Gesagt hat das Angela Merkel zum Fußball, dokumentiert ist es in bild.de vom 14.06.2012. Gesagt haben können hätte sie es sicher auch zur Wahl in Griechenland. Solches nivellierte jedoch gefährlich die Meinungsvielfalt in Europa und schlösse die Griechinnen und Griechen tendenziell aus. Die haben aber auch ein „Wir“. „Wir sind ein wunderbares Volk. Wir haben das nicht verdient, so zu leiden.“ Das sagte der griechische Torhüter nach dem Sieg über Russland. „Wir“ so sagt uns das DUDEN-Universalwörterbuch „steht für … einen Kreis von Menschen, in den die eigene Person eingeschlossen ist“. Wen meint Frau Merkel da mit ihrem „Wir“? Sie meint offensichtlich Deutschland mit allen seinen Bürgerinnen und Bürgern. Denn bild.de verkündete am gleichen Tag, „Hurra,Hurra, wir schlagen Holland mit 2:1.“ Das hat zwar die deutsche Nationalmannschaft geschafft, aber in diesem „Kreis von Menschen“ sind weder Frau Merkel, noch die Redakteure und Redakteurinnen von bild.de eingeschlossen. Dennoch das „Wir“; also doch „wir“ alle. Ich habe aber gar nicht gewonnen, ich habe nur ein Fußballspiel gesehen, das mir sogar ganz gut gefallen hat. Ich schließe mich also aus diesem Wir-Patriotismus aus. Da kann die Junge-Union hundert Mal im Internet für „Patriotismus – Ja bitte“ werben. Es wirkt jeglicher Patriotismus beängstigend, der ungefragt einschließt und kein Entkommen zulässt. Da wird eine riesige Fahne der Kroaten über das halbe Stadion gezogen und wickelt die Menschen darunter unentrinnbar ein. Es werden Hymnen geschmettert mit „Inbrunst“, wie der ARD-Kommentator feststellt. „Inbrunst“ steht etymologisch in Zusammenhang mit Begattungstrieb, mit innerer Glut, mit tiefem Gefühl belehrt mich das einschlägige Wörterbuch. Soll so singen, wer will. Mich kann er oder sie deswegen nicht zu Gleichem bewegen. Dieses Singen hat aber etwas in diese Richtung Forderndes. Patriotismus schließt ein und schließt aus mit Hilfe von Symbolen. Da stehen dann, ob es gefällt oder nicht, in einer Reihe mit den einschließenden Hymnen und Fahnen die Affenlaute und Bananen für den dunkelhäutigen Italiener Balotelli. Der Zynismus vollendet sich im Kommentar eines Lesers der Netzausgabe der österreichischen Kronenzeitung am 15.06.12: „Das ist doch nicht rassistisch. Die werden gedacht haben, dass ihn eine Banane stärkt.“ Das ist nicht weit entfernt von der Kennzeichnung nazistischer Gaskammern als Duschen und Desinfektionsräume. Patriotismus befördert, sich mit dem Eigenen zu erheben und das Fremde zu erniedrigen. In facebook fand sich am 14.06.12 eine Montage. Unter den Worten „Knie Nieder – Land“ stand das Ergebnis des Spiels Deutschland gegen Niederlande, flankiert von der jeweiligen Nationalflagge: 2 unter „Knie Nieder“ und 1 unter „Land“. Das kann man nur mehr schwer unter Ulk verbuchen. Ein Witz ist ein Witz und manchmal nicht sehr rücksichtsvoll. Witze leben auf Kosten anderer und ziehen ihren Effekt aus der Vermischung von Zusammenhängen. Da mag man mit den Trägerinnen von zwei Plakaten nicht all zu sehr ins Gericht gehen, problematisch bleibt das Ganze dennoch: „Welches Tier schießt keine Tore“, war auf dem einen Plakat zu sehen. Die Antwort stand auf dem anderen: „Robben“. Wird man zukünftig dem Holländer Robben das Heulen von Robben zumuten und vielleicht Fische auf das Spielfeld werfen?
Es klingt doch eigentlich harmlos und „ist doch so“, wenn bei der Nennung der Ukraine in deutschen Medien („zufällig“ meist in negativen Zusammenhängen) immer wieder mal hinzugefügt wird, „Ex-Sowjetrepublik“. Welcher Aufschrei ginge durch den deutschen Blätterwald, wenn ein ukrainischer Kommentator die Nennung Deutschlands ergänzte mit, „das ehemalige faschistische Deutsche Reich“. Und es ist schon eine Verkehrung der Dinge, wenn der Kommentator des österreichischen Fernsehens zum Spielort für Tschechien gegen Griechenland meint: „Breslau – oder Wroclaw, wie es in Polen heißt.“ Wie würde jener Mann reagieren, wenn z.B. ein Engländer sagen würde, „in Vienna or Wien, as its called in Austria.“ Es sei dem Österreicher sein „Breslau“ nachgesehen und den Engländern ihr „Vienna“ erst recht. Die Rangordnung, die sich in der Reihenfolge der Nennungen von Breslau und Wroclaw reflektiert, zeugt jedoch von einem latenten Revanchismus. Es suggeriert polnischen Eigensinn bei den Ortsnamen. Natürlich muss man nicht mehr so penibel mit den polnischen Ortsnamen umgehen, wie vor der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik. Sensibilität ist aber immer noch angesagt. Schlicht Dummheit und wenig Bildung steckt dahinter, wenn ein ARD Reporter von „Lehmberg“, mit langem e, spricht. Wenn er schon nicht Lwiw aussprechen kann, sollte er doch wenigstens den deutschen Ortsnamen phonetisch richtig – mit kurzem e – beherrschen.
Sensibilität muss aber auch die Kritik zeigen. „Dreckfressen“ und „Hackfressen“ für Spieler, „Deppen“ für Fußballfans, die das Patriotische und die erträgliche Lautstärke aus eigener Sicht überziehen, oder die allgemeine Abwertung des Zuschauens des Fernsehpublikums mit „glotzen“ zeugen auch nicht gerade von Sachlichkeit und Toleranz. Im Extremfall ist es nur die Umkehrung der Ausgrenzung. Wenn ein Student wegen seines Deutschland-Trikots aus einer Kneipe verwiesen wird, ist das Wasser auf die Mühlen von BILD und auch nicht weit weg vom Wunsch eines Polen, die Polizei möge den Marsch der Russen zum Stadion verbieten. Und weil das nicht so war, war ihm die Gewalt polnischer Hooligans legal: „Die Fans mussten die Ehre der Polen verteidigen! Bravo! Wir lassen uns nicht ins Gesicht spucken.“ (Standard, 15.0612)
Gott sei Dank spielen heute in allen Nationalmannschaften Leute mit zunächst „ausländischer“ Herkunft. Die Liste ist lang und gerade für Deutschland betrifft das hervorgehobene Leistungsträger. Auch nicht jeder Kommentar ist schon per se nationalistisch. Es ist doch amüsant, wenn ein österreichischer Kommentator meint, „Ribery, der ist überall, von dem gibt‘s mehrere.“ Obskur wirkt beim Fußball, wenn der ARD-Kommentator einen holländischen Spieler lobt: „Hat alles Hand (!) und Fuß, was er macht.“ Aber auch Kommentatoren wollen Sprachkultur beweisen. Da wird dann auch schon mal ein „Schienbeinschützer sicher positioniert.“
Also lassen wir jenen den Spaß am Fußball und dem akzeptablen Beiwerk, die den Spaß brauchen. Ein bisschen Fasching wird wohl immer sein und ein Krieg wie einst zwischen Honduras und El Salvador wird wegen eines Fußballspiels hoffentlich nicht wieder ausbrechen. Ich schließe mich dem an, was auf jedem Dress und in jedem Stadion zu lesen ist: „respect. exchange your jersey“.
Geschrieben für Links (Juli/August), 18.06.2012
Lieber Herr Dr Porsch,
bei den letzten Fussballeuropameisterschaften bin ich auch darauf aufmerksam geworden, dass die Kommentatoren bei der Nennung der Ukraine immer wieder „Ex-Sowjetrepublik“
hinzugefuegt haben. Seltsam.
Und wenn Sie sich kurz an den Aufmarsch der Nationalmannschaften bei den letzten Olympischen Spielen in London errrinnern, da sah sich der Reporter z.B. beim Erscheinen des Teams aus Ghana verpflichtet zu sagen: … aus Ghana, in der Kolonialzeit mit UK als Kolonie eng verbunden …, oder als Tunesien aufmarschierte: … Sportler aus Tunesien, einst franzoesischer Kolonie … usw. Warum haben Sie vergessen beim Aufmarsch der Ungarn zu betonen, dass es sich hier um einst ein Teil des oesterreichischen Mutterlandes handelt?
Mit freundlichen Gruessen
Wojciech Puzynski KMU-Student 71-75 aus Polen
Herr Puzynski: Ungarn war kein Teil des österreichischen Mutterlandes, sondern ein souveränes Königreich mit dem österreichischen Kaiser als Staatsoberhaupt.
Schönen Gruß
Peter Porsch