{"id":975,"date":"2016-04-12T12:10:36","date_gmt":"2016-04-12T10:10:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=975"},"modified":"2016-04-14T15:44:59","modified_gmt":"2016-04-14T13:44:59","slug":"impressionen-aus-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=975","title":{"rendered":"Impressionen aus Athen"},"content":{"rendered":"<p>Die Woche vor Ostern, vor dem katholischen und protestantischen Ostern, als Tourist in Athen: Man erlebt ein sonniges Athen und man begegnet einem tr\u00fcben Athen. Nat\u00fcrlich ist das der Jahreszeit geschuldet, aber nicht nur. Kultur lauert in jedem Stein, deshalb ist man ja hier. Die Akropolis winkt vom Berg aus jeder Perspektive. Man kann ihrem Anblick nirgends entgehen. Das hat etwas Gutes: Man findet sich in der Stadt leicht zurecht. \u00dcber den Teil, den einem die Burg gerade zuwendet, in Verbindung mit dem Winkel, aus dem man sie sieht, kann man sich sehr gut verorten. Der Akropolis gegen\u00fcber liegt der Berg Lycabettus. Dadurch wird die Sache f\u00fcr Fremde noch leichter. Man besteigt Burg und Berg, besucht alles, was Pflicht ist, am\u00fcsiert sich \u00fcber die Verrenkungen der Evzonen bei ihrer Wachabl\u00f6sung vor dem Grab des \u201eUnbekannten Soldaten\u201c unterhalb des Parlaments. F\u00fcr alle antiken Zeugnisse, die im Freien liegen, zahlt man insgesamt gerade mal 12.- Euro und kann sie binnen vier Tagen ausf\u00fchrlich besichtigen. Da wundert man sich schon. Woanders w\u00e4ren bereits f\u00fcr den Eintritt in Vergleichbares wie die Akropolis mindestens 20.- Euro zu l\u00f6hnen. Es wird den Tourist*innen hoffentlich bewusst, dass sie sich an den \u00e4ltesten Urspr\u00fcngen europ\u00e4ischer Kultur befinden. Ich wei\u00df nicht, wieviel die EU f\u00fcr Erhalt und Pflege der reichlich vorhandenen steinernen Zeugen dieser Kultur beitr\u00e4gt. Ich meine aber, dass man dabei auf keinen Fall Griechenland allein lassen d\u00fcrfte. Die Last dieses Erbes muss ganz Europa mit Stolz tragen.<br \/>\nKultur lauert in jedem Stein &#8211; Kulturlosigkeit liegt auf den Steinen. Athen wird sozial tr\u00fcbe, aber zugleich auf eigene Art bunt. Menschen leben mit n\u00f6tigstem Sack und Pack auf der Stra\u00dfe, haben ihre Decken zum Schlafen halbwegs regengesch\u00fctzt unter Arkaden ausgebreitet, im\u00a0dichtesten Menschenget\u00fcmmel. Das sind keine Fl\u00fcchtlinge, sondern solche, die in Folge der Finanzkrise ihre Wohnungen verloren haben, weil die Miete zu hoch, die Rente zu schmal, der Arbeitsplatz verloren gegangen ist. Sie bauen sich mit Kartons und Holzpaletten etwas Intimit\u00e4t, besuchen sich, kochen gemeinsam. Es liegen auch Ehepaare auf der Stra\u00dfe. Als (deutscher) Tourist sch\u00e4mt man sich und ist w\u00fctend zugleich. Den Obdachlosen wird die Erh\u00f6hung der Mehrwersteuer f\u00fcr Wasser und Energie nichts ausmachen. Es wird nur die Zahl ihrer \u201eMitbewohner*innen erh\u00f6hen.<br \/>\nIst Athen die Quelle der Kultur Europas, so ist das heutige Europa die Ursache dieser Kulturlosigkeit. Die (langweiligen) noblen Viertel sind davon verschont. Da ist die Polizei bestochen. Die alternativen Viertel sind trotz Not lebendig. Die Not schafft Kraml\u00e4den, voll von verzweifelt verkauftem und genauso verzweifelt auf Kundschaft wartendem Wohlstandsm\u00fcll. Verfall st\u00f6rt niemanden. Das folgt allgemeiner mediterraner Mentalit\u00e4t. Er hat seine eigene Sch\u00f6nheit. In den alternativen Vierteln schmeckt das Essen und man bleibt von \u201eSchleppern\u201c verschont, die einem \u201eihr\u201c Restaurant aufschwatzen wollen. Fl\u00fcchtlinge sieht man nur in Pir\u00e4us, gar nicht viel. Idomeni ist weit weg, jedenfalls noch in dieser M\u00e4rzwoche. Allerdings gibt es engagierte Leute, die Fl\u00fcchtlinge unterbringen (leerstehende H\u00e4user, Unigeb\u00e4ude) und mit Nahrung versorgen. Wir haben welche kennengelernt. Der Freitag &#8211; bei uns Karfreitag &#8211; ist f\u00fcr die orthodoxen Griechinnen und Griechen der Tag \u201eMaria Verk\u00fcndigung\u201c. Die Kathedralen sind voll. Er ist au\u00dferdem Nationalfeiertag. Hubschrauber und drei D\u00fcsenflugzeuge \u00fcberfliegen die Stadt. Die Kinder gehen mit F\u00e4hnchen zur bescheidenen Milit\u00e4rparade.<br \/>\nWir haben einen \u00f6sterreichischen Bekannten, der leitet in Athen eine deutschsprachige B\u00fchne (Maerzb\u00fchne) und lebt an der Armutsgrenze. Es spielen deutsche Muttersprachler*innen, aber auch Griechinnen und Griechen. Das Spiel genie\u00dfen Menschen ganz verschiedener Herkunft: Germanist*innen, Deutsche, \u00d6sterreicher*innen, die sich in Athen angesiedelt haben, weil nur mehr dort ihr Geld reicht, Griechen*innen, die in Deutschland gelebt haben, Menschen, die multikulturell interessiert sind, seltener Tourist*innen, Diplomat*innen und Wirtschaftsleute. \u00d6sterreichische, Deutsche und Schweizer Botschaft geben etwas Geld. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterst\u00fctzt jetzt das Projekt. Als in Athen lebende \u00f6sterreichische B\u00fcrger mit einer Protestresolution darauf aufmerksam machten, dass Griechenland mit seinen tausenden Inseln seine Grenzen nicht dicht machen kann und Frau Mikl-Leitner, damals noch Innenministerin der Alpenfestung (Entschuldigung, der Alpenrepublik), etwas leisere T\u00f6ne anschlagen sollte, wurden sie zu einem\u00a0\u201eGespr\u00e4ch\u201c in die Residenz der Botschafterin\u00a0\u201eeingeladen\u201c. Irgendwer fragte sie auch, ob sie Sonntag in die Kirche gingen\u00a0\u2026\u00a0<\/p>\n<p>(vorgeschlagen f\u00fcr Links, Mai 2016, 11.04.2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Woche vor Ostern, vor dem katholischen und protestantischen Ostern, als Tourist in Athen: Man erlebt ein sonniges Athen und man begegnet einem tr\u00fcben Athen. Nat\u00fcrlich ist das der Jahreszeit geschuldet, aber nicht nur. Kultur lauert in jedem Stein, deshalb ist man ja hier. Die Akropolis winkt vom Berg aus jeder Perspektive. 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