Post von Tillich

Wahlzeiten sind schon verrückte Zeiten. Das hätte ich nie für möglich gehalten, Herr Tillich schreibt mir ganz persönlich. „Unser Ministerpräsident“ steht vorne auf der Karte, und er selbst lächelt mich an. Kein Irrtum! Die Adresse stimmt auf die Hausnummer genau. Noch erstaunlicher ist aber der Inhalt der Karte. Ein Lob für mich! Ich hätte „den sächsischen Weg seit 1990 mitbestimmt, mitbegleitet und mitgestaltet.“ Das habe ich tatsächlich tapfer versucht. Herr Tillich hat mich freilich gerade dabei und bislang massiv behindert. Und jetzt stellt er fest, dass mein Bemühen erfolgreich war: „Das hat unserem Land gut getan. Das ist ein Grund für den Erfolg unseres Landes.“ Welch richtige Einsicht, und es kommt noch dicker: „Wir wollen diesen Weg mit Ihnen weitergehen“, ruft bzw. schreibt er mir zu. Wohlan, denke ich. Endlich! Der Tillich wählt DIE LINKE. Doch dann der Hammer: „Ich bitte Sie für die nächsten fünf Jahre um Ihr Vertrauen.“ Nimmt der sich selber noch ernst? „Zweitstimme ist Tillich-Stimme“, steht vorne auf der Karte auf rotem Untergrund. Wie das? „Tillich-Stimme“ wäre höchstens Stimme zweiter Wahl sagen mir doch die Karte und mein politischer Verstand. Mut hat er aber, der Herr Tillich. „Mit Mut. Mit Weitsicht. Miteinander.“ lese ich grün unterlegt. Erst denke ich ja, dass es mit der Weitsicht nicht so weit sein kann. Ich werde ihn nicht wählen. Und von wegen „Miteinander“? Die PDS bzw. DIE LINKE im Sächsischen Landtag hat das oft mit guten Anträgen probiert, aber die CDU hat es seit 1990 nicht zustande gebracht, auch nur einem dieser Anträge zuzustimmen. Die „Weitsicht“ lässt mich jedoch nicht los. Zwar ist die Karte dominant schwarz – eben wie die sächsische Vergangenheit der letzten 25 Jahre – Rot und Rot und Grün machen aber alles bunt und lassen hoffen.
Nun bekommt man ja nicht nur Post in Wahlzeiten. Die Straßenlaternen und Bäume sind vollgehängt mit guten Ratschlägen. Da lobe ich mir z.B. die FDP. Wenn ich mit meinem Motorroller so dahin rolle, macht sie mich darauf aufmerksam, dass ich in Sachsen bin und nicht in Berlin. Herzlichen Dank! So ein Motorroller verrollt sich ja auch mal ganz schnell, und wie leicht verwechselt man den Markt von Grimma mit dem Alex. Vergleichbares könnte übrigens in Brandenburg passieren. Von der FDP lernen heißt siegen lernen, dachte deshalb wohl dort DIE LINKE und plakatierte, „Hier ist Brandenburg und nicht Berlin“. Übrigens, warum fahre ich mit dem Motorroller und nicht mit dem Auto? „Ihr Auto würde uns wählen“, warnt mich die FDP. Mein Auto habe ich deshalb vorsichtshalber bis nach dem Wahltag weggesperrt. Umso mehr wünsche ich mir allerdings, dass Rico Gebhardts Erkenntnis, „meine Kinder würden LINKE wählen“, endlich in einer deutlichen Herabsetzung des Wahlalters Erfüllung findet. Überhaupt, DIE LINKE: Die rät uns zur Symbiose „Sächsisch und weltoffen“. Das ist auch bitter nötig. Die auf linker Großfläche sehr symbolisch ins Schräge stürzende Krone der Sächsischen Staatskanzlei wird oft gar nicht als diese erkannt. Viele in der Provinz vermuten einen fallenden Kirchturm. Das ist peinlich und ruft nach mehr residenzorientierter sächsischer Heimatkunde. In Dresden hingegen fehlt manchmal Weltoffenheit. Es fährt täglich ein Zug durch die Stadt, der von Hamburg über Berlin kommend nach Prag und Wien bis ins kärntnerische Villach braust. Er eröffnet über Dresden dem Sächsischen die Welt. Der Zug heißt „Vindobona“, der lateinische Name für Wien. Nun hängt aber in Dresden seit Jahren ein Fahrplan, der just für diesen Zug keinen der zwei Wiener Haltepunkte verzeichnet. Nach dem tschechischen Breclav kommt Wiener-Neustadt Hbf. Wiener-Neustadt ist jedoch (anders als die Neustadt von Dresden) gut 40 Kilometer von Wien entfernt. „Muss man nicht wissen, warum machen die Ösis das auch“, sagen mir Dresdener Politiker. „Wir schreiben doch nicht alle Bahnhöfe in den Fahrplan“, meinen Dresdener Eisenbahnerinnen und Eisenbahner. Stirbt die Hoffnung dennoch zuletzt? „Alles im Blick“, versprechen mir CDU-Kandidaten. Angesichts von NSA, CIA, BND usw. ist mir schließlich auch das suspekt.

(geschrieben als „Nachbetrachtung“ für Links, September 2014, am 28.08.14)

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