Sachsen braucht Einwanderung. Aus aktuellem Anlass hervorgekramt (Tunesien, Lampedusa und die EU …)

Am 14. Februar diesen Jahres meldete der mdr mit hörbarer Erleichterung, dass in Ägypten Entscheidungen gefallen seien. Die internationalen Verträge würden eingehalten, weshalb weiter Öl durch den Suezkanal transportiert werden könne. Das mache Anlegern Mut. Die Kurse seien im Schnitt um 2% gestiegen. Die Logik: Offene Seewege, sichere Gewinne, höhere Kurse. Der Erleichterung folgte jedoch Panik. Denn plötzlich eröffneten sich auch Menschen Seewege, wenn auch höchst unsichere mit kleinen Booten über das Mittelmeer von Afrika nach Europa. Da war keine Rede mehr von höheren Kursen. Vielmehr überstürzten sich die Überlegungen, wie man diese Seewege schnellstens und sicher blockieren könne. Das Öl aus den arabischen Ländern bringt Profit, die Menschen sind eine Last. Wem gehört aber dieses Öl? Sichert es in Europa, Nordamerika und einigen Ländern Asiens Profit, so ist es doch nicht verwunderlich, dass jene Menschen, die beim Öl wohnen, ohne ausreichend daraus Gewinn ziehen zu können, dem Öl hinterher ziehen. Das gilt natürlich ebenso für viele andere Ressourcen. Eine unendliche Geschichte, nicht erst seit heute, sondern seit Menschengedenken. Sichert das „Revier“ nicht mehr das Leben, zieht man weg. Zieht man weg, trifft man aber meist auf andere Menschen. Das gibt Konflikte, Konflikte, die man lösen kann, auf unterschiedlichste Art. Solche Konflikte zu schüren, ist mehr als fahrlässig. Es ist inhuman und einer zivilisierten Gesellschaft unangemessen. Ausländerfeindlichkeit schließt sich selbst aus der Debatte aus. Sie ist keine legitimierte Meinung, sondern letztlich nur krimineller Bruch aller Menschenrechte. In dieser Ausgabe wird die Frage nach Sachsen als Einwanderungsland gestellt. Kurt Biedenkopf hat schon zu seiner Amtszeit darauf hingewiesen, dass wir angesichts der demographischen Entwicklung unseren Wohlstand ohne Zuwanderung bald nicht mehr halten werden können. Heute gehört das zu den Allgemeinplätzen der Staatsregierung. Jetzt ist es ihr plötzlich ein Dorn im Auge, dass bei etwa 2% – 3% Anteil an Ausländerinnen und Ausländern in Sachsen verbreitet die Meinung herrscht, es seien um die 30%, und das seien zu viel. Bundesweit beträgt der Anteil ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger übrigens 8,1%. Man könnte jetzt weiter die Statistik durchforsten und käme zu erstaunlichen Ergebnissen. Z.B. beträgt der Anteil von Menschen mohammedanischen Glaubens in Sachsen gerade mal 0,1%. Oder: Die Gymnasialquote liegt bei vietnamesischen Kindern bei 75%, bei deutschen nur bei 50%. Scheinheilig ist die Position der Staatsregierung dennoch: Wie auch andere konservative Politiker will sie nur jene willkommen heißen, die Gewinn für die Wirtschaft versprechen oder zur Lösung struktureller Probleme beitragen können. Wohlstand geht so vor Menschlichkeit. Indische Ingenieure z.B. sind gefragt, tschechische Ärzte auch. Nicht gefragt wird aber, was das für Indien und Tschechien bedeutet. Es bedeutet Verlängerung der Armut in Indien und Zerstörung des Gesundheitswesens in Tschechien. Die Folge? Zurückgelassenen Menschen ziehen hinter ihren Ingenieuren und Ärzten her, so wie andere hinter ihrem Öl. Diese aber weisen wir, so es nur irgend geht, ab. „Absaugen“ von Wohlstandsgarantinnen und -garanten aus anderen Ländern und dann Mauern gegen die Folgen errichten ist erstens Kolonialismus in neuem Gewande und wird zweitens nicht durchzuhalten sein. Jeder Mensch, der mit ehrlichen Wünschen und ehrlichen Absichten zu uns kommt, ist eine Bereicherung, auch wenn er zunächst Hilfe braucht. Das ist die einzig zulässige Maxime.

Vgl. „Links“, März 2011, S. 1

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