Ach wie gut, dass niemand weiß …

Wir alle kennen das Märchen: Da war ein König, der hatte offensichtlich sehr viel Stroh, aber zu wenig Gold. Ein Müller wollte sich dies zu Nutze machen und bei der Gelegenheit seine Tochter zur Gemahlin des Königs werden lassen. Wider besseren Wissens erzählte er dem König, dass seine Tochter Stroh zu Gold spinnen könne, und überließ sie damit ihrem Schicksal. Tränen der Verzweiflung brachten die Müllerstochter nicht weiter, wohl aber ein kleines Männchen, das doch tatsächlich das reichlich zur Verfügung gestellte Stroh zu Gold verspann. Als aber das Mädchen in der dritten Nacht für die Dienstleistung des Männchens nichts mehr zu geben hatte, verschenkte sie ihr noch gar nicht geborenes erstes Kind. Wir wissen, wie es weiterging. Nur ein Zufall rettete der tatsächlich Königin gewordenen Müllerstochter das Kind und im Zorn darüber zerriss sich Rumpelstilzchen selbst in zwei Teile. Ein Märchen!

Die Wirklichkeit ist anders und dennoch nicht ganz unähnlich: Da gibt es eine Staatsregierung in Sachsen, die drischt viel leeres Stroh und hätte doch viel lieber, dass man es für Gold halten könnte. Aber wie soll das gehen? Da war kein Müller, der seine Tochter verkuppeln wollte, wohl aber gab es einen Mann, dem man das erwünschte Kunststück zutraute. Er hatte sich zuvor lange in Afrika und im Morgenland aufgehalten. Vielleicht vermutete man deshalb die Kenntnis von Zauberkräften. Ein „Handschlagvertrag“, wie man aus Regierungskreisen hörte, besiegelte den Bund. Ein bescheiden „Pressesprecher“ Genannter war für das Wunder eingestellt. Munter kam das Stroh weiter aus den Mündern der Regierung, goldene Worte sollten es jetzt werden, mediengerecht, überzeugend und wirkungsvoll – wurden es aber nicht. Wie der Müllerstochter war es auch dem neuen Regierungssprecher nicht wirklich möglich, das Stroh zu Gold zu spinnen. Ja nicht einmal ein verführerischer Goldglanz kam zustande. Das Stroh blieb vorerst Stroh. Wie bei der Müllerstochter war jetzt dringend Hilfe nötig, um beim Chef nicht in Ungnade zu fallen und natürlich auch um diesen nicht blamabel bloß zu stellen, weil er tatsächlich daran geglaubt hatte, man könne sein Stroh in Gold verwandeln. Bloß Rumpelstilzchen war weit und breit nicht zu sehen. Ein Kind war wohl auch nicht zu verschenken; vielleicht jedoch Geld, das ursprünglich für die Landeskinder vorgesehen war? Solches Geld war vorhanden. Es sollte zwar angelegt werden in soziale Projekte, in Bildung für das Volk, in Kultur und auch bei der Polizei. Das erschien aber jetzt zweitrangig. Ein Rumpelstilzchen musste her! Ohne lange zu suchen. Koste es, was es wolle! Und siehe da, man wurde schneller fündig, als gedacht. Die Sucherei war schon zu Ende, ehe sie richtig begonnen hatte Für popelige 4.500 Euro pro Nacht – nein diesmal pro Tag – war eine Agentur bereit zur „Medienschulung“, wie man jetzt den Zauber nannte. An insgesamt acht Tagen sollte dem glücklosen Mann der Trick gelehrt werden, für 36.000 Euro – plus Mehrwertsteuer versteht sich. Kein Zufall verhalf zur Einsparung. Das Geld freilich war weg, denn Gold kam keines dafür zurück. Nur das Volk war eine Weile sauer, als es von der Gaukelei erfuhr. Denn auch hier scheiterte schließlich das „Ach wie gut, dass niemand weiß …“ Keiner riss sich deshalb aber selbst mittendurch. Wer will denn auch ernsthaft glauben, dass man Stroh zu Gold spinnen könne, wenn doch selbst die Nachricht, dass es Leute oder gar ein Partei gäbe, die die umgekehrte Kunst verstünden, nämlich Gold zu Stroh zu spinnen, sicher nur ein unhaltbares Gerücht ist.

Geschrieben für „links“, September 2011

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