{"id":873,"date":"2015-02-26T21:37:53","date_gmt":"2015-02-26T19:37:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=873"},"modified":"2015-03-06T15:22:31","modified_gmt":"2015-03-06T13:22:31","slug":"horch-mal-wer-da-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=873","title":{"rendered":"Horch mal, wer da spricht!"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem wurde in der  Sendung TV-Total versucht (sicher mit guter Absicht) nachzuweisen, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft besser Deutsch k\u00f6nnen als solche ohne. Ein blondes M\u00e4dchen wurde vorgef\u00fchrt, weil es Fragen zur Konjugation von Verben falsch beantwortete, w\u00e4hrend ein Migrantenkind alles richtig l\u00f6ste. Das M\u00e4dchen war der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Konnte es wirklich nicht Deutsch? Die Antwort ist einfach. Sie konnte nat\u00fcrlich Deutsch. Sie sprach Deutsch. Sie wusste nur nicht so viel \u00fcber die deutsche Sprache, \u00fcber deren Grammatik wie der Junge. Schlimm?<br \/>\nEine Pegida-Demonstrantin wurde vom Sender \u201eeins plus\u201c gefragt, was sich eigentlich \u00e4ndern sollte in Deutschland.1 Nach einer kurzen Pause der Verlegenheit kam die z\u00f6gerliche Antwort, \u201ena alles!\u201c Die Nachfrage, was denn \u201ealles\u201c sei, wurde wieder sichtlich verlegen mit, \u201ena die Politik\u201c, beantwortet. Und dann kam der abweisende Zusatz: \u201eIch bin nicht so gut im Reden, ich kann das nicht so sagen &#8230;\u201c<br \/>\nWer jetzt meint, Dummheit, fehlende Bildung w\u00e4ren Erkl\u00e4rungen einer Peinlichkeit, sollte vorsichtig sein. Der bekannte Soziologe Oskar Negt hat bereits vor fast 50 Jahren in einer Arbeit zur Theorie der Arbeiterbildung2 darauf hingewiesen, dass von einfachen Menschen oft eine Sprache gefordert wird, deren Mittel nicht von Ihresgleichen und f\u00fcr sie gemacht sind. Es sind folglich die Mittel zu strukturierter Erfassung und ebensolcher Darstellung der Welt nicht f\u00fcr sie und von Ihresgleichen gemacht. Solche Menschen weichen deshalb oft auf so genannte \u201eTopoi\u201c aus. Es steht dann hinter einem Wort ein ganzes Universum von Lebenserfahrung. Mit Topoi hat die Frau geantwortet: \u201eAlles\u201c, \u201edie Politik\u201c. Zwei W\u00f6rter nur! Sie stehen jedoch f\u00fcr ihr ganzes \u201eWissen\u201c von der Gesellschaft und f\u00fcr alle ihre Problemen mit und in dieser. Sie will geh\u00f6rt werden und ruft deshalb, \u201eWir sind das Volk!\u201c. Sie versteht jene nicht, die ihr die Welt erkl\u00e4ren wollen, und ruft deshalb \u201eL\u00fcgenpresse!\u201c Es rufen viele. Das schwei\u00dft zusammen im Vertrauen auf die gleichen Erfahrungen. Die Masse schreit sich etwas von der Seele, aber redet nicht wirklich \u00fcber dieses \u201eEtwas\u201c &#8211; jedenfalls nicht so, dass es jene, die nicht \u201eihresgleichen\u201c sind, verstehen. Nicht Dumme kollidieren hier mit Gebildeten. Nein, zwei soziale Welten treffen aufeinander. Eine, in der, institutionell gef\u00f6rdert, Einsichten in Bildung verwandelt und in Sprache ausgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnen, und die andere, in der mit diesen Einsichten und deren Sprache wenig anzufangen ist, Selbstreflektion und ihr ad\u00e4quate Sprachlichkeit mangels unterst\u00fctzender Ressourcen jedoch nur bedingt zustande gebracht werden. Die Menschen dieser Welt reden nicht \u00fcber sich, sondern es bricht aus ihnen heraus. Das ist gef\u00e4hrlich, gebiert Arroganz auf der anderen Seite! Zu solchen Menschen kann man auch sprechen, in der Absicht, gar nicht verstanden zu werden. Die Medien wurden nicht m\u00fcde, anl\u00e4sslich des Todes von Richard von Weizs\u00e4cker aus seiner Rede vom 8. Mai 1985 zu zitieren. Wohlgesetzte, zweifellos bewundernsw\u00fcrdige Worte vom sich nicht aufhetzen lassen gegen andere und vom Kriegsende als einem Tag der Befreiung. Worte f\u00fcr die Bildungsb\u00fcrger. Die unterscheiden freilich zwischen Moralisieren beim Festakt und dem Durchsetzen von Interessen. Man zitiert, man lobt &#8211; und geht zur Tagesordnung \u00fcber. Auf dieser stehen Geschichten vom \u201eb\u00f6sen Russen\u201c, vom \u201efaulen Griechen\u201c, vom \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c, \u201eSozialschmarotzer\u201c, \u201ekriminellen Ausl\u00e4nder\u201c. Die Geschichten sind einfach formuliert , gaukeln soziale Erfahrung vor. Die Folge sind Topoi der Unmenschlichkeit, Topoi der Angst, geboren aus einem wenig geordneten Blick auf die Welt.<\/p>\n<p>(geschrieben f\u00fcr DISPUT, Februar 2015 &#8211; siehe dort S. 11)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem wurde in der Sendung TV-Total versucht (sicher mit guter Absicht) nachzuweisen, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft besser Deutsch k\u00f6nnen als solche ohne. 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