Die Höhe macht’s.

Der US-amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski – nicht zu verwechseln mit dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky – hat uns einen Gedichtband hinterlassen. Der Titel: „Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stock aus dem Fenster sprang.“ Die Sache ist einigermaßen brutal. Die Gedichte sind eigentlich kurze Geschichten. Keine Abschiedsbriefe, aber Momentaufnahmen vom Rand der Gesellschaft her. Bukowski ist nicht gesprungen. Er hatte also Zeit für die Gedichte. Alkohol, Tod, Sex, Gewalt hat er sehr wohl erlebt. Gesprungen ist er dennoch nicht. Er hat das Elend irgendwie genossen und mit seiner Kunst die Moral verachtet und verspottet, die ihm dies verwehren sollte. Das rettete ihn wahrscheinlich.
So weit, so gut! Aber nicht alle können das. Sie springen. In Spanien haben sich in den letzten Wochen über 100 Menschen das Leben genommen. Sie ließen sich meist aus den Fenstern jener Wohnungen fallen, die angeblich ihr Eigentum waren; vermeintlich jedoch nur, denn man wollte es ihnen plötzlich nehmen. Sie konnten die Kreditraten nicht mehr bezahlen. Dass auch keine Missverständnisse aufkommen, es handelt sich nicht um Luxus-Eigentumswohnungen Betuchter, die sich verspekuliert hatten. Nein, es geht um „Sozialwohnungen“, für die in Spanien per Kredit zum Kauf angeregt wird. Ungebremst gingen Tausende und Abertausende in diese Kreditfalle. Und jetzt sollten sie das bisher gezahlte Geld und die Wohnung obendrein verlieren. Die Schulden freilich bleiben. Und weil es keine Sterntaler regnet, suchen sie im tödlichen Fenstersprung oder mit Gift ihren Ausweg.
Die Wut der Menschen über solch ausweglosen Ausweg, der in der Sackgasse des Todes mündet, schürt jetzt Protest. 80.000 gingen in Spanien auf die Straße. Das ist die gute Nachricht in der schlechten. Schnell wurde im spanischen Parlament über ein Gesetz zum Stopp der Zwangsräumungen positiv entschieden. Für etwa 400.000 Familien kam das aber bereits zu spät. Heinrich Zilles Worte, dass man einen Menschen mit der Wohnung erschlagen kann, wurden in Spanien auf eigene Weise Wahrheit. Nur in Spanien? Nur mit Wohnungen? In Bulgarien hat sich erst unlängst ein junger Mann selbst verbrannt, weil er die hohen Strompreise nicht mehr zahlen konnte. Ein bulgarisches Schicksal? Nun, der Stromanbieter ist die österreichische Gesellschaft EVN. Die nutzt und genießt die Öffnung der Märkte in der EU. Die EU und Deutschland an der Spitze waschen jedoch ihre Hände in Unschuld. Sie verordnen Sparprogramme, um ihr Geld zu retten, und wehren Menschen ab, die sich erhoffen, in der EU einen kleinen Anteil von dem holen zu könne, um das sie vorher von eben jener EU betrogen wurden. Wenn sie dabei ins Meer fallen und ersaufen, sind sie selber schuld. Sie sind doch nur „Wirtschaftsflüchtlinge“, die schmarotzen wollen. Das sagt uns nicht zuletzt auch der eingangs erwähnte Neuköllner Buschkowsky. Deshalb duldet man im Bundestag auch nicht, wenn so ein roter Lügenbold behauptet, die deutsche Wirtschaft zöge mittlerweile eine Blutspur durch die Welt.
Sprung ist ja auch nicht gleich Sprung. Die Höhe macht‘s! Wenn der Österreicher Felix Baumgartner aus 36 Kilometern Höhe springen will, verleiht ihm ein Energy-Drink Flügel. Er durchbricht kurz die Schallmauer, landet sicher und kassiert Geld, viel Geld. Wie viel davon von jenen stammt, die sich mit dem Drink dopten und schließlich dennoch sprangen, wer weiß das schon? Flügel wuchsen ihnen jedenfalls nicht. Der Baumgartner aber bringt sein Geld in der Schweiz vor dem österreichischen Finanzamt in Sicherheit. Wer will ihn deshalb schon „Wirtschaftsflüchtling“ nennen. „Wir wollen doch nur Geld sparen“, vermeldete er und heischte noch nach Mitleid. „Wo bleibt denn da die Solidarität“, wies er die Kritiker an sich und seinesgleichen weinerlich in die Schranken. Der Zaubertrank verleiht wohl auch überheblichem Wahnsinn Flügel. Verzweifelte Selbstmörder bekommen keine Werbeverträge, wohl brauchten sie aber millionenfach mehr Solidarität als die reichen Steuerflüchtlinge – bevor sie springen, nicht danach!

(Geschrieben für „links“, März 2013)

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