{"id":812,"date":"2014-04-16T09:47:26","date_gmt":"2014-04-16T07:47:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=812"},"modified":"2014-04-16T09:50:33","modified_gmt":"2014-04-16T07:50:33","slug":"sprache-macht-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=812","title":{"rendered":"Sprache macht Macht!"},"content":{"rendered":"<p>Das ist so eine Sache mit der Sprache. Landl\u00e4ufig meint man, sie dr\u00fccke aus, was wir zu sagen beabsichtigen. Das ist ja auch im Normalfall so. Aber wenn wir uns erst einmal auf sie eingelassen haben, bleibt sie nicht unbeteiligt an dem, was wir sagen, und sie wirkt oft ganz subtil, fast unbemerkt. Aber sie wirkt! \u201eDer Einsatz unter Beteiligung aller Sicherheitskr\u00e4fte konzentrierte sich zun\u00e4chst auf die Stadt Slawansk\u201c. Diesen Satz habe ich am 13.04.2014 im Internet bei t-online gelesen. \u201eDer Einsatz &#8230; konzentrierte sich\u201c? Wer ist dieser \u201eHerr Einsatz\u201c? Er ist immerhin in diesem Satz grammatisches Subjekt. Aber ist er auch der Akteur bei dem Ereignis, \u00fcber den der Satz etwas aussagt. Nein, er ist es nicht. Der Satz ist n\u00e4mlich eine \u201epassiv\u00e4hnliche Konstruktion\u201c, wie man in der Sprachwissenschaft sagt. Passiv und passiv\u00e4hnliche Konstruktionen sind \u201eagensabgewandt\u201c, so wiederum die Linguistik. Das hei\u00dft, in solchen S\u00e4tzen erfahren wir nichts oder nur wenig und Ungenaues \u00fcber Akteure, \u00fcber \u201eT\u00e4ter\u201c. Man k\u00f6nnte hier nun einwenden, es seien im Beispiel die \u201eSicherheitskr\u00e4fte\u201c als Akteure des Einsatzes mit genannt. Das sind sie. Nur wie? \u201eUnter Beteiligung aller Sicherheitskr\u00e4fte\u201c lese ich. Also waren sie zumindest nicht die Hauptakteure. Sie waren nur \u201ebeteiligt\u201c. Jener \u201eHerr Einsatz\u201c bleibt weiter geheimnisvoll im Verborgenen, doch ER \u201ekonzentrierte SICH\u201c auf die Stadt Slawansk. Mag sein, meine Argumentation erscheint spitzfindig, wenn auch linguistisch abgesichert. Es steht jedoch schon zuvor dies im Text: \u201eNachdem Aktivisten immer mehr Verwaltungsgeb\u00e4ude besetzt hielten, sah sich die \u00dcbergangsregierung sich (!) zum Handeln gezwungen.\u201c Der erste Teil des Satzes steht im Aktiv, und wir erfahren deshalb auch, wer da so aktiv wird. Der zweite Teil wird mit diesem \u201esah sich\u201c gebildet &#8211; vor lauter Beflissenheit gleich falsch, weil zwei Mal. Und dass ja keine Zweifel aufkommen, wer die eigentlichen Schuldigen am Ereignis sind, kommt noch das Verb \u201egezwungen\u201c zum Einsatz &#8211; \u201esahen sich gezwungen\u201c! Wer will jetzt noch an der Verteilung von Schuld und Unschuld zweifeln? Doch es geht munter weiter: \u201eDas Innenministerium warf dem Kreml eine Aggression vor und sah sich nun selbst in die Offensive gezwungen.\u201c Der \u201eT\u00e4ter\u201c der Aggression ist klar benannt, das Innenministerium \u201esieht sich gezwungen.\u201c \u201eQuod erat demonstrandum\u201c sagen die Lateiner, \u201ewas zu beweisen war.\u201c<br \/>\nDamit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen, ich habe diesen Text gew\u00e4hlt, weil er demonstriert, wie man mit Sprache Interpretationsmacht erlangt, ohne es ausdr\u00fccklich zu sagen. Ob die Verteilung von \u201eGut\u201c und \u201eB\u00f6se\u201c, die (un)heimlich im Satz mitschwingt, so stimmt oder nicht, dar\u00fcber enthalte ich mich jetzt des Urteils. Wir wissen aber, Sprache aktiviert Deutungsmuster. Daf\u00fcr h\u00e4lt sie noch mehr bereit als die M\u00f6glichkeit, einen Satz aktiv oder passiv zu formulieren und deshalb Akteure ausdr\u00fccklich zu benennen oder die M\u00f6glichkeit zu nutzen, \u00fcber sie zu schweigen. Zum Beispiel ist unser Wortschatz nicht einfach ein ungeordneter Haufen von Benennungsm\u00f6glichkeiten. Er ist sortiert. Seine Elemente sind miteinander vernetzt. Quasi in \u201ePlanquadraten\u201c abgelegt findet man jene sprachlichen Mittel, die man braucht, um \u00fcber bestimmte Wirklichkeitsbereiche zu sprechen oder bestimmte Deutungsmuster hervorzuholen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Planquadrate \u201eframes\u201c (Rahmen). Gerade feiert wieder der frame \u201eKalter Krieg\u201c fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd\u2018. Man spricht vom \u201eOsten\u201c und vom \u201eWesten\u201c. Die alten Deutungen schwingen mit: \u201eOsten\u201c gleich \u201eReich des B\u00f6sen\u201c, \u201eWesten\u201c als \u201eReich der Freiheit\u201c. Das er\u00f6ffnet dem frame \u201eAntikommunismus\u201c T\u00fcr und Tor. Putin wird zu Stalin, Russland zur neu geborenen Sowjetunion. Zugleich findet sich in diesem frame das Inventar f\u00fcr einen rabiaten Antiamerikanismus mit Kritik am selbsternannten \u201eWeltgendarm\u201c. Agentenstories schlagen h\u00fcben und dr\u00fcben Kabolz. Alles, was die frames \u201eV\u00f6lkerrecht\u201c und \u201eMenschenrechte\u201c hergeben, haut man sich kreuzweise um die Ohren. Schmerzlich vermisse ich aber auf beiden Seiten die Wiederbelebung des frames der \u201eflower power\u201c, in dem \u201emake love no war\u201c oder \u201epetting statt pershing\u201c auf uns warten. Wer steckt Blumen in die Gewehrl\u00e4ufe? Hallo Woodstock &#8211; wir haben ein Problem!<\/p>\n<p>(geschrieben f\u00fcr Links Mai 2014, 15.04.2014)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist so eine Sache mit der Sprache. Landl\u00e4ufig meint man, sie dr\u00fccke aus, was wir zu sagen beabsichtigen. 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