Wählen in der Linken oder der Naschmarkt von Burgstädt.

In Wien gibt es einen Naschmarkt. Ich war da unlängst. Auf dem Naschmarkt geht es zu, wie auf jedem Bauern- und Wochenmarkt – nur etwas größer und lauter, bunter, vielfältiger und den Besucher überrumpelnd bis an die Grenze der Hilflosigkeit. Es gibt ein überwältigendes Angebot. Die Ware wird lauthals angepriesen. Da gibt es nichts Schlechtes, nur Prächtiges, Nahrhaftes, Frisches. Nimmt man alles ernst, was so präsentiert und mit überschwänglich lobenden Worten ausgerufen wird, so müsste man eigentlich den ganzen Markt, mit allem, was er zu bieten hat, aufkaufen. Freilich macht da der Geldbeutel nicht mit und noch weniger die eigene Genussfähigkeit. Von all‘ den Tonnen herrlichster Speise und den Hektolitern paradiesischenTranks sind vernünftiger Weise nur halbe, maximal ganze Kilo und halbe vielleicht ganze oder doppelte Liter vernünftig auszuwählen und heim zu nehmen. Und die Lust, der Appetit, der Durst und Hunger können noch so groß, die Verlockungen noch so appetitlich und süß, die Werbung verführerischer nicht sein, wenn der Beutel voll ist, geht nichts mehr und das Gute muss liegen bleiben. Dass da aber jemand mal rät, was man besser liegen lassen sollte, dass da jemand einen Hinweis gibt, dass etwas vielleicht nicht so ganz das hält, was es und seine Anbieter versprechen, dass jemand kritische Fragen stellt, die ernsthaft und wahrhaft beantwortet werden, das kennt das Marktgeschehen nicht. Nun, Kostproben sind möglich. Die Angebote sprechen sozusagen für sich selbst, natürlich in ihrer ganzen hervorgehobenen Köstlichkeit. Wer schmeckt da schon Nachteile, wenn die ganze Umgebung nur Vorteile kennt?
Und nun erlaube ich mir einen Vergleich: Ich war unlängst auch in Burgstädt bei Chemnitz. Da war ein Parteitag der Partei Die LINKE. Da wurde angeboten und ausgewählt. Für ein üppiges Mahl mit vielen Gängen: Landesvorstand, Revisionskommissionen, Bundeskommissionen usw. usw. Das Angebot war mehr als üppig. Man konnte sich wirklich freuen darüber und der Anbieter waren auch nicht wenige. Sie lobten, was es nur zu loben gab – überschwänglich, eindringlich, natürlich nie aufdringlich, aber mit Überzeugung von der Qualität des oder der zu Lobenden. Die ganze wuchernde Kraft von Kompetenz in der Partei und ihrer Mitglieder wurde sichtbar, ja, spürbar, mit allen Sinnen wahrnehmbar. Da kommt Freude auf und Lust, alle für die Partei heran zu holen. Gerade dies ließ aber mehr und mehr auch eine Erinnerung keimen, eine Erinnerung, die sich immer stärker ins Gemüt schlich, die nicht mehr los zu werden war. Eine Erinnerung an Zeiten, wo man dem Angebot noch nicht so vertrauen konnte, auch nicht auf so viel Fürsprache stieß. Ganz früher, ganz am Anfang, da fragten Vorsichtige noch danach, ob denn da auch irgendwo was bemängelt werden könnte, ob das, was versprochen wurde, auch über längere Zeit und unter ungünstigen Umständen einzuhalten gelingen konnte. Da wurde nachgefragt, nach Eigenschaften und Plänen. Und man konnte sich ein Bild machen von Möglichkeiten und Grenzen, von erfüllbarer Hoffnung und vielleicht nötiger Hilfe, von erwartbaren Stärken und Schwächen. Solche Fragen gab es am Naschmarkt von Burgstädt nicht. Die Kostproben wirkten in ihrer ganzen Herrlichkeit, überlegt zurecht gemacht – zwingend überzeugend. Und indem ich wacker und überwältigt mitmachte, keinem Angebot das Lob ausschlug, wenn man es denn zu brauchen schien, begann mich eine Frage zu quälen: Sind wir wirklich so gut geworden oder ist uns nur ein nützlicher Brauch abhanden gekommen?
(geschrieben für „Sachsens Linke“ – Dezember 2009

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