{"id":969,"date":"2016-02-26T18:41:04","date_gmt":"2016-02-26T16:41:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=969"},"modified":"2016-02-26T18:41:04","modified_gmt":"2016-02-26T16:41:04","slug":"von-der-hermeneutischen-funktion-der-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=969","title":{"rendered":"Von der hermeneutischen Funktion der Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p>Die Sache ist einfacher, als der Titel vielleicht annehmen l\u00e4sst. Worum geht es? Die \u201eVielfalt\u201c ist \u00fcber uns gekommen mit den vielen, vielen Menschen, die hier Zuflucht suchen vor Krieg, Gewalt, Armut. Und schon greift eine erste hermeneutische Funktion dieser Vielfalt: Fassen wir unter \u201eHermeneutik\u201c einmal ganz simpel die \u201eKunst des Verstehens von Sinnzusammenh\u00e4ngen in Lebens\u00e4u\u00dferungen aller Art \u2026\u201c (vgl. Duden &#8211; Deutsches Universalw\u00f6rterbuch, Berlin 2015), dann wird uns sehr schnell klar, dass die Vielfalt nicht einfach \u201e\u00fcber uns gekommen\u201c ist wie eine Naturkatastrophe. \u201eStrom\u201c, \u201eSchwemme\u201c, \u201eFlut\u201c sind die falschen Metaphern. Menschen suchen Schutz vor von Menschen verschuldetem Elend, von Menschen ausge\u00fcbter Gewalt. Zum Zweiten bringt uns die hermeneutische Funktion der Vielfalt zur schmerzhaften Erkenntnis, dass viele Menschen hier auf die Zuwanderung nicht nur mit Unverst\u00e4ndnis und Angst reagieren, sondern mit offener Ablehnung, mit Hass und kriminellen Taten. Eine fatale \u201eHermeneutik\u201c, derer es eigentlich nicht gebraucht h\u00e4tte. Um faschistoide, neofaschistische, rechtsradikale, rassistische, ethnozentrische und weitere im Lexikon der Unmenschlichkeit verzeichnete Einstellungen und Handlungsmaximen wissen wir sp\u00e4testen seit 1992 und den Pogromen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und anderswo. Nur hat man sich seit damals nicht um ein \u201eVerstehen\u201c bem\u00fcht, sondern eher nur um gef\u00e4hrlich-verdr\u00e4ngendes Verst\u00e4ndnis. Die CDU in Sachsen &#8211; seit 1990 \u00fcberm\u00e4chtige Regierungspartei &#8211; hat sich dabei besonders hervorgetan. Der (kleine) K\u00f6nig Kurt Biedenkopf versicherte uns sehr zeitig schon, dass die Sachsen immun gegen rechtsradikales und ausl\u00e4nderfeindliches Gedankengut seien. Welch gro\u00dfer Irrtum. Sehr viele waren nie immun dagegen und sie wurden auch nie vorsorglich \u201egeimpft\u201c. Jetzt tut man aber erstaunt und emp\u00f6rt \u00fcber die neuerlich ausgebrochene \u201eInfektion\u201c. Es tritt ein dritte Version der hermeneutischen Funktion der Vielfalt in Aktion. Politiker und Politikerinnen, Menschen, die vor kurz und auch schon lang Positionen vertraten, die die beschworene \u201eEpidemie\u201c n\u00e4hren konnten, entsinnen sich pl\u00f6tzlich eines Besseren. Gegnerinnen und Gegner der Akzeptanz und Gleichstellung von sexueller Vielfalt, sind pl\u00f6tzlich zu vehementen Bef\u00fcrworterinnen und Bef\u00fcrwortern derselben geworden. Eine CDU, die in Sachsen immer wieder versuchte, Religion und Staat, Kirche und Staat zumindest in eine enge Verbindung zu bringen, predigt auf einmal deren strenge Trennung als einen unserer konstitutiven Werte. Eine Politik, die die betr\u00e4chtlichen Lohnunterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen akzeptiert, entdeckt die Gleichberechtigung der Geschlechter. Machos, die sich \u00fcber \u201eM\u00e4nnerwitze\u201c am\u00fcsieren, reden und schreiben \u00fcber ein \u201enicht tolerierbares Frauenbild\u201c, das von Fl\u00fcchtlingen aus dem \u201earabischen Raum\u201c mitgebracht wurde, wo \u00dcbergriffe a l\u00e1 Sylvester in K\u00f6ln an der Tagesordnung seien (vgl. z.B. den CDU-Sachsenbrief vom Januar 2016). Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn ihre Metamorphose nachhaltig w\u00e4re. Ich erinnere mich noch gut der Debatten im S\u00e4chsischen Landtag um die \u201eBewahrung der Sch\u00f6pfung (!)\u201c als Teil der Pr\u00e4ambel der Landesverfassung. Ich erinnere mich an die Auseinandersetzungen um die \u201eUmsetzung des besseren Schulkonzepts\u201c. Die CDU forderte 2004 schulische Bildung, \u201einsbesondere ankn\u00fcpfend an die christlichen Traditionen im europ\u00e4ischen Kulturkreis.\u201c Die \u201eRingparabel\u201c des Sachsen Lessing strafte man mit Ignoranz. Den Aasgeier Pegida konnten Hellh\u00f6rige jedoch schon trapsen h\u00f6ren und sie wiesen auch auf die Gefahren hin.<br \/>\nDie beste \u201ehermeneutische Funktion der Vielfalt\u201c k\u00e4me jedoch zur Wirkung, wenn sie im Sinne ihrer Entdecker \u201eethnozentrische Isolierung\u201c \u00fcberwinden h\u00fclfe. Die bereits 1984 gegr\u00fcndete \u201eGesellschaft f\u00fcr interkulturelle Germanistik\u201c meinte n\u00e4mlich, Vielfalt sollte uns lehren, \u201ekulturelle Unterschiede zu respektieren und ihre Erkenntnisse zum besseren Verst\u00e4ndnis der eigenen und fremden Kultur zu nutzen.\u201c \u201eDas Fremde wird so zum Ferment der Kulturentwicklung.\u201c (Informationsblatt der GIG 6\/85)<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr die M\u00e4rz-Ausgabe der Mitgliederzeitschrift einer unersetzlichen linken Partei, 25.02.2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sache ist einfacher, als der Titel vielleicht annehmen l\u00e4sst. Worum geht es? Die \u201eVielfalt\u201c ist \u00fcber uns gekommen mit den vielen, vielen Menschen, die hier Zuflucht suchen vor Krieg, Gewalt, Armut. 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