{"id":956,"date":"2016-01-23T09:11:49","date_gmt":"2016-01-23T07:11:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=956"},"modified":"2016-01-23T14:07:00","modified_gmt":"2016-01-23T12:07:00","slug":"gegen-die-idiotisierung-des-aberlandes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=956","title":{"rendered":"Gegen die Idiotisierung des Aberlandes"},"content":{"rendered":"<p>(Rede, gehalten am Liebknecht-Luxemburg-Gedenkstein, Lindhardt, 23.01.2016)<\/p>\n<p>Verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen!<\/p>\n<p>Es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass ich hier stand und zum gleichen Anlass gesprochen habe. Ich war ein Viertel Jahr zuvor in mein siebzigstes Lebensjahr eingetreten und fand die Gelegenheit ganz gut geeignet, einmal dar\u00fcber laut nachzudenken, was in den siebzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der nach meiner Geburt noch ein halbes Jahr getobt und Europa zerst\u00f6rt hat, so alles mein Leben bestimmt hat. Ich will das nat\u00fcrlich heute nicht wiederholen. Aber wenn ich mir und Euch das Fazit kurz in Erinnerung rufe, so habe ich bis damals ein Leben gelebt, wie es kaum einer Generation vor mir in Europa beschieden war: Ein Leben in weitgehender Freiheit, ein Leben in weitgehender Selbstbestimmung, ein Leben in passablem Wohlstand und ein Leben, das nie unmittelbar durch Krieg beeintr\u00e4chtigt, wohl aber sehr oft bedroht war. Ein Leben, das Krieg aber eigentlich nur vom H\u00f6rensagen kannte. Eine zweite Erkenntnis war jedoch, dass ein solches Leben m\u00f6glicherweise so nicht mehr weitergelebt werden konnte. Kriege r\u00fcckten n\u00e4her und n\u00e4her an dieses Leben heran.<\/p>\n<p>Ich sagte vor zwei Jahren, \u201eKriege werden wieder gef\u00fchrt\u201c: Ich zeigte mich \u00fcberrascht, wie schnell und r\u00fccksichtslos der Kapitalismus wieder zur alten Brutalit\u00e4t fand nach dem Ende der so genannten Systemauseinandersetzung, die ihn durchaus b\u00e4ndigte und Kreide fressen lie\u00df. Ich stellte fest, wie \u00fcberraschend schnell jene europ\u00e4ischen M\u00e4chte, die Rosa Luxemburg Imperialisten nannte, vereint mit den USA zwar nicht mehr \u00fcbereinander herfielen, aber sehr wohl \u00fcber die \u00fcbrige Welt, weil niemand da war, ihnen in den Arm zu fallen.<\/p>\n<p>Davon ist heute nichts zur\u00fcckzunehmen. Im Gegenteil: Die hei\u00dfen Kriege, die kalten Kriege und die sozialen Kriege sind in den vergangenen zwei Jahren alle mehr und gef\u00e4hrlicher geworden. Krieg in allen seinen Erscheinungsweisen, mit allen seinen Folgen ist globale Realit\u00e4t. Krieg dringt ein in die Mitte Europas, die wir so sicher w\u00e4hnten &#8211; grenzenlos sicher. Krieg kehrt dahin zur\u00fcck, von wo er seit Jahrhunderten politisch, \u00f6konomisch, kulturell und milit\u00e4risch seinen Ausgangspunkt genommen hat. Die Kriege kehren an ihren europ\u00e4ischen Ausgangspunkt zur\u00fcck, sie kehren zur\u00fcck mit den vielen, vielen Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Elend fliehen. Wir wissen nicht wirklich, was da noch kommt und wie wir es schlie\u00dflich bew\u00e4ltigen. Wir m\u00fcssen es aber bew\u00e4ltigen, denn wer meint, man k\u00f6nnte sich dagegen abschotten, der und die irren gewaltig und vergr\u00f6\u00dfern die Probleme am Ende nur. Kriege kehren mit Schrecken und Tod an ihren europ\u00e4ischen Ausgangspunkt zur\u00fcck, weil sich Verzweiflung und Perspektivlosigkeit mit zornigem Widerstand, mit blinder Wut, mit religi\u00f6ser Selbst\u00fcberh\u00f6hung, mit selbstm\u00f6rderischer R\u00fccksichtslosigkeit zu blutigem Terror verb\u00fcndet haben. <\/p>\n<p>Man kann erschrecken vor den damit verbundenen Herausforderungen. Wundern darf man sich aber eigentlich nicht: Rosa Luxemburg schreibt in ihrem Buch, \u201eDie Akkumulation des Kapitals\u201c schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, dass der Kapitalismus in seinem Expansionsdrang stets neue M\u00e4rkte erschlie\u00dfen m\u00fcsse. Sei die Welt schlie\u00dflich vollst\u00e4ndig durchdrungen, schl\u00fcgen die damit einhergehenden Konflikte mit neuer Wucht auf den Alten Kontinent zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Unter dem Eindruck dieser \u201eWucht\u201c werden wir heute Zeugen einer Wiederbelebung nicht nur des Nationalen &#8211; das w\u00e4re schon schlimm genug &#8211; sondern des faschistoiden oder bereits offen faschistischen Nationalistischen.<br \/>\nHelga Grebing, Mitglied der Historischen Kommission der SPD, schreibt \u00fcber Rosa Luxemburg: \u201eSp\u00e4testens seit 1912 war sie in der SPD \u2026 isoliert; im Gegensatz dazu gewann sie auf der internationalen europ\u00e4ischen Ebene an Einfluss durch ihren Kampf gegen den drohenden Krieg, der f\u00fcr sie den Absturz in die Barbarei bedeutete. Die Ann\u00e4herung gro\u00dfer Teile des internationalen, nicht etwa nur des deutschen Proletariats an den jeweiligen nationalen Staat nannte sie \u201aein Ungl\u00fcck f\u00fcr die Menschheit.\u2018\u201c  So weit die Sozialdemokratin Grebing.   <\/p>\n<p>Sie bzw. Rosa Luxemburg haben ja so recht. Was wir br\u00e4uchten, sind von Vernunft getragene Reaktionen auf die Herausforderungen. Wir br\u00e4uchten<br \/>\n&#8211; eine Entwicklungshilfe, die diesen Namen verdient,<br \/>\n&#8211; wir br\u00e4uchten ein uneingeschr\u00e4nktes Recht auf Asyl f\u00fcr politisch Verfolgte und Opfer von Krieg und Gewalt,<br \/>\n&#8211; wir br\u00e4uchten eine Regelung von Einwanderung ohne Diskriminierung und \u00f6konomischem Egoismus,<br \/>\n&#8211; wir br\u00e4uchten Integrationsangebote ohne Drohgeb\u00e4rden, getragen von gegenseitigem Respekt verschiedener Kulturen und der Lernbereitschaft aller Seiten,<br \/>\n&#8211; und wir br\u00e4uchten eine ehrliche Friedensdiplomatie.<\/p>\n<p>Habe ich vor zwei Jahren noch Hoffnung in die EU gesetzt, so kann man diese Hoffnung heute weitgehend begraben. Es wachsen die Grenzz\u00e4une in Europa. Es herrschen die nationalen Egoismen. Solidarit\u00e4t verkommt zur Worth\u00fclse, ebenso wie Demokratie, Frieden, Menschenw\u00fcrde und Toleranz.<\/p>\n<p>Es entstehen neue W\u00f6rter, neue Kampfbegriffe wie \u201eLeitkultur\u201c und \u201eParallelgesellschaft\u201c, wie das abf\u00e4llige \u201eGutmensch\u201c und das herrische \u201eMehrheitsgesellschaft\u201c. <\/p>\n<p>Die Rede von \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtlingen\u201c oder \u201eArmutsfl\u00fcchtlingen\u201c delegitimiert die Flucht vor Elend und Perspektivlosigkeit, welche nicht zuletzt der Ausbeutung durch die reichen Kernl\u00e4nder des Kapitals geschuldet sind.<\/p>\n<p>Diese W\u00f6rter tun so, als w\u00e4ren sie seit jeher etabliert. Sie sind neu &#8211; glaubt einem Sprachwissenschaftler &#8211; sie sind noch zu Beginn dieses Jahrtausends &#8211; und das ist ja nicht so lange her &#8211; noch in keinem Deutschen W\u00f6rterbuch verzeichnet. Erst seit etwa zehn Jahren tauchen sie dort peu \u00e1 peu auf. Zugleich werden alte W\u00f6rter, b\u00f6se alte W\u00f6rter und Wendungen wieder lebendig: \u201eVolksverr\u00e4ter\u201c oder \u201eVolksverhetzer zum Beispiel, Der \u201eEiserne Besen\u201c, mit dem Hitler und seine Kumpane die Demokraten, Fremden und Juden aus Deutschland fegen wollten, werden bei Frau Festerling von Pegida zu \u201eMistgabeln\u201c. Es wird von solchen Leuten nicht nur zum \u201eRauspr\u00fcgeln\u201c aufgefordert, sondern man pr\u00fcgelt schon, und man hat \u201eFeinde\u201c, die man mit Ungeziefer vergleicht. Das Wort \u201eZecken\u201c hat Konjunktur.  Der Rechtsstaat, der Verfassungsstaat ger\u00e4t in Vergessenheit. Dubioses \u201eGastrecht\u201c setzt \u201eGrundgesetz\u201c und \u201eV\u00f6lkerrecht\u201c au\u00dfer Kraft. Solches entspringt der Vorstellung von einer \u201eVolksgemeinschaft\u201c. Die AfD verwendet dieses Wort bereits wieder. Recht wird dann zu dem, \u201ewas dem deutschen Volke n\u00fctzt\u201c. Dies war das grundlegende nationalsozialistische Rechtsprinzip. Es pfiff auf \u201eGleichheit\u201c und \u201eGerechtigkeit\u201c. Der Weg dahin zur\u00fcck ist er\u00f6ffnet. Es ist kein Weg zur\u00fcck in ein verlorenes \u201eAbendland\u201c. Es ist der Weg zur\u00fcck in die faschistische Nacht. Wir m\u00fcssen ihn nachhaltig versperren. Es ist ein Weg in die von Rosa Luxemburg beschworene Barbarei.<\/p>\n<p>Die Barbarei ist evident. Die scheinheilige Berufung auf Werte und Leitkultur zum Beispiel ist nichts als infame L\u00fcge. Wenn Herr Seehofer t\u00f6nt, es gelte den \u201eRespekt vor Frauen\u201c zu verteidigen, so frage ich, wer hat denn Frauen zur wohlfeilen Ware gemacht, die auf den verschiedensten Sendern und in zahlreichen Zeitschriften offen angeboten wird: \u201eZwei Frauen f\u00fcr 1 \u20ac\u201c tauchte unl\u00e4ngst beim Zappen auf meinem Bildschirm auf. Was Ware ist, verlockt zu Raub und Diebstahl. Massenansammlungen sind daf\u00fcr gut geeignet. Betuchte wei\u00dfe M\u00e4nner reisen aber zum wohlfeilen Sex-Angebot nach Kambodscha oder Thailand, wie andere um billige Butter nach Helgoland.<\/p>\n<p>Als Kronzeugen f\u00fcr die faschistoide Abschottung der Gesellschaft werden immer wieder die \u201ebesorgten B\u00fcrger\u201c bem\u00fcht. \u201eDas Boot ist voll\u201c, ist deren Losung. Die \u201eObergrenze\u201c f\u00fcr die Gew\u00e4hrung von Menschenrecht will eingezogen werden. Die gro\u00dfe Zahl der Bewerberinnen und Bewerber f\u00fcr Asyl wird zum Argument f\u00fcr aggressive Inhumanit\u00e4t. Das ist nicht neu. Es entspringt einem Rassismus, der die gro\u00dfe Zahl nur nach au\u00dfen braucht, um seine davon unabh\u00e4ngige innere \u00dcberzeugung tarnen zu k\u00f6nnen. Wir hatten in den Jahren 1991\/92\/93 schon einmal brandschatzende Aggressionsakte gegen Ausl\u00e4nder und Fl\u00fcchtlinge. Ich erinnere an Rostock oder an Hoyerswerda. Damals kamen die gleichen Argumente wie heute: Zu viele Fremde w\u00e4ren es angeblich. Eine halbe Million k\u00e4me in den n\u00e4chsten Wochen noch hinzu, wenn man keine Barrieren errichte. Fremde w\u00fcrden auf Kosten unserer Armen ausgestattet, ern\u00e4hrt und untergebracht. Mit ihnen k\u00e4me eine Welle der Kriminalit\u00e4t, der wir uns nicht werden erwehren k\u00f6nnen. Alter Wein in Schl\u00e4uchen, die nicht weniger alt sind. Solche S\u00e4tze beschreiben weder das wirkliche Problem, noch zeigen sie den Weg zu L\u00f6sungen auf.<\/p>\n<p>\u201eIch habe ja nichts gegen Ausl\u00e4nder, aber \u2026\u201c \u201eIch bin kein Faschist, aber \u2026\u201c Das h\u00f6rt man oft. Das Abendland ist zum \u201eAberland\u201c geworden. Das Wort \u201eaber\u201c aber zum gef\u00e4hrlichsten Wort \u00fcberhaupt. Es \u00f6ffnet jeglicher Relativierung von Recht T\u00fcr und Tor. Es ist das \u201eSesam \u00f6ffne Dich\u201c f\u00fcr Selbstjustiz und Gewalt. Wir brauchen eine andere GIDA-Bewegung, eine Bewegung \u201egegen die Idiotisierung des Aberlandes.\u201c (Das habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben.)<\/p>\n<p>Neben \u201eGutmensch\u201c ist eines der mittlerweile am meisten zur Diskriminierung und zum Sch\u00fcren von \u00c4ngsten verwendeten W\u00f6rter das Kurzwort zu \u201eMultikulturalit\u00e4t &#8211; das Wort \u201eMultikulti\u201c. Niemand leugnet, dass es beim Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen auch Probleme gibt. Die einschl\u00e4gigen Wissenschaften untersuchen seit Langem \u201einterkulturelles Verstehen und Missverstehen\u201c. Die Begegnung von Kulturen, richtig verstanden und richtig praktiziert ist jedoch zuallererst eine Quelle f\u00fcr Toleranz und Weltoffenheit, eine Quelle konsequenter Abneigung gegen\u00fcber Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Gewalt, gegen\u00fcber nationalistischer \u00dcberhebung. Rosa Luxemburgs Leben ist ein beredtes Beispiel genau daf\u00fcr. Dass sie das geworden ist, was sie ist, h\u00e4ngt sicher mit ihrer Herkunft und ihrem multikulturellen Lebensweg zusammen. Welcher Nationalit\u00e4t war denn die 1871 im damals zu Russland geh\u00f6rigen polnischen Zamosc geborene J\u00fcdin, die einige Jahre in der Schweiz im Exil zubrachte, dort promovierte und schlie\u00dflich einen Deutschen heiratete und in Deutschland lebte? Die Frage l\u00e4sst sich nicht beantworten. Sie ist sinnlos gestellt und entlarvt die Sinnlosigkeit nationaler Beschr\u00e4nkung und \u00dcberheblichkeit. Rosa Luxemburgs Perspektive war die der sozialen Frage und des Friedens. Und da stand ihr \u00fcbrigens Liebknecht nicht nach. Das machte sie ihren Gegnern \u00fcberlegen, die sich schlie\u00dflich nur mit sinnlosem Mord ihrer entledigen konnten.<\/p>\n<p>Verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen,<br \/>\nals ich vor zwei Jahren hier sprach, war meine j\u00fcngste Enkelin auf dem Weg in diese Welt. Heute ist sie bald zwei Jahre alt. Niemand hat sie gefragt, ob sie \u00fcberhaupt auf diese Welt kommen wollte. Niemand hat ihr von Risiken und Nebenwirkungen eines menschlichen Lebens gesprochen, bevor es f\u00fcr sie begann. Das hei\u00dft aber, dass diejenigen, die vor ihr da waren, auch Verantwortung f\u00fcr sie und ihr Leben tragen. Sie wird es irgendwann in die eigene Hand nehmen; eigentlich ist sie schon kr\u00e4ftig dabei. Aber welche M\u00f6glichkeiten sie dazu hat, unter welchen Bedingungen sie es tun kann, daf\u00fcr tragen wir Verantwortung. Meine Enkeltochter hei\u00dft \u201eFrida\u201c &#8211; ohne \u201eie\u201c, weil nordisch geschrieben &#8211; aber eindeutig dem Frieden zugeordnet, einem Frieden, den wir alle brauchen, wir alle, die wir hier leben, ob seit Generationen oder erst seit Kurzem, und nat\u00fcrlich zuv\u00f6rderst alle unsere Kinder, wiederum ausdr\u00fccklich alle. Das Wort \u201eFrieden\u201c hat durch seine Herkunft auch etwas mit \u201eSchutz\u201c, mit \u201eSchonung\u201c, mit \u201eWohlwollen\u201c zu tun. Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Wir m\u00fcssen den Begriff heute so weit fassen. <\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird meine Enkeltochter Frida das Lied von der \u201eKleinen wei\u00dfen Friedenstaube\u201c in der Kita nicht lernen. <\/p>\n<p>Macht nichts! <\/p>\n<p>Hauptsache wir geben die Friedenstaube nicht dem Vergessen anheim, Hauptsache wir geben sie nicht zum Abschuss frei!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Rede, gehalten am Liebknecht-Luxemburg-Gedenkstein, Lindhardt, 23.01.2016) Verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen! Es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass ich hier stand und zum gleichen Anlass gesprochen habe. 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