten. Ungarn träumt von seinen Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg.
Der Gedanke des Nationalstaates feierte und feiert also nach 1990 Urständ, allerdings selten fröhliche. Es sollte jedoch dieser Gedanke selbst angesichts der mit ihm unlösbar verbundenen Konflikte endlich zusammenbrechen und ihm ein Konzept des Zusammenlebens mit Gewinn aus den Unterschieden folgen.
Das sinnlose Aufbäumen ethnisch-nationalen Renommierens könnte doch auch dessen Ende beschleunigen!

(geschrieben für Links, Oktober 2020, 30.09.2020

Vom Reisen und anderer Mobilität

22. Juli 2020
von Peter Porsch

Fast könnte mein Text mit, „es war einmal …“ anfangen. Es wird August, bis Sie, liebe Leser*innen, diese Ausgabe von Links in der Hand halten werden oder auf einem Bildschirm finden; August, der letzte Monat der Hoch-Zeit des Urlaubens. Ja, es war einmal, aber dieses Jahr doch nicht so ganz. Urlaub war für viele anders gelaufen als sonst. Da war Corona mit im Spiel. Viele wollten deshalb gar nicht verreisen und erholten sich zu Hause – auf dem Balkon, im eigenen Garten (so man hat), im Park und auf Wiesen vor der Stadt, hinter dem Dorf, am nahen See. Andere blieben wenigstens im Lande, manche zog es doch wieder in die weitere Ferne.
Freilich bleibt wahr, was Matthias Claudius schon 1786 besungen hatte: „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Der Poet schildert in seinem Lied die Weltreise seines Helden Urian: Europa, Amerika, Asien, Afrika. Die Schlussfolgerung ist jedoch fast banal: „Und fand es überall wie hier, … die Menschen grade so wie wir und ebensolche Narren.“ Die Lehre des Liedes sollte uns belustigt und zugleich besorgt aufmerken lassen: Ja, der Narreteien finden sich viele in dieser Welt und sie gleichen sich trotz Vielfalt. Das Reisen selbst gehört oft genau so dazu wie die Stubenhockerei. In der österreichischen Tageszeitung KURIER – auch ich war verreist – lese ich am 4. Juli 2020 auf Seite 2 von einem „Sommer voll Ungewissheit“, der uns an diesem Tag noch bevorstand. Mir wird erklärt, warum: „So ist der Mensch eben. So sehr er im Kopf nach Abenteuer, Abwechslung, Aufbruch strebt, so sehr will er doch im Herzen ‚Normalität‘: das Vertraute und Berechenbare.“ Aber Corona hat verändert. Auch das lese ich. Die erste Ferienwelle rollt ans Wasser, trübe schaut es jedoch für den Städtetourismus aus. Die Neugierigen aus dem Ausland bleiben aus. Das gilt für jedes Land in Wechselseitigkeit. Die Kreuzfahrtbranche ist unter Druck geraten, die Fliegerei ist auch nicht mehr der Goldesel, der sie doch bis vor Kurzem noch war.
Die Natur genießt es allerdings. Der Dreck des Massentourismus sammelt sich jetzt, geringer geworden, vor der Couch. Man sieht Natur- und Reisefilme im TV, „Verrückt nach Meer“ ersetzt die Kreuzfahrt. Die Welterfahrung verendet im Tourismus ohnehin zu oft in der närrischen Sehnsucht nach der heimischen „Normalität“, nach Sauerbraten, Schnitzel und deutschem Bier in aller Welt. Aber es gibt auch noch andere Sehnsüchte, oberflächlich betrachtet sogar die gleichen. Es gibt zu viele Menschen in dieser Welt, die sehnen sich auch nach der „Normalität“ eines Lebens in Sicherheit, in wenigstens bescheidenem Wohlstand, selbst erarbeitet und deshalb mit Stolz zu genießen. Diese Menschen leben in prekären, zu oft in elenden Umständen. Deshalb begeben sie sich auf „Reisen“. Sie alle folgen Träumen vom besseren Leben, kaum vom Paradies. Sie fahren hinter Verlockungen her; im Zug zur deutschen Fleischindustrie, um zu Hunderten tote Tiere zu zerlegen, in breiige Masse für Wurst zu verwandeln oder in appetitliche Stücke für den romantischen Grillabend in unseren Gärten. Sie kommen, um hier Wohnungen zu bauen, die andere teuer vermieten. Sie kommen, um bei der Ernte zu helfen, sauber zu machen, zu pflegen und manchmal auch ihre Körper für Sex zu verkaufen. Das Geld dafür wird vom Wenigen in Deutschland zu einer verlockenden Größe zu Hause. Da tauscht man das Zuhause auch für ein paar Monate gegen ein Massenquartier, das einen Teil des kargen Lohnes wieder auffrisst und andere reich macht. Der Rest für die wohlfeile Arbeitskraft bringt immer noch etwas, Corona nicht selten inbegriffen.
Aber vielleicht, nein, ganz sicher gibt es noch Schlimmeres! Am 20. Juni war Weltflüchtlingstag. Im Vorjahr waren fast 80 Millionen Menschen in dieser einen Welt auf der Flucht – zu Wasser und zu Land, weniger in der Luft, darunter viele Kinder und Jugendliche, ohne Eltern und Verwandte. Sie versuchen mit unsicheren Booten das Mittelmeer zu überqueren. Und wenn sie nicht ertrunken sind, dann retten sie manchmal selbstlose Helfer*innen. Die Reise ist damit aber nicht glücklich zu Ende. Europa versperrt sich immer wieder. Diese Art der Mobilität ist unerwünscht. Just solche „Reisende“, Menschen grade so wie wir, könnten aber viel über die Unterschiede in der Welt erzählen.
Wer will es hören? Wer will etwas verändern?

(Geschrieben für Links, August/September 2020, 10. Juli 2020)