{"id":892,"date":"2015-05-13T16:57:48","date_gmt":"2015-05-13T14:57:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=892"},"modified":"2015-05-13T17:23:38","modified_gmt":"2015-05-13T15:23:38","slug":"eroeffnungsreferat-zur-strategiekonferenz-des-landesverbandes-sachsen-der-partei-die-linke-dresden-am-09-mai-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=892","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsreferat zur Strategiekonferenz des Landesverbandes Sachsen der Partei DIE LINKE, Dresden am 09. Mai 2015"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Genossinnen und Genossen, sehr verehrte G\u00e4ste,<\/p>\n<p>DIE LINKE hat die Zukunft wieder entdeckt und damit zwangsl\u00e4ufig Fragen der Strategie aufgeworfen. Der Ruf ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Debatten wuchern, Konferenzen jagen sich. Offensichtlich steht es nicht so gut um die Gegenwart &#8211; nicht in der Gesellschaft und nicht in der LINKE. Es f\u00e4llt einem Karl Valentin ein und dessen Bonmot: \u201eDie Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.\u201c<\/p>\n<p>Irgendwie brennt uns da allen etwas unter den N\u00e4geln: Der Aufruf der s\u00e4chsischen LINKE zu einer Strategiedebatte hat mittlerweile 21 meist l\u00e4ngere Beitr\u00e4ge auf die Homepage des Landesverbandes gebracht (gez\u00e4hlt am Donnerstag). Jeder beachtenswert, jeder f\u00fcr sich der Ausweis unserer Pluralit\u00e4t. Eine Zukunftskonferenz haben wir bereits hinter uns. F\u00fcr die heutige Konferenz sind f\u00fcr f\u00fcnf workshops nicht weniger als 57 Leitfragen formuliert. Komplexit\u00e4t von \u201eStrategie\u201c und \u201eZukunft\u201c sind uns damit aufbereitet in ihre Molek\u00fcle und Atome. Eine \u201eLinke Woche der Zukunft\u201c mit \u00fcber 80 Veranstaltungen hat soeben in Berlin stattgefunden. Sie hat bunte Vielfalt reflektiert: Wer kommt aber zusammen, wenn die Woche nat\u00fcrlich auch an Werktagen stattfindet? Es sind vornehmlich Menschen aus den Akademien, Hochschulen, Universit\u00e4ten, Parteiarbeiter und Parteiarbeiterinnen, Mandatstr\u00e4gerinnen und Mandatstr\u00e4ger, ortsans\u00e4ssige Arbeitslose und Rentnerinnen und Rentner. Das sind viele und viele verschiedene. Beileibe sind es nicht alle, nicht alle, die zu uns geh\u00f6ren, nicht alle, die wir erreichen wollen, nicht alle, die wir brauchen und die uns brauchen. Eine Feststellung von strategischer Dimension. Aber was soll ich angesichts dieser bereits angeh\u00e4uften Vielfalt in etwa 15 bis 20 Minuten, die mir f\u00fcr den Einf\u00fchrungsvortrag zugesprochen sind, noch sagen? <\/p>\n<p>Nun, mir sind zwei Spr\u00fcche von de Gaulle eingefallen, die mir vielleicht weiterhelfen k\u00f6nnten. Der erste dr\u00fcckt zun\u00e4chst das tendenziell Unbew\u00e4ltigbare der Aufgabe aus: \u201eWie kann man ein Land regieren, in dem es 246 verschiedene K\u00e4sesorten gibt?\u201c Da scheint mir Frankreich noch vergleichsweise leicht regierbar zu sein im Vergleich zu unserer Partei. Der zweite Ausspruch de Gaulles zeigt mir den Ausweg: \u201eIn den komplizierten Orient reiste ich mit einfachen Ideen!\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht ist es tats\u00e4chlich an der Zeit, erstmal vor der Kompliziertheit und Komplexit\u00e4t kurz innezuhalten und sich, bevor wir wieder im Ozean  der Details untertauchen, einiger einfacher Dinge und Ideen zu besinnen. Sie sollen Detailtreue, ja nicht einmal Detailversessenheit beiseite schieben oder gar ersetzen. Sie sollen uns nur vergegenw\u00e4rtigen, was an Grunds\u00e4tzlichem in jedem Detail mitgedacht werden muss, um zum Ziel zu kommen. Sie sollen Ordnung und Orientierung im drohenden Chaos der Ans\u00e4tze und Aspekte aufrecht erhalten<\/p>\n<p>Alex Demirovic, hat in sauberem Akademikerdeutsch in Berlin auf der Woche der Zukunft die \u201eKoordinierung der verschiedenen Wege\u201c in ein \u201eAllgemeines der Emanzipation\u201c gefordert. Dieser Satz, der richtiger und wegweisender nicht sein kann, muss von uns in politischer Praxis in Verst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr alle verwandelt werden. Das kommt nicht von alleine. Es braucht einen \u201eSatz von Regeln, deren Beachtung die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr das Auftreten eines gew\u00fcnschten Ereignisses erh\u00f6hen soll.\u201c Simpel gesagt, man braucht eine Strategie. Deshalb habe ich eben aus Gablers Wirtschaftslexikon zitiert, was dort unter Strategie verstanden wird. Auch sehr akademisch die Sprache. Einfacher und verst\u00e4ndlicher kommt uns das DUDEN, Deutsches Universalw\u00f6rterbuch daher: Strategie wird dort bestimmt, als \u201egenauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein &#8230; politisches &#8230; o.\u00e4. Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen k\u00f6nnten, von vornherein einzukalkulieren versucht.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt sind die Aufgaben f\u00fcr eine Strategiedebatte gestellt:<br \/>\nWir brauchen eine Zielbestimmung! Die Frage ist zu beantworten, wo wollen wir hin?<br \/>\nDer Weg beginnt hier und heute! Es ist die Frage zu stellen und zu beantworten, wo stehen wir heute, in welcher Situation befinden wir uns am Beginn des Weges?<br \/>\nDer Weg zum Ziel braucht F\u00e4higkeiten und ist abh\u00e4ngig von unseren M\u00f6glichkeiten! Wir m\u00fcssen deshalb nach unseren aktuellen, realen und potentiellen F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten zur Zielerreichung fragen.<br \/>\nIn alle Fragen ist eingeschlossen die Frage nach den \u00e4u\u00dferen Faktoren  die &#8211; ob wir wollen oder nicht &#8211; unser Vorgehen beeinflussen.<\/p>\n<p>Die Verst\u00e4ndigung zu unserem \u201egenauen Plan\u201c braucht sicher und zuallererst  eine Verst\u00e4ndigung untereinander. Die ist schwierig genug. Das zeigen schon die bisherigen Beitr\u00e4ge zur Strategiedebatte. Ausgangspunkt, Ziel, Weg, Bedingungen und M\u00f6glichkeiten sind da sehr verschieden beschrieben und bestimmt. Ich will das hier nicht werten. Lasst mich dazu nur etwas mit au\u00dferordentlichem Nachdruck sagen: Diese Debatte werden wir nicht bew\u00e4ltigen, wenn wir die Kategorien \u201ewahr\u201c und \u201efalsch\u201c an die erste Stelle stellen. Nein, die Beitr\u00e4ge repr\u00e4sentieren zuallererst methodische Unterschiede in der Analyse und Synthese, unterschiedliche Perspektiven, Unterschiede in der sozialen Situation der Autorinnen und Autoren, von ihrer Herkunft angefangen, \u00fcber Alter, Geschlecht, Biographie, aktueller Position in der Gesellschaft, nicht zuletzt auch in der Partei usw. usw. Wir treffen also zuv\u00f6rderst auf Verschiedenes, auf Anderes, in der subjektiven Wahrnehmung auf Eigenes und Fremdes. Und das alles hat auch noch seine jeweils eigene Sprache. Das m\u00fcssen wir akzeptieren! Dann k\u00f6nnen wir uns auch an die von Alex Demirovic gestellte Aufgabe der Koordinierung machen. Freilich muss es dabei auch um \u201ewahr\u201c und \u201efalsch\u201c gehen, jedoch in einem sehr viel breiteren, in einem die Dialektik der Gesellschaft und der Wahrnehmung angemessen ber\u00fccksichtigenden Zusammenhang. Kurz gesagt, hinter \u201ewahr\u201c und \u201efalsch\u201c stehen in der Gesellschaft Interessen.<\/p>\n<p>Die Sache wird deshalb noch viel komplizierter, wenn wir bedenken, dass wir unsere Strategie ja nicht f\u00fcr uns allein erarbeiten und alleine umsetzen wollen. Es soll doch eine Strategie werden f\u00fcr die Bewegung der Gesellschaft hin zu &#8211; wieder Demirovic &#8211;  einem \u201eAllgemeinen der Emanzipation\u201c. Wie sieht also die Strategie einer Partei aus, die sich DIE LINKE nennt und die sich das \u201eAllgemeine der Emanzipation\u201c, also Emanzipation als Prinzip und Ziel gesellschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichen Zusammenlebens, auf die Fahnen geschrieben hat? Wie tragen wir unsere Vorstellungen in die Gesellschaft? Wie nehmen wir die Gesellschaft mit auf einem von uns favorisierten Weg? <\/p>\n<p>F\u00fcr die Antwort auf diese Frage m\u00fcssen wir uns auf ein Bild von der Gesellschaft einigen, das sie in jenen Differenzierungen nachzeichnet, die f\u00fcr unser Vorhaben bedeutsam sind.<\/p>\n<p>Wir wissen vom Hauptwiderspruch kapitalistischer Gesellschaftsordnung, wir wissen vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Wir wissen aber auch, dass die Arbeit nicht automatisch auf unserer Seite ist, wenn wir uns auf ihre Seite schlagen. Die Gesellschaft ist \u00fcber ihre Tiefenstruktur hinweg sehr komplex und kompliziert gestaltet, differenziert, zerrissen, in gegenseitiger Durchdringung und Abh\u00e4ngigkeit zugleich sozial zerkl\u00fcftet. Sie ist herrlich bunt! Dementsprechend ist die Wahrnehmung von Interessen, ist die Wahrnehmung von Widerspr\u00fcchen, sind Ausdruck von Interessen und Interessenvertretung ebenfalls sozial differenziert und durch Wahrnehmungsfilter gesteuert. <\/p>\n<p>Das ist kein Nachteil! Es kann eine Chance sein f\u00fcr Demokratie, sich von der Grundstruktur kapitalistischer Produktionsweise zu emanzipieren. Der bunten Welt entspricht ein buntes Volk. Das k\u00f6nnen wir der frechen Forderung nach \u201emarktkonformer Demokratie\u201c entgegenhalten. Umso mehr m\u00fcssen wir uns dieser Problematik jedoch auch stellen &#8211; in allem, was wir fordern, in allem, was wir anbieten.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Debatte zeigt, dass hierbei die Kategorie des Milieus recht n\u00fctzlich sein kann. Es ist das Milieu im allgemeinen Verst\u00e4ndnis &#8211; wiederum nach DUDEN, Deutsches Universalw\u00f6rterbuch &#8211; das soziale Umfeld, die Umgebung, in der ein Mensch lebt und die ihn pr\u00e4gt. Ich will das nicht allzu breit ausf\u00fchren. Aber wiederum simpel gesagt, sind Milieus jene \u201eUmgebungen\u201c, in denen man sich wohl f\u00fchlt, wenn es das eigene Milieu ist, und in denen man sich nicht wohl f\u00fchlt, wenn es fremde sind. Manfred L\u00fctz weist darauf hin, \u201eJedes Milieu hat seine bevorzugten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen oder Blogs, die dazu beitragen, die eigene Meinung, je l\u00e4nger, je mehr, als die einzig wahre zu empfinden.\u201c (Bluff, S.22) Jedes Milieu hat auch seine eigene Sprache &#8211; in Inhalt und Form.<\/p>\n<p>Liebe Leute, da ist was dran! Ich kann mittlerweile in der Partei oder in der Luxemburgstiftung Leute danach unterscheiden, ob sie bevorzugt Spiegel, Die Zeit oder die S\u00fcddeutsche Zeitung lesen. Dies Gruppe unterscheidet sich deutlich von den Junge-Welt- oder Neues-Deutschland-Leserinnen-und-Lesern, die selbst wieder zu unterscheiden sind. Ohne jetzt billigen Verallgemeinerungen zu folgen, will ich doch feststellen, wir haben schon in der Partei verschiedene Milieus und in der Gesellschaft erst recht. <\/p>\n<p>Unsere Parteistrukturen sind in Sachsen immer noch wesentlich gepr\u00e4gt vom Milieu der alten SED-Mitglieder und jener, die zu den Anf\u00e4ngen der PDS zu uns gesto\u00dfen sind. Das gibt uns nach wie vor Stabilit\u00e4t, wird aber nicht ewig vorhalten. Wir haben in der Partei heute ein junges urbanes akademisches Milieu, das die Debatten mit pr\u00e4gt, sich in die traditionellen Strukturen aber nicht komplikationslos einordnet. Es unterscheidet sich in vielem von l\u00e4ndlichen linken Milieus. Und wir haben nicht zuletzt das Milieu der Mandatstr\u00e4ger und -tr\u00e4gerinnen sowie der Funktion\u00e4rinnen und Funktion\u00e4re auf Landes- und kommunaler Ebene. Die Angeh\u00f6rigen dieser Milieus unterscheiden sich durch Wissen, Erfahrung, Einstellungen, Zielstellungen, Organisationsgrad, Organsiationsweise, Sprache usw. usw. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Gesellschaft ist die Sache noch sehr viel komplizierter. Wir hatten \u00fcbrigens einen versierten Experten f\u00fcr die politische Bedeutung von Milieus in unseren Reihen. Es war der leider zu fr\u00fch verstorbene Prof. Werner Brahmke. Seine Arbeiten dazu k\u00f6nnte man sich bei Gelegenheit unserer Debatten wieder ansehen.<\/p>\n<p>Milieus existieren nat\u00fcrlich nicht separat jedes f\u00fcr sich nebeneinander, sondern \u00fcberschneiden sich. Sie \u00fcberschneiden sich schon deshalb, weil jeder und jede nicht nur einem einzelnen Milieu verhaftet ist. Milieus begegnen sich st\u00e4ndig in der Gesellschaft. Gleiches gilt noch mehr f\u00fcr die Milieus in unserer Partei. Das macht Kommunikation und Verstehen zwischen den Milieus m\u00f6glich und n\u00f6tig. Es resultiert gerade daraus aber eben so viel Missverstehen, Aversion und Kommunikationsverweigerung. <\/p>\n<p>In der Partei haben die Milieus so wie in der Gesellschaft nat\u00fcrlich auch ihre Quartiere. In der Gesellschaft sind es z.B. Clubs, Kneipen, Kulturst\u00e4tten, Wohnviertel und auch noch Kultst\u00e4tten &#8211; heute wird in Leipzig die neue katholische Kirche eingeweiht, da versammelt sich nat\u00fcrlich ein eigenes Milieu. In der Partei sind es Gruppen mit bevorzugten Versammlungsorten und Treffpunkten, Gruppen z.B. auch als typische Tr\u00e4gerinnen von verschiedenen Projekten und Aktionsformen. In Leipzig beheimaten z.B. das \u201elinxxnet\u201c und das \u201eLiebknechthaus\u201c verschiedene Milieus. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wir w\u00fcrden dies nicht konflikt\u00e4r, sondern als normal und als Bereicherung, als St\u00fctze gelebter Pluralit\u00e4t in einer solidarischen Partei wahrnehmen und sch\u00e4tzen. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in der Gesellschaft Milieus, die nicht die unseren sind. HIer sind wir mit den Courage-Preistr\u00e4gerinnen in \u00dcereinstimmung: Neurechte, Antisemiten, Tr\u00e4gerInnen v\u00f6lkischen Gedankenguts geh\u00f6ren Milieus an, die wir aufl\u00f6sen wollen. Es gibt aber Milieus, die sich deutlich unterscheiden und dennoch f\u00fcr uns gleicherma\u00dfen bedeutsam sind. Wir sollten sie nicht gegeneinander ausspielen! Wenn z.B. Katja Kipping und Bernd Riexinger die Losung verbreiten, \u201eStadt f\u00fcr alle\u201c, kann das f\u00fcr DIE LINKE nicht eine Abwertung l\u00e4ndlicher Milieus bedeuten. Es kann nur eine Metapher sein f\u00fcr n\u00f6tige Angleichungen von Stadt und Land z.B. in bestimmten Bereichen der Mobilit\u00e4t, des Zugangs zu kulturellen G\u00fctern, des Einkommens und einer allgemein Lebensqualit\u00e4t. Die Unterschiede in der Lebensweise, in der Alltagskultur und die unterschiedlichen Einstellungen der Betroffenen dazu d\u00fcrfen wir jedoch nicht in apodiktischer Weise wertend nebeneinander gestellt oder gar im Sinne von \u201eStadt\u201c nivelliert werden.<\/p>\n<p>Es ist und bleibt also eine strategische Frage, welche Milieus wir ansprechen wollen und wie wir sie jeweils ansprechen k\u00f6nnen. Billige Anbiederung steht da nicht auf der Tagesordnung. Unsere Attraktivit\u00e4t, unser Gebrauchswert, unsere politischen Zielstellungen usw. m\u00fcssen aber durch die jeweiligen Wahrnehmungsfilter hindurch bei den Menschen ankommen. Diese Wahrnehmungsfilter m\u00fcssen wir akzeptieren und analysieren, d\u00fcrfen sie nicht von vornherein denunzieren; gerade dann nicht, wenn wir sie auf Dauer ver\u00e4ndern wollen. \u201eBild\u201c in \u201eBl\u00f6d\u201c umzubenennen reicht da nicht, auch wenn es nicht falsch ist. <\/p>\n<p>Meine Redezeit ist fast um und ich habe noch nichts zur sicher wichtigsten Komponente einer Strategie gesagt &#8211; zum Ziel. Hierzu machen sich nat\u00fcrlich auch deutliche Unterschiede in den verschiedenen Milieus und bei einzelnen Protagonisten unserer Partei bemerkbar &#8211; lest dazu nur die 19 Beitr\u00e4ge zu unsrer Strategiedebatte. Diese Unterschiede werden bleiben, vielleicht ist aber auch hier eine \u201eKoordinierung\u201c m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Immer \u00f6fter begegnet mir in den Debatten die Kategorie der Utopie und ich habe sie auch selbst bereits strapaziert. Nun kann ich mir eine Utopie ausdenken, andere k\u00f6nnen sie f\u00fcr gut befinden oder f\u00fcr schlecht. Es ist gut, wenn ich eine habe. Sie muss nicht realisierbar sein, weil sie ja als Utopie der \u201ekein Ort nirgends\u201c ist. Sie kann allerdings Ziel asymptotischer Ann\u00e4herung sein. <\/p>\n<p>Die Weltliteratur bietet uns fertige Utopien. Ich meine, es k\u00f6nnte durchaus produktiv sein, wenn wir uns mit ihnen unter strategischem Aspekt auseinandersetzen und unsere Utopien an ihnen messen. Nennen m\u00f6chte ich zun\u00e4chst stellvertretend den Klassiker \u201eUtopia\u201c von Thomas Morus sowie \u201eInsel Felsenburg\u201c von Johann Gottfried Schnabel. Interessant ist an diesen Utopien, dass sie harmonische, vern\u00fcnftig organisierte Gesellschaften, ohne grundlegende soziale Konflikte beschreiben. Sie sollen widerspruchsfrei sein.<br \/>\nKonflikte werden fern gehalten durch Abgeschiedenheit &#8211; die Insel &#8211; oder durch autorit\u00e4re Durchsetzung von Vernunft. Analogien zu irgendwelchem real existiert Habendem verkneife ich mir. <\/p>\n<p>Erscheinen diese beiden Utopien immer noch irgendwie freundlich, so erschrecken uns George Orwells Romane \u201e1984\u201c und \u201eFarm der Tiere\u201c genau so wie Aldous Huxleys \u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c. Hier werden soziale Widerspruchsfreiheit durch Gewalt, durch totale mediale oder durch genetische Manipulation durchgesetzt. Die Farm der Tiere zeigt schlie\u00dflich, wie angestrebte Gleichheit schlussendlich in neuen Ungleichheiten endet, die durch avantgardistischen Anspruch legitimiert werden: \u201eAlle sind gleich, manche sind gleicher.\u201c Auch hier verkneife ich mir platte Analogien zu bereits real existiert Gehabtem.<\/p>\n<p>Aber warum f\u00fchre ich das hier aus? Ich meine, dass linke Utopien keine Utopien widerspruchsfreier gesellschaftlicher Zust\u00e4nde sein d\u00fcrfen. Gesellschaft wird, ja soll sich immer ver\u00e4ndern. Dazu braucht sie die Widerspr\u00fcche. Ohne Ver\u00e4nderung w\u00e4re jede Gesellschaft nur mehr langweilig, tod-langweilig. Unsere Utopien, linke Utopien sollen voller Widerspr\u00fcche sein, aber ohne Unmenschlichkeit, ohne Herrschaft, ohne Ausbeutung,wohl aber voller gegenseitiger Verantwortung. Der produktive Grundwiderspruch soll der sein, \u201eworin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f\u00fcr die freie Entwicklung aller ist.\u201c (Marx\/Engels) Durch seine Aufl\u00f6sung und permanenten Reproduktion soll sich geschichte fortsetzen. Unsere Utopien sollen niemals ein Finale der Geschichte anstreben, sondern den Anfang, auf neue Art Geschichte zu machen, markieren und dazu ermutigen, den Weg dahin zu gehen. Unsere Utopien sollten deshalb zeigen, wie Widerspr\u00fcche auf linke Art und Weise ausgetragen und in neuen Widerspr\u00fcchen aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. N\u00e4mlich:<br \/>\n&#8211; demokratisch &#8211; sagen wir, was das ist und wie das geht.<br \/>\n&#8211; friedlich &#8211; sagen wir, wie das zu bewerkstelligen ist.<br \/>\n&#8211; gleichgestellt &#8211; sagen wir, wie das unter Pflege und Bef\u00f6rderung aller unserer Unterschiede geht.<br \/>\n&#8211; solidarisch &#8211; sagen wir, wie wir das als allgemeines Prinzip unseres Zusammenlebens demokratisch, friedlich und bei allgemeiner Gleichstellung durchsetzen wollen.<\/p>\n<p>Stellen wir uns dem strategischen Anspruch solcher Utopien! Versuchen wir unsere L\u00f6sungen vorzuleben! Es ist ein aktuelle Aufgabe! Der Dresdner Erich K\u00e4stner hat einmal gesagt: \u201eEs gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen.\u201c So wenig wie wir unsere strategischen Ziele in der Vergangenheit finden werden, so wenig taugt politisch ein ewiges Vertr\u00f6sten auf die Zukunft. Der Weg zum noch so entfernten Ziel beginnt bekanntlich immer mit dem ersten Schritt. Wenn wir Menschen auf unserem Weg mitnehmen wollen, dann m\u00fcssen wir daf\u00fcr hier und heute ihr Vertrauen gewinnen. Im ver\u00e4ndernden Nutzen f\u00fcr die Menschen hier und heute hat jegliche Strategie anzusetzen. <\/p>\n<p>Lasst uns an die Arbeit gehen und lasst Euch von mir nicht mehr l\u00e4nger davon abhalten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Genossinnen und Genossen, sehr verehrte G\u00e4ste, DIE LINKE hat die Zukunft wieder entdeckt und damit zwangsl\u00e4ufig Fragen der Strategie aufgeworfen. Der Ruf ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Debatten wuchern, Konferenzen jagen sich. Offensichtlich steht es nicht so gut um die Gegenwart &#8211; nicht in der Gesellschaft und nicht in der LINKE. 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