„Wer klopfet an …?“

Weihnachten steht vor der Tür. Wenn man den Supermärkten im Lande glaubt, schon seit Ende September. Es ist aber nicht Knecht Ruprecht, der hier klopft. Mir drängt sich ein Lied ins Ohr, ein Wechselgesang. Er ist Bestandteil eines vor allem in den Alpen gepflegten christlichen Brauchtums. Die Sache heißt „Herbergssuchen“.
Im Advent geht man mit einem Marienbild durch den Ort und klopft an den Türen der Häuser. Aus dem Haus heraus wird gesungen, „wer klopfet an?“ Die Antwort von draußen: „O zwei gar arme Leut!“ Und schon kommt es böse von drinnen, „was wollt ihr dann?“ Deshalb wieder von draußen: „O gebt uns Herberg heut!“ So geht es von Haus zu Haus. Die immer gleiche, flehentlich vorgetragene Bitte. Erfolg stellt sich für das Paar nirgends ein. Ganz klar, denn auf die ungeduldige Frage von drinnen, „was zahlt ihr mir?“, kommt die Antwort, „kein Geld besitzen wir!“ Fazit von drinnen: „Ei, die Bettelsprach führt ihr, ich kenn sie schon, geht nur von hier!“
Wir wissen, wie es ausging, was im Brauchtum nachgestellt wird. Die von ihren Wehen ereilte Frau gebiert das Kind in einem Stall. Warum das schließlich so sein musste, steht in der ursprünglichen Quelle allerdings nicht ganz so, wie es die Überlieferung des Volkes vermeldet. Der Evangelist Lukas hinterlässt uns nur die lakonische Nachricht: „In der Herberge fand sich kein Platz für sie.“ (2,7) Solches konnte doch durchaus andere Gründe haben als geldgierige Herbergsväter. Zumal ja Volkszählung war und Menschen aus allen Himmelsrichtungen in ihre Heimatstädte unterwegs waren, um sich eintragen zu lassen. Dass beim Volk aber der kaltherzige Vermieter zum Sündenbock wird, kann auch kein poetischer Zufall sein. Ich bin sicher, da steckt Erfahrung dahinter – die Erfahrung der einfachen Leute mit den Besitzenden, die Erfahrung der Armen mit den Reichen. Noch einmal der Wechselgesang: „Seht unser Elend an“ – „Geht mich nichts an!“
Diese Erfahrung hält offensichtlich mehreren Tausend Jahren Menschheitsgeschichte stand, und wir sind allemal noch mitten drin in solchen Verhältnissen, die solche Erfahrung bringen. Da hilft kein „C“ in den Namen regierender Parteien und da hilft kein Berufen auf christlich-abendländische Werte.
Das christliche „Sollen“, das findet sich im Mitleid mit dem Obdach suchenden Paar und dem Abscheu vor den Mitleidlosen. Es findet sich in der schönen Geschichte, dass das als „Erlöser“ gesehene Neugeborene aus tiefster Armut kommt und den Armen Frieden bringen will. Die Bedingung ist, guten Willens dafür zu sein. Genau der fehlt den Reichen. Das christliche „Sein“ tritt uns deshalb so brutal wie scheinheilig als „christliche“ Politik gegenüber. Da singt man zwar im Advent, „tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab“, in Wirklichkeit diffamiert man aber Gerechte als „Gutmenschen“, pfeift auf Gerechtigkeit und wartet nur auf den Geldregen des Weihnachtsgeschäfts. Das soll niemand vermiesen, schon gar nicht Arme und Herberge Suchende. Letztere nennt man heute Asylbewerber, Asylanten, Flüchtlinge, Ausländer, Fremde usw. Sie stören! Und man verwehrt ihnen nicht nur das Dach über dem Kopf, nein, man reißt sogar ihre Zelte ein, die sie sich bauen. Wollen sie auf dem kalten Berliner Boden schlafen, um ihr Elend sichtbar zu machen, verbietet man ihnen die Isomatte. Wer eine besitzt, wird festgenommen und behandelt, als wäre das eine gefährliche Waffe. Da kommen keine Heiligen Drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Einige Spenden lindern das Elend und die Solidarität einheimischer, meist ebenso Schwacher. Nazis wollen dagegen den Herodes machen und die Asylsuchenden zur neuerlichen Flucht zwingen. „Klopfet an, so wird euch aufgetan“, ist im christlichen Europa längst verhallt. Dafür macht die Häme vom „Wirtschaftsflüchtling“ die Runde. Als ob Elend, das ans Leben geht, alle Zukunft verbaut und die Menschenwürde zu einem Märchen aus fernen Landen degradiert, kein Grund sein dürfte, die Heimat aufzugeben und anderswo neue Hoffnung zu schöpfen. Wollen wir wirklich Hilfe versagen und gar zur Traufe werden für jene, die aus dem Regen kommen?
Die Krokodilstränen der Kanzlerin am neuen Denkmal sind noch nicht versiegt, da bauen die Innenminister schon die Visamauern auf, genau gegen jene Sinti und Roma, an deren ermordete Vorfahren das Denkmal endlich und viel zu spät erinnern soll. „Nicht reinlassen und schnell abschieben“ (vgl. nd, 26.10.12, S. 11), ist die Devise. Es sind nur Wirtschaftsflüchtlinge – Basta! Was ist eigentlich ein Wirtschaftsflüchtling genau? Wenn der reichste Franzose, Bernard Arnault, droht, Belgier zu werden, weil er keine Millionärssteuer zahlen will, so ist der doch auch ein potentieller Wirtschaftsflüchtling. Der abwertend-kritische Unterton, der das Wort begleitet, ist bei ihm außerdem sehr viel eher angemessen, als bei den üblicherweise damit Benannten.
Akkurat zu dem Zeitpunkt, als in Berlin Zelte der verzweifelt demonstrierenden Asylsuchenden abgerissen und ihre Isomatten konfisziert wurden, baute Deutschland in Indien eine Zeltstadt auf. Sie sah aus, „wie von Außerirdischen errichtet“, berichtet MDR-Info am 27. Oktober dieses Jahres. Ihr Zweck: Indischen Wissenschaftlern, jungen wie alten und wohl wirklich nur Männern, Deutschland so schmackhaft zu machen, dass sie bereit wären, ihre Heimat für eine bessere Arbeit und ein besseres Leben in Richtung Deutschland zu verlassen. Wirtschaftsflüchtlinge? Nein! Nur die Guten ins Töpfchen – und die Schlechten lässt man ins Meer fallen.

27.10.2012. geschrieben für Disput November 2012

Geben Sie Beinfreiheit!

Wer sagt denn so was? Der Schiller war es nicht. Der hat bekanntlich seinen Marquis Posa im Don Karlos sagen lassen, „geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“, und dachte, damit wären die aufmüpfigen Niederländer beruhigt, weshalb er dies ja auch dem spanischen König Philipp II. riet.
Das mag damals klug gedacht gewesen sein. Heute wäre ich nicht so optimistisch wie Posa. Kaum hat da einer die Gedankenfreiheit und natürlich auch die dazu gehörige Gelegenheit, seine Gedanken frei zu äußern, will er schon mehr. Er will die Beinfreiheit. So einer ist zum Beispiel der Peer Steinbrück. Er kommt aus der Sozialdemokratie, und der muss man schon zugutehalten, einst viel getan zu haben für die Durchsetzung der Gedankenfreiheit. Und auch viel gelitten zu haben, bis es so weit war. Marx meinte, ein befriedigtes Bedürfnis schafft ein neues höheres. Das gilt nicht nur beim Wohnen, Essen, Trinken und sich Kleiden, das gilt auch beim Philosophieren. Dazu gehört alle Theoriebildung über Gott und die Welt und als Anleitung zum praktischen Handeln. Politik sollte vermitteln zwischen diesen Bereichen menschlichen Seins; das eine jeweils möglich machen durch das andere. Das braucht Gedankenfreiheit für die Philosophie, und Karl Marx dachte eben, alles geht immer vom Niederen zum Höheren. Ein Peer Steinbrück belehrt ihn eines Besseren. Dem befriedigten Bedürfnis kann man nämlich auch eine neues, niedrigeres entgegenstellen und philosophisch begründen. Steinbrück war deshalb nicht zimperlich, wenn es um die Einschränkung von Bedürfnissen beim Essen, Kleiden, Trinken und Wohnen ging. Er gilt als einer der Väter der Agenda 2010. Mit der war plötzlich Schmalhans Küchenmeister: Hartz IV statt Arbeitslosengeld, Absenkung der Rente, dafür aber länger arbeiten usw. usw. Jetzt halfen die Gedanken- und Meinungsfreiheit wenig. Philosophieren konnte man schon, aber Beinfreiheit hatte man kaum noch; auch bereits errungene war plötzlich wieder weg. Man war wieder eingezwängt in enge Grenzen der Daseinssicherung. Das engt auch das Philosophieren ein. Die ganze Philosophie der Betroffenen wird darauf verschwendet, herauszubekommen, wie man in diesen Grenzen überlebt.
Anders aber Peer Steinbrück. Er lebt ganz gut von der Gedankenfreiheit. Seine Honorare für deren Nutzung bei Finanzhaien sind kein Pappenstiel. Wir wissen zwar nicht ganz genau, was er dort so erzählt, wir wissen aber immerhin, wie viel man dafür bekommen kann – siebentausend Euro und mehr, wenn es gut läuft. Ob man die kriegt, weil man den Geldgebern ins Gewissen redet, weniger raffgierig zu sein, kann doch wohl bezweifelt werden. Einer, der die Agenda 2010 mit erfunden und durchgesetzt hat, fällt unter die unglaubwürdigen Philosophen, wenn er jetzt von der Beschränkung der Bankenmacht und der Bekämpfung der sozialen Spaltung spricht. Das glaubt ihm selbst in der eigenen Partei nicht jeder und jede. Deshalb fordert er ja als Kanzlerkandidat der SPD die Beinfreiheit. Er will sich nicht dauernd stoßen an irgendwelchen anderen, linken Beinen, die da scharren wegen der schrumpfenden Rente und der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich. Seine Philosophie klingt dabei einen Augenblick sogar dialektisch: Er will ein Programm, das zum Kandidaten passt, und einen Kandidaten, der zum Programm passt. So hat er es gesagt auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD. Vorsicht, sage ich, und genauer hingeschaut! Die Reihenfolge macht es. Wenn erst das Programm zum Kandidaten passt, dann passt natürlich auch der Kandidat zum Programm und die Beinfreiheit ist gesichert. Sie ist gesichert für Peer Steinbrück, für die Banken und für die Lohndrücker. Die Rente bleibt jedoch weiter der Absenkung ausgesetzt, und die Zeit, bis es Rente gibt, wird verlängert.
Was sind das für Sozialdemokraten, die heute solche Gesetze machen? Sie bauen keine massiven Steinbrücken in eine gerechte Zukunft für alle. Sie sind vielmehr steinernen Herzens. Neu ist solches allerdings nicht. „Weh auch Euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, selbst aber rührt Ihr keinen Finger dafür“ (Lukas, Kapitel 11, Vers 46.).
Über 2000 Jahre Erfahrung – und der SPD fällt nur der Steinbrück ein?

Geschrieben für Links (November 2012) 17. Oktober 2012

Mors certa hora incerta (im Gedenken an Lisa-Maria Jatzke)

Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss. Brutal und tröstlich zugleich, dass Menschen darum wissen, seit es sie gibt. Der Tod ist gewiss und überrumpelt uns dennoch immer wieder – manchmal auf ganz schreckliche Weise, wie zum Beispiel am 21. Oktober gegen Mittag auf dem Parteitag der sächsischen LINKE in Chemnitz. Da war der Tod einer jungen Frau nicht nur schmerzende Nachricht. Nein, ein ganzer Parteitag war dabei!

Hadern wir dennoch nicht mit dem Tod. Im Grunde weiß die Menschheit, was sie an ihm hat. Er macht Platz für Neue, für Neues. Er hat mir meinen Platz im Leben gesichert und er wird irgendwann meinen Platz für andere frei machen. Das gilt für jeden und jede. Finden wir uns deshalb nicht nur ab mit dem Tod, betrachten wir ihn nicht nur als unausweichliches Ende von Leben, sondern schließlich auch als dessen unverzichtbare Voraussetzung. Zwei Vorstellungen wären nämlich sehr viel beunruhigender als die Gewissheit vom Tod und der Ungewissheit seiner Stunde: die Vorstellung, es gäbe keinen Tod, oder die Vorstellung, wir wüssten, wann er eintritt. Im ersten Fall wäre die Menschheit längst an sich selbst erstickt, im zweiten Fall lebten wir alle wie Häftlinge in den Todeszellen. Nicht einmal die Hoffnung auf Begnadigung bliebe uns. Grauenhaft!

Aber was ist, wenn uns der Tod plötzlich und mitten aus lustvoller, angestrengter Arbeit und mitten aus fröhlichem Leben heraus einen Menschen nimmt, eine junge Frau nimmt, die gerade angefangen hat zu leben, die gerade angefangen hat, um den Platz zu kämpfen, den Platz einzunehmen, der für sie da ist und da sein muss? Wir alle wussten es im schrecklichen Moment nicht und hatten nur die Tränen. Und wann werden wir schon mehr haben? Es gilt, was meinen Gedanken den Titel gibt – unausweichlich! Sinngebung freilich wird schwierig. Vielleicht sollten wir sie gar nicht versuchen. Das Unausweichliche muss nicht immer konkreten Sinn haben, wenn es konkret eintritt. Darum ist Mühe um Trost zwar nötige, aber dennoch vergebliche Mühe. Mühe um den Mut weiterzuleben allein gibt sich selbst Sinn. Arthur Schopenhauer meinte, dass Jugend den Tod nicht sieht, weil er auf der anderen Seite des Berges liegt, den sie sich gerade anschickt zu besteigen. Das mag im Alltag ja so sein, aber wie wir immer wieder erleben, säumt der Tod auch den Weg der jungen Gipfelstürmer und Gipfelstürmerinnen. Keine und keiner von uns ist ohne einschlägige Erfahrung. Auch die Linksjugend /‘solid/ Sachsen muss sich Toter erinnern – und nun wieder einer mehr. Die Besteigung des Berges darf deshalb nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil!

Es gibt den frühen Tod an Jahren gemessen. „Ein unnütz‘ Leben ist ein früher Tod“ lässt jedoch Goethe seine Iphignie sagen. Lisa-Maria Jatzke richtete uns aus: „“Mich widern Sexismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und dergleichen einfach nur an und mein Ziel ist es, gegen diese gesellschaftlich immer noch stark verankerten Themen vorzugehen – auf einer angemessenen, verständlichen und jugendbezogenen Ebene.“ Da ist kein Jota unnütz daran und deshalb war sie auch bei uns und deshalb bleibt sie auch bei uns. Da steckt einzig Nutzen für das Leben darin. Lisa-Maria Jatzke wird deshalb für uns weiterleben nach ihrem Tod.

Der Parteitag der sächsischen LINKE hat mit der Nachricht vom Tode der jungen Genossin seine Arbeit zunächst eingestellt. Wie sollte er auch anders, wo doch gerade diese junge Frau ihn einen Tag zuvor voller Hoffnung für sich und uns eröffnet hatte. Beendet ist die Arbeit aber nicht, und wir werden sie weiterführen als nüchtern geformtes, aber umso mehr jetzt mit Herzblut gestaltetes Denkmal auch der Arbeit von Lisa-Maria.

21. Oktober 2012