Im „DUDEN-Deutsches Universalwörterbuch“ (vgl. 7. Auflage, Mannheim 2011) finden sich etwa 140.000 Stichwörter. Für die meisten gibt es mehrere Bedeutungen. Dennoch entstehen immer neue Wörter in neuen Zusammenhängen, für neue Phänomene; und genau so veralten Wörter oder verschwinden ganz. Die Sprache folgte dem Leben bzw. machen Sprecherinnen und Sprecher sie sich immer wieder passgerecht. Sprache verändert sich ständig und funktioniert dennoch stets. Sie spiegelt und speichert, was uns bewegt und wie es uns bewegt. Wir bewegen mit ihrer Hilfe.
Freilich muss man dazu nicht dauernd Neues erfinden, kaum in der Grammatik, aber auch nicht im Wortschatz, dem beweglichsten Teil der Sprache. Wir bilden vielmehr neue Wörter aus dem Bestand der alten, oder wir leihen uns welches aus anderen Sprachen. Sehr oft werden auch die Bedeutungen bereits vorhandener Wörter umgedeutet oder erweitert („Strom“ – „elektrischer Strom“). Da bietet uns die Sprache fast unendlich viele Möglichkeiten. Wir nutzen sie für Erst- und Einmaligkeiten im Gesprächsfluss. Manches verschwindet so schnell wie gekommen. Manches bleibt. Es lohnt sich, einen Blick in das „Wuchern“ des Wortschatzes zu machen. Wie wir die Wörter bilden, verrät, was wir uns dabei denken oder was aus unseren Vorprägungen, die das Unterbewusstsein beherrschen, an die Oberfläche dringt.
Lange schon streiten sich sächsische Lehrer_innenvertretungen, insbesondere die GEW, mit der sächsischen Staatsregierung um eine angemessene Einstufung und Besoldung der Lehrerinnen und Lehrer. Just zu dem Zeitpunkt, als die GEW wegen des Hochwassers die Verhandlungen dazu auf den Herbst verlegen wollte, kam die Staatsregierung mit einem jämmerlichen Angebot, das mit der Hochwasserkatastrophe begründet wurde. Sie meinte (vgl. „Sächsiche Zeitung“ , online-Ausgabe vom 12.06.2013) mit ihrem „Vorstoß“ Ruhe an der „Lehrerfront“ zu bekommen. Die Landtagsfraktion der Grünen schrieb in einer Presseerklärung dann von der „Schulfront“, an der die Staatsregierung mit ihrem Angebot eine „Friedenspflicht“ der Gewerkschaft erzwingen wolle. „Vorstoß“, „Front“ und schließlich auch „Frieden“, alles das kommt ursprünglich aus dem militärischen Bereich, so wie das Wort „Kampf“. Der „Arbeitskampf“, den die Gewerkschaften führen, er ermuntert die Gegenseite offensichtlich, ihn als Krieg zu verstehen und in die entsprechende Wortwahl abzugleiten. Logisch, dass dann festgestellt wird, die Staatsregierung „diktiere statt zu verhandeln“ (vgl. sz-online).
Die „Sprache“ des Krieges, sie ist nicht nur im Sport gang und gäbe, sondern (leider) auch in der Politik. Da wird auf einem SPD-Konvent von der „Siegeszuversicht“ gesprochen, die man ausstrahlen solle (spiegel-online, 17.06.2013). Das mag noch harmlos und alltäglich sein. Wenn auf der gleichen Veranstaltung ein Sprecher des „Seeheimer-Kreises“ jedoch verkündet, „Gabriel bombt die Partei hoch“ (vgl. ebenda), so wird wohl mancher und manchem mulmig. Es soll, wie man vernimmt, der „Mobilisierung der Wähler“ dienen. Mobilisierung? „Es hat gerumst“, bemerkte Andrea Nahles, verweist den Rumser jedoch in ein reinigendes Gewitter. Das „Rumsen“ passt aber genau zur „Bombe“. Das Wort kommt aus dem Lateinischen. „Bombus“ bedeutet dort „dumpfer Ton, Summen, Brummen“. Manche behaupten, dass der „Kriegswortschatz“ durch die Überführung in andere Sphären des Lebens, dort seine Aggressivität verliere. Mag sein. Er transportiert aber auch etwas von seiner Herkunft in andere Lebensbereiche, prägt das Bild, das wir uns von der Wirklichkeit machen. Vielleicht zapfen wir für demokratische Auseinandersetzungen irgendwann doch auch andere Sektionen des Wortschatzes an als den kriegerischen. Die Wirkung der Expressivität und Anschaulichkeit des Vergleichs geht immer einher mit der Gefahr der Gleichsetzung.
Zurück zum „Gewitter“ und zum „Hochwasser“: Dass Ernst Jünger einst den Ersten Weltkrieg als „Stahlgewitter“ deutete, sei nur am Rande erwähnt. Damit wird der Krieg zum unvermeidbaren Naturereignis, seine Vermeidung dem Menschen aus der Hand genommen. Da muss man durch! Beim „Hochwasser“ verhält es sich ähnlich. Es ist eine plötzlich hereinbrechende Notlage. Zum „Hochwasser“ gehören Wörter wie „Flut“, „Strom“, „überschwemmen“. Alles hat was mit Wasser zu tun. In der Grazer „Kronen-Zeitung“ vom 18. Juni 2013 lese ich jedoch auf Seite 7, „Flüchtlingsflut erreicht Italien“. Diese „Flut“ kommt zwar über das Meer, es ist aber nicht das Wasser, von dem die Rede ist. Für die Wörter „Asylantenschwemme“ oder „Asylantenströme“ findet man Tausende Belege bei Google; zwar vornehmlich aus Texten politisch rechter Herkunft, aber beileibe nicht nur. Im „DUDEN-Deutsches Universalwörterbuch“ liest man, „Ströme von Auswanderern“, als Beispiel für „Strom“ als, „eine sich langsam in eine Richtung fortbewegende Menschenmenge“. Menschen in Not werden sprachlich zu Naturkatastrophen. So gesagt fällt einem bald „zusammenstehen“ und sich „tapfer dagegen wehren“ ein. Sprache bewegt, und mit der „Abwehr“ der Gefahr schaut der Krieg schon wieder aus dem Wörterbuch heraus.
Geschrieben für Links Juli/August 2013, 19.062013