„Vom Pumpen lebt die ganze Welt“

Dies verkündete einst Erich Mühsam in seinem Gedicht „Erziehung“. Es ist der Rat des Vaters an den Sohn, sich zum eigenen Vorteil mit Pump durch die Welt gegenseitiger Ausbeutung zu schlagen. Wie so oft, steht dem eine andere Erkenntnis gegenüber: „Borgen bringt Sorgen.“ Die gilt jedoch üblicherweise nur für den Kleinen Mann und die Kleine Frau. Üblicherweise, denn die Zeit um Weihnachten hat ja wohl gezeigt, dass das Borgen auch ganz Großen Sorgen bringen kann – dem Bundespräsidenten gar – und nicht zu kleine. Obwohl, der hat doch nichts anderes getan, als andere auch. Er hat sich bei mehreren Angeboten das günstigste herausgesucht. Dass es nicht von einer Bank kam, sondern von Freunden, sollte zum Ausgangspunkt des Verhängnisses werden. Vorteilsnahme gewährt, statt Zinsen gezahlt, war der Vorwurf, der den ehemaligen Ministerpräsidenten aus dem höchsten Amt kippen sollte. In wessen Interesse? Wer weiß? „Die große Weltpresse, diese ungeheure Lügenküche … ist abhängig von allen Maklern der Welt, den Spekulanten, den internationalen Banken und von Geheimfonds, die man den Steuereinnahmen entnommen hat.“ Das schrieb Henri Barbusse 1920. Wer solcher Presse gar noch frech kommt, wird erledigt. Unbeholfenheit treibt das Hamsterrad. „Trotz der Widrigkeiten des Metiers“, sei die Presse „eine verteufelte Macht“, erkannte Emile Zola schon im 19. Jahrhundert. Wir wissen das, und wir werden es über Nacht nicht ändern. Ob es mit dem Bundespräsidenten den Falschen, den Unschuldigen traf, sei dahingestellt. Viel interessanter ist doch die Sache mit dem Kredit. Was warf man Herrn Wulff eigentlich vor? Er hat sich doch „marktwirtschaftlich“ verhalten, der Bundespräsident; nicht anders als gleich zu Jahresbeginn die Bundesregierung. Da erreichte uns doch eine unglaubliche Meldung zu einer Neuerung auf den Finanzmärkten, die bisher unvorstellbar war: Es gibt „Minuszinsen“. Das heißt im Klartext, Geldgeber zahlen an Deutschland Gebühren dafür, dass sich Deutschland bei Ihnen Geld leiht. Das hätte sich auch ein Erich Mühsam nicht träumen lassen. Die Wortbedeutungen von „Gläubiger“ und „Schuldner“ wechseln ihren Platz. Der bisherige Schuldner wird gegenüber dem Gläubiger anspruchsberechtigt. Mühsams „Glück ist auf Ruhm und Pump gestellt“, wird auf merkwürdige Weise wahr. Deutschland kann sein Glück nicht fassen und der Ruhm des soliden Gläubigers wächst ins Unermessliche. Das Elend vieler Staaten wird zum Glück Deutschlands. Es ist so, wie wenn Oma den Banken nicht traut und das Geld zunächst in ihren Strumpf und unters Kopfkissen tut. Aus Angst, dass es aber auch dort gestohlen werden könnte, geht sie nun doch zur Bank. Allerdings legt sie das Geld nicht an, sondern deponiert es im sicheren Schließfach. Dafür muss sie natürlich bezahlen. Deutschland, das große, gebührenpflichtige Schließfach für das Geld verunsicherter Anleger! Was früher Schulden waren, ist heute eine vermögensbildende „Sicherungsverwahrung“ für Geld. In Deutschland jedenfalls. Solches musste freilich erst herbeigeführt werden: vornehmlich durch Lohnverfall, Rentenklau und Sozialabbau im eigenen Land. Das machte es erst zum Exportweltmeister, andere jedoch zu Verschuldungsweltmeistern. Solches muss jetzt abgesichert werden: vornehmlich durch Spardiktate, die man anderen aufzwingt. „Borgen bringt Sorgen“, ereilte plötzlich Staaten und erst recht dort die Kleine Frau und den Kleinen Mann. Für sie wurde die Warnung des Polonius in Shakespeares Hamlet Wahrheit: „Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.“ Die „Rating-Agenturen“ tragen durch Herabstufung der Kreditwürdigkeit das Ihrige bei. Können und dürfen sich die meisten europäischen Länder Schulden nicht mehr leisten, was bleibt dann denen übrig, die auf dem Geld sitzen, als es in sicheren Lagern für bessere Zeiten aufzuheben? Natürlich kostet das was. Deutschland reitet munter auf dem Rücken der ausnahmsweise seinen Speichel leckenden Finanzhyänen durch die Welt, und es hat sich Erich Mühsams bittere Warnung dreist in süße Wirklichkeit gewendet: „Was andere schufen, nenne dein! Was andere haben, steck dir ein! Greif zu, greif zu! Gott wird‘s dir lohnen. Hoch wirst du ob der Menschheit throhnen!“ Und wenn alles in Scherben fällt …?

Geschrieben für „Links“, Februar 2012

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