Was Du nicht willst, dass Dir man tu, das füg auch keinem andern zu

Mit diesem Wahlspruch hat mich meine Großmutter schon sehr früh traktiert – ein kluges Motto einer klugen Frau. Es ist die deutliche Warnung davor, im Konflikt eine möglicherweise endlose Kette von, „Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn“, zu eröffnen. Daran erinnert hat mich jüngst eine Zeitungsmeldung: „Die NATO beginnt ungeachtet des wilden Protests des Kremls mit dem Aufbau des Raketenabwehrschilds für Europa … Der Kreml argumentiert, dieser Anti-Raketenschirm würde automatisch auch Russlands Vergeltungskapazität außer Kraft setzen.“ (Kronen-Zeitung, 07.02.12, S. 4) Es empört sich ein Land, das Auge und Zahn durch das andere gefährdet sieht, mit „wildem Protest“ über die verhinderte Möglichkeit der abschreckenden Revanche. Dies wird wiederum als Ausfluss böser Absichten denunziert. Entsprechend die Überschrift über das Ganze, „Russland gegen Europa“, und die Empörung am Schluss: „Russlands Strategen haben also noch immer Europa im Visier!“ Spätestens jetzt tönt mir das scheinheilig-perfide, „Haltet den Dieb“, des eigentlichen „Täters“ im Ohr. Man möchte schon fragen, wer sich hier unverwundbar macht und warum? Die NATO streitet Feindseligkeit gegen Russland ab. Es ginge nur um die Verteidigung gegen iranische Gefahr. Die Russen wieder bleiben misstrauisch und wollen sich lieber die Option des „wie Du mir, so ich Dir“ erhalten. Unsereiner aber kommt ins Grübeln. Wäre nicht meine Großmutter mit ihrer Weisheit die bessere Diplomatin? Wir lächeln. In den internationalen Beziehungen geht es eben anders zu als in der Welt meiner Oma. Schade! Die NATO macht sich z.B. mehr und mehr im Mittelmeerraum breit. Die Russen, die das auch versuchten, werden verdrängt. Noch vergelten sie deshalb nicht Gleiches mit Gleichem. Von russischen Bombern über afrikanischen und arabischen Mittelmeeranrainern habe ich noch nicht gehört; von russischen Bomben und Granaten, die dort explodieren, allerdings schon. Anschläge auf israelische Diplomaten sind zu verurteilen. Das stimmt ja auch! Anschläge auf iranische Atomphysiker oder auf Al Quaida Führer in Pakistan sind zumindest hinzunehmen. Wer erklärt mir das plausibel? Irgendwie drängt sich doch der Eindruck auf, zwei machten da nicht nur das Gleiche, sondern auch dasselbe. Mitnichten, belehren uns Mächtige und ihre Medien. Worin besteht also der Unterschied? Die alten Römer hatten eine praktische Lösung, die lautete: „Quod licet Iovi, non licet bovi“, „was Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt“. Interessant! Sind die NATO und ihre Schützlinge geborene Götter und besteht der Rest der Welt deshalb nur aus Rindviechern? Sind Deutschland und Frankreich göttlicher Natur und siedeln in Griechenland, Portugal, Spanien nur Kühe, Ochsen und triebblinde Stiere? Das will man uns glauben machen. Hier ist die alte Einsicht, „hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“, verdreht worden zur Anmaßung, „hilf Dir selbst, dann bist Du Gott“. Göttern gleich wähnen sich manche Staatenlenker und -lenkerinnen und machen sich zu Klägern und Richtern zugleich. Lassen wir doch alle Sprichwörter sein und stellen wir fest, es herrscht in der Welt am Ende doch nur das Recht des Stärkeren – trotz aller UNO, trotz Völkerrechts, trotz EU, trotz Arabischer Liga, trotz internationaler Gerichtshöfe, trotz aller angehäufter Weisheit der Völker. Den Haag für den Balkan und Afrika, Selbstjustiz für mich! „Ist erst die Henne mein, so gehören mir auch die Eier.“ Und um die Eier geht es, nicht um Recht und Gerechtigkeit. Wie alt ist doch die Menschheit und wie wenig hat sich im Umgang miteinander geändert! Dabei könnten die Völker mit ihren Weisheiten die Welt nicht nur verschieden interpretieren, sondern auch verändern.

Geschrieben für „Links“, März 2012

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