Herr K. im Knusperhäuschen

Märchen sind oft brutal. Aber die Welt und das Leben sind es auch. Das reflektiert sich in Märchen – eben märchenhaft. Märchen erzählen viel von den Ängsten, aber auch genau so viel von den Wünschen und Träumen der einfachen Menschen. Das Gute siegt über das Böse, Hilfsbereitschaft wird belohnt, Hochmut und Grausamkeit werden bestraft. Liebe überwindet alle Hindernisse. Unabwendbar erscheinendes Elend wendet sich doch noch zum Glück. Dabei geht es meist gar nicht zimperlich zu. Man muss die Märchen freilich zu lesen und zu verarbeiten wissen. Selbiges ist einem Herrn K., für die CDU Mitglied im Sächsischen Landtag, gründlich misslungen. Vom Märchen von „Hänsel und Gretel“ sind ihm wohl nur die bösen Eltern, die ihre Kinder im Wald aussetzen, in Erinnerung geblieben. Nun, toll war das ja auch nicht, was Vater und Stiefmutter ihren Kindern zumuten wollten, nur um die eigene Not zu lindern (bitte jetzt den Ärger über alle Ungerechtigkeit, die den Stiefmüttern im Märchen zuteil wird, ausnahmsweise hinunterschlucken). Herr K. zieht den Vergleich und unterstellt Eltern in Syrien, Afghanistan, Afrika das gleiche egoistische Motiv, wenn minderjährige Kinder ohne Begleitung auf der Flucht in Deutschland angetroffen werden. Was bleibt solchen Kindern übrig als der Versuch, sich an unserem wohlausgestatteten europäischen Häuschen zu sättigen. Herr K. kann offensichtlich die Hexe verstehen, die leicht empört fragt: „Knusper, knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ (Bitte jetzt alle political correctness wegen der Hexen ausnahmsweise zurückstellen). Denn auch Herr K. will Schaden von seinem Haus abwenden. Man könnte sich jetzt weiter versteigen in Analogien, bei denen lange umhergeirrte Kinder, an einem vermeintlich sicheren Ziel angelangt, zur Lüge greifen und alle Vorsicht hintanstellen um des köstlichen Mahls willen. Satt wollen sie werden, getäuscht werden sie und sehen schließlich das Verderben. Gretel muss dienen und Hänsel soll nach guter Mast wohlfeile Mahlzeit werden für die Bewohnerin des so üppig und verführerisch nahrhaften Lebkuchenhauses. Weil schließlich die verantwortungslosen Eltern dieses Schicksal der Kinder zu verantworten haben, so sollten doch die Eltern für diese Missetat bestraft werden – denkt Herr K. und tritt aus dem Märchen heraus in die Wirklichkeit. In dieser unterstellt er den Eltern, sehr wohl vom Überfluss im Knusperhaus gewusst und darauf spekuliert zu haben, dass die Kinder es finden würden. Wichtig wäre nun allein, dass die Kinder die Eltern nachholten oder sie mit dem im Haus befindlichen Reichtum beglückten, so dass alles Elend ein Ende habe. Die Hexe ist ausgeblendet. In der Wirklichkeit gibt es sie ja auch nicht. Es gibt aber Herrn K., den Rächer aller ausgesetzten Kinder. Von wegen! „Wer sein Kind allein um die weite Welt reisen lässt, sollte dafür nicht auch noch mit einer Aufenthaltserlaubnis belohnt werden,“ verkündet er allen bösen Eltern dieser Welt, die vielleicht schon vom deutschen Schlaraffenland träumen. Gerade damit jedoch hat er das Märchen und die Kinder Hänsel und Gretel endgültig missverstanden. Die Eltern hatten wirklich nichts Gutes an ihnen getan. Sie waren verzweifelt und wollten sich der Kinder entledigen. Die Kinder aber wollten nur eines: der Lebensgefahr entgehen und mit so viel Reichtum zu den Eltern zurückkehren, dass es für das restliche Leben reicht. Man könnte sich deshalb auch ausdenken, dass sie im Knusperhäuschen verbleiben und die Eltern dorthin zu holen versuchen. Sie liebten nämlich ihre Eltern! Trotz alledem! Kann sich das Herr K. in seinem sicheren abendländischen Haus nicht vorstellen? Er will die Eltern bestrafen und bestraft stattdessen Kinder, die die Not der Eltern sehr wohl kannten und sich deshalb fortschicken ließen. Herrn K. und seinen Kindern geht es gut. Ihnen fehlt es an nichts. Andere aber müssen sich von ihren Kindern trennen, in der Sehnsucht nach einer menschlichen Zukunft. Sie hoffen für ihre Kinder wie die Bremer Stadtmusikanten für sich: Etwas besseres als den Tod findet ihr überall!

(Geschrieben für Links, November 2015, 23.10.2015)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert