Von Kampfreserven und Jugendbrigaden oder sag‘ mir, wo die Flügel sind!

Einst hatte unsere Partei eine Kampfreserve. Das war die FDJ und das war angeblich gut so. FDJ-Chef Honecker beerbte deshalb den alten Ulbricht und FDJ-Chef Krenz folgte auf Honecker. FDJ-Chef Aurich jedoch kam nicht mehr zum Zug. Es war schon alles vorbei. Ulbricht musste man ein wenig weg beißen, Honecker unsanft beiseite schieben, Krenz fiel ins Bodenlose und da war eben auch für Aurich kein Halt mehr. Doch Kampfreserve waren sie einst alle – sie waren irgendwie einer wie der andere. Das bringt offensichtlich nicht weiter, sondern programmiert vielmehr das Ausscheiden aus der Geschichte. Die Partei aber konnte sich im freien Fall fangen. Nicht die ganze. Da war zu viel Ballast. Da war ein Panzer, der abzusprengen war. Und siehe da, es kamen Flügel zum Vorschein und wir konnten fliegen. Die Flügel trugen die alten Ideale und die neuen Träume. Sie waren dennoch nicht einfach das Junge und nicht einfach das Alte. Sie befanden sich nicht nur nebeneinander, sondern oft einander gegenüber und dennoch sicherte ihr Flattern den Flug und eine gar nicht so schlechte Landung. Ging der Flug noch über kargen Boden, so fand sich die Landung schon im Futter. Kann sein, dass deshalb weiterer Flug nicht so wichtig erschien, sondern eher Sicherung der Pfründe? Ganz falsch ist das doch nicht! Wir wurden immer stärker, nur die Flügel erlahmten. Und Alt war wieder wer und Jung strebte nach. Nur Kampfreserve war nicht mehr. Damit war es wirklich schief gegangen. Jung wollte wer werden, auch anders als Alt schon geworden, und so standen sich Jung und Alt plötzlich gegenüber – ein jedes auf seine Art. Erstaunt, nein, sogar erschrocken waren die Alten, ob des Verlustes der Kampfreserve und nannten von Stund‘ an die Jungen „Brigade“. Das kommt aus dem Italienischen und heißt „streitbarer Haufen“. Sie gingen mit den Jungen um wie die Alten immer schon und die Jungen halfen Ihnen dabei trefflich, weil sie vielleicht zu oft so waren, wie die Alten sie sich in ängstlichem Kampfesmut vorstellten. „Jugend kennt keine Tugend“, hörte man, Jugendsünden, Jugendtorheiten wurden beschworen und auch begangen. Sokrates aus dem alten Griechenland wurde erinnert, der der Jugend schlechte Manieren und Verachtung der Autorität nachsagte. Dem tönt es wiederum keck mit dem Romantiker Novalis entgegen, „wo Jugend ist, ist Republik“. Kann es sein, dass die Hackordnung für einen fluglahmen Hühnerhaufen wichtiger wurde als die Lufthoheit im Revier? Gilt Quote statt Flügel, Pfründe statt solidarischer Streit samt Lösung? Die Frage will ich nicht beantworten, weil ich sie optimistischer Weise noch für offen halte. Allerdings will ich, was die Erarbeitung einer Antwort betrifft, Bertrand Russell folgen: „Ich hätte gern eine Welt, in der das Ziel der Erziehung geistige Freiheit wäre und nicht darin bestünde, den Geist der Jugend in eine Rüstung zu zwängen, die ihn das ganze Leben lang vor den Pfeilen objektiver Beweise schützen soll. Die Welt braucht offene Herzen und geistige Aufgeschlossenheit, und das erreichen wir nicht durch starre Systeme, mögen sie nun alt oder neu sein.“

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