„Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren …“

So beginnt ein Lied, das meine Großmutter manchmal gesungen hat. Das waren Zeiten, wo man des Herzens bloß symbolisch verlustig gehen konnte, indem man es zwar einem anderen „schenkte“, damit aber nur meinte, sich verliebt zu haben – „bis über beide Ohren“, wie es im Lied heißt. Das Herz war den Menschen immer besonderes Symbol fürs Gemüt. Man verliert es nicht nur und verschenkt es. Es kann brechen. Ja, man kann sogar eines haben oder auch nicht. Das Herz ist gut, weich, weit oder kalt und hart. Unser Sprichwortlager ist übervoll mit einschlägigen Zuordnungen und Vergleichen. Die anderen Organe können da nur bedingt mithalten, wenn einem etwas „an die Nieren geht“ oder „eine Laus über die Leber läuft“ und manches „auf den Magens schlägt“. Natürlich hörte auch zu Zeiten meiner Großmutter das Herz irgendwann zu schlagen auf, selbst wenn es eigentlich noch gesund war, aber zum Beispiel die Impulse vom Gehirn fehlten. Das kann verschiedene Ursachen haben, keine schönen, jedoch unweigerlich zum Mensch-Sein gehörige. Zum Leben gehört bekanntlich auch der Tod. Dass er nicht allzu schnell eintritt, dafür haben wir die Medizin. Es war ein Südafrikaner, der Arzt Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 als Erster wagte, den Tod mit dem Leben in besonderer Weise zu verbinden: Er pflanzte dem schwer herzkranken Louis Washkansky das Herz einer fünfundzwanzigjährigen Frau ein, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Washkansky überlebte gerade mal 18 Tage. Erst mit ihm starb auch das Herz der Frau. Der zweite Patient Barnards hielt bereits 19 Monate durch. Die Sache nahm ihren segensreichen Lauf. Wir wissen heute, was die Transplantationsmedizin leisten kann. Übrigens auch und zum Beispiel in Heidelberg, in Göttingen und an vielen anderen Orten in Deutschland. Was mit Herzen geht, geht auch mit Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse. Ganze Gesichter werden verpflanzt. Die Sache nahm ihren segensreichen Lauf – ich sagte es schon – und wurde systematisch ausgebaut, was Organentnahme, Organtransport, Organverteilung und schließlich deren Transplantation betraf. Die Sprache reagierte. Es gibt „Organspender“ – die Assoziation mit „Ersatzteilspender“ verbiete ich mir – und es gibt „Organempfänger“ – wie immer männlich wie weiblich. Zwischen ihnen vermittelt eine „Organbank“. Das ist laut DUDEN eine „Einrichtung, die der Aufbewahrung und Abgabe der Organe oder Teilen von ihnen“ dient. Die Sprache ist verräterisch. Da kommt also eine Bank ins Spiel. Eine Bank ist ein „Unternehmen, das Geld- u. Kreditgeschäfte betreibt u. den Zahlungsverkehr vermittelt“, meint der DUDEN naiv. Wir wissen mehr. Die Bank nimmt ein und verteilt neu. Das klingt brav. Dabei wird aber geschoben und verschoben von einer Tasche in die andere. Geld wird zur Ware und bringt selbst noch Gewinn. Das kann des einen Ruin sein und die Quelle ständig wachsenden Vermögens anderer. Und siehe da, nicht anders funktioniert unter Umständen eine Organbank, wie wir kürzlich aus Göttingen erfuhren. Die Sache mit den Organen nahm offensichtlich nicht nur einen segensreichen medizinischen Lauf, sondern für einige auch einen segensreichen ökonomischen. Das ausgeklügelte System der Zuweisung von Organen an die Empfänger mit Klassifikationen nach Güte der Organe und Wartelisten der Patienten nach Dringlichkeit hat in der Realität einen Schwarzmarkt entstehen lassen. Ware, die rar ist, wird wertvoll. Es entstehen Begehrlichkeiten. Preise werden geboten, die nicht mehr jeder und jede bezahlen kann. Man kommt an die Ware jedoch schlecht ran, um sie profitabel verhökern zu können. Denn der Markt ist ja eigentlich geregelt. Da deklariert man kurzerhand gute Ware als Ramschware, um sie der kontrollierten Verteilung zu entziehen. Spender oder Spenderin sind eben über 65 Jahre alt gewesen und krank. Jetzt kann man ihre Organe gewinnbringend unter der Hand verkaufen. Ist das Herz erst Ware, irrt der Volksmund. „Du kannst den Himmel vermessen, berechnen der Erde Gebiet, während das Menschenherz sich aller Berechnung entzieht.“ Denkste! „Ich hab‘ ein Herz für schwarze Schafe.“ Der ironisch gemeinte facebook-Eintrag von „sheepworld“ bekommt seine makabre wörtliche Bedeutung, und ein Organspender wird nun doch zum einträglichen Ersatzteilspender. Den Kapitalismus in seinem Lauf …?

Geschrieben für Links (September 2012), 20. 08. 2012

2 Gedanken zu „„Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren …““

  1. heinrich doetsch

    du hast geschrieben, zwar mit komma und punkt, aber ohne absatz, sodass keine verschnaufpause bleibt. mir ist die luft/lust vergangen.
    si tacuisses………

  2. Peter Porsch

    Heinrich Doetsch, ich kann Dich verstehen, aber es ist das Manuskript für Links und dort besteht immer das leidige Problem mit dem Platz. Verschnaufpausen kann man aber auch selbstbestimmt einlegen – im Notfall solange Finger auf die Stelle, wo man pausiert.

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