Von Mythologie und Literatur oder was man schon immer wissen konnte.

Erdbeben gab es immer und wird es immer geben. Im Jahre 464 vor unserer Zeitrechnung zerstörte z.B. ein Erdbeben Sparta. 20.000 Tote waren die traurige Bilanz. Sturm, Hochwasser, Vulkanausbrüche, Waldbrände – alles schon immer da gewesen. Auch Tsunamis sind nichts Neues, höchstens das Wort. Am 21. Juli 365 ereignete sich ein Seebeben südlich von Kreta im Mittelmeer. Es löste eine Flutwelle aus, der der Leuchtturm von Alexandria – eines der sieben Weltwunder – zum Opfer fiel. Er ist für immer verloren. Die Ursachen für Naturkatastrophen haben sich die Menschen sehr verschieden erklärt. In Japan werden Erdbeben als Drachen gesehen. Sie sollten in vielen Kulturen Strafen der Götter sein. Sie waren aber auch schon in der Antike als natürlich verursacht vermutet. So meinte man, die griechischen Inseln schwämmen auf dem Meer und würden deshalb immer wieder schaukeln. Homer nahm bereits eine Verbindung an zwischen Vulkanismus und Erderschütterungen. Nicht selten, sondern immer öfter sind auch die Menschen selbst Verursacher fürchterlichen Unglücks. Am 2. Dezember 1959 brach bei Frejus der Staudamm von Malpasset. Ein Tsunami bei dem 400 Menschen ihr Leben lassen mussten. Der Absturz eines Jumbo-Jets würde etwa genau so viele Opfer fordern.
Egal aber wie verursacht und wie erklärt, die Menschen mussten mit diesen Katastrophen leben und leider oft auch sterben. Und das wird so bleiben. Wir können ihnen nicht entrinnen, bedingt können wir uns gegen sie wappnen: durch wissenschaftliche Vorhersagen, Bauweisen, Schutzdämme usw. Wir können sie in ihren Folgen minimieren durch Organisation, mit Hilfe von Technik. Das ist aber auch schon alles. Natur und menschliche Fähigkeit, Natur in ihren Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und zu beherrschen, stehen in Wechselwirkung; nicht selten in feindseliger. Gibt es einen Verlierer, ist es zuerst immer der Mensch, in der Folge oft aber auch die Natur. Wir sind gerade Zeugen menschlicher Begrenztheit bis Hilflosigkeit bei der Bewältigung solcher zerstörerischer Naturereignisse. Wir sind aber gerade jetzt auch noch Zeugen einer anderen Art von Katastrophe. Das ist jene der zerstörten Kernreaktoren. Von ihnen geht eine Gefahr aus, die nur mittelbar der Natur zugeschrieben werden kann, die aber Konsequenzen ungeheuerlichen, fast ewigen Ausmaßes für Mensch und Natur haben kann. Hätte die Antike Kernreaktoren gekannt und wäre einer in die Luft geflogen, es wäre die Erde heute noch an bestimmten Stellen unbewohnbar. Folgte man antiken Erklärungsmustern, so wäre die Ursache nicht natürlich und nicht primär göttlich. Sie wäre sehr menschlich, begründet in Hybris. Frevelhafter Übermut, menschliche Vermessenheit, die zur Erhebung über die Götter führt, ist mit Hybris gemeint. Modern gedacht ist es die hochmütige Erhebung über alle natürlichen Zusammenhänge, über alle Kausalketten, die die Natur unter bestimmten Umständen bereit hält. Antik gesprochen ist es auch die Ignoranz gegenüber ernst zu nehmenden Warnungen. Es ist die Arroganz auf die Kassandra trifft, die Seherin, der keiner glaubt und die doch recht hat. Antike Mythologie ist keine reine Erfindung. Sie fasst menschliche Erfahrung in einem besonderen Gewand zusammen, schreibt Göttern zu, was den Menschen allgemein eigen ist, kategorisiert menschliche Schwächen und Stärken. Hybris führt zu Katastrophen. Ihr steht nämlich bei den alten Griechen die Nemesis gegenüber, die strafende, die ausgleichende Gerechtigkeit. Wiederum modern gedacht, man vergeht sich nicht ungestraft in einer Art und Weise gegen die Natur, die nicht mehr mit dieser in Einklang zu bringen ist. Wenn der Mensch auch viel kann, er ist und bleibt Zauberlehrling und wird gerade wieder einmal die Geister nicht los, die er rief. Es steckt oft mehr an Erkenntnis in einer Ballade als in vielen dicken Büchern. Der ganze Jammer wird sichtbar im geradezu peinlichen Versuch mit den Eimern an Helikoptern die Reaktoren zu kühlen. Die Paradoxie erweist sich im Einsatz von Wasserwerfern als Kühlaggregate. Vorgehalten für das Zurückschlagen von Demonstrationen gegen die Kernkraftwerke sind sie jetzt einer zwar endlich sinnvollen, nichtsdestoweniger aussichtslosen Verwendung zugeführt. Die Atomlobby verhält sich hingegen nach wie vor wie die lykischen Bauern bei Ovid. Diese missachteten das Menschenrecht, wonach sauberes Wasser allen gehört, und wurden deshalb verflucht, als Frösche in diesem Wasser zu leben. Selbst da blieben sie jedoch unbelehrbar und versuchten, obwohl sie schon unter Wasser waren, immer noch zu schmähen, das heißt ihr eigenes schmähliches Treiben fortzusetzen.

gechrieben für „links“, April 2011

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