Mit dem Verb „fordern“ hat es im Programmentwurf offensichtlich eine besondere Bewandtnis. Es taucht insgesamt 32 Mal im Text auf. Dafür ist er ja auch lang genug, könnte man meinen. Bei 25 Seiten ist das aber immerhin ein Vorkommen von 1,28 pro Seite. Das lässt schon aufmerken, denn es wäre immerhin öfter als nur ein Mal auf jeder Seite. Das erreicht – Hilfsverben ausgenommen – keine andere Vertreterin dieser Wortart.
Der Durchschnitt ist jedoch das eine, die konkrete Verteilung das andere.
Drei Mal finden wir das Verb kurz hintereinander im Abschnitt „I. Woher wir kommen“. Die „Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung … forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit für alle Menschen“, lernen wir. „Die Friedensbewegung forderte die Abrüstung und vor allem die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.“ Und schließlich wird uns kundgetan: Michail Gorbatschow „… forderte durch weitreichende Abrüstungsangebote und dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan 1988 zu neuem Denken auf.“ Drei Belege für das Verb auf knapp zwei Seiten. „Auffordern“ stillschweigend hier zu „fordern“ gerechnet, ist das etwas mehr als der Durchschnitt. Man könnte also jetzt auch zwei Seiten Enthaltsamkeit vertragen. Diese geht aber deutlich weiter, nämlich in meiner Textausgabe acht Seiten lang, bis zum Abschnitt „IV. Linke Reformprojekte – Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“. Für den Linguisten zunächst ein Wink mit dem Zaunpfahl, mit der Erbsenzählerei aufzuhören und sich einer inhaltlichen Analyse zuzuwenden, die allein die Disproportion des Vorkommens des Verbs erklären kann.
Die ersten drei Verwendungen des Verbs haben andere als DIE LINKE zum Subjekt: die Arbeiterbewegung und Frauenbewegung, die Friedensbewegung und Michail Gorbatschow. Die restlichen 29 Auftritte von „fordern“ sind jedoch erstens einzig dem Abschnitt IV. vorbehalten und zweitens der „LINKE“ als dazugehöriges Subjekt. „DIE LINKE fordert“, „wir fordern“ von Seite 14 bis Seite 22. Einmal noch zur Erbsenzählerei zurückgekehrt heißt das, in diesem Abschnitt tritt das Verb fast doppelt so häufig auf, als es der Durchschnitt vermuten ließe – 2,3 Belege pro Seite. Das muss also etwas mit dem Titel des Abschnittes zu tun haben („Linke Reformprojekte – Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“) und mit der Semantik des Verbs.
Fangen wir mit der Semantik des Verbs an, um einem möglichen Zusammenhang auf die Spur zu kommen: Die Wörterbücher zeigen uns zunächst ein mehrdeutiges Verb und sie erzählen uns etwas über seine Geschichte. Es geht auf das althochdeutsche „fordaron“ zurück, was heißt, „dass jemand oder etwas hervorkommt.“ Schon diese ursprüngliche Bedeutungsvariante verweist uns darauf, dass bei dem Verb nicht nur ein Subjekt beteiligt ist, sondern noch etwas anderes bzw. jemand anderer. Das Duden Universalwörterbuch definiert die aktuelle und für uns zuständige Bedeutung mit „einen Anspruch erheben u. ihn nachdrücklich kundtun; verlangen.“ „Verlangen“ wiederum wird bestimmt als „nachdrücklich fordern, haben wollen.“ Wenn sich hier, wie oft in den Wörterbüchern, die Katze ein wenig in den Schwanz zu beißen scheint, wird doch eines zumindest schon erahnbar. Da muss noch jemand mit im Spiel sein, der oder die z.B. etwas hat, was man nicht hat, oder etwas kann, was man selbst nicht kann, was man aber dringend „haben will“. Das in der DDR erschienene Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache sagt uns das deutlicher. Es erklärt uns die Bedeutung von „fordern“ mit „nachdrücklich etw. (von jmdm.) verlangen.“ Hier ist der „Jemand“ explizit vermerkt, wenn auch in Klammern. D.h. nichts anderes als, man muss ihn in der Äußerung nicht unbedingt nennen, er spielt aber mit.
Wir sind bei des Pudels Kern. Tatsächlich bestehen „linke Reformprojekte“ und unsere Vorschläge für „Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung“ 29 Mal in Forderungen. D.h., wir wollen etwas, können es auch benennen – aber nicht selbst verwirklichen. Wir fordern! Und unsere schönen Projekte und Reformschritte verkommen unter der Hand in Appelle an andere, etwas für uns und unsere Klientel zu tun, damit wir alle zufrieden sind. Sollte das wirklich unser Geschäft sein? Wir fordern?
Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, „Sprache ist die Kleidung unserer Gedanken“ und ein anderer meinte, „Sprache ist dazu geschaffen, unsere Gedanken zu verbergen.“ Beides ist hier der Fall. Die Haltung, wir hätten legitime Ansprüche (was stimmt), erfüllen könnten und müssten sie jedoch nur andere, zieht sich durch linke Politik und Programmatik. Im Verb „fordern“ kommt es zum Ausdruck. Mit dem Verb „fordern“ wird aber der Nachdruck beim Verlangen derart betont, dass der Appell an andere wie eine revolutionäre Tat erscheint, also den eigentlichen Gedanken verbirgt. Ich meine, das steht uns nicht gut zu Gesicht. Wir sollten „wollen“ „anstreben“, „planen“, „erzwingen“ …. Mit uns sollte sich was machen lassen.
Zwei Nachsätze: Die KPÖ in der Steiermark hat am 4. Dezember 2010 bei ihrem Landesparteitag ein Aktionsprogramm verabschiedet, in dem folgende Sätze stehen: „Uns ist kein Problem der Leute zu klein. Gleichzeitig versuchen wir gemeinsam mit möglichst vielen arbeitenden und gesellschaftlich engagierten Menschen ein Gegengewicht zur Offensive des Großkapitals aufzubauen … Die steirische KPÖ ist gefordert, im Landtag, vor allem aber in der Öffentlichkeit und an der Basis alles zu tun, um diese Angriffe abzuwehren und gemeinsame Aktionen der Menschen zu erreichen …“ „Ist gefordert“ – grammatisch ein Zustandspassiv, politisch eine (Auf-) Forderung an sich selbst zu handeln, aktiv zu werden. Doch wozu in die Ferne schweifen? Im Programmentwurf findet sich im Zusammenhang mit der ersten Verwendung von „fordern“ bereits die Relativierung einer Strategie des Abwälzens der Verwirklichung des Geforderten auf andere. Die ganze Wahrheit im Programmentwurf lautet: „Arbeiterbewegung und Frauenbewegung … forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit für alle Menschen. Doch erst die Befreiung aus der Herrschaft des Kapitals verwirklicht die sozialistische Perspektive der Freiheit und Gleichheit für alle Menschen.“ Dass uns dies insbesondere Marx und Engels gezeigt haben, erfahren wir auch noch. Dass die Befreiungstat nicht andere für uns erledigen können, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, singen wir doch sicher, wenn wir das Programm endgültig verabschiedet haben werden.