{"id":774,"date":"2013-07-10T09:23:52","date_gmt":"2013-07-10T07:23:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=774"},"modified":"2013-07-10T09:36:38","modified_gmt":"2013-07-10T07:36:38","slug":"borgen-und-schmausen-enden-mit-grausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=774","title":{"rendered":"Borgen und Schmausen endet mit Grausen"},"content":{"rendered":"<p>Es war im tiefsten Frieden irgendwann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die DDR entwickelte sich still vor sich hin. Die Welt hatte sie weitgehend anerkannt und gew\u00e4hrte ihr Kredit. Ein kleiner, immer wieder l\u00fcckenhafter, durchaus aber auch zu genie\u00dfender Wohlstand war erreicht. Er schien sicher. \u201eTages Arbeit , abends G\u00e4ste\u201c oder Letztere wenigstens am Wochenende bestimmten den Lebensrhythmus. Nichts konnte die Ruhe st\u00f6ren!<br \/>\nNichts konnte die Ruhe st\u00f6ren? Weil niemand gefragt hatte, wie viel Kredit der \u201eWohlstand\u201c verbraucht hatte, waren alle erschrocken, als es ganz pl\u00f6tzlich ans Bezahlen ging. Es war ja gar nicht sicher, ob der \u201eWohlstand\u201c die Ursache der klammen Kassen war.  Es gab ja noch bewaffnete Organe, K\u00e4mpfer an der unsichtbaren Front, Sportlerinnen und Sportler als Diplomaten im Trainingsanzug usw. Das alles brauchte auch Geld, das man nicht hatte. \u201eBorgen bringt Sorgen\u201c, wusste das Volk, und \u201eBorgen ist die Erstgeburt der Armut\u201c. Deshalb hatten Partei und Regierung die Verbindlichkeiten lieber verheimlicht und die F\u00e4lligkeiten auch. Das scherte die Kreditgeber allerdings wenig. \u201eWillst Du Dir einen zum Feinde machen, dann borge Dir Geld von ihm.\u201c Pleite oder teure Umschuldung? Das war die (\u00dcberlebens-)Frage! Alles f\u00fcr das Volk, mit dem Volk, durch das Volk, das war die L\u00f6sung. Geselligkeit konnte und wollte man nicht absagen oder gar verbieten. Wohl aber konnte man die dazugeh\u00f6rige Kulinarik schm\u00e4lern. Ohne Vorwarnung blieb das Fleisch in den L\u00e4den aus. Fleisch war das letzte verf\u00fcgbare internationale Zahlungsmittel der Republik. Die Zinsschuld konnte beglichen werden. Schmalhans blieb jedoch f\u00fcr Wochen K\u00fcchenmeister.<br \/>\nNicht jede und jeder lie\u00df sich das ganz widerstandslos gefallen. Es gab den Weg der Eingabe. An seinem Ende stand ein Stadtrat f\u00fcr Handel und Versorgung. Die SED \u00fcberlie\u00df diesen Posten in den St\u00e4dten und Kreisen meist einer Blockfreundin oder einem Blockfreund (wie in Kamenz z.B. Herrn Tillich, der an dieser Stelle schon Ministerpr\u00e4sident lernen konnte). Solchem Rat &#8211; nomen est omen &#8211; oblag die Pflicht zu Beruhigung, Erkl\u00e4rung, Ratschlag. Und siehe da, er machte seinem Posten Ehre. Warum man denn nicht auf tiefgefrorene H\u00fchner umsteige, die es nach wie vor in H\u00fclle und F\u00fclle gebe, war die Frage an den einbestellten Eingeber? In Massenst\u00e4llen gehaltene, nach dem Tode tiefgefrorene H\u00fchner und H\u00e4hnchen waren offensichtlich auf den Weltm\u00e4rkten wenig gefragt. Die Frage war rhetorisch und als Rat zum Ausweg zu verstehen. Es musste jedoch der Ratgeber dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt werden, dass sich in der N\u00e4he der Kaufhalle, die statt mit Schweinefleisch und Rindfleisch zu versorgen, die tiefgefrorenen H\u00fchner liefern sollte, zwei Wohnheime vietnamesischer und ungarischer Vertragsarbeiter befanden. Deren Einwohnerinnen und Einwohner hatten die Verwandlung des S\u00e4ugetierfleisches in Kreditraten noch gar nicht bemerkt. Sie a\u00dfen n\u00e4mlich f\u00fcr ihr Leben gern und fast ausschlie\u00dflich H\u00fchnerfleisch. Das machte selbiges in n\u00e4mlicher Kaufhalle ebenfalls zur Rarit\u00e4t. \u201eDas muss man doch wissen\u201c, seufzte der Stadtrat und schickte den Unzufriedenen nach Hause.<br \/>\nTags darauf stand der Wochenendeinkauf an. Voller Sorge, was einen wieder nicht erwarten w\u00fcrde, wurde der Weg zur Kaufhalle angetreten. Vor der stand schon die Leiterin der Einrichtung. \u201eBevor Sie heute nicht mindestens zehn tiefgefrorene Broiler gekauft haben, lasse ich Sie hier nicht raus\u201c, war die unmissverst\u00e4ndliche Bedrohung des Kunden. Der hatte aber auch Unglaubliches angerichtet. Die Tiefk\u00fchltruhen der Kaufhalle quollen \u00fcber vor tiefgefrorenen H\u00fchnerleichen. Alles drohte zu verderben. Preisnachlass als Kaufanreiz war mit den stabilen Preisen nicht zu vereinbaren. Selbst Vietnamesen und Ungarn waren nicht aufnahmef\u00e4hig genug. Der T\u00e4ter musste den Schaden begrenzen. Der bescheidene Wohlstand der DDR hatte ihm Gott sei Dank einen Tiefk\u00fchlw\u00fcrfel beschert. Da passten f\u00fcnf H\u00fchner rein und f\u00fcnf weitere mussten eben die Wochenendg\u00e4ste stopfen.<br \/>\nWie viel von den im \u00dcberma\u00df gelieferten H\u00fchnern, dann doch noch verdarben, ist nicht \u00fcberliefert. Sicher \u00fcberliefert ist allerdings, dass ein paar Jahre sp\u00e4ter auch das Fleisch von Schweinen und Rindern nicht mehr reichte, den restlichen Wohlstand und das, womit man noch so Staat zu machen versuchte, mit zu bezahlen. Aktiva in Form von Produktionsst\u00e4tten, Wissen im Volk und Immobilien standen den Schulden nat\u00fcrlich gegen\u00fcber. Verwertbar wurden sie allerdings erst, als man jene Grenze \u00f6ffnete, die das alles sch\u00fctzen sollte. Die Republik aber verschwand &#8211; oft verramscht zu Schleuderpreisen. \u201eGegessen Brot ist schwer zu verdienen.\u201c<\/p>\n<p>10.07.2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war im tiefsten Frieden irgendwann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die DDR entwickelte sich still vor sich hin. Die Welt hatte sie weitgehend anerkannt und gew\u00e4hrte ihr Kredit. Ein kleiner, immer wieder l\u00fcckenhafter, durchaus aber auch zu genie\u00dfender Wohlstand war erreicht. 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