{"id":961,"date":"2016-02-01T14:09:39","date_gmt":"2016-02-01T12:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=961"},"modified":"2016-02-01T14:14:39","modified_gmt":"2016-02-01T12:14:39","slug":"herrschaft-oder-akzeptanz-die-sprache-als-selbstredendes-dasein-der-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=961","title":{"rendered":"Herrschaft oder Akzeptanz? Die Sprache als &#8222;selbstredendes Dasein&#8220; der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Gekonnt dialektisch analysiert macht uns Karl Marx auf eine wesentliche Leistung von Sprache aufmerksam: \u201eDie Sprache selbst ist ebenso das Product eines Gemeinwesens, wie sie in andrer Hinsicht selbst das Dasein des Gemeinwesens, und das selbstredende Dasein desselben.\u201c (MEW, Bd. 42, Berlin 1983, S. 398)  Sprache zeigt demnach nicht nur eine einfache Reaktion oder ein trivialen Reflex auf Vorg\u00e4nge in der Gesellschaft, sondern es findet sich die ganze Dialektik des Gesellschaftlichen auch in Sprache wieder. Am deutlichsten wird das sichtbar im flexibelsten Teilsystem der Sprache, dem Wortschatz.<\/p>\n<p>W\u00f6rter verschwinden und es entstehen neue W\u00f6rter, neue Kampfbegriffe wie \u201eLeitkultur\u201c und \u201eParallelgesellschaft\u201c, wie das abf\u00e4llige \u201eGutmensch\u201c und das herrische \u201eMehrheitsgesellschaft\u201c. Die Rede von \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtlingen\u201c oder \u201eArmutsfl\u00fcchtlingen\u201c delegitimiert die Flucht vor Elend und Perspektivlosigkeit, welche nicht zuletzt der Ausbeutung durch die reichen Kernl\u00e4nder des Kapitals geschuldet sind. An diesen W\u00f6rtern h\u00e4ngen Konzepte des Umgangs mit Eigenem und mit Fremdem. Sie erz\u00e4hlen von gesellschaftlicher Praxis. Noch zu Beginn dieses Jahrtausends &#8211; und das ist ja nicht so lange her &#8211; waren diese W\u00f6rter in keinem Deutschen W\u00f6rterbuch verzeichnet. Erst seit etwa zehn Jahren tauchen sie dort peu \u00e1 peu auf. Zugleich werden alte W\u00f6rter, b\u00f6se alte W\u00f6rter und Wendungen wieder lebendig: \u201eVolksverr\u00e4ter\u201c oder \u201eVolksverhetzer zum Beispiel, Der \u201eEiserne Besen\u201c, mit dem Hitler und seine Kumpane die Demokraten, Fremden und Juden aus Deutschland fegen wollten, werden bei Frau Festerling von Pegida zu \u201eMistgabeln\u201c. Es wird von solchen Leuten nicht nur zum \u201eRauspr\u00fcgeln\u201c aufgefordert, sondern man pr\u00fcgelt schon, und man hat \u201eFeinde\u201c, die man mit Ungeziefer vergleicht. Das Wort \u201eZecken\u201c hat Konjunktur. \u201eRechtsstaat\u201c, \u201eVerfassungsstaat\u201c geraten in Vergessenheit. Dubioses \u201eGastrecht\u201c setzt \u201eGrundgesetz\u201c und \u201eV\u00f6lkerrecht\u201c au\u00dfer Kraft. Solches entspringt der Vorstellung von einer \u201eVolksgemeinschaft\u201c. Die AfD verwendet dieses Wort bereits wieder. Recht wird dann zu dem, \u201ewas dem deutschen Volke n\u00fctzt\u201c. Dies war das grundlegende nationalsozialistische Rechtsprinzip. Es pfiff auf \u201eGleichheit\u201c und \u201eGerechtigkeit\u201c. Der Weg dahin zur\u00fcck ist er\u00f6ffnet. Es ist kein Weg zur\u00fcck in ein verlorenes \u201eAbendland\u201c. Es ist der Weg zur\u00fcck in die faschistische Nacht.<\/p>\n<p>Das \u201eselbstredende Dasein des Gemeinwesens\u201c ist evident. Deshalb lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen. In einem System stehen die Element in Beziehung zueinander. Das System hat Struktur. Die Struktur hat eine Funktion. In ihrem Zusammenhang erz\u00e4hlen uns die W\u00f6rter in der Gesellschaft lebendige Geschichten.<\/p>\n<p>Das Wort \u201eParallelgesellschaft\u201c z.B. ist in der 4. Auflage DUDEN &#8211; Deutsches Universalw\u00f6rterbuch (DUWB), Mannheim 2001 noch gar nicht verzeichnet. In der 7. Auflage (2011) finden wir es, in seiner Bedeutung folgenderma\u00dfen definiert: \u201evon einer Minderheit gebildete, in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft.\u201c So finden wir es auch in der 8. Auflage, 2015. In der Schulausgabe des \u00d6sterreichischen W\u00f6rterbuches (\u00d6WB, 42. Auflage, Wien 2012) finden wir f\u00fcr \u201eParallelgesellschaft\u201c, \u201eorganisierte eigene gesellschaftliche Struktur (einer Minderheit), Subkultur\u201c. In allen fr\u00fcheren Ausgaben dieses W\u00f6rterbuches war es noch nicht verzeichnet.Man kann kaum leugnen, dass das Wort mit diesen Bedeutungsdefinitionen z.B. auch auf Sorben anwendbar w\u00e4re. Dennoch wurde das Jahrhunderte lang nicht gemacht. Das Wort wurde wegen der Sorben so wenig \u201eerfunden\u201c wie wegen anderer ethnisch-kultureller Minderheiten, seien sie autochthon oder nicht. Warum dann jetzt? <\/p>\n<p>Bei WIKIPEDIA finden wir: \u201eParallelgesellschaft ist ein politischer Begriff, der eine nicht den wahrgenommenen Regeln und Moralvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechende, von dieser mitunter als ablehnend empfundene gesellschaftliche Selbstorganisation einer Minderheit beschreibt. Der Begriff \u00fcberschneidet sich in seinem Bedeutungsinhalt mit Gegenkultur und Subkultur.\u201c<\/p>\n<p>WIKIPEDIA und das \u00d6WB geben uns den Hinweis auf die \u00dcberschneidung mit \u201eSubkultur\u201c. Das DUWB bestimmt die Bedeutung des Wortes \u201eSubkultur\u201c mit: \u201einnerhalb einer Gesellschaft bestehende, von einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen o.\u00e4. Gruppe getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten.\u201c Das \u00d6WB sagt dazu: \u201eabweichende Kultur- und Lebensformen bestimmter Gruppen der Gesellschaft\u201c. <\/p>\n<p>\u201eInnerhalb einer Gesellschaft\u201c, \u201ebestimmte Gruppen der Gesellschaft\u201c, darin liegt offensichtlich des R\u00e4tsels L\u00f6sung. Eigentlich liegt sie schon in der Bedeutungsopposition des Pr\u00e4fixes \u201esub-\u201c und des Wortteiles \u201eparallel\u201c. \u201eSub-\u201c \u201ebedeutet in Bildungen mit Substantiven, Adjektiven und Verben unter, sich unterhalb befindend, niedriger als  \u2026 (in r\u00e4umlicher und hierarchischer Hinsicht)\u201c. \u201eParallel\u201c hei\u00dft \u201e\u2026 an allen Stellen in gleichem Abstand nebeneinander [befindlich]\u201c. (Alles nach DUWB) Demnach haben \u201eParallelgesellschaften\u201c keine Ber\u00fchrung miteinander, \u201eSubkulturen\u201c sind jedoch einer \u00fcbergeordneten Gesellschaft nicht nur zu-, sondern auch untergeordnet. <\/p>\n<p>Wenn \u201eSubkulturen\u201c einer \u201eLeitkultur\u201c untergeordnet sind, haben sie sich einer Macht gebeugt bzw. hat sie eine Macht gebeugt. Sie unterliegen (zumindest partiell) fremder Herrschaft. Diese \u201eUnterwerfung\u201c trifft f\u00fcr \u201eParallelgesellschaften\u201c per definitionem nicht zu. Das ist f\u00fcr Macht gef\u00e4hrlich. Zumindest nimmt sie das an. Ist es aber wirklich und speziell f\u00fcr die Kultur der M\u00e4chtigen gef\u00e4hrlich? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es kann doch niemand sagen, dass sich gerade parallel zueinander stehende Konstanten, parallel verlaufende Lebensweisen gegenseitig gef\u00e4hrden. Sie k\u00f6nnten sich akzeptieren und ansonsten in Ruhe lassen. Die Gef\u00e4hrdung tritt erst ein, wenn \u201eMacht\u201c bzw. Anspruch auf \u201eHerrschaft\u201c einer Seite in Richtung der anderen ins Spiel kommen. Dann will die eine Kultur die andere \u201eintegrieren\u201c, im Sinne einer Unterordnung. Sie will ihre Regeln zu den \u00fcbergeordneten machen oder die anderen zerst\u00f6ren. Akzeptanz des \u201eAnderen\u201c wird abgebaut, kommt gar nicht zum Zuge. Das \u201eAndere\u201c wird zum gef\u00e4hrlichen \u201eFremden\u201c. Jetzt wird \u201eParallelkultur\u201c zur \u201eGegenkultur\u201c. Das ist laut DUWB die \u201eKultur einer Gruppe in einer Gesellschaft, die deren Kultur in bestimmten Teilen ablehnt u. daf\u00fcr eigene Normen u. Werte setzt.\u201c Feindschaft kommt ins Spiel und damit Macht und St\u00e4rke. Solche \u201eFeinde\u201c gab es auch fr\u00fcher &#8211; z.B. die \u201eJuden\u201c, die \u201eZigeuner\u201c. Das Wort \u201eParallelkultur\u201c kommt uns harmlos daher und ersetzt doch nur als Kampfbegriffe unbrauchbar gewordene W\u00f6rter und versucht den neuen Kampfbegriff selbst noch zu verharmlosen. Liegen dem &#8211; wie oft behauptet &#8211; \u201eAngst\u201c oder \u201eBesorgnis\u201c zugrunde, so verwandeln sich \u201eAngst\u201c und \u201eBesorgnis\u201c in Repression. Die Mehrheitsgesellschaft hat dazu ausreichend M\u00f6glichkeiten und nutzt sie auch, weil die definitorische Parallelit\u00e4t keine faktische ist. Warum eigentlich \u201eAngst\u201c und \u201eBesorgnis\u201c? Diese k\u00f6nnten sich doch auch in Neugierde, Verstehen und Akzeptieren verwandeln. Genau das w\u00e4re der Anfang, den Prozess einer \u201eEvolution der Integration\u201c zu initiieren, einer Evolution, die beide \u201eParallelen\u201c betrifft. So weit unsere Kultur eine Subkultur der Kultur der Menschenrechte, Toleranz, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie ist, brauchen wir sie nicht \u00e4ngstlich zu sch\u00fctzen. Sie wird ihre Attraktivit\u00e4t unter Beweis stellen, wenn wir sie niemandem verwehren. Sie braucht sich auch nicht zu verstecken, wenn sie verletzt wird. \u201eHerrschaft\u201c hat jedoch ein anderes Ziel. Andreas Scheuer, Generalsekret\u00e4r der CSU, meint: &#8222;Die Neuank\u00f6mmlinge aus anderen Kulturkreisen m\u00fcssen akzeptieren, dass die deutsche Leitkultur tonangebend und f\u00fcr ihr weiteres Leben in Deutschland der Ma\u00dfstab ist.&#8220; Integration k\u00f6nne nicht bedeuten, \u201e\u2026 dass sich die einheimische Bev\u00f6lkerung und die Fl\u00fcchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht \u2026 Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: unsere Werte akzeptieren.\u201c (Passauer Neue Presse, 10.10.2015) Hier schl\u00e4gt Neuankommenden nur kalte Macht entgegen, nicht ein Quentchen Akzeptanz, nur Ausgrenzung, keine Neugier. Es ist zugleich das, was in einschl\u00e4giger Literatur\u201eRassismus ohne Rassen\u201c genannt wird. Herrschaft geht vor Akzeptanz. Die Sprache bringt es zutage: Sie tritt uns tats\u00e4chlich als ein \u201eProdukt\u201c und zugleich \u201eselbstredendes Dasein\u201c der Gesellschaft entgegen.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Februar 2016, 28.01.2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gekonnt dialektisch analysiert macht uns Karl Marx auf eine wesentliche Leistung von Sprache aufmerksam: \u201eDie Sprache selbst ist ebenso das Product eines Gemeinwesens, wie sie in andrer Hinsicht selbst das Dasein des Gemeinwesens, und das selbstredende Dasein desselben.\u201c (MEW, Bd. 42, Berlin 1983, S. 398) Sprache zeigt demnach nicht nur eine einfache Reaktion oder ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-fv","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/961"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=961"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":964,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/961\/revisions\/964"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}