Sein und rechtes Sollen

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Gerade in den wohlhabenden europäischen Ländern wie vor kurzem in Dänemark, in Österreich, in Frankreich oder Finnland, aber auch in Ungarn und nicht zuletzt auch bei uns feiern rechtspopulistische, nationalistische, ausländerfeindliche, antiislamische Parteien und Bewegungen bei Wahlen und auf der Straße Erfolge. Übersehen kann man dabei nicht, dass die rechten Agitatoren Ängste schüren, die angesichts zuvor lange nicht gekannter Flüchtlingsströme nach Europa bei nicht wenigen aufkommen. Das Buhlen um die Ängstlichen und das irrationale Bestätigen ihrer Ängste hat System. Eine Partei, die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) heißt, tut sich in dieser Sache besonders hervor, ist Vorbild für ähnliche Parteien in anderen Ländern, entwickelt unheilvolle Initiativen auch auf europäischer Ebene. Der jüngst erfolgte Zusammenschluss einschlägiger Parteien zu einer Fraktion im Europaparlament geht maßgeblich auch auf diese Partei zurück. Sie nennt sich gerne „soziale Heimatpartei“. Mit Losungen wie, „Fremd im eigenen Land“, „Heimat und Werte erhalten“ oder „Heimatland in Heimathand“, suggeriert sie Heimatverlust und zumindest Gefahr für Hab und Gut durch Überfremdung. Bei den Gemeinderatswahlen in der Tiroler Hauptstadt Innsbruck verstieg sich der Spitzenkandidat der FPÖ auf seinem Plakat zu dem Spruch, „Heimatliebe statt Marokkanerdiebe“. Das Plakat musste auf Initiative der marokkanischen Botschaft eingezogen werden.
Mit Forderungen wie „Wohnungen statt Moscheen“ oder „Grenzkontrollen sofort“ hat diese Partei bei Landtagswahlen in den österreichischen Bundesländern Steiermark und Burgenland kürzlich ihre Stimmenanteile fast verdreifacht. Im Burgenland gingen daraufhin die Sozialdemokraten (SPÖ), die knapp vor den Konservativen (ÖVP) und eben der FPÖ die Wahlen gewonnen hatten, eine Koalition mit der FPÖ ein. Das bringt der SPÖ derzeit eine Zerreißprobe. Der SPÖ-Bürgermeister von Wien, wo im Herbst Wahlen anstehen, hält die Koalition für einen Fehler und distanzierte sich deutlich, wie nicht wenige in seiner Partei, von diesem Bündnis. „Grenzkontrollen sofort“, brachte der FPÖ den Erfolg im Burgenland mit seiner Grenze zu Ungarn. Gerade die Öffnung dieser Grenze wurde 1989 bejubelt und läutete das Ende des „Staatssozialismus“ in Europa ein. Ein neuer „Eiserner Vorhang“ wird gerade mit österreichischer Hilfe zwischen Ungarn und Serbien errichtet. In der Steiermark musste der Wahlsieger SPÖ den Posten des Landeshauptmannes (vergleichbar unseren Ministerpräsidenten) an die zweitstärkste ÖVP abgeben, um eine Koalition ohne FPÖ zu retten.
Halbherzige Politik bereitet den Boden für den Erfolg. Ein einschlägiger Journalismus steht den Angstmachern der FPÖ zur Seite. So weit, so schlecht! Neuerdings wurde jedoch eine unglaubliche, in ihrem Zynismus kaum mehr zu übertreffende Steigerung Realität: Die steirische Landeshauptstadt Graz erlebte am 20. Juni eine fürchterliche Tragödie. Die Stadt ist bunt, sie besitzt südländisches Flair und zeigt Bodenständigkeit, ist steirisch und weltoffen zugleich. Studierende aus vielen Ländern machen sie jung. Dazu kommen aus den unterschiedlichsten Gründen Zugewanderte. Die Stadt ist sichtbar multikulturell, ohne ihr traditionelles Gesicht auch nur im Ansatz verloren zu haben, und in der Mehrheit ihrer Bewohner erfreulich tolerant. In dieser Stadt tobte an besagtem Tag ein Amokfahrer mit seinem Auto durch die samstäglich belebte Innenstadt. Er hinterließ ein Schlachtfeld, drei Tote (eine Frau, ein Mann und ein vierjähriges Kind) und 36 zum Teil schwer Verletzte. Die Stadt stand und steht noch immer unter Schock. Ein Heinz Christian Strache, seines Zeichens Bundesvorsitzender der FPÖ, nutzte jedoch die Gunst der Stunde. Als – warum eigentlich? – gemeldet wurde, der Amokläufer sei österreichischer Staatsbürger bosnischer Herkunft, war seine prompte Botschaft: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen.“ „Wird nicht ausgeschlossen“ – von wem eigentlich? Wie sich herausstellte, nur von Herrn Strache und einem Journalismus, der seine Instrumentalisierung des unendlich Tragischen subtil unterstützt.
Der 26-jährige Wahnsinnstäter war in Bosnien geboren, aber bereits im Alter von vier (!) Jahren mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem Krieg in Jugoslawien nach Österreich gekommen. Die Motive für die Tat lagen offensichtlich in unbewältigten familiären Problemen. Das meldeten die Ermittlungsorgane und alle seriösen Medien. Ob sie in voller Absicht und wütend geplant begangen wurde oder psychotisch gelenkt war, blieb auch in der Woche danach noch offen. Die in diesen Dingen niemals zimperliche „Kronen-Zeitung“ beförderte jedoch in ihrer Berichterstattung eine andere Richtung: „Laut derzeitigem Ermittlungsstand ist der 26-jährige Amoklenker zwar kein Mitglied einer Islamistengruppe, doch sein blindwütiges Vorgehen gegen völlig unbeteiligte Passanten trägt leider auch die schreckliche Handschrift von Dschihadisten-Einzelkämpfern“ (12.Juni, S. 5). Der Verdacht ist eröffnet! Jetzt kann es munter weitergehen. Man erinnert an eine Großaktion der österreichischen Polizei im Herbst des Vorjahres, als in mehreren Städten Österreichs, so auch in Graz, eine Großrazzia gegen die „Islamistenszene“ (Deckname „Palmyra“) stattfand. „Noch kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem gebürtigen Bosnier um einen ,Schläfer‘ … handelt …“. Man sichert sich freilich ab und bestärkt zugleich den Verdacht: „Fix ist nur, dass der Amoklenker NICHT zu den Verdächtigen im Islamisten-Fall ,Palmyra‘ zählte“ (ebenda). Sonst ist aber wohl alles möglich? Am Tag darauf legte man nach: „Alen R. soll neue Freunde kennengelernt haben und öfters in eine Moschee gegangen sein“ (22. Juni, S. 11). Die Absicherung folgt wieder auf dem Fuß: „Dass er dort radikalisiert worden ist, ist Spekulation“ (ebenda). Möglich ist aber bei solchem Umgang alles: „Die Diagnose, er könnte unter einer Psychose leiden, beruht auf der Vermutung einer Polizeiärztin“ (ebenda). Was weiß die schon? Das fügt sicher so mancher und manche in Gedanken hinzu. Leserbriefe und viele Kommentare zur Berichterstattung in der Internetversion der Zeitung bestätigen dies: „… und wenn es doch Terror war und die uns nur beruhigen wollen …?“ „Soll“, „zwar“, „wenn“, „doch“, „leider“, „nur“ …; vorsichtshalber also doch „Ausländer raus!“? – Die giftige Soße ist angerührt.

(Geschrieben für Links, Juli/August 2015, 25.06.2015)

Nach den Anschlägen vor allem in Tunesien und Frankreich, aber auch in Kuwait vom 26. Juni 2015 füge ich hinzu: Wer alle unsere Mitmenschen mit ausländischer Herkunft unter Generalverdacht stellt, bekämpft tatsächlich bedrohlichen Terrorismus nicht, sondern treibt ihm Menschen in die Arme, zumal wenn sie persönliche Probleme haben.

Ein Schelm, der Böses dabei denkt …

Der Schelme (und Schelminnen) gibt es offensichtlich sehr viele, zumindest wenn es darum geht, Wirklichkeit und Wahrnehmung von sexueller Vielfalt in der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. BILD bildet da zum Beispiel in besonderer Weise: „Linke kämpft für mehr Schwul-Unterricht“. Das war eine Überschrift in der Dresdner Ausgabe vom 10.06.2015. „Schwul-Unterricht“? Was war geschehen? Der Untergang des Abendlandes sollte im Sächsischen Landtag heraufbeschworen werden. Da waren sich BILD mit ihrer Überschrift und die Abgeordneten von CDU und AfD einig. Sie dachten sich unisono Böses bei einem Antrag der Fraktion DIE LINKE, der die Sexualbildung in den sächsischen Schulen modernisieren wollte. Es sollte Schülerinnen und Schülern die reale Vielfältigkeit sexuellen Lebens nicht vorenthalten und auch die real längst in Frage gestellte binäre Kategorisierung der Geschlechter in Mann und Frau problematisiert werden. Wir wissen alle, dass mit den alten Erzählungen von sexueller „Normalität“ Ausgrenzungen und Diskriminierungen verbunden sind, mit zum Teil fatalen Folgen für Betroffene. Warum sollte das in der Schule nicht thematisiert werden? „Schwul-Unterricht“ war da nicht vorgesehen, wohl aber zum Beispiel und unter anderem die Unterrichtung über die Realität von Schwul-Sein. Die Schelme, männlich und weiblich, wollten das aber nicht wahrhaben. Die Vermutung des Bösen, dem unsere Kinder in der Schule ausgeliefert werden sollten, trieb seltsame Blüten. „Die Schule darf nicht zum Experimentierfeld des Zeitgeistes werden“, empörte sich Herr Sebastian Fischer von der CDU. Der Bezug zur Wirklichkeit sexueller Vielfalt wurde als eine „ideologisch verordnete Sexualbildung an Schulen“ denunziert. Von der AfD kam die Mahnung, dass die Kinder in der Schule Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen hätten und das Abfassen sprachlich korrekter Bewerbungsschreiben. Ihre Sexualität sollten sie aber selbst entdecken. Auweia! Das tut wirklich weh! Rechnen, Schreiben, Lesen – das ist Zeitgeist der Kaiserzeit. Mehr war für Untertanen und künftige Soldaten damals nicht nötig. Befähigung oder gar Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben war gleichgestellt mit Gotteslästerung. Sexualität dient einzig der Fortpflanzung. Lust ist Sünde!
„Die Sexualität selbst entdecken“ – das heißt doch letztlich die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Sexualität alleine zu lassen, mit all den frühen Überraschungen, aber auch Nöten, verqueren Phantasien und Schuldgefühlen, sie letztlich der Aufklärung auf der Straße und tollpatschigen Ersterlebnissen mit sich selbst und anderen zu überantworten. Das war Zeitgeist vor noch nicht allzu langer Zeit und sehr wohl auch Unterrichtsprinzip in den Schulen. „Schwul-Unterricht“? Wenn es den überhaupt geben kann, dann fand er in einem anderen Typ Schule statt. Es wird sich im Osten Deutschlands kaum noch wer vorstellen können, wie es in Knaben-Schulen (und sicher auch in Mädchen-Schulen) zuging. Ich habe 12 Jahre Knaben-Schule durchlaufen. Dort wurde in der Pubertät Homosexualität zum heimlichen Notprogramm heterosexuell veranlagter Menschen, was übrigens der Diskriminierung von Homosexualität auch noch Vorschub leistete, weil die Heteros ihre Ausflucht als „beschämend“ und ihren eigentlichen Sehnsüchten widersprechend empfanden. Liebe Leute von CDU und AfD und BILD, habt ihr denn übersehen, dass es eine Entwicklung gibt: Ehebruch (einst § 195 StGB) ist längst nicht mehr strafbar. Hoteliers müssen gemeinsam übernachtende Paare nicht mehr nach der Eheurkunde fragen, weil sie sich ansonsten des Verdachtes der Kuppelei aussetzten. Der § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, existiert nicht mehr. Aber Frau Andrea Kersten von der AfD sagt: „Die Ideologie ,Gender‘ ist durch die Bürgergesellschaft nie legitimiert worden“. Natürliches Geschlecht unterliegt aber sozialer Prägung, und ist auch soziale Konstruktion, die an der Realität der eigenen sexuellen Einordnung von Menschen vorbeigehen kann. Frau Kersten aber schließt (mit Christian Morgenstern) „messerscharf – (dass) nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Eine Schule, die so an die Welt herangeht, sollten, nein müssen wir unseren Kindern wirklich ersparen. Das gilt übrigens nicht nur für die Sexualität!

(Geschrieben für Links Juli/August 2015 – 16. Juni 2015)

Wie christlich ist das Abendland?

Gegenfrage: Muss es denn überhaupt christlich sein? Wenn man die Bezeichnung Abendland nur aus dem westlichen Sonnenuntergang herleitet und ihm das Morgenland einzig als die östliche Gegend des Sonnenaufgangs gegenüberstellt, ist diese Frage leicht zu beantworten. Das Abendland muss nicht christlich sein! Morgenland und Abendland sind jedoch mehr – sie sind kulturelle Konzepte. Deshalb findet man in fast allen Ausführungen zum Abendland das Attribut „christlich“. Es ist nicht das einzige. Ergänzt wird es verschiedentlich durch „germanisch“, „römisch“, „jüdisch“ oder „christlich-jüdisch“. Als herausgehobene Charakteristik bleibt aber immer das „Christliche“ dieses Abendlandes. Dadurch erscheint es so manchem und mancher offensichtlich kulturell überlegen. Das treibt Leute um, sich auf der Grundlage eines sich selbst zugeschriebenen, wachsamen „europäischen Patriotismus“ gegen die angeblich drohende „Islamisierung“ ihres Abendlandes zu wenden. Also bleiben wir bei der Frage des Titels!
Die Antwort werden wir nicht in Statistiken der Religionszugehörigkeit finden. Das christliche Abendland definiert sich nicht über die verschiedenen christlichen Kirchen und die Anzahl der Gläubigen. Es verstehen sich seine Apologeten vielmehr als kulturelle Gemeinschaft, die durch Werte begründet ist, die dem Christentum und seinen Traditionen entspringen, unabhängig von Bekenntnissen und Glaube. Ich will jetzt nicht beckmesserisch fragen, ob ein großer Teil dieser Werte nicht allgemein-menschlich sind. Die Weltliches betreffenden Gebote der bekannten zehn jüdisch-christlichen findet man wohl in fast allen Kulturen und Bekenntnissen. Da geht es um den Respekt der Nachkommen vor den Vorfahren, um Schutz des Lebens vor Gewalt, um kontrollierte Sexualität, um Eigentum und Wahrheit. Schön wäre es, wenigstens das christliche Abendland hätte sich daran gehalten. Es hat mit seinen Kriegen das Tötungsverbot oder das Verbot sich fremdes Eigentum anzueignen stets ignoriert. Man hat sich nicht nur fremden Besitz angeeignet, sondern auch fremde Menschen. Das ist sehr römisch, aber wenig christlich. Es gab Zeiten, da überquerten Schiffe von Afrika kommend die Weltmeere, mit menschlicher Ware in den Laderäumen, und die Fracht war willkommen als billigste und rechtlose Arbeitskraft. Menschenwürde, jeder Mensch als Gottes Ebenbild, wie es das Christentum versteht, galt nichts. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden afrikanische Familien in abendländischen Zoos als Attraktion ausgestellt. Aber das gibt es heute alles nicht mehr – sagt man. Die klassische Sklaverei ist längst abgeschafft. Die Würde des Menschen ist unantastbar, legen europäische Verfassungen fest. Vor dem Gesetz sind alle gleich, wie im Christentum vor Gott. Das alles sind Fortschritte.
Ich bin kein Pastor, ich will hier keine Bibellehre veranstalten. Dennoch, es treibt auch mich ungläubigen, aber zwangsläufigen Abendländer etwas um: Das sind Sätze aus dem Evangelium von Matthäus; dort nachzulesen im Kapitel 25, Verse 31 – 46. Matthäus spricht vom Weltgericht, bei dem endgültig die „Schafe von den Böcken“ geschieden werden. Den Schafen wird der Himmel zu Besitz gegeben. Die Böcke aber fallen der ewigen Verderbnis anheim. Warum? Von den Schafen behauptet der richtende „Menschensohn“, sie hätten ihm zu essen gegeben, als er hungrig war, zu trinken, als er durstig war, ihn aufgenommen, als er fremd und ohne Obdach war usw. Alles erdenklich Barmherzige war ihm, dem Göttlichen durch die Schafe, durch die Gerechten zuteil geworden. Die wundern sich jedoch und erwidern, sie könnten sich nicht erinnern, den Menschensohn je so gut behandelt zu haben. Dieser räumt das auch ein. Er selbst war nicht der Nutznießer der Barmherzigkeit, aber sie hätten andere so gut behandelt. Der Schlüsselsatz: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Antwort auf die Frage, wie dieses „christliche Abendland“ mit den Hungrigen, Fremden, Nackten, Durstigen, Kranken, Gefangenen dieser Welt umgeht, ob es solche gar selbst zu verantworten hat oder nicht, ist die Antwort auf die Frage, wie christlich das Abendland denn nun wirklich ist.

(Geschrieben für Links, Juni 2015, 19.05.2015)