{"id":856,"date":"2014-11-09T22:11:48","date_gmt":"2014-11-09T20:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=856"},"modified":"2014-11-09T22:22:40","modified_gmt":"2014-11-09T20:22:40","slug":"die-geschichte-von-der-geschichte-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=856","title":{"rendered":"Die Geschichte von der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal d\u00fcmpelt Geschichte vor sich hin, \u00fcber Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verl\u00e4sst man z.B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen Sechs und bis nach Hause ist schon alles anders.<br \/>\nEs war noch ein lauer Fr\u00fchherbsttag. Dennoch war es geraten, f\u00fcr die Fahrt abends mit dem Moped bereits eine Jacke \u00fcber dem Jackett zu tragen. Fahrtwind ist selbst bei nur 50 km\/h etwas Kaltes und Unangenehmes, wenn die Luft sich in die Gegend der 10-Grad-Marke abk\u00fchlt. Auf dem Jackett unter der Jacke, links am Revers steckte das Parteiabzeichen. Das w\u00e4rmte nicht, auch wenn es gleich bis auf die Haut brennen sollte. \u201eGenossen! F\u00fcr dieses Abzeichen sind Menschen in den Tod gegangen\u201c t\u00f6nte vor nicht all zu langer Zeit der Kreissekret\u00e4r jenen entgegen, die auch in der Parteiversammlung kein solches Abzeichen sehen lie\u00dfen. Da waren schon zu viele in der Partei, weil halt eine Hand die andere w\u00e4scht. Das musste man nicht auch noch vor sich hertragen mit den verschlungenen H\u00e4nden auf dem kleinen ovalen Ansteckmedaillon. Ich trug es jedoch und war der Meinung, meine H\u00e4nde w\u00e4ren sauber ohne anderer H\u00e4nde Zutun. Nur, was einer meint, was wirklich der Fall ist und was andere so denken, das sind dreierlei Dinge. Da ist es manchmal gut, wenn die drei Dinge schon aufeinander treffen sollten, dass man nicht gleich erkennt, dass da einer ist, den man es ausbaden lassen k\u00f6nnte. Denn kaum rechts abgebogen aus der Goethestra\u00dfe war ich pl\u00f6tzlich eingekeilt und zum Anhalten gezwungen. Eine bewegte Menschenmenge, kam von mehreren Seiten auf mich zu, rannte an mir vorbei, wollte hin zum Bahnhof. Der Motor lief. Das war wahrnehmbar. Das Abzeichen nicht. Es steckte nicht mehr nur so, sondern jetzt muss man sagen zum Gl\u00fcck oder gar Gott sei Dank, unsichtbar unter der Jacke. Wer wei\u00df, was es in diesem Moment anzurichten imstande gewesen w\u00e4re. Die Montagsbeter waren ausgerissen. Nicht gleich bis zum Ziel ihrer Tr\u00e4ume, dem Westen, aber doch aus der Absperrung um die Kirche, hinaus in die Stadt, hin zum Bahnhof eben. Das waren keine Freunde derer, die das Abzeichen trugen. Und je weiter sie rannten, desto mehr rannten mit ihnen. Es ging eben los, worauf schon viele gewartet hatten. Das Signal daf\u00fcr war nicht vereinbart und funktionierte doch wie die Muttersprache, die f\u00fcr jeden Menschen pl\u00f6tzlich da ist und zuvor keiner Absprache bedarf.<br \/>\nDer Motor lief und die Menschen liefen. Das vertrug sich irgendwie nicht: \u201eKomm, mach aus. Das dauert jetzt etwas l\u00e4nger\u201c, meinte jovial ein Vorbeieilender zufrieden schmunzelnd und dr\u00fcckte dabei jenen Hebel an meinem Moped, der den Motor zum Verstummen brachte. Und zu Ende war mit dem abgew\u00fcrgten Motor, was zuvor f\u00fcr dauerhaft gehalten war. Es war mir pl\u00f6tzlich im ganzen K\u00f6rper sp\u00fcrbar, dass ab jetzt nichts mehr so bleiben konnte, wie es war und lange genug gedauert hatte.<br \/>\nDie Fahrt konnte ich ziemlich bald fortsetzen. Es waren alle im Bahnhof untergekommen. Da drinnen brodelte es. Die Stra\u00dfe war wieder frei \u2013 jedenfalls f\u00fcr ein Moped. Im Rosenthal wurde es ein holprig-\u00e4ngstlicher Ritt durch das Dunkel des Parks und der kommenden Geschichte. Mein Scheinwerfer und die Stra\u00dfenlichter lie\u00dfen nicht viel nach vorne erkennen. Meine Gedanken auch nicht. Ich sah den Erlk\u00f6nig, und trug mich selbst durch die Nacht und den Fahrtwind. Die Hoffnung, mit mir selbst im Arm lebendig anzukommen, war dem Ritt mit dem Moped und der eben begonnenen Reise in eine in einer kurzen halben Stunde mit Gewissheit schon ungewiss gewordenen Zukunft gemeinsam. Es ist alles vorbei und es wird alles anders und wir wissen nicht, was aus uns wird. Das war die Nachricht, die ich am Ende dieses Tages einer noch ahnungslosen Frau und einem nichts ahnenden Kind nach Hause brachte. Dass sich die Ereignisse in den n\u00e4chsten beiden Monaten \u00fcberst\u00fcrzen w\u00fcrden, war noch nicht vorstellbar, auch nicht der neue Anfang, schon gar nicht der lange Weg bis heute.<br \/>\n(geschrieben f\u00fcr Links, November 2014, 28.09.2014)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal d\u00fcmpelt Geschichte vor sich hin, \u00fcber Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verl\u00e4sst man z.B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen Sechs und bis nach Hause ist schon alles anders. 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