Jede und jeder weiß es, damit ist das Theater gemeint. Jeder und jede weiß auch, dass an diesen Brettern heute allüberall gebohrt und gesägt wird. Ein aktuelles Beispiel ist das Chemnitzer Theater: Etwa 10% der Stellen sollen im Laufe von fünf Jahren eingespart werden. Die Verbleibenden müssen Gehaltskürzungen in Kauf nehmen. Die Ticketpreise werden steigen. Jährliche Einsparungen bis zu 5 Millionen Euro sollen erzielt werden. Das rettet das Theater mit allen seinen fünf Sparten. Zu wessen Nutzen? Man fordert mit Lohnkürzungen Opfer von jenen, deren Arbeitsplätze gefährdet sind. Eine soziale Rettungstat für Verzichtbares und Verzichtbare? Man fordert mit Preiserhöhungen Opfer von jenen, denen Theater bisher ein allzu wohlfeiler Luxus war. Berechtiges Abschöpfen von Kaufkraft Betuchter für eigentlich verzichtbaren Spaß?
Friedrich Schiller bemüht die Bretter und vermeldet „An die Freunde“: „Sehn wir doch das Große aller Zeiten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sinnvoll still an uns vorübergehen.“ Solches klingt hoch und hehr, pathetisch. Der Romantiker Novalis formuliert es nüchterner: „Das Theater ist die tätige Reflexion des Menschen über sich selbst.“ Das hat etwas mit Selbsterhaltung zu tun, mit Lebensnotwendigkeit. Theater ist kein billiger oder teurer Spaß. Nein, wir brauchen es wie Wasser, Nahrung, Kleidung oder Wohnung, um Mensch sein zu können. Theater ist Daseinsvorsorge, und deshalb ist eine Perspektive falsch, die nur den Preis der Produktion und das Amüsement des Publikums im Auge hat. Ein solcher Blick klammert den Menschen, die Gesellschaft und die Funktion des Theaters für den Menschen und die Gesellschaft unzulässiger Weise aus.
Mag sein, dass die deutschen Fürsten mit ihren vielen Kleinstaaten einst eher Selbstbespiegelung, Repräsentation und Unterhaltung des vornehmen Publikums im Sinn hatten, als sich ein jeder sein Theater schuf. Mag sein, dass dies der banale Grund für eine weltweit wohl einmalige Theaterdichte in Deutschland ist. Es ist dennoch ein Erbe, das man nicht leichtfertig aufs Spiel setzt. Wir sollten vielmehr akzeptieren, es ist uns teuer. Nach Oscar Wilde ist die Bühne ein Treffpunkt von Kunst und Leben. Das passt zu Schiller und Novalis, und das stimmte auch schon für die kleinstaatlichen Bühnen. Sie nährten uns nicht zuletzt einen Schiller, einen Goethe, einen Lessing. Sie brachten die Aufklärung unter das Volk, den sozialen Protest, die denkbaren und spielbaren Alternativen zu bedrückender Wirklichkeit. Freilich beförderte Theater auch Reaktion, lenkte ab, festigte Herrschaft. Deshalb ist Theater auch so alt, fast so alt wie die Menschheit insgesamt. Darum liebte es Oscar Wilde, Theater zu spielen. „Es ist so viel realistischer als das Leben.“
So wenig, wie man Wasser verschwenden sollte, so verwerflich die Vernichtung von Nahrung ist, so schlimm wäre es auch, wenn Theater Ressourcen zu seinem eigenen Schaden vergeuden würde. Natürlich wissen wir, dass es unterschiedliche Interessen an diesen Ressourcen gibt. Goethe veranschaulicht uns dies mit seinem dem Faust vorangestellten „Vorspiel auf dem Theater“. Der Theaterdirektor will „… gern die Menge sehen, wenn sich der Strom nach unserer Bude drängt …“ Das bringt Geld. Die Schauspieler, die „lustigen Personen“, sie wollen der Mitwelt Spaß machen und sie erschüttern. Dem Dichter gilt das aber nichts. Er will „mit Götterhand erschaffen und erpflegen.“ Und er bringt uns gerade mit der „Götterhand“, die nichts anderes ist als eine ewige Sehnsucht des Menschen, mehr zu können als essen und trinken, zurück in die Wirklichkeit: Theater wäre in seinen Grundlagen zerstört, setzte man es einfach dem Markt aus oder existenzgefährdenden Sparzwängen. Aber wer spricht denn hier vom Ende des Theaters? Es soll doch nur gespart werden, um es zu retten. Es tröstet uns Georg Christoph Lichtenberg. „Unsere Kultur ist wirklich fortgeschritten, wir fressen einander nicht, wir schlachten uns bloß.“
Geschrieben für Links Oktober 2013, 27.09.13