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Deutschland einig Vaterland

1. Oktober 2020
von Peter Porsch

Deutschland hat am 3. Oktober 2020 viele Feierlichkeiten erlebt. Die Gemütslage der Deutschen an diesem Tag mag verschieden sein: Für Junge ist der Tag nur mehr Tradition. Manche werden immer noch den Verlust ihrer politischen, biographischen, sozialen, ökonomischen usw. Heimat bedauern. Dafür gibt es Gründe, die waren vor 30 Jahren vielleicht noch gar nicht so absehbar, weshalb sie jetzt auch vermehrt aufkommen und nicht selten mit Enttäuschungen verbunden sind. Andere feiern gewonnene Freiheit. War es Vereinigung oder Anschluss? Darüber wird gestritten. Sei es, wie es sei. Was darauf alles folgte ist heute Wirklichkeit, bedrückende und erfreuliche, für jede*n in unterschiedlichem Ausmaß.
Der Fall der Berliner Mauer hatte jedoch nicht nur das geeinte Deutschland zum Ergebnis, sondern noch sehr viel weiterreichende Konsequenzen: das Verschwinden des „Sozialistischen Weltsystems“ aus der Geschichte. Damit wurde die Deutsche Einheit zu einem Sonderfall. Trennung war vielmehr und vielfach angesagt. Die ganze Dialektik des Verhältnisses von Einheit und Trennung wird am Beispiel der Europäischen Union deutlich. Die damalige Union Westeuropas konnte nicht schnell genug ihr Angebot auf Aufnahme der ehemaligen sozialistischen Staaten in die Welt setzen. Diese wiederum zeigten beflissen ihre Bereitschaft dazu. Der Vollzug ließ nicht lange auf sich warten. Achtundzwanzig Staaten bildeten schließlich die Europäische Union – angeblich eine Gemeinschaft, verbunden durch gemeinsame Werte. War aber offensichtlich nicht ganz so. Es erlebten die Menschen der verschiedenen Regionen Europas einen Zusammenstoß der Kulturen, des gelebten Alltags und eines sozialen Gefälles in der vergrößerten Union. Die Illusion der Verbreitung westeuropäischen Wohlstandes in allen Mitgliedstaaten scheiterte schlicht am Profitstreben eines entwickelten Kapitalismus, der sich mit der europäischen Einigung seinen gewinnträchtigen Hinterhof mit den dort ansässigen Menschen schaffen konnte. Die Folge: Zu sehr werden zwei verschiedene Europa mit ihrer verschiedenen Leistungsfähigkeit, ihrem unterschiedlichen Leistungswillen und deutlich differenzierten Wert- und Demokratievorstellungen erlebt. Die politische Einigung ist am Zerbrechen. England ist schon gegangen. Die NATO hält nun alles zusammen und schuf und fand dafür vor allem mit Russland und China unwillige, aber überzeugende Gegner.
Was der Hegemonie der alten Länder der EU und NATO im Wege stehen konnte, wurde schnell zu eliminieren versucht. Ein großes Hindernis und eine Chance zugleich war das multiethnische und multinationale Jugoslawien. Hindernis, weil es die Idee der Blockfreiheit als Vermächtnis Titos politisch repräsentierte, Chance weil die ethnischen und nationalen Egoismen die Einheit des Staates nicht mehr wollten. Man feiert heute in Jugoslawien die durch den Zerfall jeweils gewonnene, weitgehend machtlose Selbstständigkeit. Man streitet um endgültige Grenzziehungen und wenn es auch nur um ein paar Schluck Meerwasser wie zwischen Slowenien und Kroatien geht. Die Trennung Tschechiens und der Slowakei ging noch weitgehend reibungslos vor sich. Der Rest sind Tragödien. Die Auflösung der Sowjetunion hat zum Beispiel Bergkarabach, Transnistrien, Abchasien und Südossetien als Beispiele des Zusammenstoßens von kleinräumig angelegten Unabhängigkeitsbestrebungen mit größer gedachten regionalstaatlichen Ansprüchen gebracht. Grenzziehungen und territoriale Zugehörigkeiten werden, wie zwischen der Ukraine und Russland, in Frage gestellt. Aber auch Spanien ist aufgewühlt von neu erwachten Unabhängigkeitsbewegungen in Katalonien und im Baskenland. Kurden wollen sich endlich von türkischer Unterdrückung befreien. Das könnte das Ende Syriens bedeuten. Ungarn träumt von seinen Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg.
Der Gedanke des Nationalstaates feierte und feiert also nach 1990 Urständ, allerdings selten fröhliche. Es sollte jedoch dieser Gedanke selbst angesichts der mit ihm unlösbar verbundenen Konflikte endlich zusammenbrechen und ihm ein Konzept des Zusammenlebens mit Gewinn aus den Unterschieden folgen.
Das sinnlose Aufbäumen ethnisch-nationalen Renommierens könnte doch auch dessen Ende beschleunigen!

(geschrieben für Links, Oktober 2020, 30.09.2020

Vom Reisen und anderer Mobilität

22. Juli 2020
von Peter Porsch

Fast könnte mein Text mit, „es war einmal …“ anfangen. Es wird August, bis Sie, liebe Leser*innen, diese Ausgabe von Links in der Hand halten werden oder auf einem Bildschirm finden; August, der letzte Monat der Hoch-Zeit des Urlaubens. Ja, es war einmal, aber dieses Jahr doch nicht so ganz. Urlaub war für viele anders gelaufen als sonst. Da war Corona mit im Spiel. Viele wollten deshalb gar nicht verreisen und erholten sich zu Hause – auf dem Balkon, im eigenen Garten (so man hat), im Park und auf Wiesen vor der Stadt, hinter dem Dorf, am nahen See. Andere blieben wenigstens im Lande, manche zog es doch wieder in die weitere Ferne.
Freilich bleibt wahr, was Matthias Claudius schon 1786 besungen hatte: „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Der Poet schildert in seinem Lied die Weltreise seines Helden Urian: Europa, Amerika, Asien, Afrika. Die Schlussfolgerung ist jedoch fast banal: „Und fand es überall wie hier, … die Menschen grade so wie wir und ebensolche Narren.“ Die Lehre des Liedes sollte uns belustigt und zugleich besorgt aufmerken lassen: Ja, der Narreteien finden sich viele in dieser Welt und sie gleichen sich trotz Vielfalt. Das Reisen selbst gehört oft genau so dazu wie die Stubenhockerei. In der österreichischen Tageszeitung KURIER – auch ich war verreist – lese ich am 4. Juli 2020 auf Seite 2 von einem „Sommer voll Ungewissheit“, der uns an diesem Tag noch bevorstand. Mir wird erklärt, warum: „So ist der Mensch eben. So sehr er im Kopf nach Abenteuer, Abwechslung, Aufbruch strebt, so sehr will er doch im Herzen ‚Normalität‘: das Vertraute und Berechenbare.“ Aber Corona hat verändert. Auch das lese ich. Die erste Ferienwelle rollt ans Wasser, trübe schaut es jedoch für den Städtetourismus aus. Die Neugierigen aus dem Ausland bleiben aus. Das gilt für jedes Land in Wechselseitigkeit. Die Kreuzfahrtbranche ist unter Druck geraten, die Fliegerei ist auch nicht mehr der Goldesel, der sie doch bis vor Kurzem noch war.
Die Natur genießt es allerdings. Der Dreck des Massentourismus sammelt sich jetzt, geringer geworden, vor der Couch. Man sieht Natur- und Reisefilme im TV, „Verrückt nach Meer“ ersetzt die Kreuzfahrt. Die Welterfahrung verendet im Tourismus ohnehin zu oft in der närrischen Sehnsucht nach der heimischen „Normalität“, nach Sauerbraten, Schnitzel und deutschem Bier in aller Welt. Aber es gibt auch noch andere Sehnsüchte, oberflächlich betrachtet sogar die gleichen. Es gibt zu viele Menschen in dieser Welt, die sehnen sich auch nach der „Normalität“ eines Lebens in Sicherheit, in wenigstens bescheidenem Wohlstand, selbst erarbeitet und deshalb mit Stolz zu genießen. Diese Menschen leben in prekären, zu oft in elenden Umständen. Deshalb begeben sie sich auf „Reisen“. Sie alle folgen Träumen vom besseren Leben, kaum vom Paradies. Sie fahren hinter Verlockungen her; im Zug zur deutschen Fleischindustrie, um zu Hunderten tote Tiere zu zerlegen, in breiige Masse für Wurst zu verwandeln oder in appetitliche Stücke für den romantischen Grillabend in unseren Gärten. Sie kommen, um hier Wohnungen zu bauen, die andere teuer vermieten. Sie kommen, um bei der Ernte zu helfen, sauber zu machen, zu pflegen und manchmal auch ihre Körper für Sex zu verkaufen. Das Geld dafür wird vom Wenigen in Deutschland zu einer verlockenden Größe zu Hause. Da tauscht man das Zuhause auch für ein paar Monate gegen ein Massenquartier, das einen Teil des kargen Lohnes wieder auffrisst und andere reich macht. Der Rest für die wohlfeile Arbeitskraft bringt immer noch etwas, Corona nicht selten inbegriffen.
Aber vielleicht, nein, ganz sicher gibt es noch Schlimmeres! Am 20. Juni war Weltflüchtlingstag. Im Vorjahr waren fast 80 Millionen Menschen in dieser einen Welt auf der Flucht – zu Wasser und zu Land, weniger in der Luft, darunter viele Kinder und Jugendliche, ohne Eltern und Verwandte. Sie versuchen mit unsicheren Booten das Mittelmeer zu überqueren. Und wenn sie nicht ertrunken sind, dann retten sie manchmal selbstlose Helfer*innen. Die Reise ist damit aber nicht glücklich zu Ende. Europa versperrt sich immer wieder. Diese Art der Mobilität ist unerwünscht. Just solche „Reisende“, Menschen grade so wie wir, könnten aber viel über die Unterschiede in der Welt erzählen.
Wer will es hören? Wer will etwas verändern?

(Geschrieben für Links, August/September 2020, 10. Juli 2020)

Von den Wegen der Erkenntnis

27. Mai 2020
von Peter Porsch

Till Eulenspiegel wusste sich zu helfen und wusste zu helfen. Als er einmal auf eine Gruppe Männer traf, die jammernd im Sand saßen und nicht mehr aufstehen konnten, weil sich ihre Beine hoffnungslos ineinander verheddert hatten, bot er ihnen gegen Belohnung Hilfe an. Die Männer waren einverstanden. Eulenspiegel nahm eine Peitsche, schlug auf die Männer ein, diese sprangen sofort von Schmerz gepeinigt auf und jeder hatte seine beiden Beine wieder. Was der Schmerz macht, kann auch die Angst. Als einst ein Arzt Wege der Heilung für seine Patienten suchte, wusste niemand, wie die Schwerkranken in Bewegung zu setzen wären. Till bot wieder Hilfe an. Er sagte den siech Darniederliegenden, es gäbe eine Möglichkeit, alle zu heilen. Dazu müssten die Kranken ein Wettrennen veranstalten. Der Letzte würde dann verbrannt, um aus seiner Asche das Heilmittel für alle übrigen zu gewinnen. Da sausten aber alle los, denn keiner wollte das Opfer werden. Die Heilung hielt allerdings nicht lange vor. Jegliche Krankheit kam wieder.
Nun, bei Corona geht das derzeit ähnlich. Wer Schmerz verspürt wegen der Erkrankung oder gar des Todes Nahestehender, der oder die hält sich diszipliniert an Hygienevorschriften, die uns die Obrigkeit verordnet. Angst hat den gleichen Effekt. Das ist alles nicht freundlich und medizinisch fragwürdig. Aber es wirkt.
Freilich, es geht auch noch anders. Man muss sich eben nur zu helfen wissen. Ein Beispiel dafür können die allseits bekannten Schildbürger abgeben. Als sie ihre Kirchenglocke vor dem Feind retten und im See versenken wollten, fiel plötzlich einem ein, man müsste doch irgendwie den Ort markieren, wo man sie wieder finden könnte. Es ist nicht überliefert, ob sie dazu verschiedene Möglichkeiten diskutiert haben. Schließlich kam man aber – wahrscheinlich mehrheitlich oder auf besonders guten Rat hörend – überein, eine ganz einfache Lösung zu praktizieren. Man schnitzte ein Kerbe in den Bootsrand, genau an der Stelle, wo das Seil lief, an dem die Glocke in die Tiefe schwebte. Der Erfolg war nicht überwältigend. Die Glocke war verloren. Ähnlich muss es verlaufen sein, als man wegen der vergessenen Fenster das Sonnenlicht in Eimern in das neue Rathaus tragen wollte. In beiden Fällen misslang, was man sich als einfache Lösung ausgedacht hatte. Der Fehler war, dass die gedankliche Klugheit praktisch daran scheiterte, dass man nicht alle bei der Problemlösung wirkenden Faktoren in das Gedankengebäude einschloss. So endet scheinbar Einfaches nicht selten im Desaster. Akribische Analyse der Umstände ersetzt durch Halbwissen brachte die Misserfolge. Solches Vorgehen ist halt einfach und verlockend, wenn man nicht weiß, was man alles nicht weiß. So wurden schon immer 83 Millionen Deutsche oder wenigstens die männliche Hälfte zu unfehlbaren Fußballtrainern oder, wenn Fußball ausfällt, zu beachtlichen Virologen, Hygienikern, Statistikern oder wenigstens unfehlbaren Kritikern aller Wissenschaft und nicht zuletzt ihrer Vertreter*innen in der Professorenschaft. Das hat ebenfalls seine Gründe
Manchmal weiß man einfach nicht, welche Faktoren bei der Lösung eines Problems wirklich zusammengedacht werden müssen. Man hat zu wenig praktische Erfahrung mit der anstehenden Aufgabe. Man hat zu wenig einschlägiges Wissen, das eine belastbare Grundlage für erfolgreiche Überlegungen sein könnte. Guter Rat ist also teuer. Mit dieser Problemlage schlugen sich lange Zeit die Alchimisten herum. Sie suchten den „Stein der Weisen“, der einfache Materie zu Gold machen könnte. Man diskutierte und probierte. Was blieb einem denn sonst auch übrig? Den „Stein der Weisen“ fand man nicht, jedoch so manch Nützliches – Porzellan zum Beispiel oder Schießpulver oder Phosphor. Es geht der Wissenschaft nicht wirklich anders. Sie muss ein ungelöstes Problem der Lösung zuführen, weiß aber noch nicht, was dabei alles zu berücksichtigen ist. Also gehen Probieren und Diskutieren über Studieren. Die Hoffnung dabei ist, ausgehend von vorhandenem Wissen und Erfahrung im Experiment die Lösung zu finden. Natürlich ist das ein bisschen Stochern im Nebel . Attraktiv für ungeduldig Zuschauende ist es auch nicht. Und selbst wenn man einst die Lösung findet, der Weg wird oft mit Häme begleitet. Dennoch! Einen anderen gibt es wohl nicht.

(Geschrieben für Links, Juni 2020, 27.05.2020)