Der Ausspruch stammt vom österreichischen Schriftsteller Heimito von Doderer. Im Grunde bedeutet er nichts anderes, als dass man mit Sprache gegenüber der Wirklichkeit im Wort steht, Wörter der Wirklichkeit verpflichtet sind. Gehen wir der Sache nach:
Schon in einem kleinen Synonymwörterbuch vom Compact Verlag in München finde ich z.B. beim Stichwort „reden“ 23 angeblich „bedeutungsgleiche Wörter“ und dazu noch die Hinweise auf die Eintragungen unter „sprechen“ und „tratschen“. Bleiben wir allein bei „reden“, so entdecken wir bald, dass die angeführten 23 Wörter zwar tatsächlich alle etwas gemeinsam haben, nämlich jenen Vorgang zu benennen, in dem wir auf irgend eine Weise mit Hilfe von Sprache etwas mündlich mitteilen. Zugleich bemerken wir aber, dass dies auf sehr unterschiedliche Art und Weise geschehen kann: „vortragen“, „von sich geben“, „sich ergehen“, „erzählen“, „plaudern“, „parlieren“. „Deklamieren“ kann man auch, das steht jedoch gar nicht da. Dafür finden wir „palavern“, „salbadern“, „plappern“, „quatschen“, „schwätzen“, „schwafeln“ usw. Offensichtlich hält die Sprache für sinnloses, nervendes Äußern sehr viel mehr Worte parat, als für notwendiges, ernst zu nehmendes oder feierliches. Da steckt wohl Erfahrung der Sprecherinnen und Sprecher dahinter. Konrad Adenauer hat es zugegeben: „Was stört mich mein Geschwätz von gestern“, ist einer seiner berühmtesten Aussprüche. „Geschwätz“? Vielleicht für viele die von Politikerinnen und Politikern am meisten gepflegte Weise des Redens?
Es war am 07. März 1996, ist also schon eine Weile her, da sagte ich im Sächsischen Landtag in einer Aktuellen Debatte zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Sachsen: „Die steigenden Unternehmergewinne werden … immer weniger in Arbeitsplätze investiert. Es steigen vielmehr die Geldvermögen und ihr spekulativer Einsatz … Wenn heute solide Investmentfonds Renditen zwischen 10 % und 50 % im Jahr versprechen, so ist nicht zu erwarten, dass in nennenswerten Größen in Fertigung und Dienstleistung investiert wird, es sei denn, es winken ähnlich traumhafte Renditen durch Rationalisierungseffekte.“ So weit so gut! Die Ursache der heutigen Finanzkrise war eigentlich benannt und erahnt. In allen Dimensionen erkannt war sie noch nicht, weil wir damals irrtümlich annahmen, die Investmentfonds seien solide. Geschwätz ist es deshalb nicht, am wenigsten von gestern. Deutsche-Bank-Chef Ackermann verlangte vor nicht all zu langer Zeit erst 25 % Rendite für produzierende Betriebe, wenn Geld dort hin fließen sollte und nicht auf die Finanzmärkte. Das schien selbst Schäuble unerreichbar und er erkannte, „dass der Finanzmarkt sich nur noch um sich selbst dreht, statt seine Aufgabe zu erfüllen und eine vernünftige, nachhaltig wachsende Wirtschaft zu finanzieren.“ (spiegel-online, 22.05.11)
Mittlerweile ist aber nicht nur Schäuble in der Wirklichkeit angekommen, sondern auch die Sprache. Was ich 1996 – also vor 15 Jahren – noch gar nicht richtig in Worte fassen konnte bzw. mit vielen Worten umschreiben musste, ist heute in einem Wort geronnen: „Realwirtschaft“. Das Wort „Realwirtschaft“ gibt es tatsächlich erst seit kurzem. Das muss doch Gründe haben. Entsteht ein Wort, so braucht man es. Man braucht es, um etwas sprachlich einzugrenzen und von anderem abzugrenzen, was man als „eigen Ding“ erkannt hat. Man braucht es, um offensichtliche Veränderung sprachlich zu fixieren. In der 4. Auflage des „DUDEN-Universalwörterbuch“ von 2001 ist das Wort noch nicht zu finden. In der 7. Auflage von 2011 ist es jedoch verzeichnet. Die Bedeutungsdefinition beschreibt uns die „Realwirtschaft“ als jenen Teil der Gesamtwirtschaft, der von Finanzwirtschaft und Finanzmärkten zu unterscheiden ist, weil sie sich „mit realen Dingen wie Waren und Dienstleistungen befasst.“ Das ist eine alte Unterscheidung. Das neue Wort setzt sie uns aber in ein neues Licht.
Ich will mich jetzt nicht all zu weit in die Volkswirtschaftslehre hinein wagen, aber eines ist doch festzustellen: Bis vor nicht allzu langer Zeit ging man noch davon aus, Finanzwirtschaft oder Finanzmarkt würden umlaufendes Geld sammeln und an jene gegen Zinsen weitergeben, die es für Produktion und Dienstleistung brauchen. Das erst vor kurzem „erfundene“ Wort „Realwirtschaft“ zeigt an, dass sich heute die Finanzmärkte von Produktion und Dienstleistung (eben der „Realwirtschaft“) getrennt haben. Sie haben Geld zu einer Ware gemacht, die sich angeblich selbst gewinnbringend vermehrt. In Wirklichkeit entstand ein Jagdrevier, in dem Geld Geld jagt, es so neu verteilt, der Produktion und Dienstleistung jedoch entzieht.
Kurt Biedenkopf warf mir immer vor, von Wirtschaft nichts zu verstehen. Ich sei Germanist und könne über Wirtschaft höchstens „schwätzen“. Gerade als Germanist fällt mir aber auf, dass mein angebliches Geschwätz von gestern, heute in der Sprache zur Wörtlichkeit gebracht ist. Die Finanzmärkte leisten nichts Wirkliches mehr für die Realwirtschaft. Die Verbindung ist gekappt. Im Wahn, allein aus Geld Geld machen zu können, ließen die Akteure der Finanzmärkte die Realwirtschaft im Stich und ruinieren obendrein sich selbst und uns.
Geschrieben für „Links“, November 2011
“Wörtlichkeit ist die Kernfeste der Wirklichkeit”, nun ja der Bauarbeiter würde sagen:
‚gib mir mal den Hammer rüber‘, der Mathematiker würde auf den exponentiellen Verlauf
der Zinsformel hinweisen, in diesem Fall gibt die Sprache der Mathematik die Realität an-
gemessen wieder. Und mit der Sprache Physik kann man Energie- und Impulsübertrag, die Fallzeit von Körpern und die ‚controlled demolition‘ von Hochhäusern erklären und beschreiben, wie z.B. die der Hochhäuser WTC1,2,7 von New York am 11.9.2001.
Das sollten auch LINKE im Auge behalten.
Hallo,
vieles wurde eben auf den Kopf gestellt. Hauptsache, das Geschäft läuft. Niedriglohn – egal, Zeitarbeit – egal, Rentnerarmut – auch egal.
Uns gehts doch alle prima!? Viele haben Arbeit, können aber nicht davon leben. Normalverdiener Riestern, obwohl klar ist, dass die Meisten davon nichts sehen werden. Egal – Hauptsache, das Geschäft läuft und die Statistik stimmt.
Rechtsradikale können 10 Jahre ungehindert Morden, weil die Behörden gewollt oder ungewollt versagen. Konsequenz: Eine neue Datenbank. Ach wie schön!
Weil die Linke eigene Auffassungen vertritt ( für die Machthaber sehr gefährlich) geht man kurzerhand hin und lässt selbst Parlamentarier von Verfassungsschutz beobachten.
Armes Deutschland!