{"id":803,"date":"2014-01-28T14:46:33","date_gmt":"2014-01-28T12:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=803"},"modified":"2014-01-28T14:46:33","modified_gmt":"2014-01-28T12:46:33","slug":"draussenhocker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=803","title":{"rendered":"Drau\u00dfenhocker"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort gibt es nicht. Ich habe in allen mir zur Verf\u00fcgung stehenden W\u00f6rterb\u00fcchern nachgeschaut &#8211; und das sind wirklich viele. In Bern soll es nach Google einen Mann geben, der sich abends drau\u00dfen noch hinhockt, weil es ihm in der Wohnung zu eng ist. Er nennt sich \u201eDraussen-Hocker\u201c. Aber in den W\u00f6rterb\u00fcchern steht er nicht. Im Gegensatz zum \u201eStubenhocker\u201c. Der ist nach DUDEN, \u201ejmd., der kaum aus dem Zimmer, aus der Wohnung geht u. sich lieber zu Hause besch\u00e4ftigt.\u201c Daf\u00fcr braucht es nat\u00fcrlich eine Wohnung. Was ist aber, wenn man keine hat, aber doch gerne ein Stubenhocker w\u00e4re? Diese Frage beantworten die W\u00f6rterb\u00fccher nicht. Aber sie geben Auskunft, wie man jene nennen kann, die nun mal draussen hocken &#8211; mangels eigenen Wohnraumes.<br \/>\nEs sei vorausgeschickt, f\u00fcr solche Personen gibt es sehr viel mehr W\u00f6rter, als f\u00fcr die potentiellen Stubenhocker. Nur die Sprache des Rechts h\u00e4lt hier die Waage. Im Gegensatz zu den \u201ePersonen ohne festen Wohnsitz\u201c spricht man dann von \u201ePersonen mit festem Wohnsitz\u201c. Manchmal kommt (meist in Klammern) in Verordnungen und Gesetzen auch noch das Wort \u201eObdachloser\u201c vor. Ein Gegenwort gibt es daf\u00fcr eigentlich nicht. Bei Google findet man unter der Rubrik \u201ewas ist das Gegenteil von\u201c zu \u201eobdachlos\u201c: \u201ebedacht; wohnend; niedergelassen; sesshaft.\u201c Irgendwie streikt da jedoch mein Sprachgef\u00fchl. Ja, ich habe eine Wohnung. Bin ich deshalb \u201ebedacht\u201c? Auf der Beh\u00f6rde m\u00f6chte ich auf die Frage, ob ich einen festen Wohnsitz habe, nicht unbedingt antworten, \u201eich bin niedergelassen, bedacht und wohnend, also ein Sesshafter\u201c. Beh\u00f6rden verstehen keinen Spa\u00df. Ich k\u00f6nnte mit der Vermutung eines \u201eDachschadens\u201c bedacht werden. Also lassen wir das.<br \/>\nWie viel mehr Aufmerksamkeit genie\u00dfen jedoch Obdachlose. Sie sind im \u201eVariantenw\u00f6rterbuch des Deutschen\u201c nicht nur wie die \u201eSesshaften\u201c verzeichnet, sondern es werden auch &#8211; anders als bei den \u201eSesshaften\u201c &#8211; eine ganze Reihe von m\u00f6glichen Varianten ihrer Benennung angef\u00fchrt: \u201eBerber\/Berberin, Clochard, Penner\/Pennerin, Sandler\/Sandllerin, Stadtstreicher\/Stadtstreicherin, Tippelbruder, Trebeg\u00e4nger\/Trebeg\u00e4ngerin, Treber\/Treberin, Unterstandslose\u201c. Man staune, politisch korrekt wird hier zun\u00e4chst nach M\u00f6glichkeit sprachlich fixiert, dass Frauen und M\u00e4nner gleicherma\u00dfen (oder muss man sagen gleichgestellt?) obdachlos sein k\u00f6nnen. Ein ziemlicher Fortschritt. Die \u201eTippelschwester\u201c freilich gibt es laut W\u00f6rterbuch noch nicht, und beim franz\u00f6sischen \u201eClochard\u201c wei\u00df man wahrscheinlich nicht um das entsprechende Femininum. Ich kenne es auch nicht. Es sind mir jedoch noch weitere einschl\u00e4gige W\u00f6rter untergekommen, z.B.:  \u201eLandstreicher\u201c, \u201eStromer\u201c, \u201eTramp\u201c, \u201eVagabund\u201c. Die geneigten Leserinnen und Leser m\u00f6gen hier und im Folgenden bei Bedarf bitte die weiblichen Formen mitdenken. Spannend ist sicher die Herkunft der verschiedenen W\u00f6rter. \u201ePenner\/Pennerin\u201c leiten sich beispielsweise von der \u201ePenne\u201c her, einem behelfsm\u00e4\u00dfigen Nachtquartier. Die Herkunft des Wortes \u201eTrebe\u201c in \u201eTreber\/Treberin\u201c ist ungekl\u00e4rt. Manche vermuten ein altes \u201etreife\u201c dahinter, f\u00fcr \u201everbotenes Tun\u201c. Zugeordnet wird es in den W\u00f6rterb\u00fcchern \u201ejugendlichen Herumtreibern\u201c und allgemein \u201eVagabunden\u201c. Damit er\u00f6ffnet sich eine weitere Perspektive. Der einfache (wenn auch meist schwer zu ertragende) Fakt der Obdach- oder Wohnungslosigkeit wird genau genommen nur in der Rechtssprache neutral gesehen. Die gro\u00dfe Mehrheit der Benennungen bezieht sich auf ein unterstelltes oder wirkliches unstetes Herumziehen der Betroffenen mit wechselnden Aufenthaltsorten und Schlafgelegenheiten. Hierin liegt f\u00fcr die \u201ebedachten\u201c B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger offensichtlich das Hauptmerkmal der Obdachlosigkeit. Das r\u00fcckt die Sache in die N\u00e4he des Asozialen, gef\u00e4hrlich Unkontrollierbaren. Tats\u00e4chlich tauchen auch immer wieder die W\u00f6rter \u201eAssi\u201c oder gar \u201eZigeuner\u201c oder \u201eherumzigeunern\u201c im Umfeld der Obdachlosigkeit auf. Jetzt versteht man \u201eBerber\/Berberin\u201c. Es sind die Barbaren, die Fremden. H\u00f6chstens in der Phantasiewelt des Films bestaunt man dosiert die ferne Romantik der \u201eClochards\u201c. \u201eMein Heim ist meine Burg\u201c, das ist die Regel. In der Burg verschanzen sich B\u00fcrgerin und B\u00fcrger &#8211; vor den Drau\u00dfenhockern! <\/p>\n<p>(drobs (Die Dresdner Stra\u00dfenzeitung),11\/2013, S. 11)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort gibt es nicht. Ich habe in allen mir zur Verf\u00fcgung stehenden W\u00f6rterb\u00fcchern nachgeschaut &#8211; und das sind wirklich viele. In Bern soll es nach Google einen Mann geben, der sich abends drau\u00dfen noch hinhockt, weil es ihm in der Wohnung zu eng ist. Er nennt sich \u201eDraussen-Hocker\u201c. 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