{"id":924,"date":"2015-09-18T14:42:52","date_gmt":"2015-09-18T12:42:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=924"},"modified":"2015-09-18T14:45:43","modified_gmt":"2015-09-18T12:45:43","slug":"der-chor-muss-auf-die-buehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=924","title":{"rendered":"Der Chor muss auf die B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p>Es mag vielleicht merkw\u00fcrdig klingen, aber ich behaupte, mit der Wende 1989\/90 gerieten die Ostdeutschen gegen\u00fcber den Westdeutschen in einen Vorteil, der bis heute wirkt: Wir im Osten Gebliebenen waren allesamt gezwungen nachzudenken &#8211; nachzudenken \u00fcber unser bisheriges Leben, unser Verhalten, unsere Verantwortung, unsere Visionen und Utopien, unsere Kleinb\u00fcrgerlichkeiten, Opportunismen, Kompromisse und Kompromisslosigkeiten &#8230; Das mussten die Wessis nicht. Im Gegenteil, sie konnten ja annehmen, als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen zu sein. Ohne Schmerzen ging unser Nachdenken nicht ab. Es begann aber auch eine Zeit neuer M\u00f6glichkeiten: Sie waren verbunden mit der Erkenntnis, dass nicht die Vision von einer gerechten Gesellschaft falsch war, wohl aber der gew\u00e4hlte oder auch aufgezwungene oder unkritisch mitgegangene Weg. Pl\u00f6tzlich waren deshalb in der immer noch existierenden DDR Versuche an der Tagesordnung, die Vision in selbstbestimmte Praxis zu verwandeln. Die Utopie erhielt pl\u00f6tzlich die einmalige Chance, kein Ort nirgends mehr zu sein, sondern ein konkreter Aktionsraum zu werden. Es begann eine kurze, aber unglaublich spannende Phase der Selbstverst\u00e4ndigung und Selbstorganisation. Neue Formen des Aushandelns des Gemeinwohls entstanden; in Leipzig die Litfa\u00dfs\u00e4ule am damaligen Karl-Marx-Platz oder die Sonntagsgespr\u00e4che im Gewandhaus. Die Universit\u00e4t versuchte, sich von niemandem als von den Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen selbst gedr\u00e4ngt und kontrolliert eine Verfassung zu geben. Die Runden Tische waren eine v\u00f6llig neue Errungenschaft demokratischer Kultur. Alles war Arbeit am praktischen Beweis produktiver Anarchie. <\/p>\n<p>Lange  w\u00e4hrte diese Zeit nicht. Die Volkskammerwahl am 18. M\u00e4rz 1990 l\u00e4utete ihr Ende ein. Aber immerhin, wir waren noch DDR &#8211; eine neue DDR, allerdings auch eine DDR ohne Zukunft. Mit der Einf\u00fchrung der D-Mark am 1. Juli 1990 war der \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling DDR\u201c wohl endg\u00fcltig in der Bundesrepublik angekommen. Die Aufl\u00f6sung war nicht zu verhindern. Die f\u00fchrenden Politiker setzten dem keinen nennenswerten Widerstand entgegen. Das ging nicht mehr. Dennoch, es waren noch andere Politiker am Werk, als wir sie von heute kennen. Lothar de Maiziere, Peter-Michael Diestel, Gregor Gysi waren Juristen, die die Lehre aus der Vergangenheit ziehen wollten, dass Recht vor Macht kommt. Sie versuchten, das Ende der DDR mit Respekt vor den Menschen, die in ihr gelebt hatten und die f\u00fcr sie Verantwortung an unterschiedlichsten Stellen und in unterschiedlichster Art getragen hatten, zu vollziehen. Dem Versuch war nicht viel Erfolg beschieden. Der 3. Oktober 1990 brachte die Einheit Deutschlands, am 14. Oktober wurden in den neu gegr\u00fcndeten ostdeutschen L\u00e4ndern die Landtage gew\u00e4hlt, am 2. Dezember fand die erste Bundestagswahl im nun wieder gro\u00dfen und einzigen Deutschland statt &#8211; immerhin (auf Betreiben der PDS) mit zwei getrennten Wahlgebieten. Nun sollte wiederum Neues beginnen. Ich stellte mich f\u00fcr die PDS zur Wahl  in den S\u00e4chsischen Landtag &#8211; nicht ohne Skepsis, doch auch voller Hoffnung. Sehr schnell waren wir 16 Abgeordneten der Linke Liste\/PDS jedoch auf dem Boden der neuen Realit\u00e4t gelandet. Dem selbstst\u00e4ndigen und selbstkritischen Nachdenken \u00fcber Vergangenheit und Zukunft war kaum noch Raum gegeben. Notgedrungen begann eine Zeit des sich Behauptens. Wiederum waren Technokraten der Macht am Werk, immerhin mit einer Mehrheit bei Wahlen legitimiert und nicht nur durch die selbst erteilte historische Mission. Die Verh\u00e4ltnisse waren demokratische. Eine historische Mission verfolgten die neuen M\u00e4chtigen allerdings auch und gar nicht zimperlich. Von der Vergangenheit sollte nichts \u00fcbrig bleiben; \u201eAbwicklung\u201c war das Zauberwort. Anderes, Schlimmeres dr\u00e4ute jedoch am Horizont.<\/p>\n<p>Wir standen vor 25 Jahren mit der deutschen Einheit vor rigorosen Ver\u00e4nderungen in Europa und der Welt. Dazu will ich weiter ausholen. Es war 1969 als die D-Mark gegen\u00fcber anderen W\u00e4hrungen deutlich aufgewertet wurde. Die deutsche Wirtschaft war der Welt wieder zu stark geworden. Die Bild-Zeitung reflektierte dies aber schon damals anders. Sie jubelte in einer Schlagzeile, jetzt ist Deutschland Nummer 1 in Europa. 24 Jahre nach dem 2. Weltkrieg war freilich noch der Wunsch Vater des Gedankens und die Erinnerung an diesen Krieg bremste die Euphorie. Heute, 25 Jahre nach der deutschen Einheit, ist dieser Wunsch wieder zu bedr\u00fcckender Wirklichkeit geworden und kaum wer kann dieses Deutschland noch bremsen. Die Systemkonfrontation nach dem 2. Weltkrieg hatte  in gewisser Weise Geschichte zum Stillstand gebracht &#8211; jedenfalls in und zwischen der damals so genannten Ersten (kapitalistischen) und Zweiten (sozialistischen) Welt. Es war eine Chance f\u00fcr die Dritte Welt. Kolonial unterdr\u00fcckte V\u00f6lker konnten zumindest formal ihre politische Unabh\u00e4ngigkeit erreichen. Die Konflikte der Welt verlagerten sich aber auch in diese Regionen. Nach 45 Jahren und dem Ende des \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c explodierte Geschichte. Kein Wunder! &#8211; Kein Wunder? <\/p>\n<p>Sicher waren die Pulverf\u00e4sser ungel\u00f6ster Konflikte \u00fcbervoll. Die Lunten mussten aber erst gelegt werden. Das einige Deutschland war von Anfang an f\u00fchrend dabei. Der Beginn der Zerst\u00f6rung Jugoslawiens &#8211; der F\u00fchrungskraft einer blockfreien Welt &#8211; war durch die vorzeitige Anerkennung der Unabh\u00e4ngigkeit Sloweniens durch Deutschland ausgel\u00f6st. Es zeigte sich sehr bald: Kriege sind wieder m\u00f6glich! Und sie wurden immer mehr. Reich beschie\u00dft von seinen Zitadellen Arm. Der gesamte Mittelmeerraum wurde Objekt westlicher Begierde. Der vorletzte Botschafter Syriens in der Bundesrepublik Deutschland (er hatte in der DDR studiert und promoviert) wurde w\u00e4hrend seiner Amtszeit in allen bedeutsamen Gremien von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft herumgereicht und schlie\u00dflich 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz nach Hause verabschiedet. Sein Nachfolger wurde bald danach aus dem Land gejagt. Man f\u00fcrchtet heute den Konflikt mit Russland nicht. Handschlag-Versprechungen von 1990 gelten nicht mehr. \u201eJ\u00e4he Wendungen\u201c in der Politik &#8211; einst von Erich Honecker als Warnung bem\u00fcht &#8211; sind wieder m\u00f6glich. Deutsche Technokratinnen und Technokraten der Politik haben das Sagen. Sie hei\u00dfen jetzt Thomas de Maiziere, sie hei\u00dfen Wolfgang Sch\u00e4uble, sie hei\u00dfen Ursula von der Leyen &#8230; <\/p>\n<p>Wir haben jedoch eine Freiheit, die wir so in der DDR nicht kannten, die uns aber wenig n\u00fctzt, obwohl wir sie weidlich nutzten und nutzen. Unter ihrem Schutz halten wir kecke Reden, protestieren und demonstrieren, versammeln uns, gr\u00fcnden Vereine und Initiativen, geben Zeitungen heraus. Gut so! &#8211; Gut so? In gewisser Weise erweist sich diese Freiheit politisch noch verh\u00e4ngnisvoller als die Abwicklungen. In der DDR wurde alles auch nur im Keim Kritische oder gar Oppositionelle ernst genommen, krankhaft und deshalb verh\u00e4ngnisvoll \u201eernst\u201c genommen, weshalb man auch idiotisch und f\u00fcr die Betroffenen oft in tragischer, unentschuldbarer Weise reagierte. Wer mehr dar\u00fcber wissen will, lese zum Beispiel das j\u00fcngst erschienene Buch von Gunnar Decker, 1965 Der kurze Sommer der DDR (Carl Hanser Verlag M\u00fcnchen). Hoffnungsvoll Begonnenes wurde so ruiniert. An der Berliner Mauer verendete schlie\u00dflich auch die deutsche Aufkl\u00e4rung, selbst wenn es noch den einen oder anderen vern\u00fcnftigen Grund zu ihrer Errichtung gegeben haben sollte. Die neue Freiheit aber nimmt jeglicher linker Kritik an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, ob in den Parlamenten oder au\u00dferhalb, tendenziell ihre Wirkung. Frei heraus Gesprochenes zerfasert so meist in den Labyrinthen des eben auch noch Gesagten. Monolithisch zusammenwirkende Eliten des mainstreams in Wirtschaft, Politik und Medien wollen Widerspr\u00fcche nicht austragen, wohl aber Widerspruch und Widerstand zerst\u00f6ren, indem sie ihn einem Pluralismus der Belanglosigkeiten aussetzen. Der \u201eChor\u201c kann die Trag\u00f6die nicht wirklich verhindern &#8211; Es sei denn, er tritt aus der Versenkung und erobert sich mit seinem Text, unter seiner Regie die B\u00fchne des  Agierens! <\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr DISPUT, Jubel zum Jubil\u00e4um? &#8211; 25 Jahre deutsche Einheit, September 2015, S. 32\/33.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag vielleicht merkw\u00fcrdig klingen, aber ich behaupte, mit der Wende 1989\/90 gerieten die Ostdeutschen gegen\u00fcber den Westdeutschen in einen Vorteil, der bis heute wirkt: Wir im Osten Gebliebenen waren allesamt gezwungen nachzudenken &#8211; nachzudenken \u00fcber unser bisheriges Leben, unser Verhalten, unsere Verantwortung, unsere Visionen und Utopien, unsere Kleinb\u00fcrgerlichkeiten, Opportunismen, Kompromisse und Kompromisslosigkeiten &#8230; Das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-eU","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/924"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=924"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/924\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":927,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/924\/revisions\/927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}