Vom gelobten Staat und seinen Gelübden

Es war einmal ein Staat, der weihte sich seine Jugendlichen selbst, indem er sie dazu brachte, ein Gelöbnis abzulegen. Es gibt ihn nicht mehr! Oder doch? Schon wieder!

Sprachgeschichtlich gehören Wörter wie „loben“, „geloben“, „Gelübde“, Gelöbnis“ und „glauben“ zusammen. Meist begegnen wir ihnen in religiösen Zusammenhängen. In den christlichen Kirchen gibt es Taufgelöbnisse, die schließlich bedingungslos an den Glauben binden oder Gelübde, sich in Liebe zu Gott bedingungslos vorgegebenen Regeln zu überantworten, wie z.B. bei Ordenseintritten. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, sagt der Volksmund und deshalb ist es jedermanns und jeder Frau eigene Sache, Gelübde abzulegen. Wenn es freiwillig geschieht, ist dagegen nichts einzuwenden und es geht am Ende auch niemanden etwas an. Inhaltlich interessant ist, dass solche Gelübde und Gelöbnisse nicht nur Gott und den Glauben betreffen. Sie fordern üblicherweise auch tätigen Widerstand gegen den Feind des Glaubens, der Gläubigen und ihres Gottes. „Widersagt Ihr dem Teufel?“, werden Katholiken z.B. gefragt, bei der Taufe, bei der Erstkommunion und bei der Firmung. „Wir widersagen!“, ist die Antwort. Ähnlich war es bei den Gelöbnissen zur Jugendweihe in der DDR. Hier sollten die Jugendlichen in die Pflicht genommen werden, für den Frieden und für ein demokratisches Deutschland einzutreten, den Sozialismus auch im Kampf zu verteidigen, die Sowjetunion ohnehin usw.. Es gab in der Zeit verschiedene Varianten dieses Gelöbnisses. Schon das Wort „Jugendweihe“, wenn es auch nicht in der DDR erfunden wurde, sondern lange zuvor, und auch das „Gelöbnis“ brachten die Nähe zum Religiösen. Wie beim christlichen Taufgelöbnis wurden die Jugendlichen gefragt und sie antworteten: „Das geloben wir!“ Zumindest in Sachsen verschluckten sie dabei dialektbedingt das „e“ in der Vorsilbe, was ein „das globen wir“ ergab und die Sache zwar ins Lächerliche, aber eben auch ins Religiöse rückte.

Es ist mit Recht zu fragen, ob eine solche Selbstüberhöhung des Staates, gerechtfertigt sein kann, auch wenn seine Ziele noch so gut. Einen Vorteil hat es für den Staat, es erübrigt sich faktisch seine Legitimation durch die Bürger selbst, weil er sie mit dem Gelöbnis dazu bringt, ihn selbst bzw. die Ideen, die er vertritt, als Grundlage seiner Legitimität anzuerkennen. Nicht der Staat sichert seinen Bürgerinnen und Bürgern zu, dass z.B. ihre Würde unantastbar sei oder alle Macht vom Volke ausgehe. Nein, der Bürger und die Bürgerin geloben, dass Staat und Staatsideen unantastbar seien und alle seine Macht vom Volk verteidigt wird. Im demokratischen Verfassungsstaat sollte eigentlich das Erstere gelten. Der Staat ist für seine Bürgerinnen und Bürger da, und zwar so, wie es diese wollen. Gelöbnisse und Glauben haben da keinen Platz. Engagement sehr wohl. Auch die heutige Jugendweihe folgt diesem Prinzip und hat das Gelöbnis abgeschafft. Dazu kann man die Jugendlichen nur beglückwünschen.

Der Staat oder besser gesagt, jene, die ihn derzeit repräsentieren und regulieren, wollen es anders. Sie haben in Sachsen ein Gelöbnis erfunden, das sich kurz „Extremismusklausel“ nennt und dem sich Vereine und Verbände, vor allem aber Demokratieprojekte unterwerfen sollen, wenn sie Unterstützung und Geld vom Staat wollen. „Hiermit bestätigen wir, dass …“ beginnt der Text – leicht ersetzbar durch „das geloben wir“, wenn das zu Bestätigende (Treue zum Grundgesetz) als Frage formuliert wäre. Der Text folgt auch im Weiteren dem Gelöbnis, das jetzt üblicherweise das Ja zum Kampf gegen alles Feindliche fordert. „Wir widersagen“ allem Extremistischen und „geloben“ es aufdecken zu helfen, verlangt der Text doch, wenn er für eben dies Sorge zu tragen vom Gegenüber fordert. Wir sind angekommen! Der Staat ein Objekt des Glaubens und Gelobens, ein Orden, in Gelübden seiner Mitglieder befestigt. Nichts mehr mit „Gesellschaftsvertrag“. Keine Bindung mehr in demokratischer Übereinkunft. Allgemeine Verunsicherung, denn „das Böse ist immer und überall“. Ja, man könnte wirklich lachen, wäre es nicht so ernst. Wenn eine Partei, die sich zum Christentum bekennt, Staat und Glauben verwechselt, stellt sie übrigens auch ihren Glauben in Frage. „Gott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, sei ihnen deshalb mit Timotheus (2;1,7) ins Gebetbuch geschrieben.

Geschrieben für „Sachsens Linke“ 28.12.2010

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