{"id":814,"date":"2014-04-17T09:39:35","date_gmt":"2014-04-17T07:39:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=814"},"modified":"2014-04-17T09:39:35","modified_gmt":"2014-04-17T07:39:35","slug":"strassburg-ist-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=814","title":{"rendered":"Stra\u00dfburg ist \u00fcberall!"},"content":{"rendered":"<p>Am 14. Februrar des Jahres 842 geschah Merkw\u00fcrdiges und f\u00fcr die europ\u00e4ische Staaten- und Sprachengeschichte bis heute Bedeutsames: Es waren \u201eLudwig und Karl in der Stadt, die man fr\u00fcher Argentorate nannte, die jetzt aber Stra\u00dfburg genannt wird, zusammengetroffen, und es wurden die Eide, welche unten niedergeschrieben sind, von Ludwig auf romanisch und von Karl in der wahren deutschen Sprache geschworen. Und auch das um sie herum versammelte Volk sprach den Eid, die einen in deutscher, die anderen in romanischer Sprache.\u201c Das ist die \u00dcbersetzung eines lateinisch verfassten Berichtes \u00fcber die sogenannten \u201eStra\u00dfburger Eide\u201c. Karl der Kahle, dessen Muttersprache Altfranz\u00f6sisch (lingua romana) war, und Ludwig der Deutsche, der sich \u00fcblicherweise auf Althochdeutsch (lingua theodisca) verst\u00e4ndigte, hatten ihren Bruder Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy im Streit um die Aufteilung des Reiches Karl des Gro\u00dfen besiegt und schworen sich gemeinsam mit ihren Heeren fortdauernden Beistand. Die Eide gelten gleicherma\u00dfen als Wurzeln Frankreichs und Deutschlands als Staaten und als Eintritt des Franz\u00f6sischen und Deutschen in die Geschichte. Das wirklich Besondere an der Sache war jedoch, die Anf\u00fchrer und ihre Krieger schworen jeweils in der Sprache der anderen. Sie wollten beide Zeichen des Vertrauens trotz der Unterschiedlichkeit setzen. Sie \u00fcbten \u201ePerspektivwechsel\u201c, um zu zeigen, dass sie sich in die anderen verstehend hineinversetzen k\u00f6nnen. Besser kann man Konfliktpotentiale kaum entsch\u00e4rfen.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob solches in der europ\u00e4ischen Geschichte jemals wiederholt wurde. Eher nicht, jedenfalls nicht in so spektakul\u00e4rem Zusammenhang. Es w\u00e4re jedoch so sch\u00f6n gewesen. Es w\u00e4re so sch\u00f6n gewesen, z.B. unl\u00e4ngst erst im Osten Europas zwischen Russland und der Ukraine. Stellen wir uns doch vor, die Armeen der beiden L\u00e4nder &#8211; oder wenigstens ihre Politiker und Politikerinnen &#8211; h\u00e4tten sich getroffen und Friedfertigkeit geschworen; die Russen auf Ukrainisch und die Ukrainer auf Russisch. Sie h\u00e4tten es sicher gekonnt. Leider lief aber alles ganz anders. Jene, die Ukrainisch sprechen, verstanden die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion auch als Losl\u00f6sung vom \u00fcberm\u00e4chtigen Einfluss Russlands. Um das zu sichern, wandten sie sich nicht nur den offensichtlich freudig Wartenden aus Westeuropa und den USA zu, sondern meinten auch, das Russische endg\u00fcltig aus dem Lande bannen zu m\u00fcssen. Den Russen im Lande und in Russland gefiel das gar nicht, und sie nahmen die eigene Sprache zum Vorwand f\u00fcr Sezession. Welch Frevel an Sprachen! Freilich, es ist etwas dran, wenn Wilhelm von Humboldt nach dem Studium von au\u00dfereurop\u00e4ischen Sprachen meint, es l\u00e4ge \u201ein jeder Sprache eine eigent\u00fcmliche Weltansicht. &#8230; der Mensch lebt mit den Gegenst\u00e4nden haupts\u00e4chlich, ja &#8230; sogar ausschlie\u00dflich so, wie die Sprache sie ihm zuf\u00fchrt.\u201c Das gibt der Sprache Macht \u00fcber Weltwahrnehmung, Denken und Verhalten ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Gerade deshalb sollte es aber auch neugierig machen auf die jeweils anderen Sprachen neben der eigenen. Sprachen lernen, Sprachen wechseln hei\u00dft neue Perspektiven gewinnen, Anderes verstehen lernen. Humboldts Einsicht hat ein deutscher Sprachwissenschaftler in die Perversion getrieben. Leo Weisgerber wollte uns mit einem \u201eehernen Gesetz der Muttersprache\u201c weismachen, dass die gemeinsame Sprache mit naturgesetzlicher Gewalt auch zu staatlicher Einheit dr\u00e4ngt. Gemessen an der Realit\u00e4t ist dies gef\u00e4hrlicher Unsinn, denn es gibt keine monolingualen europ\u00e4ischen Fl\u00e4chenstaaten. Staatskonstituierende Einsprachigkeit setzte voraus, dass man andere Sprachen und \u00fcberhaupt alles andere f\u00fcr unnahbar fremd begreift. Sprachen sind aber keine Burkas, die die Sprecherinnen und Sprecher f\u00fcr Au\u00dfenstehende unerkennbar verh\u00fcllen. Im Gegenteil: Sprachen sind Instrumente, sich zu \u00f6ffnen &#8211; in seiner Unverwechselbarkeit und in seiner Lust auf Austausch. Die Sprachenvielfalt zeigt die architektonische Einmaligkeit des gemeinsamen Hauses Europa. Der Einsturz w\u00e4re unvermeidbar, r\u00fcttelt man daran.  <\/p>\n<p>(geschrieben f\u00fcr DISPUT April 2014)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. 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