Multikulturalität versus Ethnozentrismus. 12 Thesen

1.Die Welt gerät entlang der Flüchtlingskrise aus den Fugen. Ein Weltkrieg, getarnt als Krieg der Kulturen, scheint nicht mehr unmöglich. Die Gesellschaft zerreißt und droht in Gewalt unterzugehen. Die Europäische Union zerfällt fast im Minutentakt in nationale und regionale Egoismen. Der Kontinent ist von Stacheldraht durchzogen. Es gab noch nie in Friedenszeiten so viele „Eiserne Vorhänge“, die Europa zerteilten. In dieser Situation ist Verantwortung gefragt, Verantwortung der Politik, der Wissenschaft, der Bildung, der Wirtschaft, der Kunst und aller humanistisch geprägten Menschen. Dieser Verantwortung muss sich auch DIE LINKE stellen. Das ist nicht leicht, wird sich sicher auch kontrovers vollziehen. Vor entsprechenden Debatten dürfen wir nicht zurückschrecken. Konsens muss sein, dass wir Grenzen hin zu Unmenschlichkeit, Rassismus, Ethnozentrismus, Ausländerfeindlichkeit, rechtsradikalen, neofaschistischen Ansätzen nicht überschreiten. Diese Grenzen müssen wir natürlich immer auch selbst definieren, wir finden sie aber nicht zuletzt in den Äußerungen der Trägerinnen und Träger der inkriminierten Einstellungen. Die Gefahr von rechts ist mit Pegida, Afd und verwandten Parteien in den europäischen Ländern oder mit der Bewegung der Identitairen evident. „Wir sind das Volk“, wurde zum Kampfruf einer neuen, kulturell verirrten bzw. ganz und gar kulturlosen, irrationalen, emotional aber aufgestachelten „Revierverteidigung“. Kriminalität wird zum Selbstschutz umgedeutet. Nähe oder gar Übereinstimmung darf da nicht aufkommen. Die Situation verlangt von uns Sensibilität und Genauigkeit.

2.In den Auseinandersetzungen spielt das Wort „Kultur“ eine besondere Rolle. Mit ihm ist eine Verwischung der Grenzen besonders leicht möglich. Die Vielzahl unterschiedlicher Konzepte von „Kultur“ macht das Wort im Zusammenwirken mit seiner Hochwertigkeit zum Kampfbegriff besonders geeignet. Fehlen genaue Bestimmungen, was unter Kultur zu verstehen ist, treten nicht nur Missverständnisse auf, sondern es eröffnen sich auch vielfältige Möglichkeiten der gegenseitigen Einvernahme oder Diskreditierung, je nach politischer Opportunität. Daran wird fleißig gearbeitet, weshalb es notwendig ist, sich gerade hier in die Debatte einzumischen. Es ist freilich auch die schwierigste Stelle. Nötig, hier aber nicht zu leisten, wäre eine Auseinandersetzung mit der konzeptionellen Trennung von „Zivilisation“ und „Kultur“.

3.Versucht man die Pole im Spektrum der Kulturkonzepte zu bestimmen, so trifft man einerseits auf „Kultur“ als „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“ (Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 8. Auflage, Berlin 2015). Nimmt man dies als ein kulturwissenschaftliches Konzept, das auch alltagssprachlich sehr verbreitet ist, so bilden den anderen Pol eher soziologisch orientierte Kulturkonzepte etwa der Ethnographie der Kommunikation oder der Cultural Studies. Dafür steht z.B.: „A society‘s culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate in a manner acceptable to its members, and to do so in any role that they accept for any one of themselves.“ (Goodenough, Cultural Anthropology and Linguistics. In: Dell Hymes (Hrsg.) Language in Culture and Society, New York 1964, S. 36). Hans Jürgen Heringer schlägt vor: „Eine Kultur ist eine Lebensform … Kultur ist entstanden, sie ist geworden in gemeinsamem menschlichen Handeln. Nicht dass sie gewollt wurde. Sie ist vielmehr ein Produkt der Unsichtbaren Hand. Sie ist ein Potenzial für gemeinsames sinnträchtiges Handeln. Aber das Potenzial zeigt sich nur in der Performanz, im Vollzug. Und es ist entstanden über Performanz“ (Interkulturelle Kommunikation, Tübingen und Basel 2004, S. 107). Es wird in der einschlägigen Literatur der Ethnographie der Kommunikation, der Ethnomethodolgie oder Kultursoziologie auch von einer jeweils gruppenspezifischen „Grammatik der Erwartungen und Erwartungserwartungen“ gesprochen. Christa Wolf sagt einfach, „Kultur ist, wie man lebt.“ In einem solchen Konzept von „Kultur“ erhält jedes Verhalten soziale Bedeutung. Kulturelle Performanz wird zum jeweiligen Beobachtungsobjekt für das „Eigene“ und das „Fremde“ und liefert so auch die Argumente für Aus- und Abgrenzung. Dem sollte eine Performanzanalyse entgegengestellt werden, die sich am Bewusstmachen der „Unsichtbaren Hand“ ausrichtet, am Verstehen kulturgeprägten Handelns.

4.Je nach Ausgangspunkt eines Kulturkonzeptes wird die Debatte um „Kultur“ selbst, noch mehr aber die um die in den aktuellen Wahrnehmungen und Interpretationen der Flüchtlingsproblematik neu entstandenen Begriffe wie „Leitkultur“, „Parallelkultur“ oder „Parallelgesellschaft“ sowie „Multikulturalität“, „Interkulturalität“ und „Integration“ unterschiedlich geführt werden. Davor sind auch Linke nicht gefeit. Umso mehr ist Verantwortung anzumahnen, um Differenzen nicht zu wohlfeilen Kontroversen für politisches „Abschöpfen“ von rechts werden zu lassen.

5.In einschlägiger Literatur wird festgestellt: „Ideologisch gehört der gegenwärtige Rassismus in den Zusammenhang eines ‚Rassismus ohne Rassen‘, […] eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere postuliert, sondern sich darauf beschränkt, die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweise und Traditionen zu behaupten.“ (Etienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten. Hamburg 1990, S. 28)) „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ (Theodor W. Adorno: Schuld und Abwehr, in: Gesammelte Schriften Band 9/2, Frankfurt/Main 1975).

6.An die Stelle des offenen Rassismus tritt heute in der Verbindung mit einem sehr vagen Kulturbegriff meist der sogenannte „Ethnozentrismus“. Auch hierfür kann man bei der Definition dem Duden-Universalwörterbuch folgen: „Form des Nationalismus, bei der das eigene Volk (die eigene Nation) als Mittelpunkt und zugleich als gegenüber anderen Völkern überlegen angesehen wird.“ (ebenda). Konstitutiv ist die Voreingenommenheit gegenüber anderen Gruppen, meist anderen Ethnien und die Annahme der Unvereinbarkeit der jeweiligen Kulturen.

7. „Leitkultur“ ist ein im Kontext der Flüchtlingsproblematik entwickelter Kampfbegriff, der die Abwehr von Fremdkulturellem legitimieren soll. So verstanden folgt das Konzept weitgehend dem ethnographischen bzw. soziologischen Kulturbegriff. Es „entpuppt sich … die unsägliche Debatte um die so genannte Leitkultur als nationalistisch-reaktionäres Konzept, das eben die Teilhabe am politischen Leben, der res publica, unter Zuhilfenahme kulturalistisch-rassistischer Argumente zu verhindern sucht. … der Ausschluss der ‚Anderen‘, sei es mittels rassistischer oder kulturologischer Argumente beschädigt aber die Fundamente ‚unserer‘ eigenen Ordnung, denn solche wirkt auf unsere Gesellschaft, ihr Wertesystem zurück.“ (Werner Ruf, Barbarisierung der Anderen – Barbarisierung des Wir. In: Michael Brie (Hrsg.) Schöne neue Demokratie, Berlin 2007, RLS Texte 39, S. 105) Ruf spricht von einer „globalisierten“ und daher zwangsläufig multikulturellen Welt“. (ebenda)

8.Multikulturalität im soziologisch-ethnographischen Kontext betrachtet leugnet nicht die kulturelle Prägung von Verhalten, noch weniger spricht sie der Zerstörung von Kultur das Wort. Sie akzeptiert die Vielfalt von Kulturen, akzeptiert die jeweils wechselseitige Existenz von „Eigenem“ und „Fremdem“, weist aber zugleich den Weg, damit zurecht zu kommen. Dieser Weg führt zu „Interkulturalität“. Die Sache ist gerade in der Germanistik nicht neu. Bereits 1984 wurde eine „Gesellschaft für interkulturelle Germanistik“ gegründet. In ihrem Informationsblatt 6/85 liest man: „Soweit sich die Geschichte der Kulturen überblicken läßt, lernt eine Kultur von der anderen und grenzt sich zugleich von ihr ab. Das Fremde wird so zum Ferment der Kulturentwicklung.“ „Dieses produktive Wechselverhältnis von Fremdem und Eigenem vermag auch die Germanistik zu nutzen, wenn sie sich mehr als bisher auf die kulturelle Vielfalt ihrer Bedingungen besinnt. Außerdem kann interkulturelle Germanistik ethnozentrische Isolierung überwinden helfen, indem sie das Bewußtsein von der hermeneutischen Funktion dieser Vielfalt fördert.“ Es ist die „hermeneutische Funktion“ von Multikulturalität, deren Realisierung für ein menschliche Gesellschaft unverzichtbar ist. Verschließt man sich im konkreten konzeptionellen Kontext davor, läuft man Gefahr, „Kultur“ einer ethnozentristischen Argumentationskette zu implantieren. Man verfängt sich im Bild von den „Parallelkulturen“, die – weil unvereinbar – nur in Assimilation, sprich Zerstörung einer Parallele, aufzulösen sind.

9.In komplexen Gesellschaften existiert auch „innergesellschaftliche Multikulturalität“. „Die Idee von einer einheitlichen Kultur ist das Konstrukt von Eliten“ (Jochen Oltmer, Wohin gehöre ich?. In: der Freitag, Nr. 14, 2016, S. 15). Wer diese Tatsache zugunsten einer „Leitkultur“, oder unter verkürzendem Missbrauch des Konzepts von „Nationalkultur“ verwischt, landet unweigerlich und in letzter Konsequenz bei der „Volksgemeinschaft“. AfD und Pegida verwenden dieses Wort auch schon wieder. Man muss wissen, dass damit unausweichlich sowohl die Ausblendung sozialer Differenziertheit der Gesellschaft als eines ihrer Wesensmerkmale verbunden ist als auch die kulturologisch-rassistische Abgrenzung gegen das „Fremde“ manifest wird. Das Gerede von „Integration“, die man von Asylsuchenden verlangen will, wird de facto zu einem Zwang zur Assimilation: Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, lässt die Katze aus dem Sack: „Die Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen müssen akzeptieren, dass die deutsche Leitkultur tonangebend und für ihr weiteres Leben in Deutschland der Maßstab ist.“ Integration könne nicht bedeuten, „dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht“. „Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: unsere Werte akzeptieren.“ ( alles Passauer Neue Presse/pnp.de 10.10.2015).

10.Warum eigentlich „Angst“ und „Besorgnis“ vor Trägerinnen und Trägern „fremder“ Kulturen? Diese könnten sich doch auch in Neugierde, Verstehen und Akzeptieren verwandeln. Genau das wäre der Anfang, den Prozess einer „Evolution der Integration“ zu initiieren, einer Evolution, die beide „Parallelen“ betrifft. So weit unsere Kultur eine Subkultur der Kultur der Menschenrechte, Toleranz, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie ist, brauchen wir sie nicht ängstlich zu schützen. Sie wird ihre Attraktivität unter Beweis stellen, wenn wir sie niemandem verwehren. Sie braucht sich auch nicht zu verstecken, wenn sie verletzt wird.

11.Eine der „Gründungsurkunden“ des „poströmischen Europa“ sind die „Straßburger Eide“ vom14. Februar 842. Karl der Kahle, dessen Muttersprache Altfranzösisch (lingua romana) war, und Ludwig der Deutsche, der sich üblicherweise auf Althochdeutsch (lingua theodisca) verständigte, hatten ihren Bruder Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy im Streit um die Aufteilung des Reiches Karl des Großen besiegt und schworen sich gemeinsam mit ihren Heeren fortdauernden Beistand. Die Eide gelten gleichermaßen als Wurzeln Frankreichs und Deutschlands als Staaten und als Eintritt des Französischen und Deutschen in die Geschichte. Das wirklich Besondere an der Sache war jedoch, die Anführer und ihre Krieger schworen jeweils in der Sprache der anderen. Sie wollten beide Zeichen des Vertrauens trotz der Unterschiedlichkeit setzen. Sie übten interkulturellen „Perspektivwechsel“, um zu zeigen, dass sie sich in die anderen verstehend hineinversetzen können. Besser kann man Konfliktpotentiale kaum entschärfen.

12.Die „europäische Tragödie“ besteht darin, dass der am Verstehen des „Fremden“ orientierte „interkulturelle Perspektivwechsel“ immer wieder ethnozentristischen, kulturologisch-rassistischen Anwandlungen unterlag. Die Multikulturalität Europas wurde so von einer Stärke zu einer Quelle der Kriege, Unterdrückung und Ausbeutung. Dem sollten sich Linke entgegenstellen. Die Chancen, dabei erfolgreich zu sein, liegen wie die Gefahr zu scheitern gleichermaßen in europäischer Multikulturalität.

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