High noon!

Der Kontrast konnte eigentlich nicht größer sein: Da saß der wahrscheinlich mächtigste Herrschaftszirkel der Welt in einem mit allen technischen Finessen abgeschirmten Raum und beobachtete auf dem Bildschirm einen tausende Kilometer entfernten Vorgang. Sie hatten ihn in Auftrag gegeben und die Ausführenden mit den modernsten technischen Mitteln, die dafür zur Verfügung stehen, ausgerüstet, die Übertragungstechnik inklusive. Mehr Technik geht nicht. Es muss irgendwie so gewesen sein, als überhole sich alle science fiction gerade selbst und das in der Realität. Das war die eine Seite. Und die andere? Jene die den Kontrast ausmacht? Diese Seite war ein Tötungsauftrag; umzusetzen nach einem vorzivilisatorischen oder höchstens frühzivilatorischen Rechtsprinzip: „Auge für Auge, Zahn für Zahn …“ . „Wanted“ war Osama Bin Laden. Aber nicht „dead or alive“, wie es alte amerikanische Westerntradition war. Nein! Nur „dead“ war erwünscht. Einzig Rache war angesagt. Recht und Gesetz waren beiseite geschoben. Die Moderne fiel ins Altorientalische zurück. Selbst dort aber war dem „Auge für Auge … “ das Gericht vorgeschaltet – im Alten Testament z.B. genau so wie im Koran. Wut und Verzweiflung waren die Ratgeber Amerikas. Das mag man sogar verstehen angesichts dessen, was der zu Tötende selbst wiederum in Auftrag gegeben hatte: 9/11 – die Zerstörung der Zwillingstürme des World-Trade-Center und damit den Tod mehrerer Tausend Menschen. Da muss man nicht trauern um einen solchen Menschen. Trauern muss man aber sehr wohl um den Verlust an Zivilisation. Präsident Obama gab seinen Auftrag im Namen einer christlich geprägten Kultur, die sich bedroht fühlt. Das heißt, der Auftrag sollte einer Kultur zu Hilfe eilen und ihre Stärke demonstrieren, die Nächstenliebe und Feindesliebe an die Stelle der einfachen Vergeltung des Gleichen mit Gleichem gestellt hat. Natürlich kann niemand verlangen, dass Amerika Osma Bin Laden liebt oder ihm gar noch die linke Wange hinhält, wenn es von ihm so brutal schon auf die rechte geschlagen war. Christliche Nächstenliebe wäre so wohl zu trivial verstanden. Die Strafe für die Tat muss aber mehr sein, etwas anderes sein als bloße Vergeltung. Sie braucht – so verstehe ich das – eine Hinwendung zum Täter, eine Beschäftigung mit ihm, die am Ende Strafe erst legitimiert. Das ist die Errungenschaft. Das ist der Rechtsstaat. Die Warnung, „sag nicht: ich will das Böse vergelten“ und „sag nicht: wie er mir getan, so will ich auch ihm tun, einem jeden will ich vergelten, wie es seine Taten verdienen“, findet sich bereits in den Sprichwörtern des Alten Testamentes (20,22; 24,29) und der Apostel Petrus wiederholt diese Warnung in seinem ersten Brief an die Ältesten der Gemeinde (vgl. 1 Petrus 3,9). Da staune ich schon, wie sich gerade eine Pastorentochter darüber freuen kann, dass es gelungen ist, Osama Bin Laden zu töten. Das ist pure Freude über Vergeltung. Nicht die Tat ist jedoch zu vergelten, sondern der Täter zu bestrafen. Seine Schuld ist festzustellen und nicht allein die Schwere seiner Tat. Das kann aber nur ein unabhängiges Gericht und kein Präsident dieser Welt. Der Oberrealist unter den Kommentatoren“, Henryk M. Broder allerdings hält solche Einwände und Gedanken für absurd und für den Bestandteil eines Wettrennens um den Ehrentitel „Kretin der Woche“ („Kleine Zeitung“, Graz, 14.05.11, S. 4). Er unterstellt dabei – wohl wider besseren Wissens, denn Kretin ist er keiner – den Bedenken, unangebrachte Trauer um Osama Bin Laden zu sein. Damit schlägt er sich offen auf die Seite jener, denen der Rechtsstaat zu umständlich und kompliziert ist. Solche betreten den Weg zur Lynchjustiz. Herr Lynch, nach dem diese Justiz benannt ist, war US-Amerikaner. In den USA wurde ihm aber auch das Handwerk gelegt und es wurden Recht und Gesetz über den Volkszorn erhoben. Wenn Amerika das verspielt, läuft es Gefahr, dass Osama und Obama nicht mehr nur wegen der lautlichen Nähe ihrer Namen verwechselt werden könnten, wie bereits geschehen, sondern auch an ihren Taten als ähnlich erkannt werden. It‘s „high noon“ Mr. President!

Geschrieben für „Links“, 23.05.2011

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