Diese Glosse schreibe ich eine Woche vor der Wahl zum Europäischen Parlament. Da kann man die Antwort auf die Frage natürlich für offen erklären. Dann muss man aber auch daran glauben, dass dieses Europäische Parlament wirklich über das Schicksal Europas entscheiden kann. Wenn die Glosse in „Links“ erscheint, ist die Wahl gelaufen. Auf die Frage zu antworten wird deshalb nicht einfacher geworden sein.
Die älteste Antwort findet sich in der griechischen Mythologie. „Europa“ war eine phönizische Königstochter, auf die Zeus eine Auge geworfen hatte. In Gestalt eines Stiers entführt er sie schwimmend nach Kreta und verführt sie dort endgültig. Europa – schön, erotisch, sexy – wie Conchita Wurst? Nun, das Europa von heute scheint komplizierter zu sein, selbst komplizierter als das reale Fabelwesen Conchita. Man weiß schon nicht, wer und was ist Europa. Die österreichische „Kleine Zeitung“ titelte am Sonntag vor der Europawahl, „Europa hautnah erlebt“. Es ging nicht um Erotik und Sex, auch wenn „hautnah“ fett und größer als die anderen Worte gedruckt wurde. Im Untertitel stand vielmehr die Aufforderung: „Lesen Sie in Nahaufnahme, wie es sich in und mit der EU lebt.“ Aha! Die EU ist gleich Europa? Nein, das noch nicht, aber verführerisch für den Rest, der noch nicht zur EU gehört? Zum Anbeißen attraktiv wird diese EU jedenfalls in insgesamt 10 Beiträgen dargestellt. Wer kann da widerstehen, gar einen Haken vermuten? Soll ja auch keiner und keine! Man lässt sich doch gerne entführen in ein Europa, in dem ein slowenischer Junge, der sieben Sprachen spricht, das Gymnasium im benachbarten österreichischen Städtchen besuchen kann. Natürlich erweitert das das Weltbild, und nebenbei erfährt man noch, dass er in Österreich schon als Siebzehnjähriger Bier trinken darf, was ihm in Slowenien erst mit 18 Jahren erlaubt wäre. Eine junge Frau erzählt von ihren Heimaten. In Serbien wurde sie geboren. In Zagreb leben die Großeltern. In Wien hat sie trainiert, um schließlich für Österreich die Goldmedaillen aus dem Wasser zu fischen. An anderer Stelle lesen wir von einer ukrainischen Studentin; wie sie das Europa der EU erlebt und deshalb auch die Ukraine diesem Charme erliegen sollte. Und, und, und … Künstler, Unternehmer, Bauern … verführerische Chancen!
Um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ich finde ein solches Europa toll. Deswegen werde ich aber nicht gleich zum Stier wie der verliebte Zeus. Zum „Stier“ wird man nämlich hierzulande nicht aus Liebe. Zum „Stier“ wird man vielmehr auf spanische Art, wenn eine Sache sich zum „roten Tuch“ wandelt und man ihr wütend den Kampf ansagt. Genau auf solche Weise werde ich zum Stier, wenn ich feststelle, dass die „Verführer“ Europas ganz andere sind als nur sympathische Studentinnen, Gymnasiasten, Sportlerinnen, Künstler oder Bauern. Dieses Europa ist längst entführt zu anderem Vorteil und anderen Zwecken. Bei einer Podiumsdiskussion im Vorfeld der Europawahlen ging es um die Frage, ob man nicht vielleicht aus der EU austreten sollte. Könne man so nicht dem Einfluss des großen Geldes und seiner Banken entgehen, die sich Europas bemächtigt haben und es schändlich für ihre Zwecke missbrauchen? Kapital und Banken hörige Politiker und Politikerinnen rühmen und verteidigen den Burgfrieden im Inneren und verhalten sich aggressiv und kriegerisch nach außen. Und hinter der Ecke lauern zu allem Überfluss noch die USA mit einem Freihandelsabkommen zur Entführung der Entführten. Dem allen könne man nur durch Austritt entgehen und hätte es leichter, im nationalstaatlichen Rahmen eine soziale, gerechte, ökologische und demokratische Gesellschaft durchzusetzen. Doch schon bei Zeus war die Devise gegenüber der schönen Europa klar und deutlich: „Bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!“ Glaubt wer im Ernst, das eigentlich herrschende Kapital ließe die Wahl, nicht mehr mitzumachen? Nein, aus diesem Serail entführen können ihr schönes Europa nur die Menschen selbst, um sich zu befreien zum Widerstand von unten für ein Europa der Menschen und ihrer Kulturen!
(geschrieben für Links Juni 2014, 18.05.2014)