Skip to content

„Ungewisse Gewissheiten“ – „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ nach 35 Jahren auf der Hälfte des Weges.

25. Oktober 2018
von Peter Porsch

Es wurde einst ein Wörterbuch übersetzt, das „Dictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches Wörterbuch des Marxismus)“, herausgegeben von Georges Labica und Gérard Bensussan. „Herausgeber der deutschen Übersetzung war Wolfgang Fritz Haug. An der französischen Fassung des Wörterbuchs waren über 60, an der deutschen Übersetzung fast 40 Autoren beteiligt.“ (WIKIPEDIA) Das geschah in den Jahren von 1983 bis 1989 . Bald stellte sich heraus, dass zum Verständnis des im Kontext der französischen Marx-Rezeption entstandenen Werks für vorrangig deutsche Benutzer Hilfe nötig ist. Sie sollte mit sogenannten „Supplementbänden“ gewährt werden. Ein schwieriges Unternehmen, wie wir im ersten Band (1994) der nun zum „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) mutierten „Supplemente“ erfahren: „Alle an Marx anschließenden Richtungen waren zur Mitarbeit eingeladen. Als sich das Projekt zwischen dogmatischem Bannfluch und sozialliberalen Berührungsängsten im damals noch zweistaatlichen Deutschland blockiert fand, internationalisierte es sich und suchte nicht zuletzt, soweit möglich, die Zusammenarbeit mit Intellektuellen aus dem >>Trikontinent<< Asien, Afrika und Lateinamerika. Bald wurde die Form eines Supplements gesprengt, schon aus dem äußerlichen Grund, daß es im Umfang auf ein Mehrfaches des übersetzten Werkes angewachsen war.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 1, Berlin 1994, S. I) Als eigenes Projekt gegründet wurde das Wörterbuch am Rande der Veranstaltungen zum hundertsten Todestag von Karl Marx in der DDR. Durch eine Neugründung und der endgültigen Festlegung auf den Namen „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ überlebte das Projekt den Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus. Der erste Band erschien, sehr viel später als geplant, nämlich 1994. Fertig wollte man etwa im Jahr 2000 sein. Nun ist das Projekt in seinem 35. Jahr und gerade mal bis zur Hälfte des Alphabets gediehen. Mir liegt 2018 der Band 9/I vor: „Maschinerie bis Mitbestimmung“. Wann und mit wem das Werk zu Ende gebracht sein wird, ist wohl offen. Aber ich sage es gleich: Zu Ende gebracht werden sollte es. Wurde es ihm zunächst um 1990 auch prophezeit, so ist der Marxismus längst nicht tot. Wolfgang Fritz Haug war sich 1994 sicher: „Sowenig die Geschichte des Christentums mit dem Sturz der ersten christlichen Herrschaft beendet war , so wenig wird die theoretisch-praktische Suche nach solidarischer und umweltverträglicher Vergesellschaftung beendet sein mit dem Sturz der kommunistischen Herrschaft.“ (HKWM, Vorwort, Band I, 1994, S. II) Und er meinte zu Recht: „Das Besserwissen, das sich nach einer Niederlage einstellt, ist nicht unbedingt besseres Wissen.“ (ebenda, S. III) Um „besseres Wissen“ geht es. Da steht an erster Stelle die Erkenntnis, dass „Marxismus“ keine monolithische Denkschule, kein enges Korsett des Möglichen ist. Für so manche vielleicht etwas Neues, aber sicher Richtiges - Marxismus ist vielmehr ein pluralistisches Projekt. „Gemessen an der Geschichte marxistischen Denkens gehört zum Neuen heute nicht die Wiederherstellung einer >> geschlossenen Weltanschauung<<, sondern die Wahrnehmung der >> unganzen Ganzheit<< (Sartre) …“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 2, 1995, S. I) Hierin sehe ich den dominanten Wert der Unternehmung. Es öffnet sie für Divergenzen und Differenzen im Theoretischen, für solche im praktisch-politischen Bezug und erweitert die Sichtweise des „Marxistischen“ auf die sich verändernde Welt, ohne sich im Grundsätzlichen aufzugeben. Der Titel des Wörterbuches verdeckt das etwas. Es müsste konsequent eigentlich als ein „Historisch-kritisches Wörterbuch der Marxismen“ angeboten werden. Das Wörterbuch verschreibt sich der Aufgabe, „…die Täuschungen innerhalb marxscher Theoreme und ihre Ideologisierung durch die Marxismen an der Macht historisch-kritisch aufzuarbeiten. Nicht weniger aber gilt es, die Arbeit an der marxistischen Theorie fortzusetzen. Der Sinn des historisch-kritischen Projektes ist die Gewinnung der Zukunft.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 4, 1999 S. III) Diesen Weg geht man gerne mit. Es ist ein Weg auch in ungewisse Gewissheiten. Es war am Anfang des Projektes nicht vorherzusehen, welche Begriffe im Verlauf der Zeit und des Alphabets sich in den Weg stellen würden. Vor allem der „Brückenschlag in die Gegenwart zu neuen sozialen Bewegungen“ (Walter Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 6, 2004, S. III) brachte Neuigkeiten. Wer hätte 1998 schon gedacht, dass im Jahr 2004 Stichwörter wie „Homosexualität“ und „Heteronormativität“ in ein solches Wörterbuch aufzunehmen sind. Wer hätte zu Beginn gedacht, dass 15 Jahre später neben dem Stichwort „Heimat“, „Horror“ oder „Jeans“ auftauchen würden. Überraschen könnten manche und manchen vielleicht auch die Artikel zu „Himmel“, „Hölle“, „Jenseits“, „Diesseits“, „Hexe“. Wer die Artikel liest, wird schnell feststellen, dass eine marxistische Perspektive notwendig ist. „Islamische Revolution“, „islamischer Fundamentalismus“ sind wohl keine Überraschung mehr. Eine große Bereicherung erfährt das Wörterbuch durch die Durchdringung mit marxistisch-feministischer Begrifflichkeit. Hauptsächlich verantwortlich zeichnet dafür Frigga Haug. Die in den ersten sechs Bänden enthaltenen einschlägigen Artikel liegen übrigens zusammengefasst vor in „Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus“ (Hamburg 2003) Das Wörterbuch vermittelt nicht einfach gesichertes Wissen. Woher sollte es kommen? Es folgt vielmehr dem Pluralismus der „Marxismen“, spaltet sie in ihren relevanten Begrifflichkeiten auf, vermittelt das damit verbundene „bessere Wissen“ aber nie als „Besserwisserei“. Das Werk bleibt sich treu in einer Besonderheit. Wo die Divergenzen offensichtlich und groß sind, schreiben mehrere jeweils ihren Artikel zum gleichen Begriff. Nur so ist auch der Anspruch der Weiterentwicklung der Theorie einzulösen. Wolfgang Fritz Haug bekennt 2015: „Im Blick auf die Widersprüche des Marxismus und des Marxistseins haben wir uns mit aller Kraft bemüht, in der Beobachtung genau und in der Darstellung rücksichtslos offen zu sein. Dass wir das nicht im zeugenlosen Selbstgespräch, sondern öffentlich tun, grenzt an Tollkühnheit.“ (HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. II) Herzlichen Dank für den Mut dazu! Genau deshalb kann man sich über das Wörterbuch selbst kritisch in die Marxismen einbringen. Man lernt zu unterscheiden zwischen „positivem Nichtwissen“ und Pseudowissen. Es ist in jeder Zeile des bisher Erschienenen die persönliche Verantwortung der jeweiligen Autorin oder des Autors für das Ausgeführte und seine möglichen Konsequenzen erkennbar. Obwohl in sich widerstreitend ist damit wohl auch ein Subjekt des Marxismus oder zumindest ein wichtiger Teil dieses Subjektes erkennbar. Damit wird das HKWM zu einem Bekenntnis persönlicher menschlicher Verantwortung für den Fortgang und konkreten Verlauf der Geschichte unter marxistischen Vorzeichen. Es unterscheiden sich damit im HKWM nachlesbar marxistische Theorie und Praxis und ihre Akteure und Akteurinnen fundamental von jenen des Kapitalismus. Sie erfüllen eine historische Aufgabe. Den Herausgeberinnen und Herausgebern, den Institutionellen Unterstützungen, den Sponsorinnen und Sponsoren sei deshalb gesagt. Es lohnt alle Mühe: „Wer, wenn nicht in marxscher Kritik der politischen Ökonomie gebildete, kapitalismuskritische Geister sollte sich die brennende Problem-, Konflikt- und Krisenwelt des Kapitalismus aufladen? Die Kapitalisten, ihre staatlichen >Gesamtkapitalisten< und ihr intellektueller Anhang sind absorbiert vom Unmittelbaren des Moments bzw. vom absehbaren Unmittelbaren der nahen Zukunft. Sie müssen sich der Weltprobleme nur insofern annehmen, als diese die Grundlage des Weiter-so unmittelbar gefährden. Der Gefahr, die der Kapitalismus selbst darstellt, kehren sie den Rücken zu. Da Kapitalismus eine in ständiger Wandlung sich reproduzierende, prozessierende Struktur antagonistischer Akteure ohne einheitliches Subjekt ist, muss niemand für ihn die Verantwortung übernehmen.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. IIf.) Freilich, wer die marxsche Kritik in die Gesellschaft tragen will, wer möglichst viele in der Gesellschaft dazu befähigen will, muss in der Gesellschaft verstanden werden. Die Sprache des HKWM ist dazu eher selten unmittelbar geeignet. Alltagssprache ist zwar in vielen Stichwörtern präsent, sehr viel weniger jedoch in den Artikeln. Das ist ein Problem der Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die akademische Eliten kennt. Genau dies muss aber von Marxistinnen und Marxisten auch aufhebbar sein. Es kann werden, je mehr marxistische Gesellschaftskritik greift, weil die Arbeitsteilung selbst als Ausbund des Kapitalismus natürlich auch Gegenstand der Kritik werden muss. Das HKWM kann schon in seiner heutigen Qualität eine Gehhilfe sein beim Weg in eine Gesellschaft, „… wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 33,) Akademische Debatten in politische Bildung verwandeln, ist eine aktuelle Aufgabe. Das HKWM sollte sich auf der zweiten Hälfte seines Weges etwas mehr bemühen, ohne Qualitätsverlust an der Lösung dieser Aufgabe mitzuwirken. Artikel zu „Sprachkritik“ oder „Soziolinguistik“ könnten da noch zur Selbsthilfe beitragen. (25.10.2018)

Noch keine Kommentare

Kommentar hinterlassen

Achtung: Ihre e-Mailadresse ist nicht durch Dritte einsehbar.

Abonnieren sie diese Kommentare via RSS