{"id":782,"date":"2013-09-28T10:01:55","date_gmt":"2013-09-28T08:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=782"},"modified":"2013-09-28T10:01:55","modified_gmt":"2013-09-28T08:01:55","slug":"bretter-die-die-welt-bedeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=782","title":{"rendered":"Bretter, die die Welt bedeuten"},"content":{"rendered":"<p>Jede und jeder wei\u00df es, damit ist das Theater gemeint. Jeder und jede wei\u00df auch, dass an diesen Brettern heute all\u00fcberall gebohrt und ges\u00e4gt wird. Ein aktuelles Beispiel ist das Chemnitzer Theater: Etwa 10% der Stellen sollen im Laufe von f\u00fcnf Jahren eingespart werden. Die Verbleibenden m\u00fcssen Gehaltsk\u00fcrzungen in Kauf nehmen. Die Ticketpreise werden steigen. J\u00e4hrliche Einsparungen bis zu 5 Millionen Euro sollen erzielt werden. Das rettet das Theater mit allen seinen f\u00fcnf Sparten. Zu wessen Nutzen? Man fordert mit Lohnk\u00fcrzungen Opfer von jenen, deren Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrdet sind. Eine soziale Rettungstat f\u00fcr Verzichtbares und Verzichtbare? Man fordert mit Preiserh\u00f6hungen Opfer von jenen, denen Theater bisher ein allzu wohlfeiler Luxus war. Berechtiges Absch\u00f6pfen von Kaufkraft Betuchter f\u00fcr eigentlich verzichtbaren Spa\u00df?<br \/>\nFriedrich Schiller bem\u00fcht die Bretter und vermeldet \u201eAn die Freunde\u201c: \u201eSehn wir doch das Gro\u00dfe aller Zeiten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sinnvoll still an uns vor\u00fcbergehen.\u201c Solches klingt hoch und hehr, pathetisch. Der Romantiker Novalis formuliert es n\u00fcchterner: \u201eDas Theater ist die t\u00e4tige Reflexion des Menschen \u00fcber sich selbst.\u201c Das hat etwas mit Selbsterhaltung zu tun, mit Lebensnotwendigkeit. Theater ist kein billiger oder teurer Spa\u00df. Nein, wir brauchen es wie Wasser, Nahrung, Kleidung oder Wohnung, um Mensch sein zu k\u00f6nnen. Theater ist Daseinsvorsorge, und deshalb ist eine Perspektive falsch, die nur den Preis der Produktion und das Am\u00fcsement des Publikums im Auge hat. Ein solcher Blick klammert den Menschen, die Gesellschaft und die Funktion des Theaters f\u00fcr den Menschen und die Gesellschaft unzul\u00e4ssiger Weise aus.<br \/>\nMag sein, dass die deutschen F\u00fcrsten mit ihren vielen Kleinstaaten einst eher Selbstbespiegelung, Repr\u00e4sentation und Unterhaltung des vornehmen Publikums im Sinn hatten, als sich ein jeder sein Theater schuf. Mag sein, dass dies der banale Grund f\u00fcr eine weltweit wohl einmalige Theaterdichte in Deutschland ist. Es ist dennoch ein Erbe, das man nicht leichtfertig aufs Spiel setzt. Wir sollten vielmehr akzeptieren, es ist uns teuer. Nach Oscar Wilde ist die B\u00fchne ein Treffpunkt von Kunst und Leben. Das passt zu Schiller und Novalis, und das stimmte auch schon f\u00fcr die kleinstaatlichen B\u00fchnen. Sie n\u00e4hrten uns nicht zuletzt einen Schiller, einen Goethe, einen Lessing. Sie brachten die Aufkl\u00e4rung unter das Volk, den sozialen Protest, die denkbaren und spielbaren Alternativen zu bedr\u00fcckender Wirklichkeit. Freilich bef\u00f6rderte Theater auch Reaktion, lenkte ab, festigte Herrschaft. Deshalb ist Theater auch so alt, fast so alt wie die Menschheit insgesamt. Darum liebte es Oscar Wilde, Theater zu spielen. \u201eEs ist so viel realistischer als das Leben.\u201c<br \/>\nSo wenig, wie man Wasser verschwenden sollte, so verwerflich die Vernichtung von Nahrung ist, so schlimm w\u00e4re es auch, wenn Theater Ressourcen zu seinem eigenen Schaden vergeuden w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich wissen wir, dass es unterschiedliche Interessen an diesen Ressourcen gibt. Goethe veranschaulicht uns dies mit seinem dem Faust vorangestellten \u201eVorspiel auf dem Theater\u201c. Der Theaterdirektor will \u201e&#8230; gern die Menge sehen, wenn sich der Strom nach unserer Bude dr\u00e4ngt &#8230;\u201c Das bringt Geld. Die Schauspieler, die \u201elustigen Personen\u201c, sie wollen der Mitwelt Spa\u00df machen und sie ersch\u00fcttern. Dem Dichter gilt das aber nichts. Er will \u201emit G\u00f6tterhand erschaffen und erpflegen.\u201c Und er bringt uns gerade mit der \u201eG\u00f6tterhand\u201c, die nichts anderes ist als eine ewige Sehnsucht des Menschen, mehr zu k\u00f6nnen als essen und trinken, zur\u00fcck in die Wirklichkeit: Theater w\u00e4re in seinen Grundlagen zerst\u00f6rt, setzte man es einfach dem Markt aus oder existenzgef\u00e4hrdenden Sparzw\u00e4ngen. Aber wer spricht denn hier vom Ende des Theaters? Es soll doch nur gespart werden, um es zu retten. Es tr\u00f6stet uns Georg Christoph Lichtenberg. \u201eUnsere Kultur ist wirklich fortgeschritten, wir fressen einander nicht, wir schlachten uns blo\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr Links Oktober 2013, 27.09.13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede und jeder wei\u00df es, damit ist das Theater gemeint. Jeder und jede wei\u00df auch, dass an diesen Brettern heute all\u00fcberall gebohrt und ges\u00e4gt wird. Ein aktuelles Beispiel ist das Chemnitzer Theater: Etwa 10% der Stellen sollen im Laufe von f\u00fcnf Jahren eingespart werden. Die Verbleibenden m\u00fcssen Gehaltsk\u00fcrzungen in Kauf nehmen. Die Ticketpreise werden steigen. 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