Fast sah es ja nach den Wahlen in Frankreich und in Griechenland und nach Unruhen in Spanien oder Italien schon so aus, dass ich „Merkel allein zu Haus“ hätte titeln müssen. Aber wenigstens der französische Präsident hat schon mal geklingelt; einmal zunächst, doch der wird noch öfter vor der Türe stehen und Einlass begehren. Ob er irgendwann so willkommen sein wird wie sein Vorgänger, wissen wir noch nicht. Gut Ding wird wohl Weile brauchen. Er löffelt nicht jede Suppe aus, die man ihm vorsetzt, sondern stellt Forderungen. Die sparsame Hausfrau, die einem großen Teil Europas die schmale Kost von Tütensuppen verordnet hat, soll das Mahl wieder opulenter gestalten, damit die halb verhungerten Esser erstarken. Das klingt doch vernünftig. Nur kräftige Menschen können arbeiten und neue Werte schaffen. Der Suppenkasper war am siebenten Tage tot. Die Merkeln jedoch lässt klingeln und um Essen betteln. Den Sparwahn will sie nicht aufgeben, bessere Kost gibt es nur, wenn das Geld dafür nicht geborgt, sondern … ja was, sondern? „Borgen bringt Sorgen“. „Borgen und Schmausen endet mit Grausen.“ Das mag ja sein. Aber nichts borgen bringt offensichtlich auch Sorgen, größere vielleicht noch als das Borgen. Hierin schlummert der Grundwiderspruch kapitalistischer Geldwirtschaft, in der Geld selbst zur Ware wird. Sie lebt vom Borgen und Verborgen. Borgen ist jedoch die Erstgeburt der Armut. Die Alternative zur Armut ist Verhungern. Auf der Straße liegt kein Geld mehr. Das hat der Exportweltmeister Deutschland längst eingesammelt. Jetzt klingeln jene, die einst als Käufer auf Pump vor der Tür standen, als Bettler und die EU verkommt zur Suppenküche. Die Köchin freilich wird dick und fett. Es bewahrheitet sich nämlich die finnische Weisheit: „Borgst Du Dir Spreu von einem Reichen, musst Du ihm Weizen zurückgeben.“
Der Titel übrigens, „Merkel – zweimal klingen“, ist bis auf die Merkel geklaut. Die Älteren unter den Leserinnen und Lesern oder vielleicht auch nur mehr die ganz Alten werden das schon gemerkt haben. „Neumann – zweimal klingen“ war der Sonntagsrenner bei Radio DDR in den sechziger Jahren. Warum musste man eigentlich bei Neumanns zweimal klingeln? Nun, in der DDR waren große Wohnungen oft geteilt in zwei oder mehrere „Teilhauptmieten“. Das waren nach heutiger Diktion so etwas wie WGs. Klingel gab es und gibt es da oft nur eine. Das alles hat Frau Merkel wohl vergessen. Sie wohnte ja auch allein mit ihren Eltern im Pastorenhaus. Jetzt hält sie Europa für ihr Haus und teilt es nur mit dem Hausmeister Schäuble. Der hat einen Schlüssel zum Haus, zu Küche, Kammer und Haushaltskasse. Der braucht nicht zu klingeln. Alle anderen jedoch, die eigentlich auch ins Haus gehörten, sollen dies, wenn sie hinein wollen. Die Hausfrau will dann entscheiden, ob sie das zulässt oder ob man wen im Regen stehen lässt. Sie hat vergessen, dass auch sie nur Teilhauptmieterin ist. Irgendwann werden da die Durchgeweichten Sturm klingeln. Einmal, vielleicht auch noch zwei- oder dreimal. Irgendwann wird aber auch ihre Geduld zu Ende sein. Der französische Präsident geht noch gesittet voran und klingelt brav bei Neum …, pardon, Merkel. Andere werden wütender. Die Polizei wird sie auf Dauer nicht daran hindern können, das zu besetzen, was aus ihnen rausgepresst wurde, sich den angehäuften Reichtum verfügbar zu machen, der ihre aktuelle Armut verursacht. „Occupy“, „Blockupy“ das sind die Stichworte für die neuen Volksweisheiten. Die predigen nicht Gewalt, sondern tätige Demokratie. Die Gewalt geht von den „Hausbesetzern“ der Wall-Street oder des Frankfurter Bankenviertels aus, die in ihren Quartieren ruhig, dick und fett auf der Bank sitzen wollen. Gewalt geht von jenen aus, die meinen, es gäbe zu viele „Kleine“ in den Parlamenten, was nur die Demokratie störe. Spätestens jetzt sollte es bei uns allen mehr als zweimal klingeln. So einer meint gar nicht Demokratie, er meint Plutokratie. Das ist nach DUDEN, Universalwörterbuch die „Staatsform, in der die Besitzenden, die Reichen die politische Herrschaft ausüben“.
Geschrieben (18.05.12) für „Links“, Juni 2012