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Von der christlichen Seefahrt

Da fällt mir zunächst die Volksweisheit ein, dass man vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sei. Das sagt allerdings mehr über Gerichte aus, als über die hohe See und die Schiffe darauf. Weil das Meer voller Gefahren ist, darf das Boot auch nicht zu voll sein. Wenn es heißt, „das Boot ist voll“, passt niemand mehr hinein, bei Strafe des Untergangs. Das wissen Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen. Ihre Boote sind nicht nur voll, sie sind übervoll und deshalb sehr leicht dem Untergang geweiht. Umso mehr müssen sich solche Menschen doch wundern, wenn sie – weil ihrer Meinung nach in Gottes Hand gewesen – glücklich in Europa angelandet sind, und plötzlich mit vermeintlich festem Boden unter den Füßen hören, „das Boot ist voll“. Europa bekennt sich zur christlichen Seefahrt und hat auf einmal Angst, dass der gesamte Kontinent untergehen könnte, wenn zu viele Flüchtlinge einsteigen, noch dazu keine christlichen, sondern islamische. Aber, die „christliche Seefahrt“, so lese ich, meint gar nicht die Personenschifffahrt. Zu ihr gehören nur die Handelsschiffe. Natürlich können diese auch zu voll sein. Dann hilft aber nicht Gott, sondern das Kapital und seine Schiffsbauer. Wachsende Ladung heischt nach größeren Schiffen. Das war zunächst ein frommer Wunsch der christlichen Seefahrer. Der Wunsch wurde zur Wirklichkeit. Die Container- und Tankschiffe baute man immer größer. Auch wenn die Personenschifffahrt nicht zur christlichen Seefahrt gehört, so gelang das Gleiche bei Kreuzfahrtschiffen. Mittlerweile fahren mittlere Städte über See und bringen ihre „Einwohner“ zu erschwinglichen Preisen überall hin in der Welt; mit Radau, Müll und Gestank. Letztere verschluckten aber das Meer und die Luft darüber. Das Meer freilich verschluckt auch noch anderes. Und jetzt wird es auf sehr traurige Art Ernst mit der christlichen Seefahrt. Das Meer verschluckt Menschen. Kaum die Kreuzfahrtpassagiere, es sei denn ein angeberischer Kapitän fährt zu nahe ans Ufer, um seiner Geliebten zu gefallen. In so einem Fall geht das Schiff kaputt und es gibt Tote. Das ist jedoch eine Ausnahme, und der Kapitän gehört nicht zu den Ertrunkenen, denn er verlässt zuerst das Schiff. Das hat er gemein mit jenen Schiffseignern und „Kapitänen“, die die Not von Menschen und deren Sehnsucht nach Lebensqualität und Sicherheit ausnutzen und ihnen für viel Geld eine Überfahrt im vollen Schlauchboot zum vollen Boot Europa versprechen. Diese Boote haben von Anfang an keinen Kapitän und keine Mannschaft. Viel zu gefährlich! Ein Abgeordneter der österreichischen FPÖ meint zwar in diesem Zusammenhang, „eine Seefahrt, die ist lustig“, weil er Bilder von Selfies knipsenden Passagieren eines solchen schwankenden Bootes gesehen hat. Lustig ist das aber gar nicht. Die Selfies sind oft das letzte Bild, das von diesen Seefahrern (Frauen, Männer und Kinder) aufgenommen wurde. Es sei denn, jemand fotografiert noch die toten Körper der als Strandgut Angeschwemmten. Jetzt drängt es mich wieder zurück zur christlichen Seefahrt. Seinen Ursprung hat der Begriff in der Abwehr arabischer und nordafrikanischer Piraterie im Mittelalter und später. Seefahrer konnten schnell in die Hände dieser Seeräuber geraten. Dann war nicht nur die Ladung beim Teufel, sondern man landete, ehe man es sich versah, auch noch in der Hölle der Sklaverei. Die Reedereien schützten ihre Leute dagegen nicht nur mit Priestern an Bord, nein, sie legten auch so genannte „Sklavenkassen“ an. In diese zahlte jeder Seefahrer ein, und es stand dann das Geld zum Freikauf aus der Sklaverei zur Verfügung. Piraten kommen keine mehr aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, wohl aber Menschen in Not. Wenn sie unterwegs nicht ertrinken, landen sie meist in neuer Not, nicht selten auch in moderner Sklaverei. Vor allem wird ihnen hässliche Ablehnung zuteil: „Das Boot ist voll!“ Ist es aber tatsächlich voll und deshalb dem Untergang geweiht? Die Wirklichkeit sieht anders aus: Zu viele haben nur Angst zu viel in die „Flüchtlingskasse“ einzahlen zu müssen. Die Flüchtlinge hält man deshalb für angelandete Piraten und Feinde der christlichen Seefahrt auf den abendländischen Dampfern. Der Reichtum ihrer Eigner und Kapitäne steht jedoch nicht zur Debatte.

(Geschrieben für „Links“, Oktober 2016, 29.09.2016)

Die Sache mit der Identität

„Wenn alles unveränderlich wäre, ließe sich alles in eine unveränderliche Ordnung der Vernunft bringen, wäre jedes Geheimnis ungeboren, jede Frage gefragt, das Unvorhergesehene vorausgesehen, Außervernünftiges nicht denkbar.“ Das stellt Jurij Brezans Krabat erschrocken fest. Nur die Vernunft, nur Vorhergesehenes, keine Veränderung für ewig? Keine Phantasie, nichts Neues, keine Überraschungen – ziemlich langweilig. Oder noch schlimmer? Wenn das so wäre, wäre alles nur mit sich selbst identisch, so wie wir es wahrnehmen und ihm Sinn geben in einer unveränderlichen Ordnung. Nichts wäre uns fremd und wert, es weiter zu erkunden. Allem aber, das diese Bedingung nicht erfüllt, könnten wir keine Bedeutung zumessen. Es wäre fremd, ohne Sinn für uns. Es erschiene uns gefährlich, zerstörerisch und wäre also abzuweisen.
Schwierig zu verstehen? Ich versuche es am Beispiel: Die deutsche Sprache. Wer zu uns kommt, muss sie lernen, sonst kann seines Bleibens nicht sein. Die Dazukommenden lernen eine Fremdsprache. Was für sie Fremdsprache, ist für uns Muttersprache. „Mutter“-Sprache. Das schmeckt wie bei Muttern, das kümmert sich um uns und unsere Gedanken wie eine Mutter. „Mutter“ ist das Unveränderliche in unserem Leben, so auch die Muttersprache; wie auch der „Vater“ – und das Vaterland. Abweichungen sind landläufig „stief–“ und wenn man sie auch noch so liebt. „Stief-ׅ“ kommt vom germanischen „steupa-“ und hatte dort die Bedeutung „abgestutzt, beraubt“. Die Sache wird wieder philosophisch: Stutzt uns das Fremde ab, sind wir angesichts des Fremden der Gefahr der Beraubung ausgesetzt, der Gefahr der Beraubung unserer Identität, des Vernünftigen, der Sicherheit des Vorhersagbaren? Bleiben wir für eine Antwort bei der Sprache. So sehr uns die Muttersprache als Konstante in unserem Leben erscheinen mag: Sie ist alles andere als konstant, weil in ständiger Veränderung begriffen. Diese Veränderung hat verschiedene Ursachen und vielfältige Folgen. Eine wesentliche Ursache ist die Begegnung mit Anderen, mit dem Fremden, mit dem nicht Identischen. Solche Begegnungen sind in dieser bunten und zugleich einen Welt unvermeidbar. Begegnung führt zu Austausch. Die Ergebnisse werdensprachlich fixiert. Deshalb strotzt unsere Sprache nur so von Fremdwörtern, Lehnwörtern, Lehnübersetzungen. Nur durch diese Anreicherungen konnte die deutsche Sprache überhaupt überdauern. Hätten sich die Muttersprachlerinnen und Muttersprachler dagegen gewehrt, wäre die Sprache unbrauchbar geworden, wäre gestorben. Allerdings ist die deutsche Sprache, wie jede andere auch, daraus nicht zu einem ungeordneten, verwirrenden Gemisch von Eigenem und Fremden geraten. Jede Sprache eignet sich das zunächst Fremde auf eigene Art und Weise an. Feilt es sich zurecht. Das Fremde wird so ebenfalls zum Eigenen. Das Fremdwort kann man noch als solches Erkennen. „Administration“ ist uns zwar verständlich, „Verwaltung“ scheint uns dagegen vertrauter. Das Lehnwort hat sich bereits bis zur Unkenntlichkeit seiner Herkunft angepasst. Das „Banner“ ist uns so geläufig wie die „Fahne“. Es klingt nur feierlicher. Klappt es gar nicht mit dem Fremden, brauchen wir es jedoch auch für uns, wird eben Glied für Glied übersetzt und aus dem lateinischen „conscientia“ wird das „Gewissen“. Wir kommen nicht aus ohne das Fremde, das Andere. Wir können es nicht abweisen. Unsere Welt ist kein festgeleimtes Puzzle, in dem jedes Teil seinen unveränderlichen Platz hat. Die Welt ist vielmehr ein buntes Kaleidoskop. Mit jeder Erdumdrehung ordnen sich die Steinchen neu und es entstehen wieder und wieder bunte Bilder einer faszinierenden, aber ständig in Veränderung befindlichen Wirklichkeit. Manche wollen allerdings davon nichts wissen. Deshalb nennen sich „die Identitären“ „Identitäre“. Nur das Eigene, vermeintlich Identische gilt. Multikulturelles, das Fremdes zulässt und gar schätzt, erscheint ihnen einzig zerstörerisch. Viele Kulturen ja, Austausch, gegenseitige Beeinflussung, nein. Bei Jurij Brezan geht es für sie so weiter: „Kein Himmel, keine Hölle. Und keine Furcht.“ Wären Identitäre darob nicht beneidenswert? Nein und nochmals nein. Für Brezan folgt aus „keine Furcht“: „freilich auch keine Hoffnung“. Das heißt aber doch: auch keine Zukunft!

(Geschrieben für „Links“ September 2019, 25.08.2016)

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen …“

… brennt – wenigstens im Lied – in unsern Herzen eine Sehnsucht, „die lässt uns nimmermehr in Ruh.“ So mag es vielleicht zwei Bergkameraden – korrekt: einem Bergkameraden und einer Bergkameradin – gegangen sein, die am 10. Juni diesen Jahres die Gipfel der Zugspitze erreicht haben. Der eine kam von Tiroler Seite aus, die andere nahm ihren Ausgangspunkt in Bayern. Von beiden Seiten führen ja Seilbahnen in die schwindelnden Höhen. Die Grenze zwischen Deutschland und Österreich verläuft über den Westgipfel. Ein wahrhaft symbolischer Ort für ein Treffen zwischen Österreichs Rechtspopulisten Heinz Christian Strache von der FPÖ und Deutschlands Frontfrau der AfD, Frauke Petry. Der Berg war schon oft Ziel von Leuten, die noch höher hinaus wollten. Es landeten Flugzeuge unterhalb des Gipfels, es flogen Segelflieger von dort ab. Seiltänzer balancierten zwischen dem Ost- und Westgipfel. Andere fuhren die Strecke auf dem Hochseil mit dem Motorrad. Für Nazis war der Berg Symbol Großdeutschlands und einer für sie unnatürlichen Grenze. Sie machten 1933 ihr Symbol, das Hakenkreuz, vom Gipfel weithin sichtbar ins Land Tirol und ins Land Bayern. Und jetzt Strache und Petry. Was machen die da oben? Zwei Leute, die die alten Grenzen in Europa lieber wieder aufrichten und undurchlässig machen wollen, überwinden eine Grenze von jeweils ihrer Seite kommend. Von dpa erfahren wir, „dass Strache und Petry einen Blick hinab auf die deutsche und österreichische Politik werfen wollen.“ Deutsch und österreichisch also streng getrennt. Wer es glaubt, wird selig. Die Reaktionen bei facebook und auf den Seiten vor allem der österreichischen Zeitungen im Netz waren eindeutig. Warum trifft man sich nicht gleich am Obersalzberg, wurde gefragt. War die Wolfsschanze zu weit und geschlossen? Man hörte wohl die Nachtigall der großdeutschen Träume schon wieder trapsen. Kein Wunder: „Sprache, Geschichte und Kultur Österreichs sind deutsch. Die überwiegende Mehrheit der Österreicher ist Teil der deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft.“ So steht es im FPÖ-Parteiprogramm von 2015. Das wollte und konnte man auf der Zugspitze natürlich nicht gleich in Stein meißeln, weshalb man sich zunächst mit der Vereinbarung begnügte, die Kooperation von FPÖ und AfD auf kommunaler Ebene zur vertiefen. Aber es geht perspektivisch um mehr. Es geht um ein – wie sie sagen – „föderales Europa“. Gemeinsame Arbeitsgruppen sollen Themen wie nationale Identität, die (zu beschränkende) Zukunft des Euro und die „moderne Völkerwanderung“, wie Strache die Flüchtlingsbewegungen nennt, behandelt werden. Es geht um die Zusammenarbeit rechter und rechtspopulistischer Parteien in Europa. Am Donnerstag nach dem „Gipfeltreffen“ war Frau Le Pen aus Frankreich Gast bei Herrn Strache; jetzt nicht so hoch droben, aber dafür schon vor Wien. „Unsere Grenzen sind geschlossen. Wir müssen unsere eigenen Grenzen wieder unter Kontrolle bringen“, war dort der O-Ton der Französin. Die Sache ist gefährlich. Der Brexit ist ein Teil davon. Das eingangs zitierte Lied hat eine vierte Strophe: „Beim Alpenglühen heimwärts wir ziehen, Berge, die Leuchten so rot. Wir kommen wieder, denn wir sind Brüder, Brüder auf Leben und Tod.“ Eventuell rotes Leuchten der Zugspitze nach dem Besuch von Petry und Strache war nicht das linke Rot. Es könnte sehr viel eher das heraufdämmernde kriegerische Rot eines erneut zersplitterten „Europa der Vaterländer“ sein. Denn machen wir uns nichts vor, Nationalisten werden nur so lange Geschwister sein, bis sie den Boden für wiederum blutigen Streit um nationale Vorherrschaft und Hegemonie bereitet haben. Hallo Linke! Unser muss – um die Zukunft Europas willen – die dritte Strophe des Lieds sein: „Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen, ach, wie schön ist die Welt. Handschlag ein Lächeln, Mühen vergessen, alles auf’s Beste bestellt.“ Es bleibt nicht mehr viel Zeit dafür.

(Geschrieben am 29.06.2016 für DISPUT, August 2016)