Haltet den Dieb!

So schreien erfahrungsgemäß die Diebe selbst, um von sich abzulenken und den Verdacht auf andere zu richten; möglicherweise sogar auf jene, die gerade im Begriff sind sie zu entlarven. „Haltet den Dieb“, schrieen die politischen und medialen Agenten der Banken und Börsen im Vorfeld der griechischen Parlamentswahlen, und sie schrieen bis zum Abend des Wahltages. Sie sahen den Euro verschwinden und Europa vor dem Abgrund oder gar schon einen Schritt weiter. Schuld an allem sollte eine Partei in einem kleinen Land Euopas sein – eine linke Partei, die Syriza mit ihrem Anführer Tsipras in Griechenland. Da sprachen angeblich die Pro-Europäer gegen dessen Feinde. Ein besonders entfesselter, möglicherweise aber auch nur grenzdebiler Kommentator einer österreichischen Zeitung malte das Gespenst des Bolschewismus, Stalins, der Mauer und der Stasi an die Wand, um die Griechinnen und Griechen noch schnell ins europäische Flucht-Boot zu bekommen. Es ging offensichtlich ein Gespenst um in Griechenland und Europa. Das Gespenst der Demokratie, das Gespenst der Volksherrschaft, verleumdet als Gespenst des Kommunismus. „Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet.“ Mehr als „haltet den Dieb“ war das aber alles nicht: Wer droht denn, Europa und den Euro endgültig in den Abgrund zu schicken, und hat Griechenland schon vorausgeschickt? Da waren und sind keine Linken zu sehen. Es sei denn, man hält Sarkozy und Merkel für solche? Diese Art von Politikerinnen und Politikern und die mit ihnen verbündeten Superreichen in ganz Europa sind die Diebe. Sie haben den Völkern und den Griechinnen und Griechen zumal ihren wohlverdienten Wohlstand geraubt; durch Niedriglohn, durch Militarisierung der Union, durch Spardiktate, durch Steuerhinterziehung, durch den hohen Preis für eine Abschottung gegen Menschen in Not. Und nicht nur das: Sie sind dabei, die Vielfalt europäischer Kultur zu zerstören. Dennoch, sie haben einen kleinen Erfolg für sich bei den Wahlen in Griechenland verbuchen können. Es ist noch einmal gelungen, im bereits weitgehend verödeten Griechenland den Bock zum Gärtner zu machen. „Pro-Europäer in Griechenland vorn“, springt es uns auch aus Zeitungen in Leipzig und Dresden an. Ich schreibe diese Zeilen am Tag nach der Wahl. Noch ist heute ungewiss, was die Parteien aus dem Wahlergebnis machen werden. Neo-Demokratia und Pasok sind aber in Stellung gebracht. Sie waren zuvor schon die Hirten der Böcke, die dafür sorgten, dass vornehmlich deutsche Exporteure, einheimische Großkapitalisten und international agierendes Finanzkapital das Land kahlfressen konnten und jetzt, wo sie das Heu rein haben, frisches Gras fordern. „Börsen reagieren erleichtert“, meldet die LVZ am 18.06.12. Der österreichische Standard registriert: „Märkte schnaufen nach Griechenland-Wahl durch“. Der inkompetenteste Außenminister, den Deutschland je hatte, dieser Herr Westerwelle spricht aber noch am Wahlabend vom „gesunden Menschenverstand“. Wie viel Ahnung hat der denn davon? Ahnung hat er von kaum etwas. Verstand hat er wohl auch nur wenig. Vielmehr hatte er Angst! Angst vor den Börsen, Banken und Spekulanten. Die haben längst ihre Herrschaft über die Politik etabliert. Für die Völker jedoch hat man hierzulande und überall anderswo in Europa dem Kapital liebdienernde Medien und eine aufgerüstete Polizei. Wahlen, Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht hingegen verleumdet man bei Gefahr für das große Geld immer mehr als kontraproduktiv. Für dessen Wohlergehen in der weiten Welt empfiehlt der Bundespräsident die Bundeswehr inklusive Heldentod. Glück aber wird zum Suchtgift degradiert. Die Märkte haben „durchgeschnauft“, den einfachen Menschen nimmt man die Luft zum Atmen. Ob Griechenland wenigstens im Fußball Deutschland eine Lektion erteilen kann, weiß ich zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Glosse auch noch nicht. Es würde realiter nicht viel helfen. Der Mut und die Zuversicht jener Griechinnen und Griechen, die mit der Wahl von Tsipras die „Mächte des alten Europa“ in Angst und Schrecken versetzten, werden jedoch nicht verpuffen. „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen“ – nicht nur in Griechenland und in Frankreich.

Geschrieben für Links (Juli/August), 18.06.2012

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