„Gabriel flog schnell hernieder …“

Nun haben wir schon wieder längere Zeit Januar. Der Weihnachtstrubel ist vorbei. Wir sind kurz nüchtern geworden, bevor uns Fasching oder Karneval wieder in Rausch versetzen. Die hier zu lesenden Zeilen wurden aber noch im Dezember geschrieben, in der Woche vor Weihnachten. Da war Advent – Ankommen, Sich-Ereignen heißt das auf Deutsch und kommt aus dem Lateinischen. Und es ist diesmal was angekommen, es hat sich was ereignet. Etwas im September des vorigen Jahres noch Unvorstellbares wurde uns geboren: die GroKo – das Ungetüm! Nach Lage der Dinge werden wir es so schnell wohl nicht loswerden. Die Sonne ist zwar nicht gleich stehen geblieben. Sie hat in gewohnter Weise das Tal durchschritten. Wir feierten dies nach sehr altem heidnischem und etwas weniger altem christlichem Brauch mit viel Licht und Tannengrün. Ich werde aber den Gedanken nicht los, dass sich da im Dezember etwas vollzog, das es in sich hat – eine neue Art von Sonnwende, ein Weihnachten neuen Typs.
Katholiken feiern jeden Morgen im Advent Rorate (lateinisch: taue) und singen, „Tauet Himmel den Gerechten …“. Tut mir leid, aber da fiel mir der Gabriel ein. Eine unheimliche, nicht enden wollende Perseveration befiel mich, was nach Wikipedia ein „beharrliches Wiederholen von … Wörtern auch in unpassendem Zusammenhang“ ist. Das Lied, „Tauet Himmel den Gerechten“, verfolgte mich. Es erzählt ja die ganze Weihnachtsgeschichte vom Anfang bis zum Ende. „Gabriel flog schnell hernieder“, teilte Maria den himmlischen Beschluss ihrer „unbefleckten“ Mutterschaft mit, und „kehrte mit der Antwort wieder …“ Dieser Gabriel ist im Lied natürlich der Erzengel. Bei mir wurde es jedoch ganz schnell irdisch. Ich will wirklich niemandes Gott und dessen Engel lästern oder deren Lieder blasphemisch missbrauchen, aber es geht weiter im Text mit des keuschen Mädchens Versprechen, „… was er will, erfüll‘ ich gern.“ An dieser Stelle perseveratorisch immer wieder angelangt verließ mich die hehre Weihnachtsgeschichte endgültig und das Volk mit seinem Schandmaul kam über mich. „Da schau her, die Merkeln“, ging es mir durch den Kopf, „da ist die zu einer Koalition gekommen wie die Jungfrau zum Kind“. Sie musste nur wollen und nichts bieten. Der Gabriel galt ab sofort aber als Nährvater des Kindes. Eigentlich brauchte er ja gleichermaßen nur zu wollen. Zu bieten hatte er nicht viel. Halb zögerte er, halb sank er hin – von allen guten Geistern verlassen. Und dann war es um ihn geschehen. Das wäre ja noch nicht schlimm. Ich werde jedoch die Befürchtung nicht los, dass es auch um uns oder wenigstens um viele von uns geschehen sein könnte. Es ist nicht nur der lange Text der Koalitionsvereinbarung, der mich so schwer beunruhigt; nein, es ist eine kurzer Satz von Gabriel, gesprochen bei der Unterzeichnung des Vertrages. Es sei ein „Vertrag der großen Koalition für kleine Leute.“ Jetzt war mir gar nicht mehr nach Weihnachten zumute, eher nach „schöne Bescherung“. Denn jetzt kam eine andere Erinnerung in mir auf. Es war 1989, kurz vor Weihnachten, auf einer der letzten Leipziger Montagsdemos. Ein Mann, der seine begeisterte Vorfreude auf nun schon fast sicher als ankommend zu Betrachtendes kaum bremsen konnte, dröhnte über die Lautsprecher in die Menge: „Die soziale Marktwirtschaft ist die Wirtschaft der Starken für die Schwachen.“ Das saß, und Helmut Kohls Verheißung der „blühenden Landschaften“, war nur mehr ein Nachhall. Nun, es ist ein wenig anders gekommen – zum Nachteil für die Schwachen und zum Vorteil für die Starken. Groß für Klein, das entpuppte sich noch immer als leere Versprechung. Das gibt es auf Dauer nicht, so wenig wie den „schwarzen Schimmel“. Die Hoffnung aber sollte niemals sterben. Da sei uns BILD davor. Am 17. Dezember 2013 verkündete das Blatt in Richtung GroKo: „Wir sind eure APO!“ Gerade BILD? 1968 ist lange her, doch wer das glaubt, dem und der bleibt wirklich nur mehr die scheue Erwartung, es tauten eines Tages die Himmel den Gerechten. Besser helfen wir uns freilich selbst, dann hilft uns Gott. Das weiß das Volk und wusste Rudi Dutschke!

(geschrieben für und erschienen in DISPUT, Januar 2014, S. 39)

Der Fuchs und der Kranich

Die meisten kennen die Fabel. Schon der alte Grieche Äsop erzählte sie: Der Fuchs lud sich den Kranich zum Mahle ein und tische die besten Speisen auf. Er wollte angeblich Frieden mit dem Kranich. Die Speisen waren jedoch alle auf ganz flachen Tellern serviert, von denen der Kranich mit seinem langen Schnabel kaum etwas aufnehmen konnte und also hungrig blieb, während der Fuchs sich scheinheilig den Bauch voll schlug.
Verlassen wir an dieser Stelle zunächst die zwei und erzählen wir eine ganz andere Geschichte. Da hatte die SPD erkannt, dass es vielleicht von Vorteil sei, Frieden zu schließen mit der Linken. Es war ihr wohl allzu langweilig immer mit den Gleichen essen zu müssen. Es nährte nicht richtig. Die einen haben nicht genug anzubieten und ärgern sich deshalb grün und am Ende vielleicht probeweise auch schwarz. Den anderen stehen üppige Mittel zur Verfügung, womit sie auch gewaltig prahlen. Mögen doch die Nahrung suchenden Gäste vor Neid erblassen, wenn sie rot vor Scham wegen der eigenen Ärmlichkeit über die Schwelle treten. Die Drohung, man könne auch mit anderen essen, sollte dem Dilemma der SPD ein Ende bereiten. Aber genug des Fabulierens. Fakt ist, die SPD hat eingeladen – nicht ohne Bedingung. Auch sie will wie der Fuchs in der Fabel bestimmen, von welchem Geschirr zu speisen sei. Und siehe, es ist wie bei Äsop: Die Schnäbel und Mäuler sind zu verschieden. Das ist nun wirklich nur schwer zu ändern. Die Linken seien gehalten, sich „regierungsfähig“ zu machen. Sie mögen endlich „vernünftig“ werden. Sie hätten also gerade jenen Dingen abzuschwören, für die allein sie bekannt sind. Den Reichen dürfte man nicht mehr vorhalten, dass sie abscheulich reich sind und sich deshalb ruhig mit mehr Mitteln an der Bekämpfung der Not anderer beteiligen sollten. Die Mittel müssten auch so reichen. Man nennt dies „finanzpolitische Vernunft“. Vor allem aber hätte man sich außenpolitisch zu qualifizieren. Das heißt, man möchte doch endlich anerkennen, dass man das Wohl und Wehe des Landes auch mal weit ab von seinen eigenen Grenzen zu verteidigen gezwungen sein könnte. Zumal wenn das die USA oder andere Partner so wollten. Naja, schimpfen dürfe man schon über den Brei, der einem vorgesetzt wird. Das macht die SPD auch oft. Ausgelöffelt müsste aber werden, was eingebrockt sei. Auch das mache die SPD ja immer wieder. Aber genug geunkt. Es ist ja doch erfreulich, dass man plötzlich zu Tisch geladen wird. Ohnehin nicht sofort, auch nicht bald, aber immerhin – es könnte durchaus sein, demnächst, in vier Jahren. Wie auch immer! Die Linke braucht die Einladung nicht misstrauisch auszuschlagen. Sie sollte die Zeit nutzen, die bis zur möglichen Mahlzeit bleibt und gleichermaßen über die Speisen diskutieren wie über das Geschirr.
Die Fabel hat ja ein anderes Ende. Der Kranich sprach eine Gegeneinladung aus und bestrafte den Fuchs mit Krügen, in denen die Speisen bereitet waren. Der konnte an die Köstlichkeiten nicht heran und war der Geprellte. In unserem Fall wären aber, würde man sich bloß abwechselnd hereinlegen, weder die SPD noch die Linken die eigentlich Leidtragenden, sondern viele Menschen in der Gesellschaft, die darauf hoffen, dass sich die alten Streithähne endlich darauf einigen, wirklich Gutes zu tun. Nicht die Brosamen von den Tischen der anderen, nein, eine eigene Küche sollte das Ziel sein und endlich ein Mahl, das Massen nährt. Es müssen ja nicht noch zwölf Körbe Rest bleiben. Nicht die Linke, sondern die SPD muss sich jetzt gut überlegen, worauf sie hinaus will. Sie wird ja gerade von den Schwarzen von einem Topf zum anderen geführt und hat meist keinen passenden Schnabel dafür. Man kann sich den Schnabel darüber wetzen. Jedoch weder wörtlich genommen wird das den Schnabel je wirklich passend schleifen für das Geschirr und die Suppen von CDU/CSU, noch lohnt es im übertragenen Sinn von „Schnabel-wetzen“, sich aufzuregen, zu schimpfen und dann doch die Brühe zu saufen. Es geht tatsächlich auch anders!

Geschrieben für Links Dezember 2013, 26.11.2013

Zweieinhalbtausend Jahre – und nichts geändert?

Es war ziemlich genau 500 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die alteingesessenen Patrizier hatten im alten Rom die ökonomische Macht und politisch das Sagen. Außer Ihnen gab es noch andere freie Bürger Roms, die Plebejer. Die mussten in Kriege ziehen, die die Patrizier wollten – für ein starkes Rom, ein starkes Imperium. Sie mussten Steuern zahlen, deren Höhe andere bestimmten. Sie arbeiteten für wenig Geld in Handwerk und Dienstleistung, so das nicht Sklaven machten. Das hatten die Plebejer einfach satt. Und weil bei Wahlen nur Patrizier gewählt werden konnten, sich dadurch also nichts änderte, beschlossen sie einfach zu gehen. Sie wanderten aus auf den Heiligen Berg und ließen die Patrizier allein zurück. Das schmeckte denen bald gar nicht mehr. Reichtum und Macht schienen gefährdet. Also schickten sie einen der Konsuln aus. Menenius Agrippa sollte die Plebejer beruhigen und zurückholen. Jener Menenius Agrippa wurde mit seiner Mission für alle Zeiten berühmt. Er erzählte den Plebejern eine rührselige Geschichte von den Gliedern des Körpers, die sich gegen den Magen auflehnten. Der lag ihrer Meinung nach nur faul in der Mitte des Körpers und ließ sich von allen bloß füttern und bedienen. Als die übrigen Körperteile jedoch ihre Dienste für den Magen einstellten, merkten sie bald, so Menenius Agrippa, dass sie selber schwächer wurden, weil der Magen sie selbst nicht mehr ernähren und stark halten konnte. In einem Körper hängen alle Teile voneinander ab. Kein Teil kann auf die Leistung der anderen verzichten und umgekehrt. Das war die Moral von der Geschichte, und die Plebejer fielen tatsächlich darauf herein, rafften sich auf und kehrten nach Rom und zu ihren Pflichten zurück. Sie hatten begriffen: „Weil jeder zählt: Das Ganze im Blick.“ Nein – Moment, das war keine Losung von vor zweieinhalbtausend Jahren. Das verkündete uns doch die CDU im letzten Bundestagswahlkampf. Der fehlende Unterschied zum alten Rom hat mich jetzt verwirrt. Sogar die männliche Form, „weil jeder zählt“, passt da auf den ersten Blick noch, haben Frauen doch zu Zeiten des Menenius Agrippa für die öffentlichen Angelegenheiten üblicherweise keine Rolle gespielt. So ist jetzt „Kanzlerin für Deutschland“ ein gewisser Fortschritt. Angela Merkel muss sich mit keinem Kaiser erst ins Bett legen, um auf die Regierungsgeschäfte maßgeblich Einfluss nehmen zu können. Also sind wir „Gemeinsam erfolgreich für Deutschland.“ „Damit Deutschland stark bleibt.“ Letzteres war jetzt aber der Brüderle von der FDP. Obwohl, es klingt fast wie Wilhelm II., der bekanntlich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges vom Balkon des Berliner Stadtschlosses verkündete: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Dann ging er daran, Deutschland „den ihm gebührenden“ Platz in der Welt zu erobern. Das ging gehörig schief. Die FDP beirrt das nicht. Zu der gehört auch Herr Westerwelle. „Starkes Deutschland. Starkes Europa“ war ihm deshalb eingefallen. Sollte da am deutschen Wesen vielleicht doch die Welt genesen?
Zurück zu Menenius Agrippa. „Das Ganze“ ist der eine Körper im Zusammenwirken seiner Teile. Die Teile des einen Körpers müssen sich lieben und unterstützen. Andere Körper und ihre Teile können deshalb nicht interessieren. Der Anführer der österreichischen Freiheitlichen Partei, H. C. Strache, erkennt deshalb glasklar das Römische im Christentum. Erst die Stadt, dann der Erdkreis, denkt sich Herr Strache. „Liebe Deinen Nächsten – für mich sind das unsere Österreicher“, schreibt er deshalb aufs Plakat. Auweia – schon wieder nur die Männer? Bei der Nationalratswahl hat es ihm aber 20,5 % gebracht. Sei‘s drum! Dass man in Rom sich wie die Römer zu verhalten hat, haben die Engländer herausbekommen. H. C. Strache nimmt das auf: „Integration ist Pflicht. Verweigerung wollen wir nicht.“ „Integration“ und „das Ganze“ bringen mich allerdings auf andere Ideen, etwa die Angleichung der Löhne und Renten in Ost und West. Und so gesehen könnte Teilen doch nicht nur Spaß machen, sondern sogar zur Pflicht werden. Da müsste sich indes nach zweieinhalbtausend Jahren etwas grundsätzlich ändern.

Geschrieben für Links November 2013, 22.10.2013