{"id":765,"date":"2013-03-19T11:22:07","date_gmt":"2013-03-19T09:22:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=765"},"modified":"2013-03-19T11:22:07","modified_gmt":"2013-03-19T09:22:07","slug":"vom-yeti-und-der-nagelsuppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=765","title":{"rendered":"Vom Yeti und der Nagelsuppe"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland hat 357.121 km\u00b2 und knapp 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das gibt eine Bev\u00f6lkerungsdichte von 230 Menschen pro km\u00b2. Jeder Bewohner, jede Bewohnerin Deutschlands kann also statistisch etwa 4.340 m\u00b2 f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, um zu wohnen, sich zu ern\u00e4hren und sonstige Dinge, die sie oder er noch so braucht, aus dem Boden zu gewinnen. Wer freilich denkt, das m\u00fcsste doch reichen, irrt. Das Wiener \u201eSustainable Europe Research Institut\u201c hat jetzt eine andere Rechnung aufgemacht. Allein f\u00fcr das Wohnen und was damit zusammenh\u00e4ngt werden pro Kopf durchschnittlich 400 \u00b2m Boden verbraucht, und als reine Agrarfl\u00e4che sind noch einmal 6.000 \u00b2m vonn\u00f6ten. Das ist noch kein ganzer Hektar, aber doch schon mehr, als nach den obigen Zahlen zur Verf\u00fcgung steht. Und es reicht noch lange nicht. In jedem Industrieprodukt, in jeder Dienstleistung steckt Bodenverbrauch \u2013 f\u00fcr einen Laptop z. B. 10 \u00b2m, f\u00fcr ein Auto 150 \u00b2m. Wie gleicht sich dann die Differenz aus? Ganz einfach: Man bedient sich au\u00dferhalb der Grenzen des eigenen Landes. So beutet z. B. Deutschland 66 % des f\u00fcr seinen Konsum ben\u00f6tigten Landes nicht in Deutschland selbst aus, sondern anderswo, auch in Europa, vornehmlich jedoch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Die gesamte EU macht das zu 44 %. Das genannte Institut nennt den Landverbrauch \u201eLand-Fu\u00dfabdruck\u201c. Das Bild vom Fu\u00dfabdruck ist gut gew\u00e4hlt. Denn das alles ist f\u00fcr die betroffenen L\u00e4nder beileibe kein Gesch\u00e4ft. Es ist eine Last. Waldrodung, Pestizideinsatz, \u00dcberd\u00fcngung werden von Europa ausgelagert. Rohstoffgewinnung hinterl\u00e4sst irreparable Sch\u00e4den. Die Produktion von Exportware steht in den Erzeugerl\u00e4ndern in Konkurrenz zur Selbstversorgung und schm\u00e4lert diese oft bis zur Katastrophe. Der zunehmende \u201eHunger\u201c nach Land f\u00fchrt zu \u201eLandraub\u201c. Stellvertretend machen das f\u00fcr uns die gro\u00dfen Konzerne und ihre Handlanger in den betroffenen L\u00e4ndern. \u00dcber Jahrhunderte von Einheimischen nach Gewohnheitsrecht bewirtschaftetes Land wird f\u00fcr herrenlos erkl\u00e4rt und verkauft. Die Lebensgrundlage vieler Menschen ist zerst\u00f6rt. Aber es ist wie bei Yeti, dem Schneemenschen. Man findet den Fu\u00dfabdruck, die Verursacher bleiben weitgehend im Verborgenen. Und selbst wenn man eine Vorstellung von ihnen hat, selbst wenn man ihnen begegnet, man bekommt sie nicht zu fassen.<br \/>\nMir f\u00e4llt da noch ein altes norwegisches M\u00e4rchen ein: Ein junger Mann kommt auf den Marktplatz einer kleinen Stadt und beginnt eine Feuerstelle zu errichten. Dar\u00fcber h\u00e4ngt er seinen Suppenkessel. Neugierig schauen die Marktfrauen, was da so geschehen soll. Der junge Mann f\u00fcllt den Kessel mit Wasser, holt aus seiner Tasche ein kleines P\u00e4ckchen und wickelt einen Nagel heraus. Kurz l\u00e4sst er ihn in der Sonne gl\u00e4nzen und wirft ihn dann ins langsam zu kochen beginnende Wasser. \u201eEs wird eine feine Nagelsuppe\u201c, erkl\u00e4rt er den etwas ratlos Herumstehenden. Ja, nur der Nagel w\u00e4re die Grundlage der Suppe. Ein M\u00f6hrchen dazu k\u00f6nnte zwar nicht schaden, w\u00e4re aber nicht wirklich n\u00f6tig. Sellerie w\u00fcrde den Geschmack sicher ein wenig verbessern, aber sein muss es nicht. \u00c4hnlich w\u00e4re es mit Petersilie und anderem Gem\u00fcse. Alles verfeinerte zwar das Ergebnis, wirklich brauchen w\u00fcrde man es aber nicht. Immer noch von der Neugier getrieben, versorgten die Frauen den Mann mit den angesprochenen \u201eUnn\u00f6tigkeiten\u201c. Die Suppe war schlie\u00dflich fertig. Jede und jeder durfte ein wenig probieren. Das Staunen \u00fcber die K\u00f6stlichkeit, aus einem einfachen Nagel geschaffen, nahm kein Ende. Den Hauptanteil jedoch verleibte der junge Mann sich selbst ein. Sein Hunger war gestillt. Fertig geworden, wusch er den Kessel sorgf\u00e4ltig aus, wischte den Nagel ab und packte ihn wieder ins Papier.<br \/>\nErz\u00e4hlt man die Geschichte, wird meist die Schlauheit des J\u00fcnglings bewundert und die Einfalt der Marktfrauen verlacht. Der Betrug erscheint als verdienter Erfolg auf dem Markt. So \u00e4hnlich verhalten sich wohl Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er bis heute. Ohne die \u00fcbervorteilten Lieferantinnen und Lieferanten aus anderen Erdteilen h\u00e4tten wir jedoch pl\u00f6tzlich nur den Nagel, um daraus eine schmackhafte Suppe zu kochen.<\/p>\n<p>(Geschrieben am 16.03.2013 f\u00fcr &#8222;links&#8220;, April 2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland hat 357.121 km\u00b2 und knapp 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das gibt eine Bev\u00f6lkerungsdichte von 230 Menschen pro km\u00b2. 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