Sprache macht Macht!

Das ist so eine Sache mit der Sprache. Landläufig meint man, sie drücke aus, was wir zu sagen beabsichtigen. Das ist ja auch im Normalfall so. Aber wenn wir uns erst einmal auf sie eingelassen haben, bleibt sie nicht unbeteiligt an dem, was wir sagen, und sie wirkt oft ganz subtil, fast unbemerkt. Aber sie wirkt! „Der Einsatz unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte konzentrierte sich zunächst auf die Stadt Slawansk“. Diesen Satz habe ich am 13.04.2014 im Internet bei t-online gelesen. „Der Einsatz … konzentrierte sich“? Wer ist dieser „Herr Einsatz“? Er ist immerhin in diesem Satz grammatisches Subjekt. Aber ist er auch der Akteur bei dem Ereignis, über den der Satz etwas aussagt. Nein, er ist es nicht. Der Satz ist nämlich eine „passivähnliche Konstruktion“, wie man in der Sprachwissenschaft sagt. Passiv und passivähnliche Konstruktionen sind „agensabgewandt“, so wiederum die Linguistik. Das heißt, in solchen Sätzen erfahren wir nichts oder nur wenig und Ungenaues über Akteure, über „Täter“. Man könnte hier nun einwenden, es seien im Beispiel die „Sicherheitskräfte“ als Akteure des Einsatzes mit genannt. Das sind sie. Nur wie? „Unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte“ lese ich. Also waren sie zumindest nicht die Hauptakteure. Sie waren nur „beteiligt“. Jener „Herr Einsatz“ bleibt weiter geheimnisvoll im Verborgenen, doch ER „konzentrierte SICH“ auf die Stadt Slawansk. Mag sein, meine Argumentation erscheint spitzfindig, wenn auch linguistisch abgesichert. Es steht jedoch schon zuvor dies im Text: „Nachdem Aktivisten immer mehr Verwaltungsgebäude besetzt hielten, sah sich die Übergangsregierung sich (!) zum Handeln gezwungen.“ Der erste Teil des Satzes steht im Aktiv, und wir erfahren deshalb auch, wer da so aktiv wird. Der zweite Teil wird mit diesem „sah sich“ gebildet – vor lauter Beflissenheit gleich falsch, weil zwei Mal. Und dass ja keine Zweifel aufkommen, wer die eigentlichen Schuldigen am Ereignis sind, kommt noch das Verb „gezwungen“ zum Einsatz – „sahen sich gezwungen“! Wer will jetzt noch an der Verteilung von Schuld und Unschuld zweifeln? Doch es geht munter weiter: „Das Innenministerium warf dem Kreml eine Aggression vor und sah sich nun selbst in die Offensive gezwungen.“ Der „Täter“ der Aggression ist klar benannt, das Innenministerium „sieht sich gezwungen.“ „Quod erat demonstrandum“ sagen die Lateiner, „was zu beweisen war.“
Damit keine Missverständnisse aufkommen, ich habe diesen Text gewählt, weil er demonstriert, wie man mit Sprache Interpretationsmacht erlangt, ohne es ausdrücklich zu sagen. Ob die Verteilung von „Gut“ und „Böse“, die (un)heimlich im Satz mitschwingt, so stimmt oder nicht, darüber enthalte ich mich jetzt des Urteils. Wir wissen aber, Sprache aktiviert Deutungsmuster. Dafür hält sie noch mehr bereit als die Möglichkeit, einen Satz aktiv oder passiv zu formulieren und deshalb Akteure ausdrücklich zu benennen oder die Möglichkeit zu nutzen, über sie zu schweigen. Zum Beispiel ist unser Wortschatz nicht einfach ein ungeordneter Haufen von Benennungsmöglichkeiten. Er ist sortiert. Seine Elemente sind miteinander vernetzt. Quasi in „Planquadraten“ abgelegt findet man jene sprachlichen Mittel, die man braucht, um über bestimmte Wirklichkeitsbereiche zu sprechen oder bestimmte Deutungsmuster hervorzuholen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Planquadrate „frames“ (Rahmen). Gerade feiert wieder der frame „Kalter Krieg“ fröhliche Urständ‘. Man spricht vom „Osten“ und vom „Westen“. Die alten Deutungen schwingen mit: „Osten“ gleich „Reich des Bösen“, „Westen“ als „Reich der Freiheit“. Das eröffnet dem frame „Antikommunismus“ Tür und Tor. Putin wird zu Stalin, Russland zur neu geborenen Sowjetunion. Zugleich findet sich in diesem frame das Inventar für einen rabiaten Antiamerikanismus mit Kritik am selbsternannten „Weltgendarm“. Agentenstories schlagen hüben und drüben Kabolz. Alles, was die frames „Völkerrecht“ und „Menschenrechte“ hergeben, haut man sich kreuzweise um die Ohren. Schmerzlich vermisse ich aber auf beiden Seiten die Wiederbelebung des frames der „flower power“, in dem „make love no war“ oder „petting statt pershing“ auf uns warten. Wer steckt Blumen in die Gewehrläufe? Hallo Woodstock – wir haben ein Problem!

(geschrieben für Links Mai 2014, 15.04.2014)

Die Taten der Europäer

Wilhelm und Jacob Grimms Sammlungen von Sagen und Märchen kennt wohl jede und jeder. Zumindest gehört hat man schon davon. Aber, wer kennt schon die „Gesta Romanorum“ (Die Taten der Römer)? Nur so viel: Es ist eine in Latein geschriebene Sammlung von „Exempeln“ aus dem Mittelalter. Ins Deutsche übersetzt hat sie 1842 ein gewisser Johann Georg Theodor Graesse, seines Zeichens Privatbibliothekar des sächsischen Königs Friedrich August II. Da gibt es eine merkwürdige Geschichte. Der ungarische König Conan belagert ein Schloss. Die Schlossherrin erkennt von der Mauer herab, dass dieser Ungarnkönig ein sehr schöner Mann ist. Heimlich schreibt sie ihm, falls er sie zur Frau nähme, würde sie ihm die Burg übergeben. Der Ungar lässt sich darauf ein. Die Ehe wird vollzogen. Die bereits vorhandenen Kinder der Frau fliehen. Das war der erste Tag. Was aber tat der grausame Magyare schon am zweiten Tag? Er übergab die frisch angetraute Frau zwölf Ungarn, „um sie öffentlich zu beschimpfen“, und schon am dritten Tag „ließ er sie am ganzen Körper bis an die Kehle durchbohren“. Die Begründung? „Ein solches Weib, die vor fleischlicher Lust ihre eigene Stadt ins Verderben gestürzt hat, muss auch einen solchen Ehemann bekommen“. Bei der Lektüre war ich bisher immer erzürnt über die Grausamkeit, mit der sexuelles Begehren von Frauen bestraft wurde. Männern ist dies ja in den meisten Sagen und Märchen nicht nur gestattet, Frauen sind dann auch noch der Preis für Heldentaten. Wie es heute ist, mag jede und jeder selbst bewerten. Die ganze Sache schien mir aber gerade deshalb Anfang März im Umfeld des Frauentages zitierenswert. Und dann kam uns allen etwas dazwischen: die Ukraine und die Krim. Die Geschichte jedoch blieb mir im Kopf! Wie das?
Mir fielen plötzlich die vielen „Freierinnen“ ein, die sich der sie „belagernden“ EU und NATO willig ergeben hatten oder das noch machen wollten. Ist doch geil – oder? An Folgen malte man sich die schönsten Beglückungen aus. Nun drohte nach dem Vollzug der Vermählung nicht gleich der qualvolle Tod. Die Beschimpfungen blieben aber oft nicht aus. Die Griechinnen und Griechen, Portugiesen und Portugiesinnen und manch andere Völkerschaften können das Lied davon singen. In der Ukraine wollte man es nicht hören. Und hätte man die Finger von der Liaison gelassen, wie es einige durchzusetzen versuchten, sollte man hinterher jammern wie die stolze Prinzessin im Märchen vom König Drosselbart: „Ach hätte ich ihn doch genommen, den König Drosselbart!“ Vom Märchen wissen wir, dass sie ihn schließlich „genommen“ hatte – nicht freiwillig und zunächst unter Vorspielung falscher Tatsachen. Dieses Märchen hat aber ein „happy-end“. Der die Braut zunächst zum Betteln gezwungen und bösen Schikanen ausgesetzt hatte, entpuppte sich am Ende doch als der verschmähte König und späte Glücksbringer. Wer glaubt, dass es auch heute so enden könnte, … siehe oben. Oder es wäre anzunehmen, dass Stolz und freier Wille einer Seite zuvor gebrochen werden müssten, ehe das Glück einkehren könnte. Dass im Fall der Ukraine gleich zwei Freier konkurrierend auftauchten, machte die Sache nicht besser und ließ kaum alternative Perspektiven erhoffen. Die Wirklichkeit enteilte ohnehin der Analogie zu Märchen und Sagen. Wie sie sich am Tag des Erscheinens dieser Kolumne darstellen wird, ist noch nicht abzusehen. Den Freiern ist die Braut nicht mehr wert als ein Regenwurm, den man in zwei weiterlebende Hälften zerteilen kann. An die Stelle ästhetischer Sprache tritt im Kampf um die Hälften die Brutalität der Schmähreden. Durch die Sprachrohre dröhnen die gegenseitigen, vergangen geglaubten Schuldzuweisungen. Die Welt aber hat Angst. Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und fünfundsiebzig Jahre nach dem Aufflammen des größten Weltenbrandes aller Zeiten, des Zweiten Weltkrieges, geht die Furcht vor neuerlicher Wiederholung um. Moment mal! „Ausbruch“? „Aufflammen“? Nein, das gilt für Kriege nicht. Sie werden noch immer von Menschen gemacht. Märchen und Sagen sind hierzu übrigens sehr präzise.

(geschrieben für Links April 2014, 20.03.2014)

Der Schwarze hat seine Schuldigkeit getan …

Der Friedrich war‘s! Zum Glück nicht der Friedrich Schiller, sondern der Friedrich mit Nachnamen; der frühere Innenminister und kurzzeitige Agrarminister von der tiefschwarzen CSU. Weil es der war, kann ich mir politisch korrekt den „Mohr“ vom Schiller ersparen und für „Links“ weiterschreiben. Bei Schiller heißt es übrigens, „Der Mohr hat seine Arbeit getan…“ Aber lassen wir sprachliche Spitzfindigkeiten. Das und der „Schwarze“ haben es mir angetan. Bei Schiller wird Fiesko von einem gut informierten Mohren sozusagen „schwarz“ darüber informiert, dass es ein Mordkomplott gegen ihn gibt. Zum Beweis wird ein Brief überbracht, aus dem die Verschwörung ersichtlich ist. Jetzt nur keine platten Analogien, aber Edathy, Friedrich, Staatsanwaltschaft, Gabriel, Oppermann usw., das sind die Akteure in der wirklichen Verwicklung und Verschwörung. Der Schiller hat es jedoch geahnt und auf die Bühne gebracht, wie es zugeht bei den Staatsgeschäften – damals in Genua und heute in der „Schwarzen Republik“. Damals mit Fiesko, heute als Fiasko.
Der Edathy hat sich schwarz Fotos von nackten kleinen Jungs besorgt – wurde behauptet. Diese Schweinereien sollen uns nicht weiter interessieren. Dafür gibt es Polizei, Staatsanwälte und Gerichte. Das ist aber das eigentliche Problem. Ermittler (und sicher auch Ermittlerinnen) hatten bei Edathy möglicherweise ins einschlägig Schwarze getroffen. Ihm drohten nun schwarze Tage, weshalb wiederum Herr Friedrich – damals noch Innenminister – Herrn Gabriel – damals nur Parteivorsitzender der SPD – unter der Hand, also eigentlich illegal, man kann auch sagen schwarz informierte. Es liefen gerade die Verhandlungen für die Große Koalition und Herr Friedrich sah schwarz für deren Erfolg, wenn Missetaten des Edathy ans Licht kämen. Edathy war schließlich nicht irgendwer, sondern Hoffnungsträger der SPD und vormals Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages und aktuell Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Sicher ärgerten sich die rosa Genossen schwarz ob der drohenden Gefahr. Die Warnung gelangte auf zumindest dunklen, wenn schon nicht schwarzen Wegen zum eigentlichen Delinquenten. Sorgte der für Schwärzung und Vernichtung allen belastenden Materials? Jetzt war es an der Staatsanwaltschaft, sich schwarz zu ärgern. Der Schwarze, der Friedrich aber hatte – wie gesagt – seine Arbeit getan, die Post zur Verschwörung überbracht und konnte gehen. Die „Schwarze Republik“ in den Farben Schwarz-Rot war gerettet. Fontane weiß bereits wie im Schluss seines Gedichts „Die Alten und die Jungen“: „Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an. Sie beherrschen die Szene, sie sind dran!“
Genug des „Schwarzen“ könnte man denken. Diese Republik hat jedoch noch mehr zu bieten. Z.B. Alice Schwarzer. Das ist kein wohlfeiler Kalauer eines übermütigen Glossenschmiedes. Gegen diesen Verdacht bringe ich vor, dass sie immerhin Schwarzgeld schwarz über die Grenze in die Schwarz, Verzeihung, Schweiz gebracht hat. Dem deutschen Fiskus wollte sie nicht das Schwarze unter den Nägeln gönnen. Ein Fehler, wie sie jetzt einräumt, um aus Schwarz vielleicht noch Weiß machen zu können. Wenn auch das Sprachspiel nur auf Schwarzer passt, der Schwarzen Schafe haben wir viel mehr. Der Hoeneß wurde ins Licht gezerrt, ein paar andere auch, darunter ein Staatssekretär in Berlin und Liebling seiner Partei. Doch die im Dunklen sieht man nicht (weiß schon Brecht). Es sind viel mehr, sehr viel mehr! Ich will nicht schwarzmalen, aber irgendwie kommt mir vor, dass ein Großteil unserer so genannten Eliten ziemlich verkommen ist. Wie „Schwarze Löcher“ saugen sie gierig alles in sich hinein. Licht geben sie keines ab. Man kann auch sagen, sie sind keine Leuchten und helfen nicht in schwarzer Nacht. Sei‘s drum: Selbst die schwärzeste Nacht endet mit der Morgenröte. So viel nur zu den anstehenden Wahlen. Die Schwarzen können gehn!

(geschrieben für Links März 2014, 15.02.2014