Solche Tränen sind, so sagen die Wörterbücher, „falsche, heuchlerische Tränen“. Wo und worüber sie geweint werden, kann man tagtäglich in der Welt beobachten. Da wird z.B wider alle sportliche und soziale Vernunft, jedoch des großen Geldes wegen, eine Fußballweltmeisterschaft in das Emirat Katar vergeben. So richtig geheuer ist niemandem dabei. Es gibt viele Gegner der Entscheidung. Wie gesagt, z.B. aus gutem sportlichem Grund. Aus der Deckung wagt sich aber auch niemand so richtig. Also versucht man die Dinge anders zu verhindern: mit Hilfe von Krokodilstränen. Natürlich haben die eine echte Sauerei zum Anlass. Das reiche Emirat lässt aus den armen asiatischen Nachbarländern Arbeitskräfte einfliegen. Die sind froh, dass sie Arbeit haben und tauschen diesen Vorteil gezwungenermaßen gegen eine ganze Menge Nachteile ein: niedrige Löhne, menschenunwürdige Quartiere, keine Freizügigkeit, weil Bindung an den Arbeitsort, und vor allem lebensgefährliche Arbeitsbedingungen. Arbeitsschutz ist dem Arbeitgeber ein Fremdwort. Selbst der Tod von so genannten „Gastarbeitern“ wird kaltschnäuzig einkalkuliert. Angeblich gibt es zeitweise einen Toten pro Tag.Die Welt wird es schon nicht erfahren. Nun hat sie aber! Und sie weint deshalb bittere Tränen – Krokodilstränen. Damit keine Missverständnisse aufkommen. Tränen sind ob der Tatsachen sehr wohl angebracht, Tränen der Wut und der Trauer. Sie sind das Mindeste. Protest und Widerstand, Bestrafung der Schuldigen und Absage der WM in Katar sollte tatsächlich die logische Folge sein. Aber wieso plötzlich Katar? Was ist mit den afrikanischen Erntehelfern in Italien? Sie sind rechtlos und werden oft um ihren ohnehin kargen Lohn betrogen. Kennen wir nicht auch die desolaten Bedingungen für rumänische Leiharbeiter in deutschen Schlachthöfen? Wissen wir nicht von den vielen Toten Näherinnen in eingestürzten Fabriken in Bangladesch? Es ist doch nicht unbekannt, dass man dort endlich streikt für 70 Euro Monatslohn statt der demütigenden 30 Euro bisher. Mutiger Journalismus weist schon mal darauf hin. Tränen fließen freilich kaum. Der Boulevard bleibt bei seiner Tagesordnung. Seiner Klientel sind das billige T-Shirt, die billige Hose und das Hemd näher.
Es sind immer noch 168 Millionen Kinder, die einer Arbeit nachgehen müssen. Und fragt nicht nach Sonnenschein. Den sehen viele nicht – 12 Stunden am Tag nicht und länger. Kleine Körper und junge Augen sind gut für enge, dunkle Arbeitsplätze. Weint da jemand? Nein, man klopft sich vielmehr auf die Schultern, weil die Zahl der arbeitenden Kinder seit dem Jahr 2000 um ein Drittel gesunken ist. Im Kontrast dazu wächst in Europa eine verlorene Generation heran. 7,5 Millionen Jugendliche haben keine Ausbildung und keine Arbeit. Die EU hilft mit 3 Milliarden Euro und hofft, dass die Mitgliedsstaaten noch mal so viel geben. Krokodilstränengeld, vergleicht man alles mit den Beträgen der Bankenrettung.
Niemand kann leugnen, dass Asylbewerberinnen und -bewerber kaum willkommen sind. Man versucht sie durch inhumane Bedingungen der Unterbringung zu vergraulen. Sie kommen dennoch in ihrer Not und tauschen diese gegen eine andere. Nun versuchen sie mit Protest auf ihre schlimme Lage aufmerksam zu machen, besetzen Plätze oder Kirchen. Behörden weinen deshalb nicht. Es wird vielmehr geräumt und abgeschoben. Sinti und Roma sind gleich ganz chancenlos und vogelfrei. Das ist europäische Normalität. Es sei denn, ja es sei denn, man hat ein schlechtes Gewissen und verfolgt einen politischen Zweck. Da wird das Elend, das man mit zu verantworten hat, plötzlich beweint, und alle Heuchelei kommt als grenzenloses Mitleid und Ausdruck doch schon immer vorangetragener Menschlichkeit daher. Millionen sind in und aus Syrien auf der Flucht. Da ist es eine gute Tat und trocknet die Krokodilstränen, wenn Deutschland 5000 Flüchtlinge aufnimmt oder Österreich 500.
Übrigens: Krokodile weinen angeblich, um ihre Opfer anzulocken.
(Geschrieben am 27.09.2013 – also vor der letzten Tragödie bei Lampedusa – für DISPUT, Oktober 2013)