„Im Wald und auf der Heide …“

… da sucht er seine Freude – der Jägersmann. Man mag zu der „Freude“ unterschiedlich stehen. „Die Forsten treu zu hegen“, kann man nur loben. „Das Wildbret zu erlegen“, mag bei manchen Widerspruch provozieren. Dennoch, das Weidwerk ist eine der ältesten „Künste“, die der Mensch beherrscht. Als einst die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ihre Zeitschrift „Altdeutsche Wälder“ aus der Taufe hoben, dachten sie daran, dass unsere Vorfahren diese Wälder belebten, mit den Tieren teilten und Gefahr wie Lebensquell gleichermaßen von dort kamen. In den Märchen war der Jäger immer dabei. Er schnitt das Rotkäppchen samt Großmutter dem Wolf aus dem Bauch, genauso wie die Geißlein. Der Wolf plumpste dafür in den Brunnen usw. usw. Nicht zuletzt Wälder wie der Hambacher Forst waren den Gebrüdern dafür Vorbild.
Neuerdings geht es dort aber anders zu. Da wird plötzlich auf Menschen zur Jagd geblasen. Die Ursache liegt tief unter dem Wald und in zerstörerischer Gier nach Profit. Über Millionen von Jahren, vom Menschen unberührt, immer wieder abgestorben, untergegangen und von neuem Baumbestand überwuchert, schlummert der alte Wald als Braunkohle unter der Oberfläche des neuen. Die Kohle ist das Objekt der Begierde, mit überdimensionierten Baggern erreichbar. Der Wald ist deshalb schon auf ein Fünftel seiner einstigen Größe geschrumpft. Die Menschen, die dort wohnen, wollen darüber nicht mehr schweigen und es wollen andere nicht mehr zusehen, weil sie erkannt haben, dass damit weit über Hambach hinaus Schaden angerichtet wird, den kein Nutzen je aufwiegen könnte. Braunkohlegewinnung zerstört Landschaft und verbrennt Heimat im Kraftwerk. Energiekonzernen wie RWE ist das egal. Willfährige Politiker unterstützen sie. Mutige Menschen versuchen es zu verhindern. Sie haben sich deshalb Häuschen in den Bäumen gebaut, fünfzehn Meter hoch oben und höher. Sie haben sich in die Erde eingegraben, sechs, sieben, acht Meter und tiefer. Und sie haben sich eingerichtet im Wald. Wie im Lied: „Kein´n Heller in der Tasche, ein Schlückchen in der Flasche, ein Stückchen schwarzes Brot.“ Die Unterstützung der Anwohnerinnen und Anwohner des Forstes kam dazu. Man lebte ein einfaches, aber schönes Leben – beispielhaft. Es geht auch ohne Braunkohle. RWE jedoch schickt die Polizei. Die hat die lebendige Alternative von den Bäumen geholt und aus der Erde gegraben. Die Zerstörer von Natur sind im Recht und die, die sie erhalten wollen und auf den Frevel aufmerksam machen, haben angeblich 200 Straftaten begangen. Der Mensch wurde des Menschen Wolf, und gerade ist kein guter Jägersmann in Sicht, der die direkt aus ihren Betten vom Kapitalismus Gefressenen schnell wieder aus dessen Bauch befreit.
Verlassen wir also den Wald. Wir haben ja noch die Heide – z.B. die Colbitz-Letzlinger Heide. Dort werden doch tatsächlich keine Häuser eingerissen und keine Bewohner von den Bäumen geholt. Nein, dort wird gebaut. Es wird gebaut um 100 Millionen Euro. Aber was und wozu wird gebaut? Es wird „Schnöggersburg“ gebaut. Das soll ein Ballungsgebiet werden, sagt ein Sprecher der Wehrbereichsverwaltung Ost der Bundeswehr. Richtig gelesen: ein Sprecher der Bundeswehr, denn die Bundeswehr ist Bauherr. Unter ihrer Hoheit entstehen eine Altstadt, eine Vorstadt, eine Neustadt. Es entstehen Industrieanlagen, ein Flugplatz, ein Stück Autobahn, eine U-Bahn, ein Fluss. Von einer Kirche habe ich nichts gehört. Ausdrücklich wurde jedoch noch auf ein Elendsviertel hingewiesen, wo Menschen „hausen“, wie der Sprecher am 2.11. im MDR vermeldete. Wozu das Ganze? Bleiben wir bei dem Wort „hausen“. Mit dem Wort bezeichnet man nicht nur die ärmlichste Art zu wohnen, sondern auch die schlimmste Art, selbst dieses Wohnen unmöglich zu machen. „Sie hausten wie die Vandalen“, findet man dafür als Beleg im Wörterbuch. Wie die Vandalen zu hausen in beliebigen Städten der Welt und selbst die Ärmsten noch aus ihren Wohnstätten zu jagen, das soll dort geübt werden.
Wem zum Nutzen? Es kann nur zum Nutzen derer sein, denen alles und auch Wald und Heide zur Ware geworden ist, und die zerstören wollen, wer und was sich ihnen in den Weg stellt. Sie behaupten, den Frieden zu sichern, indem sie den Krieg vorbereiten. Das Dümmste, was ich jemals gehört habe, auch wenn es über Jahrtausende überliefert ist!

Geschrieben für Links (Dezember 2012) 17.11.2012

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