Vom Unterschied zwischen Gesang und Sprache – tief verwurzelte Romafeindlichkeit

Das Lied vom lustigen Zigeunerleben haben wir als Kinder in der Schule gesungen und beneideten die Zigeuner vor allem dafür, dass sie nicht in die Schule zu gehen brauchten oder aber auch dem Kaiser kein Zins zu geben hatten. Mit Letzterem hatten wir noch keine Erfahrung, wohl aber mit solchen Menschen, die man Zigeuner nannte. Sie wohnten im ehemals ungarischen heute österreichischen Burgenland am Rande des Dorfes in einer eigenen Siedlung. Wir und ihre Kinder spielten miteinander, denn sie gingen sehr wohl in die Schule. Vor dem Essen bei ihnen riet man uns ab, denn angeblich sollte es dort Katze geben. Mir ist solches nie aufgefallen, obwohl ich manchmal dort auch gegessen hatte. In der Großstadt hatten sie zeitweilig Lager aufgeschlagen am Ufer des Donaukanals. Dort rannten wir Kinder, wenn es denn sein musste, mit Angst ganz schnell durch. Einst verfolgte mich dabei ein Pferd, das dann die starke Hand seines Besitzers stoppte und mir dadurch wohl einiges ersparte. Sonst passierte nichts. Geklaut wurden wir Kinder nicht, wie uns manche und mancher als mögliches Schicksal zugeraunt hatten.

Die Erwachsenen sangen oder hörten andere Lieder über oder von Zigeunern. Sehnsüchtig kam die Schnulze aus dem Radio „Komm Zigan, komm Zigan, spiel mir was vor …“ oder das Lied „Zigeunerjunge, Zigeunerjunge …“ Zigeunermusik war beliebt, gesprochen wurde über Zigeuner aber anders. Da glich ein Zimmer schon mal einem „Zigeunerlager“, „wir sind aber doch nicht bei den Zigeunern“ kam dann der Ruf zur Ordnung.

Bereits das Wort „Zigeuner“ transportiert so viel Diskriminierung des Volkes bzw. der Völker, das bzw. die damit benannt werden, dass es offensichtlich nicht mehr umzudeuten ist und sich die Betroffenen für „Sinti und Roma“ als Volksnamen entschieden haben. „Ziguner“, „Seguner“, „Cigäwnär“ begegnen uns schon in frühen hochdeutschen Zeugnissen, auch „Zigäner“ oder „Ziganer“. Die Herkunft des Wortes ist nicht wirklich zu klären. Man findet Wurzeln in slawischen Sprachen (z.B. „cikan“ im Alttschechischen) oder meint, es stecke eine altgriechische Bezeichnung für eine ketzerische Sekte dahinter: „Athinganoi“.

Wie auch immer. Entscheidend ist, welche Assoziationen dieses Wort für die von ihm Benannten in seiner Bedeutung mitträgt. Mit dem Auftauchen des Wortes im 15. Jahrhundert in der deutschen Sprache tauchten zugleich die Assoziationen zum „fahrenden Volk“, zu „Nomaden“ und zur Kriminalität auf. In den damaligen Rechtsquellen stehen die „Zigeuner“ immer auf gleicher Stufe mit „Bettlern“, „Dieben“, allgemein mit „Gesindel“. In „Deutsches Universalwörterbuch“ aus dem DUDEN-Verlag (6. Auflage, 2007) finden wir als eine Bedeutungsvariante: „(ugs. meist abwertend) jmd. der ein unstetes Leben führt.“ Genau gelesen entpuppt sich diese abwertende Variante als die eigentliche des alltäglichen Sprachgebrauchs. Die 4. Auflage dieses Wörterbuches (2001) versucht in einer ersten Variante eine bereits weitgehend politisch korrekte, mit keiner Wertung verbundene Beschreibung der Lebensweise der mit dem Wort gemeinten Volksgruppe. „Zigeuner“ ist demnach ein „Angehöriger eines über viele Länder verstreut lebenden, meist nicht sesshaften u. mit Wohnwagen o.Ä. umherziehenden Volkes (wird von den Betroffenen selbst oft als abwertend empfunden …)“ Hier ist eine abwertende Distanz im Bedeutungseintrag nicht ganz zu übersehen. Diese macht ja auch erst den Hinweis in der Klammer verständlich. Was heißt eigentlich „mit Wohnwagen o.Ä.“? Darauf gibt kein Wörterbuch Auskunft. Es ist wohl etwas im Vergleich zu einem Wohnwagen Primitiveres, Heruntergekommeneres gemeint – ein Pferdewagen, ein Planwagen, ein ungepflegtes, z.T. defektes Gefährt? Und was meint „umherziehendes Volk“? Wiederum im DUDEN-Universalwörterbuch wird man sowohl in der 4. wie auch in der 6. Auflage vom Stichwort „umherziehen“ auf „herumziehen“ verwiesen und dort liest man als erste Bedeutung: „unstet von einem Ort zum anderen ziehen.“ Wie es der Zufall des Alphabets will, folgt darauf unmittelbar das Stichwort „herumzigeunern“ mit der Bedeutung „(salopp abwertend): herumziehen, ohne festen Wohnsitz (u. richtigen Beruf) sein u. ungeordnetes, unstetes Leben führen.“ Die Reflexion der Abwertung als Bestandteil der Bedeutung des Wortes „Zigeuner“ liegt damit ebenfalls auf der Hand. In der 6. Auflage versucht man jedoch diese vollständig zu eliminieren und gibt unter „Zigeuner“ als erste Bedeutungsvariante nur mehr an: „Angehöriger einer über viele Länder verstreut lebendenVolksgruppe.“ Hinzugefügt wird in einem Kasten der Hinweis, dass diese Benennung von der Interessenvertretung der Volksgruppe als diskriminierend abgelehnt wird. Gut gemeint ist aber oft nicht gut gemacht. Denn jetzt enthält ja das Wort „Zigeuner“ – entgegen seinem alltagssprachlichen Gebrauch – in der Bedeutungsdefinition des Wörterbuches gar nichts Diskriminierendes mehr. Es könnte also wieder als verwendbar gelten und der Hinweis im Kasten als eine nicht begründbare Empfindlichkeit erscheinen.

Dialekte sind direkt und wenig ängstlich, wenn es um Abwertung, Schimpfwörter und Ablehnung geht. Als Beispiele dafür seien ein Eintrag in „Erstes Burgenländisches Mundart Wörterbuch“ (Franz Hannabauer, 2007) und in „Steirisches Schimpfwörterbuch“ (Günther Jontes, 1998) genommen. In Ersterem finden wir unter dem Eintrag „Zigeina“, „Schimpfwort für einen verschlagenen, unverlässlichen Menschen“. Gleich im Anschluss ist vermerkt: „Zigeinahowan“, „,Zigeunerhafer‘, Peitschenhiebe als ,Doping‘ für die Pferde (um den Tieren mehr Leistung abverlangen zu können, da Hafer in schlechten, mageren Jahren – oder auch bei kleinen Pferdebauern, wie natürlich auch bei nicht sesshaften Zigeunern – Mangelware war).“ Mangelware war Hafer also bei verschiedenen Gruppen, die Peitsche als Ersatz für Nahrung wird aber primär mit den Zigeunern in Verbindung gebracht. Das „Steirisches Schimpfwörterbuch“ geizt gemäß seiner Spezialisierung bei seinen Angaben für „Zigeuner“ natürlich nicht mit Abwertendem: „Bez. für unzuverlässigen, unsteten, herumstreunenden Menschen mit verwahrlostem Äußeren; …“ Es bringt aber noch einen belehrenden Zusatz, der zunächst auf die Geschichte des Wortes und des Volkes verweist, um uns dann zu sagen, „Die Sprache der ,political correctness‘ der neunziger Jahre tabuisiert das Wort und trachtet, es durch die eigenen Stammesbezeichnungen wie Sinti und Roma zu ersetzen, wobei durchaus von ,Zigeunern‘ selber der altgebräuchliche Name unbefangen verwendet wird. Wer stets von Roma und Sinti spricht, sollte beachten, daß er dabei die Lowara und Kalderasch vergißt, die eine eigene Identität beanspruchen.“ Dies steht nicht nur im Widerspruch zu Anmerkungen in anderen, hier auch genannten Wörterbüchern, die darauf verweisen, dass die Betroffenen heute eben wegen der mit dem Wort „Zigeuner“ vielfältig verbundenen diskriminierenden Assoziationen die Benennung „Sinti und Roma“ bevorzugen. Der Verweis auf die Unvollständigkeit der Aufzählung bei „Sinti und Roma“ ist ein nachgerade perfider Versuch, die Alltäglichkeit der Abwertung mit penibler Korrektheit zu retten.

Dem kann man nur noch „Dornseiff, Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (2000, leicht veränderter Nachdruck von 1959)“ entgegensetzen. In dieser Wortsammlung wird der Wortschatz der deutschen Sprache geordnet nach seiner Zuordnung zu und Verwendung in sachlichen Zusammenhängen. Da wird der „Zigeuner“ in die sprachliche Wirklichkeit geholt. Wir finden das Wort dort verzeichnet unter „Untätig“ zusammen mit „Vagabund“ und „Zeitverschwender“. Es steht unter „Vorhersagung“ neben „Zauberer“ und „Wahrsager“. Zugewiesen wird das Wort den Sachgruppen „Reise zu Land“, „Betrug“ (in Nachbarschaft zu „Spitzbube“ und „Strauchdieb“), „gesellschaftliche Herabsetzung“ (vereint mit „Vagabund“ und „Wicht“). Dazu kommen noch Erwähnungen unter „Übersinnliches“ und „Aberglaube, Zauberei“. Trösten wird es die Sinti und Roma sicher nur in Grenzen, dass es bei ihrer Eintragung unter „gesellschaftliche Herabsetzung“ einen Zusatz in Klammern gibt: „Zigeuner (und fast jedes ausländische Volk)“. Deutscher, französischer und überhaupt europäischer Alltag sind damit im Wörterbuch offenkundig geworden.

Erschienen in: Roma. Es ist Zeit zu handeln! Hrsg. von der Delegation der Linken in der Konföderalen Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke. 2010, S. 46 – 48

Vom Fordern (ein linguo-politischer Beitrag zur Programmdebatte)

Mit dem Verb „fordern“ hat es im Programmentwurf offensichtlich eine besondere Bewandtnis. Es taucht insgesamt 32 Mal im Text auf. Dafür ist er ja auch lang genug, könnte man meinen. Bei 25 Seiten ist das aber immerhin ein Vorkommen von 1,28 pro Seite. Das lässt schon aufmerken, denn es wäre immerhin öfter als nur ein Mal auf jeder Seite. Das erreicht – Hilfsverben ausgenommen – keine andere Vertreterin dieser Wortart.
Der Durchschnitt ist jedoch das eine, die konkrete Verteilung das andere.

Drei Mal finden wir das Verb kurz hintereinander im Abschnitt „I. Woher wir kommen“. Die „Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung … forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit für alle Menschen“, lernen wir. „Die Friedensbewegung forderte die Abrüstung und vor allem die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.“ Und schließlich wird uns kundgetan: Michail Gorbatschow „… forderte durch weitreichende Abrüstungsangebote und dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan 1988 zu neuem Denken auf.“ Drei Belege für das Verb auf knapp zwei Seiten. „Auffordern“ stillschweigend hier zu „fordern“ gerechnet, ist das etwas mehr als der Durchschnitt. Man könnte also jetzt auch zwei Seiten Enthaltsamkeit vertragen. Diese geht aber deutlich weiter, nämlich in meiner Textausgabe acht Seiten lang, bis zum Abschnitt „IV. Linke Reformprojekte – Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“. Für den Linguisten zunächst ein Wink mit dem Zaunpfahl, mit der Erbsenzählerei aufzuhören und sich einer inhaltlichen Analyse zuzuwenden, die allein die Disproportion des Vorkommens des Verbs erklären kann.

Die ersten drei Verwendungen des Verbs haben andere als DIE LINKE zum Subjekt: die Arbeiterbewegung und Frauenbewegung, die Friedensbewegung und Michail Gorbatschow. Die restlichen 29 Auftritte von „fordern“ sind jedoch erstens einzig dem Abschnitt IV. vorbehalten und zweitens der „LINKE“ als dazugehöriges Subjekt. „DIE LINKE fordert“, „wir fordern“ von Seite 14 bis Seite 22. Einmal noch zur Erbsenzählerei zurückgekehrt heißt das, in diesem Abschnitt tritt das Verb fast doppelt so häufig auf, als es der Durchschnitt vermuten ließe – 2,3 Belege pro Seite. Das muss also etwas mit dem Titel des Abschnittes zu tun haben („Linke Reformprojekte – Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“) und mit der Semantik des Verbs.

Fangen wir mit der Semantik des Verbs an, um einem möglichen Zusammenhang auf die Spur zu kommen: Die Wörterbücher zeigen uns zunächst ein mehrdeutiges Verb und sie erzählen uns etwas über seine Geschichte. Es geht auf das althochdeutsche „fordaron“ zurück, was heißt, „dass jemand oder etwas hervorkommt.“ Schon diese ursprüngliche Bedeutungsvariante verweist uns darauf, dass bei dem Verb nicht nur ein Subjekt beteiligt ist, sondern noch etwas anderes bzw. jemand anderer. Das Duden Universalwörterbuch definiert die aktuelle und für uns zuständige Bedeutung mit „einen Anspruch erheben u. ihn nachdrücklich kundtun; verlangen.“ „Verlangen“ wiederum wird bestimmt als „nachdrücklich fordern, haben wollen.“ Wenn sich hier, wie oft in den Wörterbüchern, die Katze ein wenig in den Schwanz zu beißen scheint, wird doch eines zumindest schon erahnbar. Da muss noch jemand mit im Spiel sein, der oder die z.B. etwas hat, was man nicht hat, oder etwas kann, was man selbst nicht kann, was man aber dringend „haben will“. Das in der DDR erschienene Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache sagt uns das deutlicher. Es erklärt uns die Bedeutung von „fordern“ mit „nachdrücklich etw. (von jmdm.) verlangen.“ Hier ist der „Jemand“ explizit vermerkt, wenn auch in Klammern. D.h. nichts anderes als, man muss ihn in der Äußerung nicht unbedingt nennen, er spielt aber mit.

Wir sind bei des Pudels Kern. Tatsächlich bestehen „linke Reformprojekte“ und unsere Vorschläge für „Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“ 29 Mal in Forderungen. D.h., wir wollen etwas, können es auch benennen – aber nicht selbst verwirklichen. Wir fordern! Und unsere schönen Projekte und Reformschritte verkommen unter der Hand in Appelle an andere, etwas für uns und unsere Klientel zu tun, damit wir alle zufrieden sind. Sollte das wirklich unser Geschäft sein? Wir fordern?

Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, „Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken“ und ein anderer meinte, „Sprache ist dazu geschaffen, unsere Gedanken zu verbergen.“ Beides ist hier der Fall. Die Haltung, wir hätten legitime Ansprüche (was stimmt), erfüllen könnten und müssten sie jedoch nur andere, zieht sich durch linke Politik und Programmatik. Im Verb „fordern“ kommt es zum Ausdruck. Mit dem Verb „fordern“ wird aber der Nachdruck beim Verlangen derart betont, dass der Appell an andere wie eine revolutionäre Tat erscheint, also den eigentlichen Gedanken verbirgt. Ich meine, das steht uns nicht gut zu Gesicht. Wir sollten „wollen“ „anstreben“, „planen“, „erzwingen“ …. Mit uns sollte sich was machen lassen.

Zwei Nachsätze: Die KPÖ in der Steiermark hat am 4. Dezember 2010 bei ihrem Landesparteitag ein Aktionsprogramm verabschiedet, in dem folgende Sätze stehen: „Uns ist kein Problem der Leute zu klein. Gleichzeitig versuchen wir gemeinsam mit möglichst vielen arbeitenden und gesellschaftlich engagierten Menschen ein Gegengewicht zur Offensive des Großkapitals aufzubauen … Die steirische KPÖ ist gefordert, im Landtag, vor allem aber in der Öffentlichkeit und an der Basis alles zu tun, um diese Angriffe abzuwehren und gemeinsame Aktionen der Menschen zu erreichen …“  „Ist gefordert“ – grammatisch ein Zustandspassiv, politisch eine (Auf-) Forderung an sich selbst zu handeln, aktiv zu werden. Doch wozu in die Ferne schweifen? Im Programmentwurf  findet sich im Zusammenhang mit der ersten Verwendung von „fordern“ bereits die Relativierung einer Strategie des Abwälzens der Verwirklichung des Geforderten auf andere. Die ganze Wahrheit im Programmentwurf lautet: „Arbeiterbewegung und Frauenbewegung … forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit für alle Menschen. Doch erst die Befreiung aus der Herrschaft des Kapitals verwirklicht die sozialistische Perspektive der Freiheit und Gleichheit für alle Menschen.“  Dass uns dies insbesondere Marx und Engels gezeigt haben, erfahren wir auch noch. Dass die Befreiungstat nicht andere für uns erledigen können, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, singen wir doch sicher, wenn wir das Programm endgültig verabschiedet haben werden.

Begeisterung für Veränderung statt griesgrämige Linke

Robert Habeck, der derzeitige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein, legt ein Buch vor, das eigentlich alle Linken lesen sollten, bevor sie sich in die Programmdebatte unserer Partei einschalten. Der Titel provoziert, weil Patriotismus im bisherigen Verständnis kaum ein linkes Konzept ist. Patriotismus herkömmlicher Art hat auch für Habeck nichts Positives. Es ist ein Patriotismus der Bestehendes als Unveränderliches braucht, der sich über Territorien (Vaterland) definiert, über die Sprache (Muttersprache), über die Idee einer fest gefügten Gemeinschaft (deutsch). Habeck aber spricht von der Gesellschaft und versteht Patriotismus als die Teilhabe aller Individuen in ihrer Verschiedenheit an der Gestaltung der gesellschaftlichen Angelegenheiten. Kants Kategorischem Imperativ folgend möchte er Verhalten und Tätigkeit so orientieren, „dass sie als individuell bestehen können, dass jeder Einzelne in seinem Tun einen Wert und einen Sinn sieht, dass jeder glauben kann, auf ihn komme es an.“ (S. 29) Dies braucht – damit hält Habeck nicht hinterm Berg – ein positives Gesellschaftsverständnis. Es braucht „Begeisterung für Politik, Gemeinwohl, Engagement … braucht andere Menschen und die Hoffnung auf eine Verbesserung.“ (S. 23) Das macht linken Patriotismus aus. Er ist ein „Verfassungspatriotismus“, der Verfassung als Handlungsauftrag versteht, und er initiiert „eine Erzählung, die auf Veränderung setzt, auf Gerechtigkeit und Internationalität.“ (S. 21) Genau diese Erzählung liefert Habeck dann auf über 200 Seiten. Erscheint der Ansatz auch sehr „idealistisch“ und eigentlich ausschließlich im guten Willen des Menschen begründet, so bringt die „Erzählung“ doch sehr „materialistische“ Vorschläge für Veränderung. Dennoch sind es immer auch Vorschläge, die den Menschen für ihr Gelingen brauchen – an Glaube, Hoffnung und Liebe appellieren, an Solidarität als Grundlage zur Herstellung von Freiheit und Gleichheit. Den „Kalten Krieg“ als kulturelle Metapher, die immer noch Bestand hat für die parteipolitische Wirklichkeit in Deutschland, will Habeck mit seinem Konzept von Patriotismus beenden. Müssig wäre jetzt eine Nacherzählung. Die Rezension kann die Lektüre nur schmackhaft machen, wärmstens empfehlen, nicht ersetzen. Die Erzählung kämpft sich so ziemlich durch alle aktuell diskutierten gesellschaftlichen Missstände und Fehlentwicklungen und sie bietet Anstöße für linke Politik, die die von Habeck unterstellte aktuelle „Griesgrämigkeit“ überwinden hilft. Habeck will Regeln setzen, die weniger einschränken, als vielmehr in ihrer Umsetzung von der Lust getragen sind, das jeweils Richtige zu machen. Regeln versteht er als „rationalen Gesellschaftsvertrag“ (S. 33), als „Schubser“, als „sanften Zwang zur Freiheit“ (S. 109). Sein Beispiel dafür ist drastisch: Es ist die Fliege im Pinkelbecken des Männerklos, auf die Männer zielen und so nicht mehr daneben pinkeln, obwohl es weiterhin nicht „verboten“ ist. Seine Vorschläge sind z.T. nicht neu (Vermögenssteuer, Mindestlohn, Grundeinkommen, Ausländerwahlrecht …), wohl aber begründet, oft ungewohnt und weitsichtiger als wir es kennen. Das eine oder andere scheint auch etwas an den Haaren herbeigezogen, z.B. wenn er die Begeisterung der Fans für die deutsche Mannschaft bei der Fußball-WM 2006 auch als eine zumindest diffuse bzw. dialektische „Form des Protestes … gegen ein nationales Deutschland …“ (S. 51) bestimmt. Habeck meint, weil die Fans mit sich selbst dazumals auch die anderen feierten, hätte die Freude über die Nationalmannschaft den engen Raum des Nationalen überwunden.Vieles ist jedoch wirklich interessant, originell und bedenkenswert. Vor allem was Habeck zur Bildung zu sagen hat, kann man nicht ernst genug nehmen. Bildung ist ihm unverzichtbare Voraussetzung für Teilhabe und das von ihm geforderte „bedingungslose Grundeinkommen“ sollte finanziert werden aus einer Vermögenssteuer und doch an eine kleine Bedingung geknüpft sein, nämlich an Bildungserwerb. „Vermögensteilhabe und gesellschaftliche Teilhabe werden kombiniert.“ (S. 131) Grundeinkommen wird zu „Bildungsgeld“, Vermögenssteuer realisiert eine „Sozialerbschaft“ für alle. „Wie das Bildungsgeld ist die Sozialerbschaft ein hartes ,linkes‘ Umverteilungsprogramm …“ (S. 133) Beim Lesen entstand einmal der Gedanke, warum ist nicht Habeck in aller Munde, sondern Sarrazin? Nun: Habeck regt an, Sarrazin regt höchstens auf.

Robert Habeck: Patriotismus. Ein linkes Plädoyer. 207 Seiten. Gütersloh 2010.
(„Sachsens Linke“, 12/2010, S. 13)