{"id":972,"date":"2016-03-18T18:07:08","date_gmt":"2016-03-18T16:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=972"},"modified":"2016-03-18T18:07:08","modified_gmt":"2016-03-18T16:07:08","slug":"mi-mi-mau-mau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=972","title":{"rendered":"Mi-mi-mau-mau"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00dcberschrift hat nichts mit Katzen zu tun und auch nichts mit einem vor allem bei Kindern beliebten Kartenspiel. Es ist der Titel einer Geschichte, die ich fast schon vergessen hatte. Fr\u00fcher musste ich sie meiner kleinen Schwester oft vor dem Schlafengehen vorlesen: Ein geiziger M\u00fcller verweigert einer alten Frau, die um ein St\u00fcck Brot bittet, die milde Gabe. Die alte Frau trifft im Wald einen M\u00fcllerburschen, der eine Anstellung sucht. Sie schickt ihn in die M\u00fchle, nicht ohne den Burschen vor dem Geiz und der Hartherzigkeit der M\u00fcllersfamilie zu warnen. Auf dem Weg dorthin soll der junge Mann einen schwarzen Stein, den er in einem Bach finden wird, einstecken und nachts in der K\u00fcche in den Ofen legen. Von der M\u00fcllerin wird der potentielle Geselle zun\u00e4chst abgewiesen. Der Junge l\u00e4sst sich aber nicht einsch\u00fcchtern, setzt sich dreist mit an den Tisch, nimmt sich, was man ihm eigentlich verweigert, und legt sich schlie\u00dflich satt und m\u00fcde auf die Ofenbank, um zu schlafen. M\u00fcller und M\u00fcllerin werden seiner nicht Herr. Mitten in der Nacht steht der Bursche auf, legt den schwarzen Stein in den Ofen, wie ihn die alte Frau gehei\u00dfen. Morgens bl\u00e4st die M\u00fcllerin das Feuer im Ofen an und &#8211; sagt pl\u00f6tzlich immer wieder mi-mi-mau-mau. Den M\u00fcller ereilt das gleiche Schicksal, ebenso die Tochter. Schlie\u00dflich spricht das ganze herbeigeeilte Dorf nur mehr mit mi-mi-mau-mau, nachdem die Menschen ins Feuer geblasen hatten. Der schlie\u00dflich vom Schlaf erwachte M\u00fcllerbursche erl\u00f6st die Verzauberten erst, als sie alle versprechen, in Zukunft ihren Geiz aufzugeben und Menschen, die um Hilfe bitten, diese auch zu gew\u00e4hren. Der Bursche aber erh\u00e4lt die ersehnte Arbeit in der M\u00fchle. Alle sind gl\u00fccklich und zufrieden.<br \/>\nWir Kinder lachten vor allem \u00fcber das Mi-mi-mau-mau! Ich konnte es meiner kleinen Schwester nicht oft genug wiederholen. Heute gef\u00e4llt mir anderes und kommt mir bei der Geschichte auch anderes in den Sinn, als nur die Freude \u00fcber den bestraften Geiz; die nat\u00fcrlich auch. Der M\u00fcllerbursche hatte doch ganz frech die Eigentumsfrage gestellt. Was ihm wegen fehlenden Mitleids &#8211; man kann auch sagen, wegen fehlender Solidarit\u00e4t &#8211; verweigert wurde, nahm er sich einfach. Er zeigte Witz und St\u00e4rke, wo ihm K\u00e4lte statt Mitmenschlichkeit  begegnete. Recht gut und schon sehr sch\u00f6n. Die Sache geht aber weiter. Der  junge M\u00fcllergeselle klagte beim ganzen Dorf soziales Verhalten ein. Er fordert sozusagen einen Sozialstaat. Der Zauberstein enth\u00fcllte jedoch, dass M\u00fcllersleute und Dorfbewohner in ihrem Geiz dem nichts au\u00dfer ein sinnloses Mi-mi-mau-mau entgegensetzten. Nun stelle doch heute jemand mal Hartz IV als ungerecht in Frage. Es prangere jemand die wachsende Schere zwischen Reich und Arm an. Verlange doch wer Steuergerechtigkeit, verlange wer Verm\u00f6genssteuer, ordentliche Erbschaftssteuer. Zeige wer mit dem Finger auf das Elend in der Welt und fordere Solidarit\u00e4t der reichen L\u00e4nder mit den Millionen Fl\u00fcchtlingen in der Welt. Weise jemand auf die allgemeine Demontage des  Sozialstaates hin. Die Antworten derer, die helfen k\u00f6nnten, die die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern k\u00f6nnten, klingen dann aber wie mi-mi-mau-mau. Das ist schon lange die weitschweifige, aber nichtssagende Sprache der Talk-Runden. Das ist die Sprache der verantwortlichen Politikerinnen und Politkern, der Wirtschaftsweisen, der Wirtschaftsgr\u00f6\u00dfen. Synonyme f\u00fcr mi-mi-mau-mau sind heute \u201eSachzw\u00e4nge\u201c, \u201eZeiten knapper Kassen\u201c, \u201eAusgewogenheit\u201c, \u201eSozialneid\u201c, \u201eStandort\u201c, \u201emuss sich rechnen\u201c, \u201eLeitkultur\u201c, \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c und so weiter und so fort. Und je gr\u00f6\u00dfer das Versagen, desto h\u00e4ufiger und lauter h\u00f6rt man dieses Mi-mi-mau-mau. Am Abend und in der Nacht nach den Landtagswahlen vom 13. M\u00e4rz diesen Jahres wurden wir mit mi-mi-mau-mau \u00fcbersch\u00fcttet. Pl\u00f6tzlich wussten alle, man muss sich mit Rassismus bis weit in die Mitte der Gesellschaft, mit rechtem Gedankengut, autorit\u00e4ren Politikvorstellungen, mit zu geringer Bildung vieler Menschen, aber auch mit ihren Sorgen und N\u00f6ten auseinandersetzen. Es klang dennoch alles immer noch wie mi-mi-mau-mau &#8211; und bald danach erst recht. Niemand war davon frei. Der M\u00fcllerbursche erzwang soziales Verhalten in der Gesellschaft und befreite sie so vom Mi-mi-mau-mau. Tun wir doch endlich desgleichen! Machen wir Schluss mit dem Zauber!<\/p>\n<p>(geschrieben 15.03.2016 f\u00fcr Links, April 2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00dcberschrift hat nichts mit Katzen zu tun und auch nichts mit einem vor allem bei Kindern beliebten Kartenspiel. Es ist der Titel einer Geschichte, die ich fast schon vergessen hatte. 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