Zweieinhalbtausend Jahre – und nichts geändert?

Es war ziemlich genau 500 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die alteingesessenen Patrizier hatten im alten Rom die ökonomische Macht und politisch das Sagen. Außer Ihnen gab es noch andere freie Bürger Roms, die Plebejer. Die mussten in Kriege ziehen, die die Patrizier wollten – für ein starkes Rom, ein starkes Imperium. Sie mussten Steuern zahlen, deren Höhe andere bestimmten. Sie arbeiteten für wenig Geld in Handwerk und Dienstleistung, so das nicht Sklaven machten. Das hatten die Plebejer einfach satt. Und weil bei Wahlen nur Patrizier gewählt werden konnten, sich dadurch also nichts änderte, beschlossen sie einfach zu gehen. Sie wanderten aus auf den Heiligen Berg und ließen die Patrizier allein zurück. Das schmeckte denen bald gar nicht mehr. Reichtum und Macht schienen gefährdet. Also schickten sie einen der Konsuln aus. Menenius Agrippa sollte die Plebejer beruhigen und zurückholen. Jener Menenius Agrippa wurde mit seiner Mission für alle Zeiten berühmt. Er erzählte den Plebejern eine rührselige Geschichte von den Gliedern des Körpers, die sich gegen den Magen auflehnten. Der lag ihrer Meinung nach nur faul in der Mitte des Körpers und ließ sich von allen bloß füttern und bedienen. Als die übrigen Körperteile jedoch ihre Dienste für den Magen einstellten, merkten sie bald, so Menenius Agrippa, dass sie selber schwächer wurden, weil der Magen sie selbst nicht mehr ernähren und stark halten konnte. In einem Körper hängen alle Teile voneinander ab. Kein Teil kann auf die Leistung der anderen verzichten und umgekehrt. Das war die Moral von der Geschichte, und die Plebejer fielen tatsächlich darauf herein, rafften sich auf und kehrten nach Rom und zu ihren Pflichten zurück. Sie hatten begriffen: „Weil jeder zählt: Das Ganze im Blick.“ Nein – Moment, das war keine Losung von vor zweieinhalbtausend Jahren. Das verkündete uns doch die CDU im letzten Bundestagswahlkampf. Der fehlende Unterschied zum alten Rom hat mich jetzt verwirrt. Sogar die männliche Form, „weil jeder zählt“, passt da auf den ersten Blick noch, haben Frauen doch zu Zeiten des Menenius Agrippa für die öffentlichen Angelegenheiten üblicherweise keine Rolle gespielt. So ist jetzt „Kanzlerin für Deutschland“ ein gewisser Fortschritt. Angela Merkel muss sich mit keinem Kaiser erst ins Bett legen, um auf die Regierungsgeschäfte maßgeblich Einfluss nehmen zu können. Also sind wir „Gemeinsam erfolgreich für Deutschland.“ „Damit Deutschland stark bleibt.“ Letzteres war jetzt aber der Brüderle von der FDP. Obwohl, es klingt fast wie Wilhelm II., der bekanntlich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges vom Balkon des Berliner Stadtschlosses verkündete: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Dann ging er daran, Deutschland „den ihm gebührenden“ Platz in der Welt zu erobern. Das ging gehörig schief. Die FDP beirrt das nicht. Zu der gehört auch Herr Westerwelle. „Starkes Deutschland. Starkes Europa“ war ihm deshalb eingefallen. Sollte da am deutschen Wesen vielleicht doch die Welt genesen?
Zurück zu Menenius Agrippa. „Das Ganze“ ist der eine Körper im Zusammenwirken seiner Teile. Die Teile des einen Körpers müssen sich lieben und unterstützen. Andere Körper und ihre Teile können deshalb nicht interessieren. Der Anführer der österreichischen Freiheitlichen Partei, H. C. Strache, erkennt deshalb glasklar das Römische im Christentum. Erst die Stadt, dann der Erdkreis, denkt sich Herr Strache. „Liebe Deinen Nächsten – für mich sind das unsere Österreicher“, schreibt er deshalb aufs Plakat. Auweia – schon wieder nur die Männer? Bei der Nationalratswahl hat es ihm aber 20,5 % gebracht. Sei‘s drum! Dass man in Rom sich wie die Römer zu verhalten hat, haben die Engländer herausbekommen. H. C. Strache nimmt das auf: „Integration ist Pflicht. Verweigerung wollen wir nicht.“ „Integration“ und „das Ganze“ bringen mich allerdings auf andere Ideen, etwa die Angleichung der Löhne und Renten in Ost und West. Und so gesehen könnte Teilen doch nicht nur Spaß machen, sondern sogar zur Pflicht werden. Da müsste sich indes nach zweieinhalbtausend Jahren etwas grundsätzlich ändern.

Geschrieben für Links November 2013, 22.10.2013

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