Wenn einer eine Reise tut …

Unlängst war ich in Brüssel. Da gibt es viel zu sehen und man trifft die verschiedensten Leute. Also kann man was erzählen: Zum Beispiel über das „Atomium“, neben dem „Manneken Pis“ das bekannteste Wahrzeichen von Brüssel. Das Atomium, 1958 zur Weltausstellung in Brüssel eröffnet, gilt als Symbol für das „Atomzeitalter“. Groß und mächtig steht es noch da, klein, ja winzig aber ist die Euphorie über die „Nutzung der Urkraft im All“, wie man einst hören konnte, geworden. „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ möchte man mit Wilhelm Busch sarkastisch bemerken. Das Atomzeitalter begann mit den wohl größten je von Menschen ausgelösten Katastrophen, den Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki, sollte mit der friedlichen Nutzung der Kernkraft die Menschen in neue Dimensionen führen und muss jetzt nach Super-Gaus in Tschernobyl und Fukushima für beendet erklärt werden. Und doch können die Menschen von der Atomkraft noch immer nicht lassen – aus den unterschiedlichsten Gründen, wie die aktuellen Debatten zeigen. Die Ängstlichen, oder sind es nicht doch die Vernünftigen, warnen vor ungeahnten und Jahrmillionen währenden Folgen, gerät die Sache außer Kontrolle. Die Lobby meint aber, Sicherheit sei möglich. Die Profiteure schließen sich an, weil sie ihre Gewinne dahinschwinden sehen, bevor sich Ersatzinvestitionen rechnen. Die Technokraten beschwören notwendige Brücken in ein atomfreies Zeitalter und finden damit wieder Gehör bei den Profiteuren aus anderen Energiequellen. Das ist die Grundlage für einen Streit, der sich fast nur mehr um den Zeitpunkt des endgültigen Ausstiegs aus der Kernkraft für die Energiegewinnung dreht. Die einen wollen gar nicht raus, die andern 2034 oder 2023 oder 2018 oder 2014 oder sofort … Ist „Eile mit Weile“ Basis solider Lösungen, fragt man, oder „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“? Alte Weisheiten bringen uns hier offensichtlich nicht weiter.
Genau hingesehen, lehrt mich die Erfahrung, gibt es in einer politischen Debatte keine Wahrheiten, die schließlich als Ergebnis zutage treten, sondern es geht um Interessen, die sich am Ende durchsetzen oder unterdrückt werden. Es gibt aber Wahrheiten auf der sachlichen Ebene. Da geht es auch um die Gefahren von Alternativen: Stündlich verbrauchen die Menschen 1 Milliarde Tonnen Erdöl. Der größte Teil davon wird wohl verbrannt. Dazu kommen Kohle und Gas und deren Verbrennung als Energiequellen. Erderwärmung, Treibhauseffekt und möglicher Klimawandel sind die Folgen. Wasserkraft zerstört unter Umständen Lebensräume, Windräder verschandeln die Natur und belästigen in ungebührlicher Weise in der Umgebung Wohnende. Biosprit bringt Hungersnöte. Einzig die Sonne scheint uns Energie ohne Nebenfolgen zu liefern. Die Ausbeute reicht aber bei weitem (noch) nicht, um die notwendige Versorgung auch nur annähernd zu sichern. Die Wüsten mit Solarzellen zuzupflastern, mag auch nicht erstrebenswert sein, und die dann notwendigen Fernleitungen sind gewiss keine ungefährliche Zierde. Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht los. Oder doch?
Diese Ausgabe enthält ein Interview mit Günter Dietzsch, einem fleißigen Tüftler aus einem kleinen Dorf, pardon, einer kleinen Stadt am Rande Sachsens. Der schlägt sich nicht mit den allmächtigen „Römern“, er macht sich lieber Gedanken über die Welt und handelt in seinem überschaubaren Lebensraum. Der Aufbau einer „energieautarken Region“ in und rund um seine Heimatstadt Bad Düben ist sein Ziel. „Gemeinnutz vor Profitwirtschaft“ leitet die Sache prinzipiell und macht Akteure offensichtlich sehr viel freier, als dass es sie Zwängen unterwirft. Wir lernen, dass der Abbau von Energieverschwendung momentan die ergiebigste Quelle für Energiegewinnung überhaupt sein könnte. Da wird so manches an Belastung vermeidbar.
Zurück nach Brüssel: Das Atomium erinnert an vergangene Irrwege. Manneken Pis aber mahnt, dass auch der Mensch sich nicht auf Dauer gegen die Natur stellen kann.

Peter Porsch, geschrieben für „links“, Ausgabe Juli/August 2011

Ein Gedanke zu „Wenn einer eine Reise tut …“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert